Mark Twain: The Innocents Abroad

1867 brach Mark Twain zu einer großen Europa- und Orientreise auf. Diese von ihm so genannte „Great Pleasure Excursion“ auf dem Schiff Quaker City hatte auch viele Pilger an Bord, deren wichtigsten Ziel Israel war. Das Arrangement erinnert durchaus an organisierte Studienreise dieser Tage, wenn man einmal von der mehrmonatigen Dauer des Projekts absieht. Es war freilich keine Kreuzfahrt: Die Teilnehmer verließen oft für Wochen das Schiff, um durch die besuchten Länder zu reisen.

Twain schickte von der Reise regelmäßig Beiträge an Zeitungen und brachte schließlich 1869 seine Reiseerlebnisse als Buch heraus: The Innocents Abroad. Ein beachtlicher Wälzer von 700 Seiten und Zeit seines Lebens sein bestverkauftes Buch.

Heute gelesen, begibt man sich auf eine Achterbahn: Twain ist ein Reisender des 19. Jahrhunderts und ihm fehlen zwei grundsätzliche Eigenschaften für einen modernen Reisenden: Toleranz und Verständnis. In Kombination mit seiner frechen Schnauze ergibt das immer wieder ausgesprochen boshafte bis beleidigende Beschreibungen. Wenn er Dreck, Unbildung und Aufdringlichkeit erlebt, platzt ihm schnell der Kragen. Er ist ebenfalls schnell bei der Hand mit Pauschalisierungen. So schreibt er über den osmanischen Sultan, den Twain in Paris sieht als dieser Napoleon III. besucht:

Abdul-Aziz, the representative of a people by nature and training filthy, brutish, ignorant, unprogressive, superstitious – and a government whose Three Graces are Tyranny, Rapacity, Blood. Here in brillant Paris, under this majestic Arch of Triumph, the First Century greets the Nineteenth!

Rags, wrechtedness, poverty and dirt, those symbols that indicate the presence of Moslem rule more surely than the crescent-flag, itself, abound.

Wobei man gleich einschränkend dazu sagen muss, dass er mit Italienern oder Griechen nicht viel zimperlicher umgeht. Eine der Lektürefrüchte ist also, dass man die Welt mit dem Augen eines ebenso eloquenten wie arroganten Amerikaners aus dem 19. Jahrhundert bereist: Eine Lektion in angewandtem Imperialismus. Twain formuliert brillant und selbst seine polemischsten Ungerechtigkeiten lesen sich amüsant. Der tiefere Grund für Twains Unverständnis scheint mir in seiner mangelnden Ursachenforschung zu liegen. Zwar macht er etwa die türkische Regierung für die miesen Zustände in Syrien und Israel verantwortlich, trotzdem gibt er vor allem den Einzelnen die Schuld. Wenn jemand arm, schmutzig und aufdringlich ist, sieht er darin vor allem die Folgen eines schlechten Charakters.

Um das Thema Unverständnis abzuschließen: Twains Ignoranz erstreckt sich auch auf das Gebiet der Kunst. Er bereist Italien, ohne auch nur einen Hauch von Kunstverständnis mitzubringen. Das garantiert natürlich Komik, weil Twain aus diesem Mangel keinen Hehl macht und sich gleichzeitig über jene Touristen lustig, die Verständnis heucheln, indem sie Phrasen aus Reiseführern nachplappern.

Damit ist man bei einem der besten Aspekte des Buches angelangt: Bei Twains Skeptizismus. Er vergleicht seine Eindrücke und Erlebnisse mit den damals populären Orientreisebüchern und stellt fest: Die Wirklichkeit ist völlig anders als darin beschrieben. Während zeitgenössische Reiseautoren von der Romantik, den Abenteuern und der grandiosen Landschaft schwärmen, schimpft er über Dreck, Unbequemlichkeiten und die Hässlichkeit der Szenerie:

Of all the lands there are for dismal scenery I think Palestine must be the prince. The hills are barren they are dull of color they are unpicturesque in shape. The valleys are unsightly deserts fringed with a feeble vegetation that has an expression about it of being sorrowful and despondent. The Dead Sea and the Sea of Galilee sleep in the midst of a vast stretch of hill and plain wherein the eye rests upon no pleasant tint no striking object no soft picture dreaming in a purple haze or mottled with the shadows of the clouds. Every outline is harsh every feature is distinct there is no perspective distance works no enchantment here. It is a hopeless dreary heart broken land.

Zu Hochform läuft Twain ebenfalls auf, wenn es um Religion geht. Als kritischer Kopf macht er sich selbstverständlich über die kirchliche Reliquienwirtschaft in Europa ebenso lustig, wie über die vielen „wahren“ Geschichten im Heiligen Land. Seine Ironie ist in diesen Passagen grandios, etwa wenn er über das legendäre Schweißtuch der heiligen Veronika meint:

The strangest thing about the incident that has made her name so famous is that when she wiped the perspiration away the print of the Saviour’s face remained upon the handkerchief a perfect portrait and so remains unto this day. We knew this because we saw this handkerchief in a Cathedral in Paris in another in Spain and in two others in Italy. In the Milan cathedral it costs five francs to see it and at St Peter’s at Rome it is almost impossible to see it at any price. No tradition is so amply verified as this of St Veronica and her handkerchief.

Immer wieder gibt es brillante Geistesblitze. Als ein mitreisender Arzt im Orient plötzlich zu heilen anfängt, löst dies einen enormen Zulauf bei den Einheimischen aus. Der Arzt kann sich vor Andrang nicht retten. Twain sieht sofort den historischen Kontext:

Christ knew how to preach to these simple, superstitious, disease-tortured creatures: He healed the sick. They flocked to our poor human doctor this morning when the fame of what he had done to the sick child went abroad in the land, and they worshiped him with their eyes…

Schließlich finden sich in The Innocents Abroad immer wieder literarische Kleinode eingestreut. Im Rom-Kapitel beispielsweise beschreibt Twain einen Gladiatorenkampf hochkomisch im Stile einer New Yorker Theaterrezension. Trotz der Komik geht nichts von der Barbarei verloren. Ein kleiner Ausschnitt:

The opening scene last night the broadsword combat between two young amateurs and a famous Parthian gladiator who was sent here a prisoner was very fine. The elder of the two young gentlemen handled his weapon with a grace that marked the possession of extraordinary talent.
[…]
However he was killed. His sisters who were present expressed considerable regret. His mother left the Coliseum. The other youth maintained the contest with such spirit as to call forth enthusiastic bursts of applause. When at last he fell a corpse his aged mother ran screaming with hair disheveled and tears streaming from her eyes and swooned away just as her hands were clutching at the railings of the arena. She was promptly removed by the police. Under the circumstances the woman’s conduct was pardonable perhaps but we suggest that such exhibitions interfere with the decorum which should be preserved during the performances and are highly improper in the presence of the Emperor.

Ein vielschichtiges, problematisches, amüsantes Buch. Wer, wie ich, die meisten beschriebenen Orte selbst bereist hat, liest Twains Beschreibungen natürlich noch einmal mit anderen Augen.

Mark Twain: The Innocents Abroad (Dover)

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