Gartenbaukino 03.09. 26
Als Wiener Hitzeflüchtling war ich im Juli und August überwiegend in der Obersteiermark, weshalb ich jetzt erst dazu komme, mir den neuen Film Christopher Nolans anzusehen. Als Klassiker-Freund bin ich natürlich sehr neugierig, wie ein Regisseur seines Kalibers diesen notorisch schwer zu verfilmenden Stoff für die Leinwand bearbeitet. Auch ein dreistündigen Film muss hier naturgemäß vieles weglassen. Als Vorbereitung lese ich Die Odyssee wieder einmal, mehr dazu in einer zukünftigen Notiz.
The Odyssey ist der erste komplett für IMAX gedrehte Kinofilm, aber zum Besuch eines der Wiener Kommerz-Cineplexe mit IMAX kann ich mich nicht durchringen, sondern entscheide mich stattdessen als Kompromiss für die 70-mm-Version im Wiener Gartenbaukino, und zwar um 6:30 am Morgen, wo sich erstaunlicherweise etwa 200 Menschen im Kino einfinden.
Visuell ist der Film mit wenigen Ausnahmen gut gelungen. Das liegt primär daran, dass vieles klassisch “vor Ort” gedreht wurde, also auf dem Meer, auf Inseln usw., was der Ästhetik einen authentischen Ausgangspunkt bietet und sich sehr wohltuend vom digitalen Slop des Mainstreamkinos und der Streamingproduktionen der letzten Jahre abhebt: Klassische handwerkliche Cinematographie statt computergenerierte Grafik. Die Szenen auf dem Meer sind schon wie in Dunkirk von beeindruckender Opulenz. Die Episode mit dem Zyklopen Polyphem ist Referenz. Deutlich eintöniger sind dagegen viele der dunkel ausgeleuchteten Innenräume, zumal visuell spektakuläre Paläste wie jener der reichen und dekadenten Phäaken von Nolan komplett gestrichen wurden.
Was mich zum Drehbuch des Films bringt, wo man die meisten Kritikpunkte findet, wenn man von Homers Epos ausgeht. Vorneweg sei noch ergänzt, dass Nolan seinen Film als von der Odyssee inspiriert ansieht, also eine genaue Reproduktion der literarischen Vorlage gar nicht intendiert war. Das ist völlig legitim, und der Film ist ein gelungenes eigenständiges Kunstwerk geworden: Der Odysseus-Stoff in der Verarbeitung des Christopher Nolan, weshalb es auch jede Menge Gemeinsamkeiten mit seinen anderen Filmen gibt, etwa der Topos des schuldgeplagten Helden oder die Art, wie mit Erinnerung als Thema umgegangen wird. Es gibt auch erzählerisch hervorragende Szenen wie die feministisch grundierte Circe-Episode. Selbstverständlich gelingt Nolan auch eine überzeugende Zeitstruktur. Angesichts der zahlreichen Zeitebenen keine kleine Leistung, aber bekanntlich auch seine Spezialität.
Nolan lässt allerdings einige der besten literarischen Momente des Textes komplett aus, etwa dass Odysseus lieber zu seiner alternden Frau zurückkehrt als mit Kalypso unsterblich zu werden oder die über Jahrtausende hinweg berührende Szene im Hades mit seiner Mutter, die er als Schatten nicht umarmen kann.
Hauptverdienst der Verfilmung ist aber sicherlich, dass sie eines der wichtigsten Bücher der abendländischen Kultur weltweit über Monate wieder zurück in viele Debatten und auf Bestsellerlisten brachte, und dass die lächerliche Debatte über Historizität einer fiktiven Geschichte mit Monstern und Göttern dem riesigen Erfolg keinen Abbruch tat.
Teile Deine Meinung. Ich werd ihn mir ein 2. Mal anschauen. Beim 1. mal war ich zu gespannt nur mit dieser Frage: Wie wird Nolan diese Szene gestalten? Jetzt weiß ich es und kann mich auf Details konzentrieren, auch auf die Musik. Beachtlich, daß um 6.30 in der Früh soviele Odysseus schauen wollen.
Ich dachte schon, ich sei komisch, weil ich gerne in die erste Nachmittagsvorstellung um 14 Uhr gehe – und dort die Filme oft für mich allein habe.
Aber 6:30 Uhr, das toppt alles!