20. Jhd. (Klassiker)

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Joseph Roth: Rechts und Links

Dieser Roman aus dem Jahr 1929 zeigt viele der literarischen Qualitäten des Joseph Roth: Seine unnachahmliche Formulierungskunst, seinen scharfen Blick auf Menschen aller Schichten sowie seine Zeitdiagnosen, die sich aus heutiger Sicht oft wie Prognosen lesen.

Roth öffnet dieses Zeitpanorama am Beispiel der Bankiersfamilie Bernheim, deren verwöhnter Spross Paul im Mittelpunkt der Handlung steht. Als Jugendlicher gibt dieser einen glänzenden Vertreter des Schnöseltums ab, bis der erste Weltkrieg “korrigierend” eingreift. Nach dem Krieg und dem Tod des Vaters droht der finanzielle Ruin, vor dem ihn schließlich eine glänzende Heirat mit der Nichte eines reichen Chemieindustriellen rettet. Paul Bernheim verdankt diesen Hochzeitscoup nicht zuletzt einem undurchsichtigen Flüchtling aus Russland, der sich aufgrund seines Geschickes schnell zu einem reichen Magnaten mausert. Auch in der Weimarer Republik gab es also bereits Neureiche aus dem Osten mit zweifelhafter Reputation.

Paul Bernheim ist weltanschaulich eine Fahne im Wind. Während des Kriegs etwa versucht er, sich einige Zeit als pazifistischer Agitator, was aber nur kurz andauert. Sein Bruder Theodor rutscht ins illegale Nazimilieu ab und muss bis zu einer Amnestie in Ungarn untertauchen. An diesem hier nur angedeuteten Handlungsgerüst entlang, entwickelt Joseph Roth einen furiosen Zeitroman. Die Komposition ist überzeugender (weil konziser) als in einigen seiner anderen Bücher. Mit einer Ausnahme: Der Schluss kommt zu abrupt und wirkt auf den Leser etwas aufgesetzt.

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Thornton Wilder: The Bridge of San Luis Rey

Es gibt nur wenige Klassiker, die in Peru spielen. Einer davon ist Wilders The Bridge of San Luis Rey (1927). Die erste Hälfte des Romans las ich in Peru, die zweite Hälfte dann nach meiner Rückkehr.

Der Text ist für einen historischen Roman sehr kurz. Das Thema ist ein Weltanschauliches, nämlich ein religiöses Experiment. Die Brücke von San Luis Rey, gelegen zwischen Lima und Cusco, stürzte 1714 ein. Fünf Menschen hatten nicht nur das Pech, zum Zeitpunkt des Unglücks auf der Brücke zu sein, sie wurden bei ihrem Missgeschick auch noch vom Franziskanermönch Juniper beobachtet. Bruder Juniper ist von einem Ziel besessen, nämlich die Theologie als exakte Wissenschaft zu etablieren. Er ergreift die sich ihm nun bietende Gelegenheit beim Schopf, und will durch die Analyse dieser fünf Biographien ein Begründung dafür finden, warum ausgerechnet sie zu diesem Zeitpunkt ums Leben kamen.

In fünf Teilen erzählt Wilder nun die Lebensgeschichten der Opfer, die alle auf ihre Art außergewöhnlich sind. Die fünf Unglücksraben standen tatsächlich jeweils an der Schwelle eines neuen Lebensabschnitts. Als Leser erschließt sich einem allerdings kein plausibler Grund für ihren Tod. Die Kirchenobrigkeit sah das anders: Bruder Juniper wird wegen Ketzerei zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.

Das ist literarisch alles exzellent ausgeführt. Die Verknüpfungen zwischen den Geschichten sind subtil, aber an vielen Stellen vorhanden. Sprachlich ist es ein Lesevergnügen. Trotzdem hält sich meine Begeisterung für das Buch in Grenzen. Wenn man bedenkt, was in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (und davor) noch alles geschrieben wurde, haftet der Bridge of San Luis Rey etwas Anachronistisches an.

Thornton Wilder: The Bridge of San Luis Rey. (Penguin)

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Arthur Schnitzler historisch-kritisch

Eine historisch-kritische Ausgabe ist eine Art Aufnahme in den Autoren-Adelsstand durch die Germanistik. Für die Forschung sind die Apparate dieser Editionen nach wie vor sehr wichtig. Nun gelangt also Arthur Schnitzler in diesen Editionshimmel. Der erste Band ist Lieutenant Gustl. Eine Besprechung liefert die NZZ.

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Joseph Roth über Europa (1930)

Sie haben Recht, Europa begeht Selbstmord, und die langsame grausame Art dieses Selbstmords kommt daher, daß es eine Leiche ist, die Selbstmord begeht. Dieser Untergang hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit einer Psychose. So sieht der Selbstmord eines Psychotischen aus. Der Teufel regiert wirklich die Welt.
[Joseph Roth an Stefan Zweig am 23.10. 1930]

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Joseph Roth über die Eurokrise

Es erwies sich in jenen Tagen, daß die Sittlichkeit dieser Welt von nichts anderem abhängig ist als von der Stetigkeit der Valuta. Eine alte Wahrheit, die im Lauf der vielen Jahre, in denen das Geld einen unbestrittenen Wert hatte, vergessen worden war. An den Börsen der Welt wird die Moral der Gesellschaft bestimmt.
(Joseph Roth, Rechts und Links)

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Arthur Schnitzler: Das weite Land

Burgtheater 7.10.

Regie und Bühne: Alvis Hermanis

Friedrich Hofreiter, Fabrikant: Peter Simonischek
Genia, seine Frau: Dörte Lyssewski
Anna Meinhold-Aigner, Schauspielerin: Corinna Kirchhoff
Otto, ihr Sohn: Lucas Gregorowicz
Doktor von Aigner, der geschiedene Gatte der Frau Meinhold: Michael König
Frau Wahl: Kirsten Dene
Erna, ihre Tochter: Katharina Lorenz
Doktor Franz Mauer: Falk Rockstroh

Die Wiener Gazetten ließen kein gutes Haar an Alvis Hermanis neuer Inszenierung. Das Wiener Publikum hatte ebenfalls wenig Freude daran. Die Premiere wurde ausgebuht und auch gestern waren die Reihen nach der Pause bereits arg gelichtet. Nun lehnen die Wiener gerne reflexartig Neues ab, was sich paradigmatisch am konservativen Operngeschmack zeigt, und schon zu Mozarts Zeiten gut dokumentiert ist.
Hermanis hatte eine wirklich originelle Regie-Idee: Das weite Land als Film Noir auf die Bühne zu bringen. Handwerklich setzte er diesen Einfall exzellent um: Bühnenbild, Figuren und Kostüme sind alle in grau gehalten. Das Spiel mit Licht und Schatten erinnert an die ikonographischen Filme mit Bogart & Co. aus den vierziger Jahren. Der vier Stunden lange Abend wird durch einen gut ausgewählten Soundtrack unterstützt. Auf dieser Ebene betrachtet, funktioniert Hermanis Theaterkunst ausgezeichnet. Die Inszenierung ist stimmig, geschmackvoll und optisch eine Augenweide.
Warum Hermanis mit seinem Projekt auf hohem Niveau scheitert, liegt also nicht an seiner theatralischen Kompetenz, sondern hängt eng mit der Eigenart der schnitzlerschen Ästhetik zusammen. Auf dem Feld der Kunstproduktion ist kaum etwas schwieriger als die Transponierung eines Werks in ein anderes Genre oder gar andere Kunstform. Die Zahl der gescheiterten Literaturverfilmungen sind Legion. Hermanis wagte nun das Experiment einer Verfilmung auf dem Theater samt Genrewechsel. Selbst bei hoher Stoffkompatibilität wäre dies eine enorme Herausforderung gewesen. Mit einem Stück feinziselierter psychologischer Theaterliteratur ist es aber ein Ding der Unmöglichkeit. Hermanis hat nämlich zurecht großen Respekt vor dem Text, was den Abend auch so lang macht. Schnitzler als Film Noir hätte aber nur als radikales Regietheater funktionieren können, was tiefe dramaturgische Eingriffe erfordert hätte.
Schnitzlers Stücke leben von der psychologischen Subtilität, den fein ausbalancierten Dialogen und den vielschichtigen Figuren. Ein überzeugender Film Noir lebt von psychologischer Vereinfachung, prägnanten Dialogen und holzschnittartigen Helden. Ein vierstündiger Film Noir wäre schwer vorstellbar. Ein Übersetzungsversuch vom einen in das andere war selbstverständlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Gutes Theater lebt nun aber vom Experiment. Selbst Geheimrat Goethe hat als Direktor der Weimarer Bühne immer wieder Neues ausprobiert. Hermanis Schnitzler-Inszenierung scheitert, aber sie scheitert auf hohem Niveau. Ein sehenswerter Theaterabend, der zahlreiche ästhetische Reflexionen auslöst.

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Thomas Bernhard: Auslöschung

Obwohl ich von Thomas Bernhard fast alles mehrmals las, war die Auslöschung hier die Ausnahme. Meiner Erinnerung nach war sie mein erstes Buch von Bernhard, das ich kurz nach dem Erscheinen in den achtziger Jahren erwarb. Es brachte mich auf den Geschmack, und ich las mich nach und nach durch das Gesamtwerk.

Jetzt also die Zweitlektüre. In meinem Lesegedächtnis hatte ich es als boshafter abgespeichert als ich es nun empfunden habe. Aber das liegt sicher daran, dass es Bernhard-Texte gibt, deren Beschimpfungsdichte noch furioser ist. Die Auslöschung wird gerne als opus magnum des Autors anzusehen und dafür es gibt dafür viele gute Argumente. Nicht nur greift er alle ihm wichtigen Themen in einer fast systematischen Form wieder auf. Er reflektiert im Text auch ungewöhnlich oft über seine Ästhetik. Selbstverständlich ist auch diese Selbstreflexion wieder ironisch gebrochen, etwa wenn nach einer Passage zum Thema Übertreibung dann die Behauptung folgt, in Wahrheit sei der Erzähler ein Untertreiber.

Wie souverän Bernhard seine Erzählmittel beherrscht, zeigt bereits der Anfang des Buches. Die ersten knapp 250 Seiten steht der Erzähler mit Familienbilder an seinem Schreibtisch und setzt zu jeder Menge an Exkursen an, welche nicht nur seine aktuelle Lebenssituation samt Vorgeschichte beleuchten, sondern auch Wolfsegg und seine Familienangehörigen ausführlich einführen. Sollte es wirklich noch jemand geben, der Bernhard als Realisten missversteht (wie zu Lebzeiten viele österreichische Politiker und der Boulevard), der sollte über derartige Strukturen einmal ausführlicher nachdenken.

Wenn man literarische Geistesverwandte von Bernhard sucht, wäre es völlig falsch, an politisch engagierte Autoren im engeren Sinn (wie etwa Sartre) zu denken. Man versteht ihn besser, wenn man seine Werke in eine Tradition mit denen von Laurence Sterne oder Jean Paul stellt. Bernhard spielt mit seinen Lesern ein Katz-und-Maus-Spiel auf mehreren Ebenen und macht sich gleichzeitig in raffinierter Weise über sie lustig. Je länger ich Bernhard lese, desto fester bin ich davon überzeugt, dass man ihn am besten als hochkomischen Autor versteht.

Thomas Bernhard: Auslöschung. Werke Band 9 (Suhrkamp)

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Stefan Winterstein: Die Strudlhofstiege

Die Strudlhofstiege ist dank des gleichnamigen Romans Heimito von Doderers zu einer nicht nur zu einer literarischen Ikone Wiens geworden. In dem schönen, kleinformatigen Bildband beleuchten mehrere Autoren diese berühmte Treppenanlage von vielen Seiten. Natürlich wird ausführlich auf den verantwortlichen Architekten Theodor Johann Jaeger (1874-1943) eingegangen und auf die Geschichte des Bauprojekts. Aber auch dessen Vorgeschichte und die Namensgebung wird behandelt. Die Eröffnung der Stiege fand 1910 statt. Jahrelang erregt die Anlage keine größere Aufmerksamkeit, was sich erst 1951 nach Erscheinen des Romans änderte. Wer also daran zweifelt, dass Literatur “Orte” machen kann, der hätte hier ein prominentes Beispiel. Die Baupläne sind ebenso im Band zu finden wie zahlreiche Fotos. Auch frühere Texte über den Ort werden erneut abgedruckt, etwa einer von Dietmar Grieser.

Ein sehr schönes und erfreuliches Buchprojekt.

Stefan Winterstein (Herausgeber): Die Strudlhofstiege. Biographie eines Schauplatzes (Bibliophile Edition)

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Karl Kraus digital – Drei neue Editionen

Im letzten halben Jahr schien der Literaturbetrieb alle Versäumnisse bezüglich des editorisch stiefmütterlich behandelten Karl Kraus auf einmal nachholen zu wollen: Drei neue Editionen sind zu vermelden. Den Auftakt machte die Österreichische Akademie der Wissenschaften, indem sie sämtliche 922 Nummern der “Fackel” für alle zugänglich ins Internet stellte. Wer lieber offline in dieser Fundgrube der scharfen Polemik schmökert, dem steht die im Frühjahr bei Zweitausendeins erschienene DVD zur Verfügung. Sollte trotz dieser gewaltigen Textmasse noch zusätzlicher Bedarf an Spitzzüngigkeiten gegeben sein, dem kann die Anfang Mai erschienene Werkausgabe in der Digitalen Bibliothek abhelfen, die auf den zwanzig bei Suhrkamp erschienenen Bänden basiert. Diese Publikationsflut verdankt sich nun nicht einem plötzlich exponentiell angestiegenen Interesse an Karl Kraus, sondern dem Urheberrecht: Seit dem 1. Januar 2007 sind dessen Werke “gemeinfrei”.

Die mannigfaltigen Möglichkeiten der neuen Medien rückt die altehrwürdige Disziplin der Editionswissenschaft in den Mittelpunkt einer ebenso spannenden wie kontroversen Diskussion. Jahrzehntelang erstellte man aufwändige historisch-kritische Ausgaben, um die Texte der Klassiker den Philologen variantenreich zur Verfügung zu stellen. Von diesen für den normalen Leser unerschwinglichen und unverständlichen Ausgaben ausgehend, erstellte man dann Studien- und Leseeditionen. Dies ging zwar nicht ohne heftige Kontroversen ab (welcher “Apparat” etwa der beste sei), doch steckte die Form der Edition, nämlich gedruckte Bücher, die Grenzen des Machbaren ab.

Diese Situation änderte sich grundlegend als Personalcomputer omnipräsent wurden und mit der CD-ROM ein neues Trägermedium für Texte zur Verfügung stand. Ein passendes Beispiel wäre die 2003 bei K.G. Saur erschienene “Fackel” auf CD-ROM. Gleichzeitig wurde dank des World Wide Webs auch der Hypertext populär. Ein Klick auf ein Wort führt zu einem anderen Text, was nicht nur sehr bequem ist, sondern auch die Kommentierungstechniken nachhaltig veränderte. Parallel dazu gab es auch innerhalb der Editorenzunft umstrittene Neuerungen. Faksimile-Ausgaben wie die Frankfurter Kafka Ausgabe (FKA) versetzen konservative Editoren in Rage: Basisdemokratischer Zugriff auf die “Originale” könne einen nach allen Regeln der Kunst erstellten Text nicht ersetzen.

Mit der Computerphilologie beschäftigt sich ein eigenes Fach mit Theorie und Praxis elektronischer Editionen. (1)

Die konkreten Vorteile einer digitalen Edition sind schnell aufgezählt: Es gibt erstens keine Platzbeschränkung. Die am Klagenfurter Musil-Institut entstehende elektronische Gesamtausgabe wäre wegen des exorbitanten Nachlassmaterials in Buchform nicht finanzierbar. Die Verbreitung kann zweitens aufgrund der günstigen Herstellungskosten über Wissenschaftsbibliotheken hinaus auch an jeden interessierten Leser erfolgen. Eine DVD ersetzt Dutzende dicke Bände. Neben der bereits erwähnten besseren Kommentierbarkeit, kann man drittens zusätzlich die Faksimiles der Originale anbieten. Hier setzt nun auch ein wichtiger theoretischer Unterschied an: Die klassische Edition nimmt die vorhandenen Dokumente (Autographen, Drucke) und konstruiert nach klaren Kriterien einen Text. Die Dokumente selbst bleiben für den Rezipienten unzugänglich. Walter Gabler analysiert in “Das wissenschaftliche Edieren als Funktion der Dokumente” (2) dieses geänderte Verhältnis von Dokumenten zu Texten. Statt die Faksimiles nur als Illustration einzusetzen, solle man den Text aber auch konzeptuell aus ihnen ableiten:

“Operationalisiert für die Edition im elektronischen Medium folgt daraus: wir strukturieren die wissenschaftliche Ausgabe für die Zukunft so, dass wir in ihren Mittelpunkt und an den hierarchischen Scheitelpunkt ihrer relational verknüpften Diskurse die virtuelle Präsenz der Dokumente stellen. Von dort leiten wir edierte Texte ab, als je aktualisiertes Funktionspotential der Dokumente, und in dynamischer Rückbindung an sie.” (3)

Diese Forderung erschließt sich, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Originaldokument durch diverse Kontexte zahlreiche Bedeutungen hat, die über den Text hinausgehen. Das gilt nicht nur für die Art der Handschrift (z.B. sorgfältig geschrieben oder schnell hingekritzelt) oder mittelalterliche Codices (z.B. Text A nur auf Innendeckel des Textes B), sondern auch für gedruckte Materialien. “Die Fackel” ist hier ein ausgezeichnetes Beispiel, denn Karl Kraus legte größten Wert auf die druckgraphische Gestaltung der Hefte. Schriftgröße, Art der Hervorhebungen, Trennungssymbole und die Zahl der Spalten wären als Beispiele dafür nennen. Sogar um die unterschiedlichen Rottöne der einzelnen Ausgaben kümmerte Kraus sich persönlich. Auch abgedruckte Dokumente sind in der Fackel keine Seltenheit. Im Dezember 1915 findet sich unter der Überschrift “Die letzte Wahrheit über den Weltkrieg” die Todesanzeige des Landsturmannes Wilhelm Berdux der “Den Heldentod fürs Vaterland” erlitt. (4)

Die Bedeutung der Auswahl und die zeitgeschichtliche Relevanz der Fremd- und Eigenanzeigen auf den Umschlagseiten sind ohnehin evident. Ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der digitalen Krausausgaben wird demnach sein, ob sie diesen semantischen Mehrwert auch transportieren. Weiters wird zu prüfen sein, ob die Kommentierungsmöglichkeiten des Mediums genutzt werden. Entscheidend für den Erfolg jeder Edition ist natürlich die Qualität des präsentierten Textes.

Es war die schlechte Textqualität, welche die erste elektronische Ausgabe der Fackel auf CD-ROM schnell in Verruf brachte. Andreas Weigel belegt das ausführlich in seinem kritischen Aufsatz über diese Edition. (5) Um verifizieren zu können, ob die neuen Ausgaben weniger Fehler aufweisen, greife ich im Folgenden auf einige seiner Beispiele zurück. So finden sich auf der CD-ROM zahlreiche Scanfehler, die nicht lektoriert wurden: “Zeltgefühl” statt “Zeitgefühl”; “erlordern” statt “erfordern” etc.

Für die Fackel im Internet ergeben diese und weitere Stichproben, dass sich die Akademie derartige Schlampereien erfreulicherweise nicht leistete. Auch die DVD verschont ihre Leser mit dieser peinlichen Fehlerkategorie. Die Digitalisierung beider Texte ist also mit großer Sorgfalt erfolgt.

Für die Fackel-Ausgabe im Internet gilt, dass alle Seiten der Fackel als Faksimile zur Verfügung stehen. Damit erhält man buchstäblich direkten Einblick in jedes Heft. Zusätzlich gibt es eine Textversion. Wechseln zwischen Text und “Original” ist ebenso möglich wie das parallele Anzeigen (links der Text, rechts das Bild). Damit sind auch wissenschaftliche Recherchen ausgezeichnet möglich. Sogar den unterschiedlichen Rottönen kann man problemlos nachgehen, da auch alle Umschläge als Foto vorhanden sind.

Auf diese Farben muss der Benutzer der DVD verzichten, hier sind die Faksimiles nur in Schwarzweiß abrufbar. Von dieser Einschränkung abgesehen, ist auch bei dieser Ausgabe die komplette Zeitschrift als Faksimile anzusehen. Die digitalisierte Ausgabe des Suhrkamp-Verlags erhält ebenfalls eine Auswahl aus der Fackel, allerdings ohne Faksimiles. Immerhin sind alle 529 Abbildungen der Bücher in digitaler Form enthalten.

Eine klassische Kommentierung gibt es bei keiner der drei Ausgaben. Damit lässt man eine der größten Vorzüge einer digitalen Edition ungenutzt. “Die Fackel” mit adäquaten Anmerkungen zu versehen, wäre allerdings eine gewaltige Arbeitsleistung. Wir haben hier also zwei Leseausgaben vor uns. Die Internetversion ist mit einigen begleitenden Texten versehen, “Paratexts” genannt. Seltsamerweise sind nicht nur die “Editoral Notes” auf Englisch, obwohl ein des Deutschen nicht mächtiger dieses Angebot ohnehin nicht nutzen kann. Deutlich großzügiger gibt sich die DVD-Ausgabe. Auch hier sucht man zwar einen Textkommentar vergeblich, allerdings werden knapp 450 Seiten bibliographische Informationen mitgeliefert. Es handelt sich dabei um ein von Friedrich Pfäfflin und Eva Dambacher erstelltes Verzeichnis, das jedes Heft kurz kommentiert (zum Teil auch inhaltlich, allerdings sehr knapp). (6) Der Band der Digitalen Bibliothek wartet nur mit den Anhängen zu den Buchausgaben auf (ohne Verlinkungen)nebst einem zweiseitigen Einführung von Christian Wagenknecht.

Als letztes Bewertungskriterium noch ein Blick auf die verwendete Technik. Die Navigation der Online-Fackel ist auf den ersten Blick ungewöhnlich (und führt unter Umständen zur Notwendigkeit des seitlichen Scrollens, wenn man beispielweise Ergebnisliste, Text und Faksimile neben einander hat). Man gewöhnt sich aber schnell daran und kann das Angebot bald effizient nutzen. Die DVD-Ausgabe der “Fackel” sowie die Suhrkamp-Ausgabe greifen auf die inzwischen sehr ausgereifte Software der “Digitalen Bibliothek” zurück (Version 4), die über komplexe Suchmöglichkeiten verfügt. Ein großer Vorteil gegenüber der Internetversion sind die Möglichkeiten, Textstellen mit Kommentaren zu versehen bzw. diese farblich hervorzuheben.

Es lässt sich das Fazit ziehen, dass alle drei elektronischen Ausgaben die wichtigste Aufgabe, den analogen Text weitgehend fehlerfrei in ein elektronisches Format zu bringen, sehr gut bewältigt haben. Dass zusätzlich bei beiden Fackelvarianten ein komplettes Faksimile zur Verfügung steht, ist sehr begrüßenswert. Allerdings lässt sich die von Gabler geforderte enge konzeptuelle Verknüpfung zwischen Faksimile und Text noch nicht einmal ansatzweise finden. Mangels Kommentierung handelt es sich bei allen drei Editionen um nützliche Leseausgaben bzw. zuverlässige Rechercheinstrumente. Besonders hervorzuheben ist selbstverständlich, dass nun eines der größten monomanischen Publizistikprojekte des letzten Jahrhunderts entweder gratis im Internet oder für bescheidene zwanzig Euro als DVD zur Verfügung steht. Bisher mussten sich Interessierte mühsam antiquarisch einen der Nachdrucke beschaffen.

Die Resonanz auf die Veröffentlichungen war entsprechend groß und ging nicht ohne gedankliche Kurzschlüsse ab. So wurde Karl Kraus mit Aplomb von der Bloggerszene als berühmter Ahne adoptiert. Nun mag es wenige Qualitätsblogs geben, die hohen sprachlichen und (medien)kritischen Anforderungen genügen. Kraus hätte sich aber schön bedankt, mit den hunderttausenden ebenso schlecht geschriebenen wie gedachten Elaboraten dieses Sprachkosmos in Verbindung gebracht zu werden.

(1) Im deutschsprachigen Raum ist das Forum Computerphilologie der wichtigste Anlaufpunkt.
Es gibt auch das “Jahrbuch für Computerphilologie” heraus.

(2) http://computerphilologie.tu-darmstadt.de/jg06/gabler.html

(3) Ebenda Absatz [17]

(4) Fackel Nr. 413-417 S. 86

(5) Andreas Weigel: “Brille ohne Gläser.” Mustergültig misslungene CD-ROM-Edition von Karl Kraus’ Zeitschrift “Die Fackel”.

(6) Friedrich Pfäfflin und Eva Dambacher in Zusammenarbeit mit Volker Kahmen (Hrsg.): Der ›Fackel‹-Lauf. Bibliographische Verzeichnisse: ›Die Fackel‹ als Verlagserzeugnis 1899-1936 – Verlag Jahoda & Siegel, Wien 1905-1935 – Zeitschriften, die sich an der ›Fackel‹ entzündeten: Vorbilder, Schmarotzer und Blätter aus dem Geist der ›Fackel‹. Ein Jahrhundertphänomen. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 1999. (Beiheft 4 zum Marbacher Katalog 52). S. 11-111.

Veröffentlicht in Literatur und Kritik November 2007.

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Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Der Bildungsroman einer Person, das ist ein Typus des Romans. Der Bildungsroman einer Idee, das ist der Roman schlechtweg.
(Robert Musil)

Es gibt hier über 2000 Beiträge, und ich wäre jede Wette eingegangen, dass sich mindestens einer davon ausführlich mit dem Mann ohne Eigenschaften beschäftigt. Handelt es sich dabei doch um eines meiner (bereits mehrmals gelesenen) Lieblingsbücher, was die zahlreichen anderen Notizen über Musil zeigen. So war ich sehr überrascht, als mir jemand schrieb, er hätte hier vergeblich nach dem MoE (so nennen die Eingeweihten den Roman) gesucht.

Diese Lücke muss jetzt natürlich geschlossen werden. Wie über alle großen Werke Weltliteratur könnte man auch über den MoE ein dickes Buch schreiben, weshalb ich mich hier auf einige herausragende Punkte beschränken muss. Ich finde vor allem zwei Aspekte faszinierend: Die geschliffene, ironische Präzision der Sprache und das intellektuelle Programm des Romans. Über Musils Stil gibt der berühmte erste Absatz des Buches bereits einen exzellenten Eindruck:

Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Satumringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern, Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.

Fast jeder Satz dieses dicken Buchs ist ein ausgefeiltes Meisterwerk. Wie genau es Musil mit der Textarbeit nahm, das belegen die unzähligen Manuskriptvarianten einzelner Kapitel. Er war ein Perfektionist, stellte höchste Qualitätsansprüche an sich und feilte so lange am Text, bis er einigermaßen zufrieden war. Dieser Entstehungsprozess lässt sich dank der Faksimiles in der neuen digitalen Ausgabe auch für Laien gut nachvollziehen.

Musils Konzept des Romans war ein höchst anspruchsvolles. Er wollte durch das Buch einen Beitrag zur geistigen Bewältigung seiner Zeit liefern, und zwar in einem engeren Sinn als sonst bei Autoren üblich. Musil ging es einerseits um eine Darstellung verschiedener exemplarischer Weltanschauungen, andererseits um einen grundlegenden Vorschlag, wie das seines Erachtens drängendste grundsätzliche Problem, die Kluft zwischen Gefühl/Mystik und Verstand/Ration zu überbrücken sei. Was die Weltanschauungen angeht, führt Musil dazu einzelne Figuren ein, welche sie vertreten. Das klingt nach einer eher unbeholfenen Erzähltechnik, Musil exekutiert das aber so subtil und brillant, dass einem die Figuren lange nach der Lektüre noch im Gedächtnis bleiben.

Den Brückenschlag zwischen Gefühl und Verstand “diskutiert” der Roman rund um den “anderen Zustand”, der nahe an “mystischen” Zuständen ist. Musil versucht den Zustand rational-hellsichtig zu beschreiben, um ihn damit aus der denkfaulen Esoterikecke zu ziehen. Er war seit seinen jungen Jahren ein Rationalist, der sich aus dieser Perspektive mit dem Irrationalen befasst.

Obwohl Musil seit den zwanziger Jahren bis zu seinem Tod 1942 intensiv am MoE arbeitete, blieb der Roman Fragment. In der Forschung gibt es eine lange Diskussion über den fragmentarischen Charakter. Die Spannweite reicht von konkreten Rekonstruktionsvorschlägen, wie ein Ende hätte aussehen können, bis hin zu Behauptungen, das Buch sei aus intrinsischen Gründen gar nicht zu vollenden gewesen. Deshalb ist der Editionsstatus des Romans (siehe Link oben) in Buchform derzeit unbefriedigend. Die im dritten Buch versammelten Fragmente können durch ihre Anordnung den unvoreingenommenen Leser mehr verwirren als erhellen.

Meine Empfehlung ist deshalb, die ersten beiden Bände des Romans zu lesen. Aufgrund der Länge des Werks, spricht auch nichts gegen eine Lesepause zwischen Band 1 und Band 2. Der Band 3 der aktuellen Buchedition sollte man nur dann angehen, wenn man sich vorher eingehender über die Editionslage informiert. Ansonsten erwartet man eine Form des Romanendes und ist über dessen Ausbleiben dann enttäuscht.

Wer sich auf den Mann ohne Eigenschaften samt seinen abstrakteren Frageeinstellungen einlassen kann, den erwartet eines der besten Leseerlebnisse, das die Weltliteratur zu bieten hat.

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften (Rowohlt)

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