Joseph Roth: Rechts und Links
Dieser Roman aus dem Jahr 1929 zeigt viele der literarischen Qualitäten des Joseph Roth: Seine unnachahmliche Formulierungskunst, seinen scharfen Blick auf Menschen aller Schichten sowie seine Zeitdiagnosen, die sich aus heutiger Sicht oft wie Prognosen lesen.
Roth öffnet dieses Zeitpanorama am Beispiel der Bankiersfamilie Bernheim, deren verwöhnter Spross Paul im Mittelpunkt der Handlung steht. Als Jugendlicher gibt dieser einen glänzenden Vertreter des Schnöseltums ab, bis der erste Weltkrieg “korrigierend” eingreift. Nach dem Krieg und dem Tod des Vaters droht der finanzielle Ruin, vor dem ihn schließlich eine glänzende Heirat mit der Nichte eines reichen Chemieindustriellen rettet. Paul Bernheim verdankt diesen Hochzeitscoup nicht zuletzt einem undurchsichtigen Flüchtling aus Russland, der sich aufgrund seines Geschickes schnell zu einem reichen Magnaten mausert. Auch in der Weimarer Republik gab es also bereits Neureiche aus dem Osten mit zweifelhafter Reputation.
Paul Bernheim ist weltanschaulich eine Fahne im Wind. Während des Kriegs etwa versucht er, sich einige Zeit als pazifistischer Agitator, was aber nur kurz andauert. Sein Bruder Theodor rutscht ins illegale Nazimilieu ab und muss bis zu einer Amnestie in Ungarn untertauchen. An diesem hier nur angedeuteten Handlungsgerüst entlang, entwickelt Joseph Roth einen furiosen Zeitroman. Die Komposition ist überzeugender (weil konziser) als in einigen seiner anderen Bücher. Mit einer Ausnahme: Der Schluss kommt zu abrupt und wirkt auf den Leser etwas aufgesetzt.
Wie wird ein Klassiker ein Klassiker?
Mit dieser Frage beschäftigt sich Prof. Georg Franck in der Neuen Zürcher Zeitung in seinem Essay Über Thomas Bernhard schimpft man nicht mehr. Seine Erklärung ist eine primär ökonomische. Das ist zwar ein wichtiger Aspekt, vernachlässigt aber ästhetische Fragen zu sehr:
Klassiker wird man nicht, indem man Aufnahme in ein Archiv findet (und womöglich dort verschwindet), sondern dadurch, dass man sich auf dem Markt der Beachtlichkeit hält. Klassiker sind Werke, die, obschon gealtert, immer noch Aufmerksamkeit verdienen. Das Werk muss immer noch ausgestellt und immer noch einmal besprochen werden, immer noch besucht und noch einmal untersucht, weiterhin publizistisch präsent sein und schliesslich Eingang in Geschichtsbücher, Nachschlagewerke und Lehrbücher finden. Als Klassiker muss man, anders gesagt, im Diskurs präsent bleiben, obwohl die aktuelle Entwicklung über einen hinweggegangen und die Mode weitergezogen ist. Ob man das schafft, hängt von dem Einkommen an Aufmerksamkeit ab, das der Markt als Preis für die Attraktionsleistung ermittelt. Auf diesem Markt kommen, wie auf allen Märkten, Machenschaften und falsches Spiel vor. Man braucht aber nach keinen Verschwörungstheorien zu greifen, um zu erklären, wie die Auswahl der Klassiker zustande kommt. Es reicht, auf die Dynamik des Markts beziehungsweise darauf zu achten, wie sich die Preisbildung selbst organisiert.
Tolstoi: Krieg und Frieden
Kasino des Burgtheaters 10.1./8.12.
Regie: Matthias Hartmann
mit
Elisabeth Augustin
Stefanie Dvorak
Sabine Haupt
Yohanna Schwertfeger
Mareike Sedl
und
Franz Csencsits
Sven Dolinski
Ignaz Kirchner
Peter Knaack
Fabian Krüger
Oliver Masucci
Rudolf Melichar
Udo Samel
Moritz Vierboom
[8.12.] Nach der im letzten Januar gesehen “Generalprobe” nun also die “Premiere”. Die Unterschiede halten sich in Grenzen. Einiges wird etwas mehr herausgearbeitet, anderes zurückgenommen. Die multimediale Inszenierung wirkt noch professioneller. Auch beim zweiten Mal bestätigte sich mein Eindruck: Es war einer meiner besten Theaterabende überhaupt.
[10.1.] Während an manchen Bühnen schnell zusammeninszenierte Stücke pompös Premiere feiern, reagiert bei diesem gelungenen Theaterprojekt das Understatement: Es wird als öffentliche Probe verkauft. Dabei sind die fünf Stunden des Abends so penibel vorbereitet wie ein Diner für die beste Gesellschaft St. Petersburgs.
Wie kann man eine so “verrückte Idee” haben, einen etwa 1600seitigen Roman auf die Bühne zu bringen? mag sich mancher fragen. Gibt es nicht schon genügend schlechte Verfilmungen? Matthias Hartmann versucht das anscheinend Unmögliche, und das Publikum ließ sich fünf Stunden lang in den Bann ziehen. Selbstverständlich kann man in dieser Zeit nur einen kleinen Teil des Romans veranschaulichen, aber die Auswahl der Kapitel ist so geschickt und die Darstellung der Romanfiguren so überzeugend, dass man tatsächlich einen hervorragenden Eindruck von Tolstois Monumentalwerk erhält.
Die Inszenierung ist irgendwo zwischen einer szenischen Lesung und einer Dramatisierung des Textes angesiedelt. Alle wichtigen Figuren werden durch Schauspieler verkörpert, wobei einige mehrere Figuren spielen. Die schauspielerische Leistung war exzellent. Teilweise werden Szenen gespielt, aber oft sprechen die Figuren schlicht Tolstois Beschreibungen. D.h. sie berichten in der dritten Person von sich. Was künstlich klingt, funktioniert auf der Bühne hervorragend. Das Bühnenbild besteht aus einem langen Tisch (zusammengestellt aus vielen kleinen Tischen) und jeder Menge Stühle, die auf verblüffende Art und Weise als Requisiten eingesetzt werden. Multimediale Technik und Livemusik kommen ebenfalls zum Einsatz. Zur Orientierung wird die Seitenzahl auf die Wand geworfen, so dass man immer weiß, wo die eben gezeigten Szenen im Roman angesiedelt sind.
Tolstois fesselnde Erzählkunst wird damit so kreativ in einen Theaterraum transferiert, dass ich gerne noch viel Weltliteratur in dieser Form sehen würde. Ein aufwändiges, originelles, berührendes, witziges, kurzweiliges Theaterprojekt. Unbedingt ansehen.
Thornton Wilder: The Bridge of San Luis Rey
Es gibt nur wenige Klassiker, die in Peru spielen. Einer davon ist Wilders The Bridge of San Luis Rey (1927). Die erste Hälfte des Romans las ich in Peru, die zweite Hälfte dann nach meiner Rückkehr.
Der Text ist für einen historischen Roman sehr kurz. Das Thema ist ein Weltanschauliches, nämlich ein religiöses Experiment. Die Brücke von San Luis Rey, gelegen zwischen Lima und Cusco, stürzte 1714 ein. Fünf Menschen hatten nicht nur das Pech, zum Zeitpunkt des Unglücks auf der Brücke zu sein, sie wurden bei ihrem Missgeschick auch noch vom Franziskanermönch Juniper beobachtet. Bruder Juniper ist von einem Ziel besessen, nämlich die Theologie als exakte Wissenschaft zu etablieren. Er ergreift die sich ihm nun bietende Gelegenheit beim Schopf, und will durch die Analyse dieser fünf Biographien ein Begründung dafür finden, warum ausgerechnet sie zu diesem Zeitpunkt ums Leben kamen.
In fünf Teilen erzählt Wilder nun die Lebensgeschichten der Opfer, die alle auf ihre Art außergewöhnlich sind. Die fünf Unglücksraben standen tatsächlich jeweils an der Schwelle eines neuen Lebensabschnitts. Als Leser erschließt sich einem allerdings kein plausibler Grund für ihren Tod. Die Kirchenobrigkeit sah das anders: Bruder Juniper wird wegen Ketzerei zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.
Das ist literarisch alles exzellent ausgeführt. Die Verknüpfungen zwischen den Geschichten sind subtil, aber an vielen Stellen vorhanden. Sprachlich ist es ein Lesevergnügen. Trotzdem hält sich meine Begeisterung für das Buch in Grenzen. Wenn man bedenkt, was in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (und davor) noch alles geschrieben wurde, haftet der Bridge of San Luis Rey etwas Anachronistisches an.
Thornton Wilder: The Bridge of San Luis Rey. (Penguin)
Arthur Schnitzler historisch-kritisch
Eine historisch-kritische Ausgabe ist eine Art Aufnahme in den Autoren-Adelsstand durch die Germanistik. Für die Forschung sind die Apparate dieser Editionen nach wie vor sehr wichtig. Nun gelangt also Arthur Schnitzler in diesen Editionshimmel. Der erste Band ist Lieutenant Gustl. Eine Besprechung liefert die NZZ.
Joseph Roth über Europa (1930)
Sie haben Recht, Europa begeht Selbstmord, und die langsame grausame Art dieses Selbstmords kommt daher, daß es eine Leiche ist, die Selbstmord begeht. Dieser Untergang hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit einer Psychose. So sieht der Selbstmord eines Psychotischen aus. Der Teufel regiert wirklich die Welt.
[Joseph Roth an Stefan Zweig am 23.10. 1930]
Dante: Die Göttliche Komödie
Diese Notizen schrieb ich Ende 2004 / Anfang 2005 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.
Hölle
Als Leseausgabe verwende ich die schöne bibliophile Ausgabe von Faber & Faber. Drei schön gestaltete, großformatige Bände mit Illustrationen Monika Beisners. Die Übersetzung Karl Vosslers ist ausgezeichnet lesbar. Anmerkungen und Erläuterungen sind hilfreich am Rande des Lesetextes untergebracht. Kurz: eine der beeindrucksten Klassikereditionen der letzten Jahre.
Sich Dantes Welt zu nähern bedarf einer gewissen Umsicht. Einige antike Autoren (Vergil, Ovid) sollte man präsent haben, die Bibel ebenso. Mit dem Mittelalter auf guten Fuß zu stehen, schadet naturgemäß nichts, wobei hier Schwerpunkte auf Theologie und die Geschichte Italiens (Florenz!) zu empfehlen wären. Eine Menge an Voraussetzungen sollte man also mit auf die Lesereise nehmen, wenn man sich einem der Höhepunkte der Weltliteratur nähert.
Wie sehr die “Göttliche Komödie” aus dem zeitgenössischen Schrifttum herausragt, zeigt ein Blick auf die mittelhochdeutsche Literatur. Wie im 18. Jahrhundert als vor allem die englischen Autoren in Sachen Roman ihren deutschen Kollegen weit voraus waren, können die deutschen Texte des Mittelalters – trotz aller Vorzüge – ästhetisch und intellektuell an Dantes Werk nicht heranreichen, vielleicht mit Ausnahme der kritischen Brillanz des Gottfried von Straßburg.
Dantes Meisterschaft setzt sich aus vielen Leistungen zusammen, wovon die Etablierung einer neuen Literatursprache selbstverständlich nicht die geringste ist. Hervorzuheben ist auch die Synthese höchst unterschiedlicher Bereiche in ein Sprachkunstwerk. Dies läßt sich an der “Hölle” gut demonstrieren. Dantes Hölle wird von zwei unterschiedlichen Quellen gespeist. Die drastische Darstellung der Höllenqualen, denen die Göttliche Komödie einen großen Teil ihrer “Popularität” verdankt, speist sich aus volkstümlichen Höllenvorstellungen. Diese Volkshölle entstand in der Spätantike wie man in diversen apokryphen Schriften nachlesen kann (Apokalypsen des Petrus’ und Paulus’ beispielsweise), und die bis ins Hochmittelalter größte Popularität erreichte. Die zweite Quelle war theologischer Art. Seit den Kirchenvätern gab es zahlreiche Höllensystematisierungsversuche. Denn auch wenn die Höllenqualen an sich die intellektuellen Propagandisten der Nächstenliebe nur in den seltensten Fällen störte, sollte die Folter doch wenigstens in einem elegantem theologischen System gründen.
Dante spannte nun diese beiden Welten zusammen, indem er den Höllensadismus der religiösen Volkskultur literarisch brillant verarbeitete, diese Hölle aber mit der bekannten systematischen Geographie versah, die sich aus theologischen Quellen speiste.
Agiert der Autor hier “mittelalterlich” im besten Sinn, finden sich auch Aspekte, die auf die Renaissance vorausweisen. Die Respektlosigkeit, mit welcher der Autor die zeitgeschichtliche Prominenz (Päpste, Kaiser, Honoratioren aller Sparten) in die Hölle versetzt, ist von erfrischender Frechheit. Der die Höllenkreise hinabsteigende Dante (als literarische Figur!) ist viel näher am Renaissancemenschen als an den typologisierten Heldenfiguren, die sonst in der Literatur des Mittelalters ihr heroisches Unwesen treiben.
Es braucht viel Zeit, sich auf Dantes Werk und Welt einzulassen. Was aber könnte man mit seiner Zeit Bessereres anfangen? :-)
Fegefeuer
In vieler Hinsicht setzt das Purgatorio die Hölle fort: Während die Höllenkreise trichterförmig ins Erdinnere verlaufen, sind die sieben Kreise des Fegefeuers spiegelbildlich auf einem Berg angeordnet. Das eigentliche Purgatorio beginnt bei der Hälfte des Berges, den der Held immer noch in Begleitung Vergils besteigt. In der unteren Hälfte befindet sich das Antipurgatorio, in dem Sünder, die aus diversen Gründen zu spät bereuten, auf den Einlass ins Fegefeuer warten.
Die Läuterung der Sünder erinnert ebenfalls an die Hölle. Zugegeben, die Strafen sind cum grano salis weniger brutal. Dazu kommt eine – in der ewigen Verdammnis unnötige – didaktische Komponente: Den Büßenden werden Beispiele tugendhaften Verhaltens vor Augen geführt, passend zur eigenen Lasterkategorie versteht sich. Die Stolzen etwa dürfen sich an Marmorbildern (die bildende Kunst hält Einzug!) ergötzen, die Szenen der Demut zeigen. Die Zornigen werden mit Sanftmutsvisionen geplagt …
In den sieben Kreise des Purgatorio trifft unser metaphysischer Bergsteiger auf die Stolzen, die Neider, die Zornigen, die Trägen, die Geizhälse und Verschwender, die Schlemmer und schließlich die Wollüstigen.
Die letzten Gesänge des Fegefeuers spielen bereits im irdischen Paradies und die lang ersehnte Beatrice hat ihren Auftritt. Der Abstraktionsgrad des Textes nimmt signifikant zu. Theologische Themen und Allegorien treten in den Vordergrund und kündigen bereits den dritten Teil der Commedia inhaltlich an. Ohne Thomas von Aquin bei der Hand zu haben, dürfte sich die Ergiebigkeit der Lektüre in Grenzen halten.
Paradies
Schon am Ende des Purgatorio zeigte sich ein zunehmender Abstraktionsgrad. Die Gesänge des Paradieses sind durchsetzt mit theologischen Erörterungen. Angesichts der zahlreichen Kirchenväter, Heiligen, Kreuzritter und biblischen Gestalten kann das nicht weiter überraschen: Worüber sonst sollten sie reden?
Das künstlerische Wagnis, welches Dante mit diesem Teil eingeht, beschäftigt ihn an verschiedenen Stellen. So klagt er immer wieder über die mangelnde Fähigkeit, das Erfahrene in passende Worte zu kleiden. Seltsam mutet in diesem Zusammenhang das Anrufen antiker Götter (!) an, die ihm literarisch im christlichen Paradies beistehen sollen:
O mein Apoll, zum letzten Meisterstück
schenk mir von deiner Kraft so viel, daß ich
bei dir des Lorbeerpreises würdig werde.
[1. Gesang]
Lorbeer ist ein wichtiges Stichwort, Dante verspricht sich nämlich eine politische Wirkung seines Meisterwerks: die Rückkehr nach Florenz:
und will als Dichter dort den Kranz empfangen
[25. Gesang]
Überblickt man die Gesamtkonstruktion der Commedia, ist die Hypothese naheliegend, dass Dante die “Abgehobenheit” des letzten Teil als ästehtisches Mittel benutzte, um die geistige Entfernung des Irdischen vom Göttlichen auszudrücken.
Diese Entfernung hinderte ihn aber nicht daran, saftige Moralpredigen einzubauen:
Unsinnige Verstrickung irdischer Sorgen,
wie mangelhaft eure Gedankenkünste,
daß ihr die Flügel kaum vom Boden hebt!
In Rechtsgeschäfte, in Gesundheitslehre,
in Pfründenwesen, in Regierungsssachen
verfangen mit Gewalt und Klügelei [...]
[11. Gesang]
Neben dem allgemeinen Publikum kommen vor allem korrupte Kleriker zum Handkuss. Die Gründer der großen Ordnen klagen über die Dekadenz. Als Beispiel Benedikt:
Die Mauern, die ein Kloster waren, sind
nun Diebeshöhlen, und die Kutte ist
ein voller Sack mit faulem Mehl geworden.
[22. Gesang]
Petrus empört sich über seine päpstlichen Nachfolger:
die Stätte meines Grabs hat er entweiht
zu einem Pfuhl des Blutes und Gestankes
dem Abgefallenen zum Trost dort unten.
[27. Gesang]
Für den heutigen Leser bildet diese Kirchenkritik einen wichtigen Gegenpol zur allgemeinen Christentumsvergötterung Dantes. Zumal die Kritik so scharf ist, dass sie an Luther erinnert. Sogar der Ablasshandel kommt explizit zur Sprache.
Dante streut immer wieder autobiographische Bezüge ein, so sein berühmte Klage über das Exil:
Wirst alles Liebe, wirst dein Teuerstes
verlassen müssen: dieses ist die erste
von der Verbannung dir geschlagne Wunde;
und wirst erfahren, wie das Brot der Fremde
so salzig schmeckt, und wie die fremden Treppen
hinab hinan ein hartes Steigen ist.
[17. Gesang]
Die Geographie des Himmels orientiert sich an den damals bekannten “Sternen” (Planeten). Die Bewohner sind Lichtgestalten und die Licht- und Feuermetaphorik dient Dante als wichtigstes Mittel zur Beschreibung des Paradieses und dessen Bewohner. Manchmal bilden die Lichter Symbole nach (einen Adler und eine Leiter beispielsweise). Göttliche Neonreklame.
Was den theologischen Gehalt angeht, orientiert sich Dante weitgehend an der klassischen Scholastik. Leider erreicht er oft nicht logische Klarheit eines Thomas von Aquin. Ein komprimierteres Weltbild des Mittelalters wird man jedenfalls schwerlich finden.
Das gilt für die “Commedia” insgesamt, weshalb ich sehr froh bin, mich in den letzten Monaten ausführlich mit dem Buch beschäftigt zu haben: Es lohnt sich. Allerdings reicht ein Lesedurchgang bei weitem nicht aus. Früher oder später wird eine zweite Runde folgen.
Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie (Reclam)
Philipp Blom: Böse Philosophen
Zu dem Buch schrieb ich bereits Ende Juli eine Notiz, die beim Umzug der Notizen leider verloren ging.
Blom will dem interessierten Lesepublikum ein wenig bekanntes Kapitel der Geistesgeschichte näher bringen: Die radikale Aufklärung im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Als konzeptueller Ausgangspunkt eignet sich dafür bestens der Salon des kultivierten Baron d’Holbach in dem sich die unabhängigsten Geister dieser Zeit versammelten, allen voran Denis Diderot, dem die meiste Aufmerksamkeit Bloms gilt.
Warum wissen heute nur noch Fachleute von diesem Zirkel? Schuld daran ist die Rezeptionsgeschichte. Jean-Jacques Rousseau richtet einen Teil seiner paranoiden Energie auf den Baron und seine Freunde. Er startet einen furiosen publizistischen Rachefeldzug. David Hume bekam als Kollateralschaden später auch noch seine Prügel ab. Bis heute wirkt diese Propagandakampagne nach, weshalb sich Philipp Blom zum Ziel setzte hier aufklärend zu wirken. Bloms Buch ist damit auf zwei Ebenen aufklärerisch: Es beleuchtet eine im Dunkeln liegende Ecke der Philosophiegeschichte und schildert gleichzeitig deren Argumente mit so viel Verve, dass deren Aktualität sichtbar wird. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der Religionsdummheiten weltweit wieder großen Schaden anrichten.
Aus akademischer Sicht kann man Blom natürlich mangelnde Objektivität und diverse Ungenauigkeiten vorwerfen, aber das geht an der Intention des Autors vorbei. Ziel des Buches war keine geistesgeschichtliche Habilitationsarbeit, sondern ein parteiisches Portrait. So macht denn Blom keinen Hehl, wem seine Sympathie gehört. Die historische Darstellung ist allerdings hervorragend recherchiert. Man erfährt bei der Lektüre viel über das Frankreich der zweiten Jahrhunderthälfte.
Eines der spannendsten Sachbücher, die ich seit längerer Zeit las. Möge es viele Leser finden.
Philip Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Auflärung (Hanser)
Bibel: Altes Testament
Diese Notizen schrieb ich in der ersten Hälfte 2006 in fünf Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.
Pentateuch
Konkreter Anlass, mir (endlich) die Bibel wieder vorzunehmen, ist einmal mehr die bevorstehende Israel-Reise. Ziel ist es, zumindest die Geschichtsbücher des AT durchzuarbeiten. Was den Pentateuch angeht, handelte es sich teilweise um die dritte Lektüre. Zwei Perspektiven stehen bei meiner Lektüre im Mittelpunkt: die literarische und kultur/religionsgeschichtliche.
Literarisch hat gerade der Pentateuch meiner Meinung nach sehr viel zu bieten.
Bibelwissenschaftler unterscheiden drei verschiedene Quellen für diese fünf Bücher, die im Text auszumachen sind: J, D und P. J ist dabei der “Literat”, der für die meisten “klassischen” Geschichten verantwortlich ist. Gott tritt bei ihm in einer mehr oder weniger personifizierten Form auf, die an andere antike Götter erinnert. Ich halte den Gott des AT überhaupt für eine der brillantesten bösen Figuren der Weltliteratur. Die Kombination der beschrieben Eigenschaften Gottes (Bosheit, Rachsucht, Gehässigkeit, Sadismus, Rechthaberei, Brutalität, Gewissenlosigkeit) wie er sich an vielen Stellen zeigt, läßt viele Bösewichte bei Shakespeare als blutige Anfänger erscheinen. Die einzelnen Episoden sind oft plausibel kombiniert, und die häufige Verwendung von typologischen Szenen (etwa Mann begegnet Frau an Brunnen) geben der Lektüre einen interessanten Rhythmus. Harold Bloom hat übrigens der J Quelle in seinem “The Book of J” ein eigenes Buch gewidmet.
Die Historizität des Pentateuch hält sich in engen Grenzen. Während viele Szenen offenbar mythologischer Natur sind (Paradies etc.) gibt es bisher für die anderen Erzählungen (Stammväter, Exodus etc.) keine plausiblen archäologischen Belege. Immerhin scheinen einige Grundzüge auf einer historischen Basis zu beruhen. So gehen die meisten Fachleute heute davon aus, dass die alten Israeliten aus Mesopotamien nach Palästina eingewandert sind. Das würde zur Reisetätigkeit Abrahams passen.
Kulturgeschichtlich ausgesprochen interessant sind die langen Gesetzespassagen, der Kern der jüdischen Tora. Diese werden der P-Quelle zugeschrieben, wobei “P” hier für Priester steht. Weiß man, dass diese Passagen von Priestern bzw. ihnen nahe stehenden Kreisen geschrieben wurden, stellt man verblüfft fest: Man kann sehr vieles durch deren Eigeninteressen erklären. Wenige Beispiele mögen das erläutern: Die Einrichtung des Tempels, Arbeitsplatz und Wohnung der Gottesarbeiter, muss nicht nur mit den edelsten Materialien ausgestattet werden, sondern auch die gewünschten Kunsthandwerker werden genannt. Die vorgeschriebene Kleidung für Priester wird auf mehreren Seiten beschrieben, auch alles am oberen Ende der Skala der altorientalischen Kleiderordnung. Für Wohnung und Kleidung ist also auf höchstem Niveau gesorgt. Es fehlen noch passende Nahrungsmittel. Für einen ständigen Zufluss von Feinkost sorgen die Opfervorschriften. Wie bei den Griechen werden bevorzugt die weniger genießbaren Teile geopfert, der Rest diente als Verpflegung. Es wird explizit verlangt, dass Schenkel und Brust der Tiere die Priester bekommen. Weite Teile der Gesetze lassen sich also als großes Wohlfühprogramm für die israelische Priesterklasse verstehen. Bei den Ägyptern und Griechen war das nicht viel anders.
Die aktuelle (modifizierte) Lutherübersetzung ist gut lesbar, verschleiert aber oft spachliche Metainformationen, welche das hebräische Original bietet. Das läßt sich gut am Verkauf des Erstgeburtsrecht Esaus an Jakob demonstrieren. Esau verwendet im Dialog ausschließlich “primitive” Vokabeln etwa (wörtlich überzeugt) “rotes Zeug” für das Gericht, während sich Jakob höfisch-juristischer Termini wie “Erstgeburtsrecht” bedient. Das hebräische Original bedient sich also sprachlicher Charaktisierungsmittel, die in den meisten Übersetzungen verloren gehen. (Dieses Beispiel stammt von der Bibelwissenschaftlerin Amy-Jill Levine.)
Buch Josua, Buch der Richter, Buch Rut
Die dieses Wochenende brennenden europäischen Botschaften in Beirut und Damaskus bestärken mich einmal mehr in der Auffassung, dass Religionen als Dummheitskatalysatoren bisher unübertroffen sind. Nachdem das Religionsbedürfnis aber anthropologisch ein solides Fundament aufzuweisen scheint, ist ein Ende dieser Emanationen geistiger Schlichtheit leider nicht absehbar.
Ein Grund mehr, sich adäquat mit religiösen Texten zu beschäftigen. Das kann nur heißen sie kritisch als literarische Werke zu verstehen, die auch einen gewissen historischen Quellenwert besitzen. Letzterer ist im Buch Josua und im Buch der Richter allerdings vergleichsweise bescheiden. Man bekommt einen literarischen Eroberungsmythos präsentieren, der mit den tatsächlichen Ereignissen nur wenige Grundzüge gemein hat. So besteht ein weitgehender Konsens in der Gelehrtenwelt, dass die Israeliten langsam nach Palästina eingewandert sind. Eine heroische Eroberung des Landes gab es nicht, nur eine langsame nomadische Diffusion. Dafür gibt es auch in der Bibel Indizien, etwa wenn nach der angeblichen Eroberung des Landes eine Reihe von Städten aufgezählt werden, die noch in Heidenhand sind. Dass die gut befestigten Städte die eigentlich Machtzentren waren, versteht sich von selbst. Archäologische Untersuchungen ergaben, dass Jericho zum Zeitpunkt der angeblichen Einnahme bereits lange Zeit unbewohnt war. Die zweite Eroberungsgeschichte betrifft Ai. Der Name läßt sich frei mit “Ruinenstadt” übersetzen.
Selbstverständlich hält Josua die Gesetze des Heiligen Krieges ein, und läßt jeweils die gesamte Bevölkerung im Auftrag Gottes niedermetzeln. Das Buch Josua wird übrigens wie die folgenden dem Deuteronomisten (Quelle D) zugeschrieben, der die Geschichte Israels nach 586 v.u.Z rekonstruiert habe.
Im Buch der Richter wird dieser mythologischer Eroberungsfeldzug fortgeführt. “Richter” waren militärische Führer, die zum Teil in rascher Abfolge wechselten. Am bekanntesten wohl Simson, dessen seltsam unkluges Verhalten man beinahe als Satire auf andere Heldengeschichte lesen könnte. Gegen Ende findet man eine der brutalsten Stellen des Alten Testaments. Es mag manchen überraschen, aber in dieser heiligen Schrift werden Frauenleichen zerstückelt und per antiker Post verschickt:
Als er nun heimkam, nahm er ein Messer, faßte seine Nebenfrau und zerstückelte sie Glied für Glied in zwölf Stücke und sandte sie in das ganze Gebiet Israels.
[Richter, 19,29]
Es sei ergänzt, dass ein wesentliches Motiv dieses Buches darin besteht, das vormonarchische Chaos des Landes zu beschreiben. Damit wird rhetorisch der Grundstein für die entstehende Monarchie gelegt.
Bücher Samuel
Traditionell nahm man an, die Bücher Samuel wurden von Samuel selbst geschrieben. Diese Verwechslung von genitivus objectivus und subjectivus konnte man bereits beim Pentateuch beobachten “Bücher Mose” kann ebenso “Bücher über Mose” als “Bücher von Mose” bedeuten. In Zeiten vor der Bibelkritik wurde letzte Bedeutung als Selbstverständlichkeit angesehen.
Die philologische Lage ist bei diesen beiden Schriften leider nicht so eindeutig wie bei anderen des AT. Die diversen Widersprüche deuten auf einen langen und komplexen Entstehungsprozess hin. Als Beispiel möge dienen, dass die Monarchie sowohl gelobt als auch kritisiert wird. Samuels Kritik ist zitierenswert:
Eure Söhne wird er nehmen für seine Wagen und seine Gespanne, und daß sie vor seinem Wagen her laufen [...] Eure Töchter aber wird er nehmen, daß sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird der den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben [...]
[1Sam 8,11ff.]
Das spiegelt das seit Jahrtausenden im Nahen Osten herrschende Misstrauen der unabhängigen Nomadenstämme gegen feste staatliche Strukturen. Kein Hindernis für Samuel allerdings, kurz darauf Saul zum ersten israelischen König zu salben, “der war ein junger schöner Mann, und es war niemand unter den Israeliten so schön wie er, eines Hauptes länger als alles Volk.” [1Sam 9,2] Eine weitere Qualifikation wird nicht genannt. Es folgen die üblichen heroischen Eroberungen.
Nun tritt eine weitere prominente literarische Figur auf: David. Als Samuel auf Anordnung Gottes die Söhne des Isai aus Bethlehem zur Musterung antreten läßt, muss der kleine David erst vom Schafehüten geholt werden. Wir wissen ja seit Kain und Abel, dass Gott eine Schwäche für nomadischen Lebenswandel hat. David wird als Belohnung für seine Siege über die Philister (der heimtückische “Sniper”-Mord an Goliath!) am Hof Sauls aufgenommen. Aufgrund der irrationalen Eifersüchteleien des Königs bricht ein Konflikt zwischen den beiden aus. David soll mehrmals ermordet werden und schenkt dafür als “Belohnung” mehrmals Saul sein Leben.
Im zweiten Buch Samuel erobert David als König Jerusalem und läßt die Bundeslade dorthin bringen, womit diese Stadt zum ersten Mal als Zentrum der jüdischen Religion beschrieben wird. Nach den ersten Schlachten, scheint David kurzfristig das Interesse für diese Beschäftigung zu verlieren, was sich so liest:
Und als das Jahr um war, zur Zeit, da die Könige ins Feld zu ziehen pflegen, sandte Joab und seine Männer mit ihm und ganz Israel, damit sie das Land der Ammoniter verheerten und Raaba belagerten. David blieb in Jerusalem. [2Sam 11,1ff.]
Damit nicht genug. Nicht nur, dass er als König in Jerusalem bleibt, wo es doch seine Berufsobliegenheit wäre, um diese Jahreszeit wie alle tüchtigen Monarchen ins Feld zu ziehen. Er verbringt seine Zeit statt dessen im Bett mit Batseba, was ihm anscheinend so gut gefällt, dass er ihren Ehemann elegant auf den Schlachtfeld ermorden läßt. Selbstverständlich gibt es eine Art moralisches “happy end”: Nach einer literarischen Strafpredigt seines Propheten Nathan wird anständig bereut.
Buch der Könige
Das erste Buch der Könige enthält einige der berühmtesten Geschichten der Bibel: Den Werdegang des Königs Salomo (samt Weisheit und Urteil), den Bau des ersten Tempels, den Besuch der Königin von Saba. Gegen Ende schließlich hat Prophet Elia seinen Auftritt.
Die Bibelforschung zählt die Königsbücher ebenfalls zum deuteronomistischen Geschichtswerk und nimmt eine redaktionelle Bearbeitung des Textes während der Exilzeit an, speziell in Hinblick auf die Prophetenerzählungen. Das “Editionsprinzip” ist dasselbe wie bei den vorherigen Büchern. Ziel ist die Führung eines theologischen “Beweises”, nämlich dass das Fehlverhalten des jüdischen Volkes zu den einschlägigen späteren Katastrophen führte. Diese Intention sollte man bei der Lektüre stets im Hinterkopf behalten: eine historische “objektive” Darstellung ist weder intendiert noch nach damaligen Maßstäben überhaupt ein intellektueller Wert.
Besonders hübsch im ersten Buch ist der religiöse Wettkampf zwischen Elia und knapp tausend Propheten des Baal und der Aschera. Elia ist der Initiator und möchte einen Gottesbeweis antreten. Man versammelt sich auf dem Berg Karmel und bereitet zwei Opfer mit jungen Stieren vor. Kunstgerecht werden die Tiere zerlegt und auf geschlichtetes Holz gelegt. Die Spielregeln:
Und ruft ihr den Namen eures Gottes an, aber ich will den Namen des Herrn anrufen. Welcher Gott nun mit Feuer antworten wird, der ist wahrhaftig Gott.
[1. Kön 18,24]
Die Propheten rufen nun Baal an. Sie beten und beten und beten, und fügen sich in religiöser Verzückung Wunden zu. Nichts geschieht. Elia fängt an, sich in bester Manier über sie lustig zu machen: Vielleicht schlafe ihr Gott gerade oder er sei beschäftigt? Man braucht kein Bibelkenner zu sein, um das Ergebnis zu erraten: kein Feuer. Nun kommt des Elias große Stunde. Das Opfer wird noch mit zwölf Eimer Wasser begossen. Ein Gebet an den richtigen Gott und “da fiel das Feuer des Herrn herab”.
Interessant finde ich bei derartigen Geschichten immer, dass versucht wird, mit rationalen Methoden Irrationales zu rechtfertigen. Es handelt sich ja um ein handfestes empirisches Experiment. Geistesgeschichtlich spannend wird es, bedenkt man die Geschichte des wissenschaftlichen Experiments. Anstalten, welche diese Bezeichnung verdienen, gab es in der Antike eigentlich erst bei den alexandrinischen Naturphilosophen. Die klassischen Griechen führten keine Experimente durch. Es könnte also sein, dass diese Art von “Gedankenexperimenten” wie hier im Alten Testament den realen Experimenten vorausgingen. Es lohnte sich zweifellos, dem einmal näher nachzugehen.
Ohne auf das zweite Buch Könige noch ausführlich einzugehen, will ich eine ebenso aparte wie lehrreiche Episode nicht verschweigen, nämlich die Kinderliebe des Elisa (dem Nachfolger des Elia). Als er einmal nach Bethel spazierte wurde er von vielen kleinen Knaben als “Kahlkopf” verspottet. Das kann man sich als Prophet naturgemäß nicht gefallen lassen:
Und er wandte sich um,und als er sie sah, verfluchte er sie im Namen des Herrn. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerissen zweiundvierzig von den Kindern.
[2. Kön 2, 24]
Da hat wohl einer der Herren Redakteure aus der Exilzeit seine eigenen Spotterlebnisse kreativ verarbeitet.
Antikes Autorenkollektiv: Bibel (Modifizierte Lutherübersetzung)
Joseph Roth über die Eurokrise
Es erwies sich in jenen Tagen, daß die Sittlichkeit dieser Welt von nichts anderem abhängig ist als von der Stetigkeit der Valuta. Eine alte Wahrheit, die im Lauf der vielen Jahre, in denen das Geld einen unbestrittenen Wert hatte, vergessen worden war. An den Börsen der Welt wird die Moral der Gesellschaft bestimmt.
(Joseph Roth, Rechts und Links)




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