In Österreich gab es heuer eine kurze, aber heftige Diskussion, weil Bildungsminister Christoph Wiederkehr den Lateinunterricht an den Gymnasien kürzen will, um Zeit für vermeintlich aktuellere Themen wie KI zu gewinnen. Dazu passt das neue Buch der wahrscheinlich prominentesten Antikenforscherin hervorragend, weil sie darin eine Vielzahl von Argumenten und Perspektiven gut lesbar aufbereitet, warum eine Beschäftigung mit der Antike auch und gerade heute wertvoll und unverzichtbar ist.
Verächter des Alten sehen darin gerne eine verstaubte bildungsbürgerliche Pflichtübung in Kombination mit exklusivem Statusdenken. Tatsächlich ist an dieser Perspektive nicht alles falsch, wenn man sich soziohistorisch die Rolle der alten Sprachen in den letzten 250 Jahren ansieht. Heute ist es aber sicher nicht mehr so, dass eine Beherrschung des Altgriechischen großes Sozialprestige brächte oder eine Karriere garantierte.
Wer sich heute adäquat mit der Antike beschäftigt, sieht sie als intellektuelle Provokation auf vielen Ebenen. Das ist seit Jahrzehnten auch meine Erfahrung. Wenn ich etwa Platon lese, finde ich ja gerade die Mischung aus vielen brillanten Einsichten mit zum Teil fürchterlichen politischen Ideen faszinierend. Aber gerade diese Fürchterlichkeit kann einen sehr viel über die Gegenwart lehren. (Zur Notiz über den Staat).
In diese Richtung argumentiert auch Mary Beard, allerdings viel wortgewandter und substanzieller als ich das hier könnte nach ihrer langen Karriere als Klassizistin. Das Buch geht auf zwei Vorlesungsreihen zurück, die Beard 2019 und 2023 hielt. Sie schubst einerseits anhand mehrerer Beispiele die klassische Antike vom Podest, indem sie auf die vielen Unzulänglichkeiten und Grausamkeiten der Epoche hinweist, etwa wie verkürzt die Darstellung der Griechen als Erfinder der Demokratie sei angesichts der historischen Tatsachen.
Von akademischer Seite wird am Buch kritisiert, dass Beard in ihren Argumenten teils oberflächlich bleibe bzw. ihr wird Relativismus vorgeworfen. Das läuft aber insofern ins Leere, als sie bewusst ein kurzes Buch für die Allgemeinheit schrieb, kein Fachbuch für ihre Kollegen. Es ist ein intellektuell anregender und persönlicher Text geworden, den man gerade Politikern wie Christoph Wiederkehr empfehlen will, bevor sie Latein und Co. vorschnell in die Mottenkiste verdammen.
Mary Beard: Talking Classics. The Shock of the Old (Profile Books)