Timbuktu

De France 1.2. 2015

France / Mauretania 2014
Regie: Abderrahmane Sissako

Von der Handlung wusste ich vorher nur, dass sie die Eroberung Timbuktus durch Islamisten thematisiert. Bis die Franzosen sie vertrieben, konnten sie dort 2012 neun Monate lang ihre idiotische Ideologie den weltoffenen Bewohnern aufdrängen. Ich erwartete also einen actionreichen antiislamistischen Propagandafilm.

In diese Falle tappt Abderrahmane Sissako allerdings nicht! Er erzählt einen ruhigen, langsamen Film und führt die Islamisten differenziert vor: Neben ihrer atavistischen Grausamkeit, kommt ihre komische Kläglichkeit nicht zu kurz. Alleine das wiederholte Hantieren mit Handys zeigt die Abstrusität ihrer Ideologie. Ihre Opfer werden mit großer Würde dargestellt, nicht zuletzt dank vieler intelligenter Dialoge. Uneingeschränkt sehenswert!

Kleptokrat Putin

Eines der erstaunlichsten Phänomene unserer Zeit ist, dass Putin in unterschiedlichen Kreisen als großes Vorbild verehrt wird. Dabei liegen die Fakten über seinen Werdegang seit langem auf dem Tisch: Er und seine Clique waren und sind ausgesprochen begabte Staatsdiebe. Eine hervorragende Zusammenfassung darüber, wie sich Putin gemeinsam mit der russischen Mafia den Staat unter den Nagel riss und gleichzeitig reich wurde, kann man im neuen Buch der Politikwissenschaftlerin Karen Dawisha nachlesen: Putin’s Kleptocracy: Who Owns Russia?.

Anne Applebaum bespricht es ausführlich für die The New York Review of Books unter dem adäquaten Titel How He and His Cronies Stole Russia:

He also carried off an extraordinary public relations coup, and one with far-reaching significance: for four years, between 2008 and 2012, Putin put a seemingly pro-Western, apparently business-friendly, decoy president in charge of the Kremlin. The reassuring presence of Dmitry Medvedev not only inspired Barack Obama and Hillary Clinton’s “reset” in American foreign policy, but lulled almost everyone in Europe into accepting a gangster state as a difficult but legitimate partner. During the four years of the Medvedev presidency NATO’s military readiness declined further, Western financial institutions became more dependent on Russian money, and Western politicians turned their attention to other matters.

Yet during this same period, as during his own presidency, Putin never abandoned the mafia methods Dawisha has so painstakingly described. Instead, he reshaped Russia’s political system in order to ensure that they could continue. Though Dawisha argues that Putin always intended to recreate an authoritarian, expansionist Russia, one could also argue that an authoritarian, expansionist Russia was the inevitable result of Putin’s need to protect himself, his cronies, and their money.

Either way, no one now doubts that, despite the talk of “reform,” he made no attempt to encourage truly entrepreneurial capitalism inside Russia or to create a legal system that would allow small businesses to grow. Courts became increasingly politicized and markets ever more distorted. Oligarchs and businessmen at all levels who did not play by his rules were destroyed.

Wege der Moderne

MAK 28.1. 2015

Ein anspruchsvolles Thema setzten sich die Ausstellungsmacher: Josef Hoffmann, Adolf Loos und die Folgen. Anspruchsvoll, weil das konzeptuelle Anliegen der Schau sehr abstrakt ist: Der unterschiedliche Zugang zur Moderne von Hoffmann und Loos soll veranschaulicht werden, inklusive der kulturgeschichtlichen Einordnung und der Rezeptionsgeschichte. Das gelingt nicht schlecht, es wird aber viel intellektuelle Mitarbeit des Besuchers erwartet. Es finden sich zwar immer wieder Erklärungen und Auszüge aus Texten der Betroffenen, man hätte es didaktisch aber durchaus noch besser aufbereiten können. (Innen-)Architektur eignete sich gut für digitale Veranschaulichungen, die komplett fehlen.

Ausgeglichen wird das durch das gute Konzept und die sehr vielen spannenden Exponate. Man erfährt nicht nur viel über die Ästhetik der ersten massenproduzierten Konsumgüter, sondern erhält auch einen guten Einblick über die stadtprägende Arbeit des Otto Wagner. Höhepunkt ist dann die direkte Gegenüberstellung der Werke von Loos und Hoffmann. Möbel, Gebäudemodelle und selbst nachgebaute Zimmer der beiden sind zu besichtigen.
(Bis 19.4.)

Henry Kamm: Dragon Ascending. Vietnam and the Vietnamese

Knapp dreißig Jahre berichtete Henry Kamm für die New York Times aus und über Südostasien. Seine Erkenntnisse über Vietnam hat er in dieses Buch gepackt. Ich zweifelte kurz, ob ein Buch aus dem Jahre 1996 aktuell genug für meine Reisevorbereitung sei, entscheid mich dann aber nach nur wenigen Seiten schnell für dessen Lektüre. Die einzelnen Kapitel sind sehr abwechslungsreich: Das Spektrum reicht von journalistischen Porträts Intellektueller über historische Kapitel bis hin zu politischen und wirtschaftlichen Analysen.

Als ich damit begann, mich auf meine Vietnam Studienreise vorzubereiten, wusste ich am meisten über den Vietnamkrieg. Die französische Kolonialgeschichte davor und die Nachkriegszeit kannte ich nur rudimentär. Immer wenn man in die Kolonialzeit hinein zoomt, ist das Ergebnis erschreckend. Ein gutes Beispiel für die französische Mentalität damals bezüglich der Vietnamesen gibt dieses Zitat aus der Zeitung Le Temps:

Profoundly egoistical and cowardly, this vicious and degraded race will not get used to our domination until we hold it on our leash. To apply French laws to a people that has always marched under the cane, to address it with proclamations while it never received anything but orders, is to make a mockery of our system and to destroy our influence.
[S. 94]

Kamm beschreibt ausführlich die Ereignisse und die Schwierigkeiten nach dem Abzug der Amerikaner als der kommunistische Norden den Süden Vietnams übernimmt: Es prallen unterschiedliche Kulturen, Wirtschaftssysteme und Mentalitäten aufeinander. Ich bin gespannt, ob sich dieses Nord-Süd-Gefälle während meiner Reise immer noch bemerkbar machen wird.

Henry Kamm: Dragon Ascending. Vietnam and the Vietnamese (Arcade Publishing)

Wild Tales

Filmcasino 27.1. 2015

Argentinien / Spanien 2014

Regie: Damián Szifrón

Der Episodenfilm erzählt sechs starke Geschichten, die ausschließlich durch ihr Thema zusammenhängen: Rache und Gewalt. Im Hintergrund schwingt das revolutionäre Potenzial des Mittelstands in der Krise mit. So will sich ein Sprengstoffingenieur nicht länger abzocken lassen und setzt seine explosiven Kenntnisse entsprechend ein. Eine andere Episode zielt auf das archaische Gewaltritual unter Männern ab und zeigt hübsch die Zerfleischung zweier Autofahrer.
Wer Makabres schätzt, wird bei Wild Tales voll auf seine Kosten kommen.

In Vietnam und Kambodscha unterwegs

Ich bin die nächsten zweieinhalb Wochen auf einer Studienreise durch Vietnam und Kambodscha unterwegs:

Vietnam-Kambodscha

Fotos werde ich unterwegs in ein öffentliches Facebook-Album stellen.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Peter Weibel: Media Rebel

21er Haus Wien 4.1. 2015

Peter Weibel ist einer der vielseitigsten und intelligentesten Künstler Österreichs. Nicht nur, weil seine Werke meist kreativ mit Sprache und Erkenntnis spielen, sondern auch wegen seiner Experimente mit unterschiedlichen Kunstformen. Inzwischen ist er so etabliert, dass man gerne vergisst, dass seine Kunst bis in die siebziger Jahre hinein ignoriert wurde. Er spielte auch eine Rolle bei den Studentenprotesten Ende der Sechziger in Wien und beim Wiener Aktionismus.

Im 21er Haus ist jetzt eine umfangreiche Werkschau zu sehen. Viele ältere Arbeiten wurden nachgestellt. Es sind aber auch neue Arbeiten dabei. Am ästhetisch spannendsten ist die Medienkunst. Nicht wegen der hohen Qualität der Arbeit, sondern weil sich hier kunstphilosophische Grundsatzfragen stellen: Sind die Werke als type an die ursprüngliche Technik gebunden? Die alten Tonbandgeräte, VHS Kameras usw. funktionieren jetzt oft schon nur noch unter Protest oder gar nicht mehr. Was, wenn man so eine Installation mit Röhrenfernseher aus den Siebzigern auf einen modernen Flachbildschirm transferiert? Wäre das eine legitime Interpretation oder ein werkzerstörender Eingriff in ein Kunstwerk?

(Bis 18.1.)

Gelesen im November und Dezember

Henri de Toulouse-Lautrec & Lust am Schrecken

Kunstforum Wien 3.1. 2015

Das Kunstforum zeigt die Werke des Franzosen ohne viel kuratorischen Firlefanz in chronologischer Reihenfolge. Obwohl es immer wieder schön ist, alte Museumsbekannte wieder zu sehen, finde ich mangels bisheriger Begegnung vor allem das Früh- und Spätwerk interessant. Zu Beginn gibt es etwa diverse Naturmotive zu bestaunen, am Ende den kurz vor seinem Tod entstandenen Zirkuszyklus. Im Zentrum stehen natürlich jene Darstellungen der Halbwelt des Montmartre für die Toulouse-Lautrec zu Recht schnell berüchtigt wurde. War er doch einer der ersten, welche sich ein naturalistisches Milieu als Motivgeber auserkor. Berühmt in Paris wurde er allerdings durch seine Plakatkunst, von der in Wien auch viele Beispiele gezeigt werden.
(Bis 25.1.)

Gemäldegalerie der Akademie der bildenen Künste Wien 3.1. 2005

Die Gemäldegalerie ist für Wiener Verhältnisse ja ziemlich unbekannt, obwohl sie einige herausragende Bilder im Bestand hat. Darunter das Weltgerichts-Tryptichon des Hieronymus Bosch. Um dieses herum wurde nun diese kleine, aber feine Schau mit dem Untertitel Ausdrucksformen des Grauens entwickelt. Passend eingeleitet durch einen Abguss der berühmten Laokoon-Gruppe zeigt sie überwiegend Grausamkeitsdarstellungen anhand religiöser und mythologischer Motive. Die Popularität der IS-Köpfungsvideos lässt einen ja schnell vergessen, wie gerne auch im Alten Testament geköpft wird und wie realitätsnah das in der bildenden Kunst oft dargestellt wurde.
Um ebenfalls den Aspekt des Erhabenen abzudecken finden sich Bilder über Naturkatastrophen (Vulkanausbrüche, Unwetter auf dem Meer…).
(Bis 15.3.)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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