Reise-Notizen: Südafrika

Gut zwei Wochen war ich in Südafrika unterwegs als ich mich am Donnerstagabend in Kapstadt die Aufforderung meines österreichischen Außenministers erreicht, ich möge wegen des Coronavirus doch bitte schnellstmöglich nach Wien zurückfliegen. Alle Österreicher seien aufgefordert, umgehend die Heimreise anzutreten. Am Freitag wäre ich nach Namibia weitergeflogen und von dort aus zu meiner letzten Station der Reise: den Victoriafällen.

Ich entschließe mich nach einigem Hin und Her zur Rückreise und sitze am Samstagabend in der Lounge in Kapstadt, wo sich aufgeregte deutsche Touristen erzählen, sie hätten sicherheitshalber noch ein paar Packungen Nudeln gekauft. Man wisse ja nie. In Südafrika war an diesem Wochenende die Welt noch in Ordnung. Einige Coronafälle waren bekannt, aber der harte Lockdown kam erst später.

Der große Lufthansa-Airbus ist bis auf den letzten Platz gefüllt als er endlich nach Frankfurt abhebt. Der Flieger nach Wien dagegen ist nur spärlich besetzt. Der Pilot verkündet, jeder Reisende aus einem Krisengebiet müsse ein Formular ausfüllen. Als die Stewardess mit dem Stapel durchgeht, meldet sich niemand. Bei der Ankunft gibt es auch keinerlei Kontrollen. Von einem Corona-Hotspot direkt in die Wiener Innenstadt zu fahren, wäre kein Problem gewesen.

Damit ist meine 26. Studienreise, die erste, welche ich abbrechen musste. Dabei beginnt sie zwei Wochen vorher sehr vielversprechend. Nach einem langen Flug nach Johannesburg geht es noch knapp 500km weiter nach Hazyview, einer kleinen Stadt, die sich gut für die Safari in den Krugerpark eignet. Vorher sehen wir uns aber noch die an geologischen Schönheiten reiche Umgebung des Parks an. Die früher armen Stammesdörfer der Gegend sind inzwischen solide Siedlungen. Slums wie in Johannesburg oder Kapstadt sehe ich nirgends.

Ein kleiner Höhepunkt ist die alte Goldgräberstadt Pilgrim’s Rest. Inzwischen natürlich primär ein Touristenstädtchen. Spuren des alten Flairs spürt man noch auf dem alten Friedhof über der Stadt, wo ich längere Zeit alleine bin, und in Ruhe die historischen Gräber betrachten kann. Ansonsten viele Informationen und Ausstellungsstücke im Ort, die über die Zeit des Goldrausches informieren. Obwohl die heiße Zeit längst vorbei ist, hängt eine klebende Schwüle in der Luft. Unter diesen klimatischen Bedingungen seine Claims zu bearbeiten, war sicher kein Kinderspiel.

Auf der ersten Safari meines Reiselebens sehe ich zahlreiche berühmte afrikanische Wildtiere „live“, von Elefanten bis Wasserbüffel. Keine Löwen allerdings. Unser Fahrer erzählt mir von seinen prekären Lebensumständen. Er werde pro Fahrt bezahlt. Ich möchte gar nicht daran denken, wie es diese Menschen nun ganz ohne Touristen ihre Familien versorgen können.

Mehr als das Tierleben, interessiert mich allerdings die Politik und die Geschichte des Landes. Erster Höhepunkt hier ist der Besuch des Apartheidmuseums in Johannesburg. Eröffnet im November 2001 arbeitet das Museum das heikelste Stück der Vergangenheit nicht nur in einer überzeugend kuratierten Dauerausstellung auf, einer abwechslungsreichen Mischung aus historischen Informationen, Dokumenten und historischen Objekten, sondern spiegelt auch architektonisch intelligent die Geschichte. So werden die Besucher zufällig in „weiß“ und „black“ eingeteilt und betreten das Gebäude durch unterschiedliche Eingänge, die beide Lebenserfahrungen spiegeln. Im Freiluftbereich wird mit Fotos und Kunst gearbeitet. Als Sonderausstellung gibt es eine Würdigung Nelson Mandelas.
Die perverse Apartheidgesetzgebung wird an vielen Beispielen gezeigt und stimmt sehr nachdenklich. Weiß man doch, dass FPÖ, AfD und Co. gerne ein ähnlich rassistisches Regime etablieren würden, hätten sie die Möglichkeit dazu. Die Brutalität des Regimes wird nicht ausgespart: Es gibt „verstörende“ Videos zu sehen.

Natürlich steht eine Besichtigung Sowetos auf dem Programm. Neben unserem kleinen Restaurant, komme ich mit dessen Nachbarn ins Plaudern, einem schon sehr alten Herren, der an diesem sonnigen Herbstsonntag in der Wärme steht. Er will von mir wissen, ob ich denn Sartre kenne, den er eben gelesen habe. Überhaupt lese er gerne Philosophen, um die Welt besser zu verstehen. Er hat sein ganzes Leben in Soweto verbracht und diese Kombination aus Lebenserfahrung mit seinem Bücherwissen, macht in zu einem faszinierenden Gesprächspartner.

Danach besuchen wir ein von Jugendlichen initiiertes Bildungsprojekt für Slumkinder. Wenig stimmt einen privilegierten Menschen aus dem reichen Norden nachdenklicher als damit konfrontiert zu werden, unter welchen gedrängten und unhygienischen Zuständen viele Leute immer noch leben müssen. Eine Toilette teilen sich dort etwa viele Familien. Es stinkt nach Fäkalien und Armut. Die Bewohner waren übrigens mit unserem Besuch des Projekts einverstanden. Es gab entsprechende Versammlungen bevor dieses Projekt reiche Ausländer in das Township ließ. Wenig ist ja widerwärtiger als „klassischer“ Slumtourismus. Ich spreche mit einigen sehr hellen und intelligenten Burschen dort. Einer war sogar ein Jahr in Deutschland im Rahmen eines Austauschprogramms. Wie viel Talent in den Slums dieser Welt durch Armut brach liegt, ist obszön.

„Obszön“ ist auch mein Gefühl am Abend während meines Dinners in einer riesigen Mall mit angehängtem Casino. Es gab in der Nähe des Hotels keine vernünftige Alternative. Vom Konzept her wurde hier eine toskanische Stadt künstlich nachgebaut, inklusive Sternenhimmel. Den Wechsel von realer Armut hin zu dieser virtuellen Kitschwelt kann ich nur schwer ertragen.
Die letzte Station der Reise ist schließlich Kapstadt, die in den letzten Jahren mit Ehrentitel wie „Weltmörderhauptstadt“ aufgefallen ist. Die hohe Kriminalitätsrate erschwert naturgemäß eine entspannte touristische Besichtigung. Zwar ist die Innenstadt tagsüber kein Problem, aber nach Sonnenuntergang kein idealer Aufenthaltsort mehr. Mein Hotel hat deshalb einen Shuttleservice zur „Waterfront“ eingerichtet, wo Securities für einen ungestörten Tourismus sorgen. Alles in allem also keine Stadterkundung wie man sie gerne hätte. Der obligatorische Ausflug zum Kap der Guten Hoffnung wird pflichtbewusst absolviert.

Höhepunkt in Kapstadt ist naturgemäß der Besuch von Robben Island, wo Nelson Mandela Jahrzehnte im Gefängnis saß. Trotz des Massentourismus beeindruckt mich die Tour auf der Insel. Zum einen ist die Erinnerung an Mandelas Schilderungen in seiner kurz zuvor gelesenen Autobiographie [Zur Notiz] noch sehr präsent. Zum anderen sind ehemalige Gefangene die Guides durch das Gefängnis.

Die Geschichte und die Gegenwart Südafrikas gibt unglaublich viele Denkanstöße. Für Reisende mit Erkenntnisdrang deshalb ein fast optimales Reiseziel.

(März 2020).

 

Eine Antwort

  1. Danke für den Einblick!

    Die Gefängnisführung durch ehemalige Gefangene stelle ich mir besonders beeindruckend vor.
    Falls Sie noch nicht dort waren, kann ich das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen empfehlen. Dort geben auch ehemalige Insassen die Führungen. Ich habe das schon zweimal mitgemacht, und es war beide Male sehr bewegend.

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