Stephen Greenblatt: Tyrant. Shakespeare on Politics

Klassikerkenner*innen wissen, dass Stephen Greenblatt schon viele gute Bücher über Shakespeare schrieb. Dieses stellt aber ein besonderen Kunstgriff dar, weil es sich in Wahrheit eindeutig auch um ein Buch über Trump handelt, obwohl dessen Name kein einziges Mal genannt wird, oder ein expliziter Kontext hergestellt würde. Greenblatts Beschreibungen von diktatorischen Ambitionen sind aber in dieser Hinsicht aber sehr sprechend:

But the new ruler possesses neither adminstrative ability nor diplomatic skill, and no one in his entourage can supply what he manifestly lacks.
[…]
Even in systems that have multiple moderating institutions, the chief executive almost always has considerable power. But what happens when that executive is not mentally fit to hold office?
[…]
The tyrant is obsessed with loyalty from his inner circle, but he can never be entirely confident that he has it. The only people who serve him are self-interested scoundrels, like himself. (…)
He wants flattery, confirmation, and obedience.

[…]
Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Greenblatt hat die Welt eines Diktators in zehn Themenkreise unterteilt, etwa Party Politics, Fraudulent Populism, Enablers oder Madness in Great Ones und dekliniert diese anhand unterschiedlicher Stücke Shakespeares durch. Prominent dabei sind natürlich die historischen Dramen, speziell Richard III. Ausführlich werden aber auch Macbeth oder King Lear herangezogen, sowie die römischen Dramen.

Greenblatt geht interpretierend vor und beschreibt anhand der Handlung sowie anhand von Zitaten anschaulich die jeweiligen Themenkreise. Er vermeidet dabei jeglichen literaturwissenschaftlichen Jargon, aber auch steile Thesen, und hat deshalb auch didaktisch ein vorzügliches geisteswissenschaftliches Buch geschrieben. Man bekommt viele spannende neue Blickwinkel auf altbekannte Stücke präsentiert. Ich jedenfalls habe immer wieder große Lust bekommen, einige der Dramen zum wiederholten Male zu lesen. Auf den kulturgeschichtlichen Kontext geht er nur am Rande ein, wenn er etwa seine Leser*innen damit vertraut macht, wie gefährlich politische Äußerungen damals auf der Bühne waren. Das veranschaulicht gleichzeitig, warum Shakespeare diese Themen alle augenzwinkernd in historischen Stoffen „versteckte“. Uneingeschränkte Empfehlung meinerseits. Gerade auch wegen der bedrückenden Bezüge zur Gegenwart.

Stephen Greenblatt: Tyrant. Shakespeare on Politics (W.W. Norton & Company)

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