Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent: Europa 1900-1914

Nach dem Beginn des neuen Jahrtausends samt den diversen politischen Turbulenzen fühlte sich Philipp Blom vermutlich an an den Beginn des letzten Jahrhunderts erinnert und kam auf die Idee, uns diesen historischen Spiegel vorzuhalten. 2009 erscheint schließlich sein Buch Der taumelnde Kontinent: Europa 1900-1914. Seitdem lag das Buch auch ungelesen auf einem meiner „dringend zu lesenden“ Bücherstapel. Endlich war es so jetzt so weit. Die Ironie dabei: Sein Buch ist 2019 noch viel „aktueller“ als zur Zeit seines Erscheinens, sind die Zeitläufte inzwischen doch noch viel turbulenter geworden mit der Rückkehr des Rechtsradikalismus im Westen und den diversen internationalen Krisenherden.

Bloms Ziel ist also primär ein didaktisches. Er setzt dieses Projekt um, indem er jedem der Jahre zwischen 1900 und 1914 ein Schwerpunktthema widmet und dieses seinen Lesern ausgesprochen spannend nahebringt. Einerseits wählt er oft entlegene Quellen zur Illustration aus, die ein ungewöhnliches Schlaglicht auf das Thema werfen. Die Pariser Weltausstellung etwa wird anhand des Reisetagebuchs eines deutschen Schullehrers veranschaulicht. Diese Detailsicht wechselt mit abstrakteren Querschnittsbetrachtungen. Dabei wirft er immer auch einen Blick in unterschiedliche Länder. Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Russland sind fast immer dabei.

Von den kolonialen Grausamkeiten im Kongo über die genialen Entdeckungen der Marie Curie bis hin zu den Ateliers der Wiener Maler reicht sein weiter Blick. Für mich war die Lektüre eine gute Mischung aus Altbekannten und neuen Aspekten, speziell was einige Details angeht. Am Ende der Lektüre wundert man sich tatsächlich, wie viele Parallelen sich zur Gegenwart aufdrängen. Massenpsychosen finden sich ebenso wie psychisch überforderte Büroangestellte. Völlig unfähige Spitzenpolitiker wie die Ignoranz gegenüber den größten Problemen der Zeit. Blom zieht selbst keinerlei explizite Parallelen, sondern verlässt sich darauf, dass diese im Kopf der Leser stattfinden. Ein nahezu perfektes historisches Sachbuch.

Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent: Europa 1900-1914 (Hanser)

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