Joseph Roth: Radetzkymarsch

Meine Zweitlektüre des Radetzkymarsch (1932) ist genaugenommen keine Lektüre, weil ich mich für eine Hörbuchversion des Romans entscheide. Eine gute Entscheidung, denke ich mir schon nach wenigen Minuten, weil die Stimme des Wiener Burgschauspielers Michael Heltau so wunderbar zu diesem Text passt. Ist doch Joseph Roths wohl bekanntestes Werk eine große Hommage an das untergegangene kaiserliche Österreich wie etwa auch Doderers furiose Strudlhofstiege.

Eine Hommage in Form eines Abgesangs. Es ist bekannt, dass Joseph Roth dem Kaiserreich nachtrauerte, speziell als sich die nationalsozialistische Katastrophe für Mitteleuropa abzeichnete. Diese Sympathie durchzieht den Radetzkymarsch in Form der großen Sorgfalt mit der Roth diese untergegangene Welt beschreibt. Der Roman wäre freilich keine Weltliteratur, würde diese Eloge nicht vielfältig durch Ironie gebrochen, welche nicht selten die Stufe des sympathischen Spotts erreicht. Vielfältig ist die Ironie, weil sie sich nicht nur auf die Beschreibung des Settings und vieler Charaktere beschränkt, sondern auch strukturelle Elemente enthält. Wenn etwa der alte Bezirkshauptmann Franz von Trotta nach und nach zu einem Doppelgänger des Kaisers Franz Joseph mutiert, wird die Ironie Bestandteil der ästhetischen Struktur. Selbstverständlich lässt sich der Zerfall des Kaiserreichs auch allgemein als eine Reflexion über die Vergänglichkeit lesen.

Zur chronologischen Strukturierung greift Roth auf ein bewährtes Konzept zurück: Den Generationenroman. Schon bei den Buddenbrooks [Notiz] wird diese Subgattung sehr erfolgreich für einen Verfallsprozess verwendet. Bei Roth verdankt die aus dem armen slowenischen Bauerndorf Sipolje stammende Familie Trotta ihren rasanten sozialen Aufstieg dem Sprössling Joseph, der als Leutnant in der Schlacht von Solferino heroisch dem jungen Kaiser Franz Joseph das Leben rettet, deshalb in den Adelsstand gehoben wird und lebenslange Protektion der höchsten Kreise genießt. Nebenbei auch ein zeitloses Lehrstück, wie diese Tat nicht nur in den Schulbüchern in eine heroische Propagandageschichte umgelogen wird. Das entfremdet Joseph vom Militär, weshalb er seinen Sohn Franz in eine zivile Karriere drängt. Er wird letztendlich mustergültiger Beamter und Bezirkshauptmann.

Dessen Sohn Carl Joseph wird nun als Offizier zum Problemfall. Einerseits aufgrund von unehrenhaften Frauengeschichten. Andererseits aufgrund seines Alkoholproblems in Kombination mit Glücksspiel. Als starker Trinker läuft Roth bei der Beschreibung dieser diversen Süchte literarisch zu seiner Höchstform auf. Jene Episoden spielen sich im militärischen Kontext ab und zeigen die kaiserliche Armee zunehmend als dekadent und inkompetent. Ein starker Kontrast zum Beginn des Romans. Am Ende übernimmt der Kaiser als Schutzpatron der Familie Trotta die Schulden des Carl Joseph: Der Kreis schließt sich. Zeit für den ersten Weltkrieg.

Joseph Roth: Radetzkymarsch. Gelesen von Michael Heltau (Audible / Diogenes)

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