Wagner

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Wagner: Der Ring des Nibelungen

Wiener Staatsoper

Musikalische Leitung: Simon Rattle
Regie: Sven-Eric Bechtolf

Das Rheingold 16.5. 2015

Wotan: Tomasz Konieczny
Loge: Herbert Lippert
Fricka: Michaela Schuster
Erda: Janina Baechle
Alberich: Richard Paul Fink
Fafner: Mikhail Petrenko
Mime: Herwig Pecoraro

Die Walküre 17.5. 2015

Siegmund: Christopher Ventris
Hunding: Mikhail Petrenko
Sieglinde: Martina Serafin
Wotan: Tomasz Konieczny
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Fricka: Michaela Schuster

Siegfried 20.5. 2015

Siegfried: Stephen Gould
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Der Wanderer: Tomasz Konieczny
Alberich: Richard Paul Fink
Mime: Herwig Pecoraro
Erda: Janina Baechle
Fafner: Mikhail Petrenko

Götterdämmerung 25.5. 2015

Siegfried: Stephen Gould
Hagen: Falk Struckmann
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Gunther: Boaz Daniel
Gutrune: Caroline Wenborne
Alberich: Richard Paul Fink

Simon Rattle hatte nur wenige Male den Parsifal in der Wiener Staatsoper dirigiert. Eine gute Entscheidung des damaligen Direktors Ioan Holenders, denn Rattle ist ein maximal mittelmäßiger Wagner-Dirigent. Beim Rheingold finde ich seine musikalische Herangehensweise noch interessant: Er setzt auf hohe Transparenz und langsame Tempi, was mich manchmal an Celibidache, manchmal sogar an Leonard Bernstein erinnert. Bei der Walküre funktioniert dieses zerfaserte Musizieren nur noch stellenweise und der Feuerzauber des Finales war an Fadesse kaum zu überbieten. Das Ende der Götterdämmerung ditto. Bei manchen Orchesterpassagen hatte ich die ernsthafte Befürchtung, Rattle würde während des Dirigierens einschlafen. Diese Art der Interpretation erzeugt im Idealfall eine unerträgliche Spannung, hier ist sie nur langweilig. Franz Welser-Möst brachte das vor zwei Jahren um Welten besser hin.

Vokal ist dieser Ring dagegen deutlich besser als orchestral. Höhepunkte sind hier Rheingold, wo es wenig auszusetzen gibt, und Siegfried. Sängerisch mein bisher bester dritter Teil des Rings. Das liegt nicht zuletzt an der phänomenalen Form des Stephen Gould, der am Ende der vier Stunden noch so frisch und energiereich sang als sei er eben auf die Bühne getreten. Evelyn Herlitzius als Brünnhilde überzeugt mich dagegen nicht restlos. Sie hat zwar eine enorme Bühnenpräsenz, weil sie ein für die Oper ungewöhnliches schauspielerisches Talent mitbringt. Ihr Stimmvolumen ist ebenfalls beeindruckend. Sie klingt allerdings in den lautesten Passagen für meinen Geschmack zu schrill. Auch die Götterdämmerung bezog ihre musikalische Qualität vor allem von Gould und Herlitzius.

Der berühmte erste Aufzug der Walküre ist auf hohem Niveau enttäuschend. Christopher Ventris singt zwar technisch einwandfrei, ist aber anscheinend nicht wirklich bei der Sache, während Mikhail Petrenko als Hunding und Martina Serafin als Sieglinde ihm deutlich überlegen sind. Michaela Schuster als Fricka liefert immer eine herausragende Leistung ab. Tomasz Konieczny Wotans ist ausnahmelos sehr kraftvoll und treffend, allerdings irritiert seine seltsame Vokalfärbung. Ohne diese wäre er der perfekte Wagner-Wotan.

Über die misslungene Inszenierung habe ich mich ja schon mehrmals ausgelassen, beispielsweise hier.

Wagner: Tannhäuser

Wiener Staatsoper 22.10. 2014

Dirigent: Peter Schneider
Regie: Claus Guth

Hermann: Kwangchul Youn
Tannhäuser: Robert Dean Smith
Wolfram von Eschenbach: Christian Gerhaher
Elisabeth: Camilla Nylund
Venus: Iréne Theorin

Von allen Wagner-Opern mag ich den Tannhäuser am wenigsten. Das Niveau der ästhetischen Reflektion bleibt weiter hinter dem der Meistersinger zurück, und die propagierte christliche Tugendethik ist viel naiver und ungebrochener als beim Parzival. Opern mit einem happy ending machen mich aber grundsätzlich depressiv.

Claus Guth verlegt den Tannhäuser in das Wien der Jahrhundertwende, was wenigstens zu einigen Highlights Anlass gibt. So treten die Pilger am Ende in Zwangsjacken auf, was ein hübsches kritisches Bild für die Entmündigung durch die Religion im Mittelalter ist.

Musikalisch war der Abend mit zwei Ausnahmen erfreulich. Robert Dean Smith war ein völlig uninspirierter Tannhäuser, dem es vokal an jeglichem Glanz mangelte. Der Wiener Staatsopernchor setzt auf Lautstärke statt auf eine präzise Phrasierung. Dafür legte das Staatsopernorchester eine formidable Leistung hin und die übrigen Sänger ebenso. Herausragend stimmlich und schauspielerisch der Wolfram Eschenbach des Christian Gerhaher. Besser kann man diese Rolle nicht geben.

„Die Walküre“ im neuen Linzer Musiktheater

Linzer Musiktheater 29.3. 2014

Regie: Uwe Eric Laufenberg
Musikalische Leitung: Dennis Russell Davies

Siegmund: Michael Bedjai
Sieglinde: Sonja Gornik
Hunding: Albert Pesendorfer
Wotan: Duccio dal Monte a.G.
Fricka: Karen Robertson
Brünnhilde: Elena Nebera

Bruckner Orchester Linz

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 11. April 2013, wurde das neue Linzer Musiktheater eröffnet. Eineinhalb Stunden mit dem Zug von Wien entfernt und in Gehreichweite des Bahnhofs, könnte es selbst von der Hauptstadt aus gesehen eine interessante Bereicherung der Opernlandschaft sein. Um diese Hypothese zu überprüfen, verbrachte ich das letzte Wochenende in Linz, gemeinsam mit einer guten Karte für Die Walküre. Ein ambitioniertes neues Opernhaus nimmt sich selbstverständlich gleich Wagners Ring zu Beginn vor. Das Gebäude stammt vom britischen Architekten Terry Pawson und gefällt mir gut. Die versetzten Fassadenteile bewirken, dass der Bau nicht protzig wirkt. Das Glas sorgt für Transparenz, auch wenn es zur Hauptspielzeit am Abend draußen natürlich meistens dunkel ist. Innen ist alles sehr großzügig gestaltet. Die Sitze sind deutlich bequemer als in der Wiener Staatsoper und die Technik ist auf dem neuesten Stand. So sehe ich wie im Flugzeug einen kleinen Monitor vor mir, der mit einem Touchscreen ausgestattet ist und mich namentlich begrüßt. Während der Vorstellung kann man hier das Libretto mitlesen, aber auch durch Besetzung und Inhaltsangabe blättern. Trotz dieses Komforts wird zusätzlich über der Bühne der Text eingeblendet, eine Redundanz, die mir nur bedingt einleuchtet.

Meine Erwartung an die Provinz-Walküre waren moderat und sie wurden übertroffen. Vokal war das Gebotene mit Ausnahme der Walküren zweitklassig. Nicht wirklich schlecht, aber es gab eigentlich bei jedem der Sänger etwas auszusetzen. Dem Wotan fehlte die Kraft, der Fricka die Inspiration, der Brünnhilde eine gute Phrasierung und Siegmund hat sich bereits vor Beginn wegen einer Erkältung entschuldigen lassen. Am besten war noch Albert Pesendorfer als Hunding. Den Abend gerettet hat allerdings das Bruckner Orchester. Dennis Russell Davies wählt einen für die Die Walküre ungewöhnlichen Zugang: Er nimmt die Emotionen zurück, was sicher nicht allen Wagnerfreunden gefällt. Das Ergebnis war aber eine intelligente und transparente Interpretation der Partitur. Selten hörte ich die Leitmotive so klar herausgearbeitet wie hier in Linz. Das Niveau der Musiker war sehr erfreulich. Man kann die Linzer zu diesem Orchester nur beglückwünschen. Ach ja, die Inszenierung ist nicht erwähnenswert.

Das jüdische Wien und Richard Wagner

Jüdisches Museum 5.1. 2014

Diese Ausstellung verdanken wir natürlich noch dem Wagnerjahr und, wie alle Ausstellungen des Hauses in den letzten Jahren, ist sie sehr solide zusammengestellt. Zwar gibt es für Wagnerwissende nur bedingt Neues, aber man trifft doch viele alte Bekannte wieder. Die Wiener Aufführungsgeschichte hätte ich mir etwas ausführlicher gewünscht. Allerdings wurden Mahlers Inszenierungen mit Alfred Roller für die Wiener Hofoper schon oft thematisiert. Einiges dazu ist zu sehen, auch die Opernzettel früher Aufführungen. Man wird mit den Wiener Wagnervereinen ebenso bekannt gemacht wie mit diversen Kuriositäten: So gab es Firmen, die mit Hilfe des Parsifal Nahrungsmittel an den Wiener bringen wollten.
Selbstverständlich wird der Antisemitismus Wagners rezeptionsgeschichtlich aufgearbeitet, speziell die Wirkungsgeschichte bei den Nationalsozialisten. Erschreckend der Videozusammenschnitt mit der Rechtfertigung der Winifried Wagner, dieses fürchterlichen Weibes. Am Ende der Schau steht die Diskussion in Israel.
Exemplarisch herausgearbeitet ist ebenfalls der Einfluss von Wagners Werk auf die Popkultur. Zu sehen sind deshalb Filmausschnitte aus Star Wars und dem Lord of the Rings. Für mich eine gelungene verspätete Abrundung des Jubiläumsjahres.
(Bis 16.3.)

Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner – Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhundert

Notizen-Leser wissen, dass ich mich dieses Jahr viel mit Richard Wagner beschäftigte. Der Grund ist nicht, wie man meinen könnte, das Jubiläumsjahr, sondern war der bereits vor mehr als einem Jahr gebuchte Ring in der Wiener Staatsoper. Als Vorbereitung dazu begann ich mit der Lektüre der fast tausendseitigen Biographie von Martin Gregor-Dellin, die mir von unterschiedlichen Seiten empfohlen wurde und die ich in den letzten Monaten sukzessive las.

Die größte Stärke dieser Biographie ist ihre gut recherchierte Ausgewogenheit. Gregor-Dellin beschreibt Wagners Leben sehr detailreich. So manche geschilderte Episode hätte auch kürzer ausfallen können. Ausgewogen ist das Buch, weil es Wagner weder verteufelt noch vergöttert. Der Autor weiß die grandiose musikalische Leistung kompetent zu würdigen, und zwar ohne zu sehr in den technischen Jargon der Musikwissenschaft zu verfallen, beschönigt aber auch die widerwärtigen Seiten Wagners nicht, allem voran seinen Antisemitismus. Inkompetente Kritik entlarvt er auch als solche. Wagners problematisches Privatleben kommt selbstverständlich nicht zu kurz.

Hervorzuheben ist ebenfalls, dass Gregor-Dellin den historischen Kontext ausführlich beschreibt. Beispielsweise bekommt das Revolutionsjahr 1848 samt Wagners Beteiligung und die nachfolgende Repressionsphase viel Raum. Am Ende des Buches kennt man Wagner als komplizierte, vielschichtige, oft unsympathische Persönlichkeit. Wie immer bei der Beurteilung von Kunst, sollte man sich aber hüten, diese zu stark von der Person des Künstlers abhängig zu machen. Die meisten Genies hatten ihre unappetitlichen Seiten und die Kulturgeschichte belegt hinreichend, dass brave Biedermänner nur selten großartige kreative Leistungen vollbringen.

Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner: Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhundert (Piper Taschenbuch)

Wagners Ring an einem Abend

Wiener Volksoper 2.6. 2013

Dirigent: Jac van Steen
Erzähler: Robert Meyer
Wotan/Wanderer: Alexander Trauner
Loge: Jeffrey Treganza
Alberich: Michael Kraus
Siegmund/Siegfried: Endrik Wottrich
Sieglinde: Ursula Pfitzner
Brünnhilde: Irmgard Vilsmaier

Als vorläufig letzten Akt meines privaten Wagner-Jubiläums besuche ich noch die Volksoper. Nach dem furiosen Ring der Staatsoper ist meine Erwartungshaltung bescheiden: In erster Linie interessieren mich die geistreichen Zwischentexte Loriots einmal live zu hören und Robert Meyer ist tatsächlich der passende Interpret dafür.

Die Überraschung des Abends: Unter der Leitung Jac van Steens spielt das Orchester des Hauses einen wunderbaren Wagner! In der Staatsoper saß ich in so mancher Repertoireaufführung mit deutlich schlechterem Niveau. Gesanglich war die Leistung sehr unterschiedlich. Während die meisten eine ganz passable Interpretation gaben, konnte mich Alexander Trauner als Wotan am wenigsten überzeugen.

Der Ring des Nibelungen

Wiener Staatsoper
Das Rheingold, 12.5. 2013
Die Walküre, 15.5. 2013
Siegfried, 19.5. 2013
Götterdämmerung 22.5. 2013

Dirigent: Franz Welser-Möst
Regie: Sven-Eric Bechtolf

Wotan: Tomasz Konieczny
Alberich: Wolfgang Bankl
Mime: Gerhard A. Siegel
Fafner / Hunding: Ain Anger
Loge: Norbert Ernst
Siegmund: Simon O`Neill
Sieglinde: Camilla Nylund
Brünnhilde: Nina Stemme
Fricka: Mihoko Fujimura
Siegfried: Stephen Gould
Hagen: John Tomlinson
Gunther: Boaz Daniel
Gutrune: Caroline Wenborne
uvm.

Selbst Intellektuelle werfen Wagner gerne vor, seine Musik sei nationalistisch, aufhetzend, kurz: politisch völlig unerträglich. Wenn ich dann nachfrage, stellt sich fast immer heraus, der Betreffende kennt keine einzige (!) Wagner-Oper, weiß aber, die Nazis seien begeisterte Wagnerianer gewesen.

Wagners Hauptwerk, Der Ring des Nibelungen, könnte in Wahrheit nicht weiter von diesen Unterstellungen entfernt sein: Es ist eines der abgründigsten und düstersten Werke der Kulturgeschichte. Macht- und Geldgier, Raub und Diebstähle, Ausbeutung und Sklavenarbeit, Mord und Betrug prägen die Geschichte. Am Ende steht die Apokalypse, kein tausendjähriges Reich. Die Erlöserfigur, der junge Siegfried, ist ein peinlicher pubertärer Volltrottel. Der Ring reiht sich ein in die besten misanthropen und dystopischen ästhetischen Produktionen des Abendlandes. Er ist hellsichtig rätselhaft wie die Werke Kafkas und brutal erbarmungslos wie die besten Bilder des Hieronymus Bosch. Wer die vier Opern unbedingt auf politische Motive durchforsten will, der wird viel Progressives finden. Das Nibelungenreich unter Alberichs Fuchtel ist eine böse Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung von Arbeitern. Bis heute hoch aktuell, wenn man an Foxconn und Co. denkt. Die Institution der Ehe wird ausgesprochen negativ dargestellt. Die entsetzliche Strafe, die Wotan der ungehorsamen Brünnhilde zugedenkt ist: Hausfrau zu werden.

Damit sind wir bei einer der faszinierendsten Fragen angelangt: Wie war es möglich, dass diese Dystopie bei Nationalisten solchen Anklang fand? Die Antwort liegt selbstverständlich im Menschen Wagner und seinen unappetitlichen Anschauungen begründet. Wagner, der Antisemit, dem Juden zu seinem Durchbruch verhalfen. Wagners Werke sind aber ironischerweise nicht nur viel intelligenter als seine Schriften, sie widerlegen diesen Unfug sogar. Wenn es um Ästhetik geht, sind Kunstwerke immer unabhängig von ihrem Schöpfer zu bewerten. Wären Newtons Bewegungsgesetze weniger elegant, wenn er ein Raubmörder gewesen wäre? Sympathische Kunstschaffende, die Großes geleistet haben, gibt es wenige. Läse, hörte oder sähe man nur noch von moralisch einwandfreien Menschen hervorgebrachte Werke, bliebe kaum etwas übrig.

Die ästhetische Leistung Wagners kann niemand in Frage stellen, der sich mit dem Ring einmal in Ruhe beschäftigt. Nicht nur schuf Wagner eine völlig neue Kunstform und war damit einer der wichtigsten Avantgardisten des 19. Jahrhunderts. Eine so dichte, funktionierende musikalische und semantische Struktur über fünfzehn Stunden Musik zu ziehen, ist in der Kulturgeschichte eine einmalige Leistung.

Es war zu erwarten, dass sich die Wiener Staatsoper zum 200. Jahrestag Wagners, besonders große Mühe geben würde. Tatsächlich war diese Aufführung musikalisch mit Abstand die beste, die ich bisher hörte. Franz Welser-Möst brachte das Staatsopernorchester zu Höchstleistungen. Sensationell war die sängerische Leistung. Tomasz Konieczny war ein famoser Wotan, dessen Energie schier unbegrenzt zu sein schien. Nina Stemme war als Brünnhilde in Höchstform. Besser kann man diese Partie nicht singen. Norbert Ernst gab, meiner Erinnerung nach zum ersten Mal, den Loge und brillierte. Simon O`Neill als Siegmund und Camilla Nylund als Sieglinde leiteten Die Walküre exzellent ein. Der Siegfried des Stephen Gould war ebenfalls Referenz.
Die ersten drei Opern des Zyklus waren musikalisch phänomenal. Das hätte weltweit wohl niemand besser hinbekommen als die Wiener Staatsoper. Auf hohem Niveau enttäuscht hatte mich aber die Götterdämmerung, welche in der Wiener Presse sehr gelobt wurde. Orchestral war auch sie exzellent (trotz eines Riesenpatzers bei den Bläsern) und die bereits gelobten Sänger waren sehr gut. Mein Eindruck wurde allerdings vor allem durch John Tomlinson getrübt. Er fiel nicht nur stimmlich deutlich von den anderen ab, seine schauspielerische Leistung beschränkte sich auf das Aufreißen des Mundes und auf das Herumfuchteln mit dem Speer. Auf mich wirkte er mit seinem weißen Bart wie eine missglückte Nikolaus-Satire: Von Dämonie keine Spur. Auch der Staatsopernchor sang hörbar unpräzise.

Die Inszenierung wird auch beim wiederholten Male sehen nicht besser. Speziell, wenn Pferdefiguren auf der Bühne sind, winkt der Kitsch jedes Mal freundlich in den Zuschauersaal.

Ohne die beiden musikalischen Schwachpunkte, hätte es eine musikalische Referenzleistung sein können. Insgesamt jedenfalls eine großartige Leistung aller Beteiligten.

Wagner: Der fliegende Holländer

Wiener Staatsoper 2.5. 2013

Dirigent: Daniel Harding
Regie: Christine Mielitz

Senta: Anja Kampe
Erik: Stephen Gould
Der Holländer: Juha Uusitalo
Daland: Stephen Milling
Mary: Monika Bohinec
Steuermann Dalands: Benjamin Brus

Wagners Musik benötigt sehr viel Subtilität bei der Interpretation, um das Pathos zu disziplinieren. Daniel Harding beherzigte diesen wichtigen Grundsatz nicht, sondern schöpfte dynamisch aus dem Vollen. Das Staatsopern Orchester dröhnte überwiegend grell und drall aus dem Orchestergraben heraus. Mit dieser Klangkulisse hatte besonders Juha Uusitalo als Holländer zu kämpfen. Von einer schweren Krankheit genesen ist leider von seiner großartigen Wagnerstimme nichts mehr zu hören. Auch schauspielerisch hat man den Eindruck, er sei oft gar nicht anwesend. Von der notwendigen dämonischen Präsenz der Figur gar nicht zu reden.

Da half es dann auch nichts mehr, dass das restliche Ensemble eine stimmlich überragende Leistung zeigte. Es war der musikalisch schlechteste Fliegende Holländer, den ich in Wien bisher hörte.

Wagner: Parsifal

Wiener Staatsoper 2.4. 2015

Dirigent: Adam Fischer
Amfortas: Michael Volle
Gurnemanz: Stephen Milling
Parsifal: Johan Botha
Kundry: Angela Denoke
Titurel: Ryan Speedo Green
Klingsor: Boaz Daniel

Ein in allen Belangen erfreulicher Abend. Das Staatsopernorchester war glänzend disponiert und das Vokalensemble erlaubte sich keine Schwächen. Michael Volle als Amfortas hatte eine besonders fulminante schauspielerische Präsenz auf der Bühne.

———–

Wiener Staatsoper 31.3. 2013

Dirigent: Franz Welser-Möst / James Pearson
Regie: Christine Mielitz

Amfortas: Tomasz Konieczny
Gournemanz: Kwangchul Youn
Parsifal: Christian Elsner
Kundry: Evelyn Herlitzius
Klingsor: Wolfgang Bankl

Es war ein turbulenter Opernabend: Franz Welser-Möst hatte einen Kreislaufkollaps. Er kollabierte jedoch nicht am Dirigentenpult, wie heute in den Medien zu lesen ist, sondern er dirigierte bis zur ersten Pause und verließ dann völlig normal den Orchestergraben. Es sprang nach einer guten Stunde Pause Solokorrepetitor James Pearson ein, der die Aufführung rettete und hervorragend fortsetzte. Ich weiß nicht, ob er schon einmal am Pult stand. Wenn nicht, sollte man ihm nun regelmäßig diese Chance geben.
Schon vorher war der Abend nicht vom Glück verfolgt, sagte doch Jonas Kaufmann als Parsifal krankheitshalber ab. Dankenswerterweise sprang Christian Elsner ein, der gesanglich eine gute Leistung brachte, aber optisch so gar kein Parsifal ist (Phänotyp Otfried Fischer!). Erinnerte mich an stark übergewichtige Opernsänger, welche als Fidelio einen Halbverhungerten singen müssen.
Musikalisch war der Abend trotz des Dirigentenwechsels exzellent. Schon lange nicht mehr hörte ich das Staatsopernorchester so hervorragend spielen. Als Wiener Philharmoniker sind die Musiker an gelungenen Konzertabenden nicht besser. Der Staatsopernchor war ebenfalls gut in Form und trotz der langen Wagnerstrapaze hielten auch die Sänger bis zum Ende ihr hohes Niveau.

Die Inszenierung von Christine Mielitz ist für die Wiener Staatsoper erfrischend modern. Selbst Videoprojektionen kamen zum Einsatz, die ich allerdings von meinem Platz in der ersten Reihe der Galerie nur teilweise sehen konnte. Mielitz findet immer wieder starke, wirkungsvolle Bilder. Als Beispiel sei das erste Gral-Ritual genannt, während dessen sich die Bühne hebt und im Untergrund der Chor singt. Auch die Schlussszene ist beeindruckend, wo die Ritter wie heruntergekommene Soldaten nach einer Schlacht auf der Bühne liegen. Damit schafft Mielitz eine Brückenschlag vom fantastischen Universum der Oper in die Realität des Krieges.

Parsifal ist Wagners insofern anspruchsvollste Oper, als sie rätselhaft ambivalenter ist als alle anderen seiner Werke. Zwar wird sie gerne rund um Ostern aufgeführt und in der neuen Inszenierung der Salzburger Osterfestspiele darf sich sogar eine Jesusfigur ständig auf der Bühne herumtreiben, aber das Stück lässt sich nicht auf eine Apologie des Christentums reduzieren. Dafür gibt es viel zu viele mythologische und heidnische Elemente. Eher setzt Wagner seine Mythenexploration am Beispiel des Christentums fort, mit sehr viel Spielraum in andere symbolische Welten hinein. Dieser schwer zu bändigende fiktionale Raum ist, neben der Musik natürlich, der eigentliche Reiz des Parsifal.

Götterdämmerung im Gemeindebau

Geschrieben für „The Gap“. Hier geht es zum Originalartikel.

Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ ist bekanntlich das Nonplusultra der Hochkultur. Konsequent das im Wagnerjahr im Gemeindebau aufzuführen. Christian Köllerer war dort.

Jedes Jahr pilgert die Prominenz nach Bayreuth. Weniger um Wagner zu hören, sondern um dort seine Kultiviertheit öffentlich zur Schau zu stellen. Dieses Jahr werden es noch mehr werden: Der Kulturbetrieb hat anlässlich seines 200. Geburtstags ein Wagnerjahr ausgerufen. Jede Oper weltweit, die es sich leisten kann, führt heuer den Ring auf. So entbehrt es selbstverständlich nicht der Ironie, sich diesem Spektakel ausgerechnet im Wiener Gemeindebau zu widmen. Das Theater Rabenhof lud zum kompletten Ring in vier Teilen. Während die Aufführung der vier Stücke jede Oper an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bringt, bewältigt das kleine Theater das Mammutspektakel mit Leichtigkeit: Ein Schauspieler und eine Handvoll Musiker sind für den kompletten Zyklus ausreichend.

Solo-Germanengötterspiel

Geräuschfetischist Stefan Kaminski wagt sich nämlich alleine an das Großprojekt. Er nennt sein Format „Live-HörSpiel-Theater“. Auf der Bühne im T-Shirt vor mehreren Mikrophonen sitzend und eingerahmt von diversen Instrumenten und Gegenständen zur Klangerzeugung, spielt er alle (!) Rollen des Rings selbst. Der Schlüssel dafür ist Kaminskis gewaltige Stimmen- und Gestenvielfalt. Egal, ob der böse Zwerg Alberich seine Hasstiraden anstimmt oder die frustrierte Fricka Wotan in den Ohren liegt: Kaminski erweckt sie stimmlich zum Leben. Sein Spektrum reicht vom genuin Bösen bis zum parodistisch Lächerlichen. Das Spektakel begleitet Kaminski selbst mit Geräuschen. Das Plätschern der Rheintöchter, das Pferdetrampeln der Walküren oder die brennende Götterburg am Ende, alles wird von ihm live simuliert. Dabei bedient sich Kaminski Wagners Methode des Leitmotivs. Während Wagner allen Figuren und vielen Motiven des Rings eine Tonfolge zuweist, macht Kaminski das mit Geräuschen, Gesten und Requisiten. Wenn er als Loge spricht, wird das immer von einem brennenden Zündholz begleitet, Hagen durch ein rhythmisches Klopfen angekündigt oder Wotans Speer von ihm in Händen gehalten.

Unterstützung bei der Geräuscherzeugung und der musikalischen Untermalung bekommt Kaminski von zwei bis drei Musikern, die ebenfalls auf der Bühne sind. Dieses Konzept ist ausgesprochen originell und funktioniert überraschend gut, auch wenn sich der Originalitätsfaktor nach den ersten zwei Teilen merklich abnutzt. Das Publikum hängt trotz der komplizierten Geschichte und der seltsamen Sprache Wagners an Kaminskis Lippen. Zu Beginn versichert er glaubwürdig, dass er ein Wagnerfan geworden sei. Ein großes Verdienst seines Ringprojekts ist es sicher, opernferne Menschen erstmals mit Wagners monumentalem Werk zu konfrontieren. Es wäre interessant zu wissen, ob sich jetzt einige der Rabenhof-Besucher im Mai auch in die Wiener Staatsoper wagen, wo der Zyklus im Mai wieder komplett auf dem Programm steht.

Wager-Slapstick

Wie viel Wagner ist in Kaminskis Ring? Musikalisch finden sich einige der wichtigsten Motive verfremdet wieder. Ansonsten scheut sich Kaminski nicht, Wagners Musik durch eigene zu ersetzen. Viele musikalische Genres kommen zum Zug, vom Rap bis zum Schnulzenschlager, der das Duett zwischen Brünnhilde und Siegfried am Ende des dritten Teils parodiert.

In der Oper ist der „Ring des Nibelungen“ etwa sechzehn Stunden lang und damit eines der längsten und komplexesten Werke der Musikgeschichte. Die Komplexität der musikalischen Struktur beschäftigte inzwischen mehrere Generationen von Musikwissenschaftlern. Wagner gelingt es, zwingende musikalische Bezüge zwischen Elementen herzustellen, welche fünfzehn Stunden weit auseinander liegen. Einigen Komponisten gelingt diese Verknüpfung in kurzen Symphoniesätzen oft nur mit Tricks. Selbst wenn man Kunst und Literatur hinzunimmt, gibt es kaum Beispiele von vergleichbarer ästhetischer Dichte. Was bleibt davon bei Kaminski übrig?

Nimmt man die Länge ist seine Bearbeitung auf fünf Stunden gekürzt. Inhaltlich lässt Kaminski wenig aus: Die Handlung des Mythos wird gut transportiert. Auch hier nimmt sich der Stimmkünstler viele Freiheiten, kehrt aber immer wieder zum Libretto zurück, das gesprochen freilich oft unfreiwillig komischer klingt als wenn es in der Oper gesungen wird. Wagners Musik macht die Figuren eigentlich erst zu dem, was sie sind. Diese Dimension fehlt hier zwangsläufig. Es fällt auch auf, dass Kaminski immer wieder auf Slapstick zurückgreift, selbst wenn es so gar nicht zu Wagners Werk passt. Im „Rheingold“ wird Wotan ein zahnloser Greis, im „Siegfried“ ein hemmungsloser Säufer. Beides stößt natürlich auf Enthusiasmus im Publikum, nimmt dem Ringmythos aber ein grundlegendes tragisches Moment. Allerdings ist es angesichts der Rezeptionsgeschichte des Rings – Hitler war ein großer Wagnerfan – auch völlig legitim, einmal das Pathos aus dem Zyklus zu nehmen.

Kaminski ON AIR
Ring des Nibelungen
Rabenhof Theater, 19. – 23. März
Mit Hella von Plötz, Natascha Zickerick, Stefan Brandenburg, und Sebastian Hilken.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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