Daniel Defoe: History of the Plague in London

In Krisenzeiten greifen die Menschen gerne auf lang eingespielte Verhaltensmuster zurück. In meinem Fall ist eines dieser Muster, aktuelle Probleme durch kulturgeschichtliche Einordnung zu persönlich zu bewältigen. Das schafft Überblick und Distanz. Deshalb greife ich zu einem der berühmtesten Pestklassiker der Weltliteratur: Defoes History of the Plague in London. Er wird oft immer noch, wie kurz nach der Veröffentlichung 1722, für einen Augenzeugenbericht gehalten. Als die Pest aber 1665 durch London wütete, war Defoe erst fünf Jahre alt. Es handelt sich also um ein fiktionales Werk, das einen tagebuchähnlichen Duktus simuliert. Defoe wartet aber mit so vielen Details auf, inklusive Zahlen, dass er dieses Buchprojekt sicher ausführlich recherchierte.

Strukturell werden die chronologischen Passagen immer wieder durch Exkurse unterbrochen. Deren längster beschreibt das „Ausbrechen“ einer Gruppe von Londonern in die Provinz, und wie es ihnen dort ergangen ist. Hier gibt es die erste von vielen anthropologischen Parallelen zur Gegenwart: Eine tiefsitzende Angst vor den ansteckenden Städtern. Auch in Österreich machen immer noch Provinzpolitiker Furore, die uns Wiener wissen lassen, wir sollten doch bitte unsere Zweitwohnsitze jetzt nicht besuchen. Diese Infektionsangst scheint tief in der menschlichen Natur verwurzelt zu sein.
Die Geschichte dieser Gruppe zeigt hübsch das Spektrum menschlicher Handlungsweisen auf: Von Gewaltandrohungen bis zur tatkräftigen Unterstützung beim Überleben.

Ein Teil des Textes versucht, die Maßnahmen der Politik zur Eindämmung der Epidemie zu bewerten. Da ist Defoe durchaus immer wieder kritisch. So findet er die Praxis, ganze Häuser gemeinsam mit den Kranken einzusperren, alles andere als ideal. Trotzdem lobt er die kommunal Verantwortlichen überwiegend sehr. Gegen Ende wird es wissenschaftsgeschichtlich sehr spannend, trägt Defoe hier doch unterschiedliche Hypothesen darüber zusammen, wie sich die Pest ausbreiten könnte. Ohne das Konzept der Bakteriologie ist das freilich aussichtslos.

Bei der Lektüre wird schnell deutlich, dass man Covid 19 nicht mit der Pest vergleichen kann. Die teils sehr gruseligen Schilderungen in History of the Plague in London veranschaulichen das ausreichend. Von den täglich durch die Straßen fahrenden Leichenkarren bis hin zu den in der Stadt zu hörenden Schmerzensschreien der Bewohner aus den abgesperrten Häusern.

Die Auswirkungen erinnern aber sehr an die Gegenwart. So kam schnell das gesamte Wirtschaftsleben zum Erliegen:

(…) you may be sure from that hour all trade, except such as related to immediate subsistence, was, as it were, at a full stop (…)

(…) in general, all trades being stopped, employment ceased, the labor, and by that the bread of the poor, were cut off; and at first, indeed, the cries of the poor were most lamentable to hear, though, by the distribution of charity, their misery that way was gently abated.

All the plays and interludes (…) the gaming tables, public dancing rooms, and music houses, which multiplied and began to debauch the manners of the people, were shut up and suppressed.

„Social Distancing“ war nicht verordnet, aber die Angst vor Ansteckung führte automatisch dazu:

„(…) it was a most surprising thing to see those streets, which were usually so thronged, now grown desolate, and so few people to be seen in them“.

(…) whether it were in the street or in the fields, if we had seen anybody coming, it was a general method to walk away.

Während bei uns gerade die verrücktesten Verschwörungstheorien Verbreitung finden, gab es auch im London des Jahres 1665 eine enorme Nachfrage nach Irrationalität:

The apprehensions of the people were likewise strangely increased by the error of the times, in which I think the people, from what principle I cannot imagine, were more addicted to prophecies, and astrological conjurations, dreams, and old wives‘ tales, than ever they were (…)

These terrors and apprehensions of the people led them to a thousand weak, foolish, and wicked things.

Bei uns boomt primär Cybercrime. Damals lag der Fokus auf den traditionellen Formen der Kriminalität:

That there were a great many robberies and wicked practices committed even in this dreadful time, I do not deny (…)

Die Beispiele ließen sich noch lange fortsetzen.

Was dem Buch offensichtlich zu Gute kommt, ist Defoes umfangreiche Lebenserfahrung. Er schrieb einmal über sich:

No man has tasted differing fortunes more,
And thirteen times I have been rich and poor.

Das erklärt für mich plausibel, warum Defoe so empathisch und wissensreich in History of the Plague in London über alle unterschiedlichen sozialen Schichten zu berichten vermag.

Daniel Defoe: History of the Plague in London (Ebook)

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