Olivier Norek: The Winter Warriors

Aufmerksam wurde ich auf das Buch, weil es sich unter den besten hundert Neuerscheinungen der New York Times für 2025 fand. Ich bemerkte allerdings erst nach dem Kauf, dass ich mir die englische Übersetzung eines französischen Romans ausgesucht hatte. Olivier Norek ist primär ein französischer Krimiautor.

Im Zentrum des Romans steht der legendär gewordene finnische Scharfschütze Simo Häyhä, zu Beginn noch ein Bauernbub, der dann im Alleingang hunderte der angreifenden russischen Soldaten erledigt. Zur Erinnerung: Stalin greift im November 1939 mit seiner riesigen russischen Armee das kleine Finnland an. Wie Putin bei seinem Angriff auf die Ukraine ist Stalin davon überzeugt, dass es ein kurzer, schnell gewonnener Krieg sein wird. Wie die Ukraine verteidigt sich Finnland aber unerwartet tapfer und kreativ. Die Parallelen zur Gegenwart drängen sich während der Lektüre immer wieder auf. Etwa die vielen dummen „meat wave“ Angriffe der russischen Armee, die nichts erreichen, aber unzählige tote russische Soldaten produzieren, oder die überall fehlende Ausrüstung auf Seiten der Angreifer.

Der rote Faden schlängelt sich an Simo und den Kriegserlebnissen seiner Kompanie entlang. Simo und seine Kindheitsfreunde Toivo, Onni und Pietari Koskinen werden von ihrem vergleichsweise idyllischen finnischen Bauernleben in einen Eishöllenkrieg geworfen, mit Temperaturen von bis zu minus 50 Grad. Immer wieder gibt es einen Wechsel der Perspektive ins russische Lager, später auch in die Hauptstädte der Alliierten und selbstverständlich ins finnische Hauptquartier. Literarisch überzeugt mich das nur selten, dazu sind die Sprünge semantisch oder strukturell meist zu wenig bis gar nicht vorbereitet. Manche der historischen Figuren tauchen nur einmal auf. Neue Schauplätze und Personen werden noch bis kurz vor Ende des Romans eingeführt.

The Winter Warriors bekommt also keine literarische Empfehlung von mir, aber sehr wohl eine inhaltliche, weil diese Episode des Zweiten Weltkriegs bei uns immer noch zu wenig bekannt ist und sich diese Geschichte vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine unbequem aktuell liest. Er ruft den Lesenden auch wieder eindringlich die Brutalität von Kriegen in Erinnerung und die geopolitische Gier, die oft deren Hauptursache ist. Soweit ich es historisch beurteilen kann, recherchierte Norek den Inhalt des Romans so sorgfältig, dass er auch ein kompetentes Sachbuch hätte schreiben können. Dazu passt auch, dass viele der historisch relevanten Dialoge oft direkt dokumentarisch aus den Archiven stammen, also nicht fiktional sind.

Olivier Norek: The Winter Warriors (Atlantic Monthly Press)

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