Das iranische Wien

Filmcasino 29.11. 2015

Iran 2011-12
Nessa
Regie: Loghman Khaledi

Iran 2008
Lady of the Roses
Regie: Mojtaba Mirtahmasb

Der Kulturverein Das iranische Wien organisierte für heute im Filmcasino eine Matinee mit zwei sehr unterschiedlichen, je fünfzig Minuten langen Filmen. In beiden stehen iranische Frauen im Mittelpunkt.

Nessa ist die bedrückende Fallstudie einer jungen iranischen Schauspielerin aus der Provinzstadt Kermanshah, die ich übrigens letztes Jahr während meiner Iran-Reise selbst besuchte. Ihre Familie und ihre Umwelt haben kein Verständnis für ihren selbstbestimmten Lebenswunsch. Ihr überforderter Bruder schlägt ihr deshalb fast ein Auge aus, womit der im dokumentarischen Stil gedrehte Film auch einsetzt.

Einen ganz anderen Ton schlägt die Dokumentation Lady of the Roses an, wobei die namensgebende Protagonistin nicht mehr direkter Teil des Filmes sein kann, weil sie bei einem Unfall ums Leben kam. Die beherrschende Figur vor der Kamera ist ihr zweiundachtzigjähriger Gatte Homayoun Sanatizadeh, den man sich eine Art persischen Universalgelehrten vorstellen darf. Das Ehepaar überzeugte 1500 Bauernfamilien in der Provinz Kerman statt Opium Rosen anzubauen, die sie in einer Fabrik zu Rosenwasser verarbeiten. In wenigen Jahren wird dieses Projekt eine unglaubliche Erfolgsgeschichte für alle Beteiligten, deren treibende Kraft die Rosenlady war. Eine inspirierende, nachahmenswerte Geschichte.

Richard Strauss: Elektra

Wiener Staatsoper 25.11. 2015

Dirigent: Peter Schneider
Regie: Uwe Eric Laufenberg

Klytämnestra: Anna Larsson
Elektra: Nina Stemme
Chrysothemis: Regine Hangler
Orest: Iain Paterson
Aegisth: Herbert Lippert

Elektra ist ein Stoff, der gut in unsere emotional aufgeladenen Zeiten passt. Wie fest verwurzelt das Bedürfnis nach Rache im Menschen ist, kann man in diesen Wochen in Paris beobachten, wo sich das Militär nach den Anschlägen vor Freiwilligenmeldungen gar nicht retten kann.

Richard Strauss sprengte 1909 nicht nur die Grenzen der Tonalität um die Wucht dieser Rachegeschichte auf die Opernbühne zu bringen. Nina Stemme ist in Wien nicht nur eine großartige Brünnhilde, sondern eine ebenso exzellente Elektra. Es ist kaum zu glauben, mit welcher Leichtigkeit sie die schwierige Partie singt. Auf diesem Niveau mitzuhalten ist für die anderen auf der Bühne nicht einfach, die musikalische Qualität des Abends ist aber durchgehend hoch.

Die Inszenierung ist für Wiener Verhältnisse sehr modern. Gleich zu Beginn ist etwa eine nackte Frau auf der Bühne, und es gibt trotzdem keine Ohnmachtsanfälle der anwesenden Hofratswitwen. Das Bühnenbild erinnert an einen Gefängnishof und ein Paternoster bringt die handelnden Figuren in und aus dem Haus. Nach dem Finale dient der altmodische Aufzug zum Transport diverser Leichen.

Politischer Populismus

Kunsthalle Museumsquartier 22.11. 2015

Der Titel der Ausstellung ist selbst eine populistische Irreführung, beschäftigt sich doch kaum eines der dort ausgestellten zeitgenössischen Werke dort direkt mit dem Populismus. Wenigstens ist der Eintritt frei, so dass man für die falsche Erwartungshaltung nichts bezahlen muss.

Zu sehen ist Gegenwartskunst mit politischem Bezug. Grandios ist darunter Trevor Paglens Auseinandersetzung mit den Snowden-Enthüllungen. Für die 89 Landscapes genannte Videoinstallation filmte der Künstler Überwachungseinrichtungen in den USA und in Großbritannien. Verfremdend zusammengeschnitten und eingebettet in teils erhabene Landschaften ergibt das eine gruselige Wirkung, die durch den bassträchtigen Soundtrack noch verstärkt wird. Die knapp halbe Stunde Zeit dafür sollte man sich unbedingt nehmen.

Weitere Arbeiten beschäftigen sich auch mit Asien, nämlich den Zwangsenteignungen chinesischer Häuser für Großprojekte und koreanischer Vergangenheitsbewältigung. Es dominiert Audiovisuelles. Das Niveau ist insgesamt sehr erfreulich. (Bis 7.2.)

Mia Madre

Filmcasino 20.11. 2015

I/FR 2015
Regie: Nanni Moretti

Viel hat sich Nanni Moretti für diesen Film vorgenommen, nämlich ein Opus Magnum über Leben, Krankheit, Tod und gleichzeitig über die Filmkunst zu drehen. Im Mittelpunkt steht eine engagierte Autorenfilmerin fortgeschrittenen Alters, Margherita Buy, deren Mutter im Sterben liebt. Dieser Sterbeprozess löst eine emotionale Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und den eigenen Beziehungen aus (Ebene 1). Die sterbende Mutter eröffnet einen Blick auf den Komplex Krankenhaus, Medizin, und Tod (Ebene 2). Der Film, den sie gerade dreht, beschäftigt sich mit einem Arbeitskampf und einer drohenden Massenentlastung in einer Fabrik (Ebene 3). Das Handwerk eines Filmdrehs wird ausführlich gezeigt, darunter auch die Hassliebe zu einem aus Amerika eigens eingeflogenen Schauspieler (Ebene 4).

Gleichzeitig versucht Moretti das ganze Spektrum der Filmgenres abzudecken, von der Komödie (inklusive Slapstick) bis zum pathetischen Ende der Alltagstragödie einer sterbenden Mutter. Dieser Überladenheit schadet dem Film, obwohl Moretti diese Ebenen nicht ungeschickt verknüpft. Das intendierte Meisterwerk ist Mia Madre jedenfalls nicht geworden.

Tariq Ali: Shadows of the Pomegranate Tree

Der Pakistaner Tariq Ali schreibt historische Romane über entscheidende Momente der islamischen Geschichte. Shadows of the Pomegranate Tree beschäftigt sich mit der Rückeroberung Andalusiens durch Isabella und Ferdinand. Ich lese ihn deshalb als Einstimmung für meine Andalusien-Studienreise im letzten Monat. Der Roman beginnt brutal mit einer riesigen Bücherverbrennung durch die Inquisition. Deren Ziel: Die Auslöschung des grandiosen kulturellen Erbes durch die Vernichtung fast aller gelehrten Schriften.

Im Mittelpunkt der Handlung steht das Dorf Banu Hudayl, genauer dessen islamische Herrschaft. Der Alltag dieser bunten moslemischen Aristokratenfamilie endet mit einem brutalen Massaker durch ein christliches Ritterheer. Ali verschweigt auch die Schattenseiten der islamischen Herrschaft nicht, sondern versucht ein ausgewogenes Bild der historischen Situation zu zeichnen. Ästhetisch ist der Text nicht aufregend: Er setzt ausschließlich auf eine realistische Erzählweise. Der literarische Anspruch ist aber deutlich höher als genreüblich.

Der Roman ist ein packendes Plädoyer gegen religiösen Fanatismus und für Toleranz. Damit ist er heute aktueller als am Anfang der neunziger Jahre als er erstmals erschienen ist.

Tariq Ali: Shadows of the Pomegranate Tree: A Novel (Open Road)

A Perfect Day

Filmcasino 3.11. 2015

ES 2015
Regie: Fernando León de Aranoa

Der spanische Film beschäftigt sich auf sarkastische Weise mit dem Balkan-Krieg. Im Mittelpunkt steht das Grüppchen einer Hilfsorganisation, deren Ziel es ist, eine Leiche aus dem Trinkwasserbrunnen eines Dorfes zu bergen. Dabei stoßen sie auf diverse groteske Hindernisse. Die Absurdität der Kriegssituation und die willkürliche Brutalität eines ethnisch motivierten Konflikts wird filmisch ebenso gut eingefangen wie die psychischen Belastungen, die sich bei den Helfern zwangsläufig entwickeln. Das Lachen bleibt einem immer wieder im Halse stecken.

ISIL – Zwei Analysen

Nach den Anschlägen in Paris ist auch in den sogenannten seriösen Medien viel Unfug zu lesen. Im Fernsehen geben sich Terrorspezialisten mit unklarer Qualifikation die Studioklinken in die Hand. Deshalb hier der Hinweis auf zwei hervorragende Analysen, welche die aktuelle Situation und die Hintergründe sehr differenziert darstellen.

Der erste Artikel ist kürzlich im Blog der New York Review of Books erschienen: Paris: The War ISIS Wants von Scott Atran und Nafees Hamid:

As our own research has shown—in interviews with youth in Paris, London, and Barcelona, as well as with captured ISIS fighters in Iraq and Jabhat an-Nusra (al-Qaeda) fighters from Syria—simply treating the Islamic State as a form of “terrorism” or “violent extremism” masks the menace. Dismissing the group as “nihilistic” reflects a dangerous avoidance of trying to comprehend, and deal with, its profoundly alluring mission to change and save the world. What many in the international community regard as acts of senseless, horrific violence are to ISIS’s followers part of an exalted campaign of purification through sacrificial killing and self-immolation. This is the purposeful violence that Abu Bakr al-Baghdadi, the Islamic State’s self-anointed Caliph, has called “the volcanoes of Jihad”—creating an international jihadi archipelago that will eventually unite to destroy the present world to create a new-old world of universal justice and peace under the Prophet’s banner.

Der beste mir bekannte, sehr ausführliche Text über ISIS ist aus der März-Ausgabe von The Atlantic: What ISIS Really Wants von Graeme Wood. Auszüge daraus habe ich hier schon einmal zitiert. So lange sich die Politik nicht auf dieses intellektuelle Niveau begibt, werden keine adäquaten Gegenstrategien entwickelt werden können.

Gorki: Wassa Schelesnowa

Burgtheater 30.10. 2015

Regie: Andreas Kriegenburg

Wassa Petrowna Schelesnowa: Christiane von Poelnitz
Anna, ihre Tochter: Andrea Wenzl
Semjon, ihr Sohn: Martin Vischer
Pawel, ihr Sohn: Tino Hillebrand
Natalja, Semjons Frau: Frida-Lovisa Hamann
Ljudmila, Pawels Frau: Aenne Schwarz
Prochor Schelesnow: Peter Knaack
Michailo Wassiljewitsch, Verwalter: Dietmar König

Bevor ich nach zwei Stunden in der Pause endlich das Burgtheater verlassen kann, langweilte ich mich beinahe zu Tode. Das lag weder an dem Stück Gorkis, noch an der schauspielerischen Leistung, sondern an der missglückten Inszenierung Kriegenburgs. Er setzt auf eine hohe Artifizialität, die er vor allem durch eine Verlangsamung auf allen Ebenen erreicht. Das könnte eine gute Regieidee sein, entzöge sie nicht dem Stück und den Dialogen jegliche Spannung und jegliche Energie. Gelungen und symbolträchtig ist die als Bühnenbild eingesetzte dynamische Ebene. Aber wer geht schon des Bühnenbildes wegen ins Theater?

Aktuelle Ausstellungen in Wien

In der Albertina sind gleich drei sehenswerte Ausstellungen zu besuchen. In Edvard Munch – Liebe, Tod und Einsamkeit werden diese Themenkreise vor allem anhand von Grafiken dargestellt. Darunter sind immer wieder dieselben Motive in unterschiedlichen Varianten, was einen guten Einblick in Munchs Arbeitsweise gibt. (Bis 24.1.)
Eine tolle Idee war es auch die Freundschaft zwischen den künstlerisch so unterschiedlichen Lyonel Feininger und Alfred Kubin zu dokumentieren. Es finden sich sowohl autobiographische Dokumente als auch Werke, welche einerseits die private Nähe andererseits die ästhetischen Unterschiede zeigen. Trotz der unterschiedlichen Kunstauffassungen schätzten die beiden ihre Arbeit gegenseitig. (Bis 10.1.)
Schließlich zeigt das Haus in Black & White eine kleine, thematische Auswahl aus dem etwa 100.000 Stück umfassenden Fotoarchiv der Albertina. Dieses Format soll zukünftig fortgesetzt werden, was ich sehr begrüße, da der Öffentlichkeit nicht zugängliche Archive ja immer etwas trauriges haben. (Bis 10.1)

Sehr erfreulich ist auch die Herbst-Ausstellung im Leopold Museum: Farbenrausch. Meisterwerke des deutschen Expressionismus. Neben einigen eigenen Werken kommen die meisten aus dem Osthaus Museum in Hagen. Diese Kreativitäts-Explosion verfolgen zu können, gibt einen schönen Einblick wie sich ästhetische Revolutionen entwickeln. Ich kannte vorher auch Christian Rohlfs nicht, dessen Werke meine Entdeckung dieser Schau sind. (Bis 11.1.)

Völlig misslungen ist dagegen die breit beworbene neue Ausstellung des Theater Museums. Doch Die Geschichte Europas – erzählt von seinen Theatern wird dem Anspruch des Titels bei weitem nicht gerecht. Da es sich um ein EU-Projekt handelt, wird man als Zuseher von einem pompösen Vorwort des EU-Präsidenten Martin Schulz empfangen. Die Ausstellung besteht aus einer Reihe von Schautafeln zu unterschiedlichen Themen, die insgesamt bei weitem nicht die Geschichte Europas abdecken, und sich auf breit ausgetretenen Pfaden bewegen. Wer wenig über Theatergeschichte weiß, mag daran interessiert sein. Für alle anderen eine Zeitverschwendung, die nach Wien noch bis 2017 auf Tournee geht. (Bis 28.3.)

Nicht mehr zu sehen ist inzwischen leider die exzellente Schau über den Wiener Kreis mit dem treffenden Untertitel Exaktes Denken am Rande des Untergangs. Veranstaltet von der Universität Wien war sie die beste geistesgeschichtliche Ausstellung, die ich bisher sah. Das lag an der intelligenten Kombination von an Schnüren herunter hängenden Texttafeln mit Videos und zahlreichem Quellenmaterial. Sie beleuchtet den Wiener Kreis und das Umfeld auch aus unterschiedlichen Perspektiven von den Vorläufern bis hin zu literarischen Sympathisanten.

Die für mich mit Abstand beste Ausstellung ist derzeit im Kunsthistorischen Museum zu sehen, nämlich die erste Werkschau von Joseph Cornell in Österreich. Meine Faszination mag daran liegen, dass ich den in den USA sehr geschätzten Cornell bisher so gut wie gar nicht kannte. Seine Collagen und Assemblagen sind hochgradig anspielungsreich und zum Nachdenken anregend. Außerdem handwerklich (im wörtlichen Sinn) exzellent gemacht, speziell seine beziehungsreichen Schaukästen. Selten hört man auch einen so engagierte Audioguide, den man unbedingt verwenden muss. Der Kurator erklärt dort mit einem ansteckenden Enthusiasmus Leben & Werk Cornells. (Bis 10.1.)

Privatbibliothek: Neuzugänge

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Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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