Karl Philipp Moritz: Anton Reiser

„Unter diesen Umständen wurde Anton geboren, und von ihm kann man mit Wahrheit sagen, daß er von der Wiege an unterdrückt ward.“

Als ich in jungen Jahren diesen außergewöhnlichen Roman zum ersten Mal las, war ich sehr beeindruckt, und setzte ihn auf meine mentale Liste mit Lieblingsbüchern. Höchste Zeit also, dieses Urteil aufzufrischen.

1785 erschienen, begründete Anton Reiser in Deutschland den modernen psychologischen Roman. Er ist bis heute ein weltliterarisches Unikat und auch zu seiner Zeit gab es international nichts Vergleichbares. Trotzdem geriet das Buch schnell in Vergessenheit, und wurde erst in den 1970ern von der Literaturwissenschaft wiederentdeckt.

Der autobiographische Roman schildert schonungslos die traurige Kindheit und Jugend des Anton Reiser. Seine Eltern sind religiöse Fundamentalisten und machen nicht nur deshalb bei seiner Erziehung vieles falsch.

Weiß man, dass Karl Philipp Moritz hier über sein eigenes Leben schreibt, kommen bei der Lektüre aufschlussreiche Ebenen zur erzählten Geschichte hinzu: Nicht nur ist die Authentizität und Offenheit erstaunlich, mit der er seine innersten Erlebnisse preisgibt, sondern vor allem auch seine schonungslose Selbstkritik. Immer, wenn die Gefahr besteht, ins sentimentale oder sozialpornographische Fahrwasser abzudriften, tritt Moritz einen Schritt zurück, und beurteilt sein Alter Ego mit unerbittlicher analytischer Strenge. Von seinen Idiosynkrasien über seine Kunst, sich selbst zu belügen, bis hin zu seinem Dilettantismus in Sachen Theater und Literatur. Seine Überempfindlichkeit und Eitelkeit werden ebenfalls ständig thematisiert. Dieser kalte Blick auf die eigene Existenz muss für Moritz sehr schmerzlich gewesen sein und erinnert in seiner Radikalität der Selbstentblößung an Montaigne.

Die Psychologie als Wissenschaft wird erst etwa hundert Jahre später gegründet. Wie so oft antizipiert hier Literatur also spätere akademische Einsichten. In diesem Fall jene, welche Verheerungen die Kombination von Armut, Religion und Demütigungen in der Psyche eines jungen Menschen anrichten. Ich kenne kaum ein Buch, das dies in dieser Eindrücklichkeit leistet.

Wie alle guten realistischen Romane gibt Anton Reiser ebenfalls einen sehr fesselnden Einblick in die Lebenswelt des 18. Jahrhunderts. Von den religiösen Gebräuchen über das Erziehungswesen bis hin zur damaligen Demographie einer Stadt. Einige Zeit wird der Junge etwa als Lehrling ausgebeutet, und man erhält einen sehr guten Eindruck über die rücksichtslose Lebenswelt einer erweiterten Hutmacherfamilie.

Ein wichtiger Nebenaspekt des Romans ist, dass Anton schon früh anfängt, sich für zeitgenössische Literatur und das Theater zu interessieren. Er liest jede Menge der damaligen Neuerscheinungen, was aber heute wohl nur noch für uns Fachleute spannend ist.

Von vielen Klassikern bin ich enttäuscht, wenn ich sie nach Jahrzehnten noch einmal ohne die Brille meines jugendlichen Literaturenthusiasmus lese. „Anton Reiser“ besteht diesen Test durch die Zeit allerdings bravurös. Er sollte auch heute noch für an Pädagogik Interessierte Pflichtlektüre sein. Eltern, Lehrer, Therapeuten: Lest das Buch!

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Ein psychologischer Roman (dtv klassik).

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