Im Zuge meiner neuen Auseinandersetzung mit Homers Odyssee lese ich das neue biographische Sachbuch des Althistorikers Raimund Schulz, weil ich eine historische Perspektive auf den Stoff des Epos für sehr wichtig für dessen Verständnis halte.
“Aus dem episch verklärten Ensemble Historisches herauszukristallisieren und das Leben des Helden vor dem Hintergrund dieser Bezüge nachzuzeichnen, ist eine mögliche und wichtige Aufgabe und Ziel dieses Buches.” (S. 16)
Schulz startet mit dem historischen Setting und beschreibt die Welt des Odysseus “unromantisch” als eine Art frühantiker Wikinger, welche die geographischen Nachteile ihrer teils kargen Wohnorte in Sachen Fruchtbarkeit routinemäßig durch Raubzüge ausgleichen, in denen sie sich holen, was sie brauchen. Vom Weideland für ihre Herden bis zu Sklaven und Frauen. Diese Raubüberfälle finden bekanntlich in der Odyssee ausführlich ihren Niederschlag. Aber auch im Alten Testament kann man nachlesen, wie damals Städte angegriffen, Männer getötet und Frauen als Beute mitgenommen wurden. Von dem von uns gerne auf die alten Griechen projizierten heldenhaften Idealismus bleibt bei nüchterner Betrachtung wenig übrig. Die Polis als politisches System ist noch nicht erfunden und eine Ideologie der Kriegerehre musste herhalten, um die in Wahrheit barbarischen Verhältnisse aufzuhübschen, in denen die Stärkeren den Schwächeren ihren Willen aufzwingen.
[Odysseus’] Großvater Autolykos war ein weithin bekannter Dieb und Betrüger, in Mittelgriechenland als der “schweifende Wolf“, „eine Berühmtheit und Gegenstand des Volkswitzes.
(S. 45)
Schulz erinnert uns immer wieder auch daran, dass “unser” Odysseus nicht immer mit den literarischen Quellen zusammenpasst, etwa wenn er anmerkt:
“Nirgendwo steht, Odysseus habe das [trojanische] Pferd erfunden, gebaut oder dessen Bau angewiesen oder durchgeführt.”
(S. 86)
Sein Buch ist immer dann am erhellendsten, wenn er auf seine historische Expertise zurückgreift und Odysseus entmystifiziert. Ein großer Teil des Textes besteht allerdings aus einer interpretierenden Nacherzählung des Epos. Es mag daran liegen, dass ich die Odyssee kurz vorher zum fünften Mal las, dass ich diese Passagen oft als redundant empfinde. Wer das Original freilich nicht präsent hat, bekommt damit ein passables Gesamtbild.
Alles in allem ist Odysseus. Mythos und Wahrheit ein sehr solides Sachbuch, das seinen Zweck erfüllt, mich aber nicht begeistert, zumal sich ein paar peinliche Passagen finden, wenn Odysseus uns etwa ahistorisch als Frauenversteher präsentiert wird.
Raimund Schulz: Odysseus. Mythos und Wahrheit (Klett-Cotta)
Hallo!
Nach dieser Beschreibung will mir scheinen, dass dieses Buch hier nicht mehr Fakten zu Odysseus bringt als das 2016 erschienene „Abenteurer der Ferne“ vom gleichen Autor. Dort ist Odysseus nur ein kleiner Mosaikstein, aber das Wichtige zu ihm hat Schulz wohl dort schon geschrieben.