Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo

Geplagt von einem schlechten Nachrichten-Burnout, intendiere ich während meiner traditionellen See-Lesewoche im September eine unterhaltsame Fluchtlektüre und entscheide mich für klassische Unterhaltung: Den Grafen von Monte Christo. Ein Nebenaspekt ist, dass dieser Roman auf Social Media gerne gehypt wird, wenn auf Klassiker die Rede kommt. Gelesen hatte ich, meiner Erinnerung nach, einmal eine Jugendbuch-Ausgabe davon. Die Ausgabe hat 1000 Seiten: Für eine ausgiebige Realitätsflucht ist also gesorgt.

Meine Erwartungshaltung hielt sich in Grenzen, weil ich weiß, wie diese Romane im 19. Jahrhundert als kommerziell lukrative Massenware in Fortsetzungen produziert wurden. Dieser erschien seriell 1845/46. Vermutlich am besten vergleichbar mit heutigen Netflix-Serien. Viel Spektakel und viele Schauwerte bei überschaubarer Substanz.

Die ersten dreihundert Seiten bin ich positiv überrascht: Dumas erzählt tatsächlich eine sehr unterhaltsame und spannend zu lesende Abenteuergeschichte. Stellenweise kolportagehaft naturgemäß, aber in diesem Rahmen alles sehr akzeptabel. Das ändert sich, als unserem Protagonisten endlich die Flucht aus seinem Insel-Verlies gelingt, und er sich in den Grafen von Monte Christo verwandelt: Es gibt an dieser Stelle einen massiven und seltsamen Bruch in der Erzählung, der so gar nicht zum Genre passt und offenbar der fiktional notwendigen Verwandlung in den reichen Rache-Grafen geschuldet ist. Erwähnenswert ist, dass die Macht des Grafen, die dieser unerbittlich auslebt, ausschließlich mit seinem märchenhaften Reichtum begründet wird. Das gibt dem Buch einen unerwarteten antikapitalistischen Spin.

Der mittlere Teil der Handlung nach diesem Einschnitt liest sich dann strukturell und erzählerisch eher holprig, bevor der Roman zum Ende hin wieder Fahrt aufnimmt und kapitelweise wieder das Niveau des ersten Drittels erreicht. Narrativ ist eine verdiente Rachegeschichte natürlich sehr dankbar, und der Graf spielt darin eine vergleichbare Rolle wie heute ein Superheld in einem der einschlägigen Blockbuster. Dass ihn am Ende dann doch noch die Skrupel packen, ist dann eine Wendung, die sich nicht sehr plausibel aus der bisherigen Handlung und aus seinem Charakter ableiten lässt.

Alles in allem also keine Lektüre-Empfehlung für den Grafen von Monte Christo. Dazu gibt es in der Literatur des 19. Jahrhunderts zu viele bessere Alternativen von Balzac bis Dickens. Auch was “reine” Unterhaltungslektüre angeht. Hier wäre mein Tipp etwa Wilkie Collins’ Die Frau in Weiß (zur Notiz).

Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo (Anaconca)

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