Memoir of an Italian Soldier in World War I.
Bei meiner kürzlichen Reise durch das Friaul gab es ungeplant einen Schwerpunkt rund um den Ersten Weltkrieg, und im Museumsshop des beeindruckenden Weltkriegsmuseums in Kobarid stieß ich auf dieses Tagebuch eines jungen italienischen Soldaten, der als Unteroffizier den gesamten Krieg in seinem Tagebuch festhält. Eine ebenso erhellende wie deprimierende Lektüre.
Wie Millionen anderer startet er motiviert und naiv in das vermeintliche Abenteuer:
„I don’t have the slightest idea of what war is (…) I imagine it as they described it to me at school: beautiful, romantic, where you alone represent immorality, the champion without fear, and only others die, but without suffering“.
– 21.2. 1916
Freilich merkt er sehr schnell, dass ein realer Krieg weit weg von seiner Bubenfantasie ist. Die österreichischen Maschinengewehre führen zu unzähligen Toten bei den wiederholten Angriffen:
We are in the open field, without protection, targets of their artillery and machine guns (…) Every day the losses are heavy, and the cadavers, which we don’t succeed in burying, rot in the sun and send a stench that flattens us physically and morally.
– 5.7. 1916
Was bei der Lektüre zusätzliches Interesse weckt, ist Vincenzos zunehmende intellektuelle Durchdringung seiner Erlebnisse:
Above all, remember that war is made almost exclusively by the poor, and up to now, the poor are always forgotten in the victory as well as in the defeat and always end up returning to what they were before. The poor man works from dawn to dusk and meagerly manages to feed his family.
– 7.11. 1916
Später lesen sich dann einige Beschreibungen der Kämpfe wie aus einem Horrorroman:
The tunnel is full of equipment and of the dead strechted out on the ground. We use their bodies as footstools and pillows. We doze off on their chests, and our exhaustion and resignation dull the tragedy.
– 22.5. 1917
Es finden sich dazwischen auch immer wieder Passagen, welche die Kameradschaft und die positiven sozialen Effekte der Kriegssituation beschreiben. Vincenzo hat unwahrscheinlich viel Glück und überlebt als einer der wenigen seines Offiziersjahrgangs. Am Ende des Krieges sterben dann noch zwei seiner Brüder an der spanischen Grippe.
Es spricht nicht für unsere Gegenwart, dass man ständig Bezüge zu ihr herstellen kann. So lese ich diese teils grauenhaften, teils rührenden Einträge und denke unwillkürlich auch an die vielen ukrainischen Soldaten, die gerade Europa an einer ähnlich extrem tödlichen Front verteidigen.
Dieses Tagebuch ist die ideale Ergänzung „von unten“ zu analytischen Werken über den Ersten Weltkrieg wie Christopher Clarks sehr empfehlenswertes Buch Die Schlafwandler (Notiz).
Vincenzo Calzia: Mountains on Fire. Memoir of an Italian Soldier in World War I (Amazon Publishing)