Shakespeare

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Shakespeares „Sommernachtstraum“ als Voraufführung

Burgtheater 7.9. 17

Regie: Leander Haußmann

Theseus: Daniel Jesch
Hippolyta: Alexandra Henkel
Oberon: Johannes Krisch
Titania: Stefanie Dvorak
Egeus: Franz J. Csencsits
Lysander: Martin Vischer
Demetrius: Matthias Mosbach
Hermia: Sarah Viktoria Frick
Helena: Mavie Hörbiger
Philostrat/Puck: Christopher Nell
Peter Squenz, der Zimmermann/Prolog: Hans Dieter Knebel
Zettel, der Weber/Pyramus: Johann Adam Oest
Schnock, der Schreiner/Löwe: Peter Mati?
Flaut, der Bälgenflicker/Thisbe: Martin Schwab
Schnauz,der Kesselflicker/Wand: Hermann Scheidleder
Schlucker, der Schneider/Mond: Dirk Nocker
Oberelfe: Elisabeth Augustin

Oft war ich schon im Burgtheater, aber was ich am Donnerstag erlebe war bisher einzigartig. Leider im schlechten Sinn des Wortes. Regelmäßige Besucher des Hauses wissen, dass sich zwischen die Weltklasse-Inszenierungen immer wieder einmal erstaunlich schlechte Regiearbeiten schieben. Das ist nicht ungewöhnlich, wenn man bedenkt, wie viele Faktoren für einen erstklassigen Theaterabend zusammenkommen müssen. Wenn das Burgtheater nun aber spontan eine Premiere verschiebt, muss es um die Qualität außergewöhnlich übel stehen. Ursprünglich sollte der Sommernachtstraum sein Debüt am 6. September feiern und wurde nun kurzfristig auf den 10. September verschoben. Eine mutige Entscheidung aus ästhetischen Gründen, würde man unter normalen Umständen wohlwollend nickend einräumen. Gäbe es nicht einen großen Haken: Aus wirtschaftlichen Gründen strich man keine Vorstellung, sondern benannte sie schlicht in „Voraufführungen“ um. So sitze ich denn mit meinem Zyklus „Nach der Premiere“ plötzlich in einer Aufführung vor der Premiere.

Wie befürchtet, nimmt die Theaterkatastrophe ihren Lauf. Karin Bergmann ersucht das Publikum vor Beginn um wohlwollendes Verständnis und fügt scherzend an, sie hoffe, der Regisseur würde sich nicht in den Abend einmischen. Die Komödie beginnt! Von einer magischen Zauberwelt ist nichts zu sehen. Haußmann scheint mehr auf die Wirkung einer überdrehten Wahnsinnswelt abzuzielen. Als Idee durchaus legitim, funktioniert deren Umsetzung aber gar nicht. Sollte der Regisseur dieses Befremden beim Zuschauer absichtlich induzieren wollen, passt es nicht zum klassisch komödiantisch angelegtem Theater im Theater der Handwerker. Einige Szenen und Dialoge funktionieren kurz, aber insgesamt ist die Inszenierung völlig zerfasert. Mäßig amüsante Regieideen wirken konzeptlos in großen Abständen aneinandergereiht.

Als sich die beiden verzauberten Liebespaare im Wald schließlich zum „Showdown“ begegnen, greift prompt Haußmann ein. Meine Hypothese wäre, dass es sich dabei um einen geplanten Gag handeln sollte, weil a) Bergmann ihn angekündigt hat; b) Haußmann den Effekt, welchen eine auf diese Weise unterbrochene Vorführung hat, abschätzen kann; c) der ganze Auftritt nicht authentisch, sondern schlecht geschauspielert wirkt; und d) der Auftritt des Regisseurs das Theater im Theater spiegelt und damit strukturell geistreich sein könnte. Wie dem auch sei: Er lässt die Szene noch mal spielen, weil die Parallelität nicht funktioniere, wie er uns wissen lässt.

Sollte es ein Gag gewesen sein: Das Wiener Publikum wusste es nicht zu schätzen. Neben zaghaftem Verlegenheitsapplaus gab es einige sehr böse Buhs. Als sich der Regisseur dann noch mal kurz auf der Bühne blicken lässt, hallt ein herzhaft Wienerisches „Schleich di!“ durch das Burgtheater, dem Haußmann auch schnurstracks nachkommt.

Das letzte Drittel zieht sich unglaublich in die Länge, was nicht nur an hilflos choreografierten Massenszenen mit Beteiligung der Theatertechnik liegt, ganz so, als gäbe es etwas Faderes als viel zu lange auf dem Theater-im-Theater-Effekt herumzureiten. Das Einzige, was einigermaßen funktioniert, ist Probe und Aufführung von Pyramus und Thisbe, was aber ausschließlich an Shakespeare und den alten, erstklassigen Burgtheaterhaudegen liegt, welche die Handwerker spielen.

Karin Bergmann hätte besser den Mut gehabt, einige Schließtage zu riskieren, als ihrem Publikum einen solchen deplorablen Abend zuzumuten.

Shakespeare: Sturm

Akademietheater 23.6. 17

Regie: Barbara Frey
Dramaturgie: Joachim Lux
Prospero: Johann Adam Oest
Caliban: Maria Happel
Ariel: Joachim Meyerhoff

Die zehnjährige Jubiläumsaufführung dieser Inszenierung wollte ich mir nicht entgehen lassen. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich bereits angetan. Dieser Eindruck bestätigt sich auch heute noch. Trotz der radikalen Kürzung des Textes funktioniert der Theaterabend gut, weil Johann Adam Oest als Prospero immer wieder einmal aus der Rolle fällt und die gekürzten Ereignisse als Erzähler zusammenfasst. Manchmal berichten auch die anderen Figuren vom Geschehen. Dass alle Protagonisten von nur drei (grandiosen!) Schauspielern gegeben werden, gibt der Inszenierung gleichzeitig ein witziges wie improvisiertes Element.

Der Sturm ist bekanntlich eines der eigenwilligsten Stücke Shakespeares. Die meisten seiner Dramen setzen auf eine spannende Dramaturgie, um die Besucher des Globe Theatre bei Laune zu halten. Ganz anders hier: Es ist fast von Anfang an klar, dass die auf der Insel gestrandeten Feinde Prosperos keine Chance gegen diesen magischen Superhelden haben werden. Deshalb bezieht der Text seine Faszination primär aus dem märchenhaften Setting, den „unmenschlichen“ Figuren (Ariel, Caliban) und der großartigen Sprache des späten Shakespeare.

Möge die Inszenierung noch lange auf dem Spielplan bleiben.

Bill Bryson: Shakespeare. The World as Stage

Über kaum einen Autor wurde mehr geschrieben als über Shakespeare. Egal wie esoterisch das Thema: Man findet gleich mehrere Bücher dazu. Angesichts dieser Flut an Sekundärliteratur ist nichts schwieriger als eine gute Einführung zu schreiben. Genau das gelingt Bill Bryson in diesem schmalen Büchlein. Er neigt weder zur Hagiographie noch zur übertriebenen Originalitätssucht – bekanntlich zwei sehr populäre Verfehlungen unter Shakespeare-Autoren. Ihm gelingt es im Gegenteil gerade die düstere biographische Quellenlage und die exotischsten Theorien über den Autor auf einer Metaperspektive darzustellen. Dieses Claimants betitelte Kapitel über angebliche Autoren der Werke Shakespeares ist einer der Höhepunkte des Buches. Ein gut geschriebenes, geistreiches kleines Buch.

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage (als Hörbuch)

Svend Gade, Heinz Schall: Hamlet (1921)

Filmcasino 9.3. 2014

Heidelinde Gratzl: Akkordeon
Jovan Torbica: Kontrabass

Dieser Hamlet war für mich eine völlige Überraschung: Hamlet wurde nicht nur von Asta Nielsen gespielt, sondern war auch in der Geschichte in Wahrheit eine Frau. Gertrude brachte nämlich ein Mädchen zur Welt, gab es aber als Jungen aus, um die Thronfolge zu sichern. Das löst dann tatsächlich auch ein Geschlechterchaos aus, weil Ophelia nun als Geliebte nicht mehr in Frage kommt, dafür die Männer für Hamlet plötzlich attraktiv werden. Diese Interpretation basiert auf dem Buch The Mystery of Hamlet (1881) des amerikanischen Shakespeare-Forschers Edward P. Vining.

Das wirkt noch heute verstörend irritierend, weil – abgesehen von einigen bei Shakespeare nicht enthaltenden Szenen – der Kern des Dramas beibehalten wird. Inklusive der Entlarvung durch eine Theateraufführung. Der freie Umgang mit den Geschlechterrollen überrascht mich sehr, obwohl ich natürlich weiß, dass die zwanziger Jahre gerade in Berlin sehr freizügig waren. Ein spannendes Filmerlebnis, zumal die gelungene Livemusikbegleitung zusätzlich für Atmosphäre sorgte.

Shakespeare: König Lear

Burgtheater 28.12. 2013

Regie: Peter Stein
Bühne: Ferdinand Wögerbauer

Lear, König von Britannien: Klaus Maria Brandauer
König von Frankreich: Sven Philipp
Herzog von Burgund: Daniel Jesch
Herzog von Cornwall, Regans Gemahl: Martin Reinke
Herzog von Albany, Gonerils Gemahl: Dietmar König
Graf von Kent: Branko Samarovski
Graf von Gloster: Joachim Bißmeier
Edgar, Sohn von Gloster: Fabian Krüger
Edmund, unehelicher Sohn von Gloser: Michael Rotschopf
Oswald, Kammerherr von Goneril: Daniel Jesch
Edelmann: Franz J. Csencsits
Narr: Michael Maertens
Goneril: Corinna Kirchhoff
Regan: Dorothee Hartinger
Cordelia: Pauline Knof

In Peter Steins König Lear geht so viel schief, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich schicke voraus, dass ich keiner Regie-Religion anhänge: Sowohl traditionelle Aufführungen als auch intelligentes Regietheater finden meinen Beifall unter einer Voraussetzung: Es muss in sich stimmig sein. Bei Peter Stein stimmt nun aber gar nichts. Die leere, meist requisitenfreie Bühne deutet auf eine moderne Herangehensweise hin. Die Kostümierung des überwiegenden Teils der Figuren ist aber das genaue Gegenteil: So rennen die Soldaten in Rüstungen herum, die nur auf den ersten Blick authentisch wirken, es aber natürlich nicht sind. Ich kann damit leben, wenn man Figuren in historische Kostüme steckt, aber dieser Stadttheater-Fantasiehistorismus ist hochgradig lächerlich. Auf die Bühne getragene ausgestopfte Hirsche verschlimmern diese Lächerlichkeiten noch.

Das Konzept einer „klassischen“ Inszenierung wird ohnehin schnell fragwürdig, wenn man darüber nachdenkt. Versteht man darunter eine realistische Wiedergabe der historischen Verhältnisse, so erreicht das keine der von Wiener Hofratswitwen bevorzugten Inszenierungen. Historische Kostüme sind für Realismus nämlich nicht hinreichend. Wer wissen will, wie es im Mittelalter wirklich zuging, bekommt einen Eindruck in Monty Python and the Holy Grail oder in Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court:

As we approached the town, signs of life began to appear. At intervals we passed a wretched cabin, with a thatched roof, and about it small fields and garden patches in an indifferent state of cultivation. There were people, too; brawny men, with long, coarse, uncombed hair that hung down over their faces and made them look like animals. They and the women, as a rule, wore a coarse tow-linen robe that came well below the knee, and a rude sort of sandal, and many wore an iron collar. The small boys and girls were always naked; but nobody seemed to know it. All of these people stared at me, talked about me, ran into the huts and fetched out their families to gape at me; but nobody ever noticed that other fellow, except to make him humble salutation and get no response for their pains.

In the town were some substantial windowless houses of stone scattered among a wilderness of thatched cabins; the streets were mere crooked alleys, and unpaved; troops of dogs and nude children played in the sun and made life and noise; hogs roamed and rooted contentedly about, and one of them lay in a reeking wallow in the middle of the main thoroughfare and suckled her family. Presently there was a distant blare of military music; it came nearer, still nearer, and soon a noble cavalcade wound into view, glorious with plumed helmets and flashing mail and flaunting banners and rich doublets and horse-cloths and gilded spearheads; and through the muck and swine, and naked brats, and joyous dogs, and shabby huts, it took its gallant way, and in its wake we followed.

Kurz: Es war schmutzig, dreckig und es stank. Ein paar Schauspieler in historische Kostüme zu stecken, hat nichts mit einer realistischen Inszenierungen zu tun. In Wahrheit ist das nicht weniger fiktiv als eine moderne.
Meint man mit einer „klassischen“ Inszenierung dagegen, wie es zu Zeiten des Autors aufgeführt worden ist, ist eine traditionelle Theateraufführung unserer Zeit so weit von Shakespeares Theaterpraxis entfernt wie eine moderne Hochleistungspumpanlage von einem römischen Äquadukt.

Peter Stein weiß nun offenbar nicht, was er will. Einige Elemente sind ultrarealistisch dargestellt wie beispielsweise Edgars Verwandlung in einen Bettler, der tatsächlich fast nackt und mit Schlamm beschmiert auf der Bühne herumtobt. Die Sturmszenen dagegen werden nur mit etwas Nebel und Lautsprecherdonner völlig unnaturalistisch auf leerer Bühne gegeben. Es treten Menschen mit überflüssigen Fackeln auf, weil sie unter künstlichem Theaterlicht stehen. Manchmal wird auch abgedunkelt, wenn Fackeln auf der Bühne sind. Das wäre ein Beispiel dafür, dass zusätzlich zum fehlerhaften Gesamtkonzept auch viele Details der Aufführung inkonsistent sind.

Diese Äußerlichkeiten ließen sich vielleicht noch verschmerzen, wenn die Inszenierung dem Stück Shakespeares intellektuell gerecht würde. Der König Lear ist deshalb eines der besten Stücke des Autors, weil es eines der dunkelsten ist: Ein misanthropes Meisterwerk, das mit guten Gründen alles in den Dreck zieht, was Autoritäten damals wertschätzten. Das fängt bei der metaphysischen Ebene an, wenn König Lear seine göttliche Rolle freiwillig hinwirft und damit Unordnung in den Kosmos bringt. Und hört beim Verletzen anthropologischer Grundsätze wie Elternliebe noch lange nicht auf. Shakespeares Korrelation von Alter mit Dummheit wäre ein weiteres Exempel.
Im Burgtheater sitzend werden diese wichtigen Dimensionen des Stücks nicht greifbar. Man sieht eine Art Kammerspiel über einen alten Mann, den seine bösen Töchter beleidigt haben, und der deshalb verrückt wird. Das Private überdeckt den weiteren Kontext und drängt damit die unverzichtbare universelle Ebene in den Hintergrund.

Ich gehöre nicht zu jenen Kritikern, die mit Klaus Maria Brandauer ein prinzipielles Problem haben. Seinen Nathan etwa fand ich 2004 sehr gelungen. Sein König Lear konnte mich gestern aber nicht überzeugen. Den wenigen starken Szenen – sein Zusammentreffen mit Graf Gloster! – stehen viele schwache gegenüber. Zuvörderst die Sturmszenen, wo ich Brandauer weder die Verzweiflung noch den Wahnsinn abnehmen konnte. Gert Voss war in dieser Rolle deutlich überzeugender.
Peter Stein steckt Michael Maertens in ein klassisches Narrenkostüm und Maertens holt das Beste aus der Rolle heraus. Eine „unklassische“ Besetzung übrigens, handelt es sich bei Shakespeares Narren doch um einen jungen Menschen, was den Kontrast zwischen intelligentem jungen Narren und dummen alten König dramatisch verstärkte und mit Maertens wegen seines Alters natürlich nicht funktioniert.
Ganz furchtbar sind die beiden bösen Töchter. Peter Stein lässt sie als kreischende Schreckschraubenkarikaturen spielen, was ihrer existenziellen Bosheit jeglichen Stachel zieht und deshalb einer der vielen Tiefpunkte der Inszenierung ist.

Wer Shakespeare am Burgtheater sehen will, dem sei Andrea Breths Hamlet empfohlen.

Shakespeare: Hamlet

Burgtheater 13.10. 2013

Regie: Andrea Breth

Hamlet, Prinz von Dänemark: August Diehl
Geist von Hamlets Vater, vormaliger König Hamlet von Dänemark: Hans-Michael Rehberg
Claudius, König von Dänemark, Bruder des vormaligen Königs von Dänemark: Roland Koch
Gertrud, Königin von Dänemark, Hamlets Mutter und seines Vaters Witwe: Andrea Clausen
Polonius, König Claudius‘ Oberkämmerer: Udo Samel
Laertes, Polonius‘ Sohn: Albrecht Schuch
Ophelia, Polonius‘ Tochter: Wiebke Mollenhauer; Elisabeth Orth
Reinhold, Diener des Polonius: Sven Dolinski
Horatio, Hamlets Freund: Markus Meyer
Rosenkranz, Hamlets ehemaliger Schulfreund: Daniel Sträßer
Güldenstern, Hamlets ehemaliger Schulfreund: Moritz Schulze

Bis Mitternacht war ich noch nie im Burgtheater: Sechs Stunden dauert die neue Hamlet-Inszenierung der Andrea Breth. Viel zu lang! Langweilig! las man in vielen Kritiken nach der Premiere. Unfug!

Breth bringt Shakespeare den richtigen Respekt entgegen und lässt das Stück für sich sprechen. Kleinode wie Hamlets Bemerkungen über Theater und Schauspielkunst werden ebenso wenig gekürzt wie die Opheliaszenen. Selbstverständlich ist das ein Verstoß gegen den Zeitgeist, wo jede Minute zählt und alles „spannend“ und „unterhaltsam“ sein muss. Breth hat genau verstanden, dass Kulturschaffen und Zeitgeist nicht kompatibel ist. Sie inszeniert ohne Rücksicht darauf, wann die letzte Straßenbahn fährt. Was viele Kritiker als ihr Versagen bewerten, sehe ich als ihren großen Verdienst.

Ansonsten bleibt Breth ihrem Regiestil treu: Nahe am Text mit Fokus auf die Schauspieler in einem zeitgenössischen Rahmen. Die Drehbühne zeigt eine moderne Palasteinrichtung mit einem Hang zur Spießbürgerlichkeit. So erinnert mich die dunkle Holztäfelung an die Büros der Stasi-Zentrale in Berlin. Ihr gelingen auch immer wieder überzeugende Theaterbilder.

August Diehl gibt einen grandiosen Hamlet, der immer auf der Grenze zwischen kaum noch zu beherrschenden Emotionen und intellektueller Verzweiflung wandelt. Das Ensemble ist in Hochform, selbst in den Nebenrollen. Roland Koch und Andrea Clausen spielen Polonius und Gertrud ausgesprochen differenziert und überzeugend.

Bemerkenswert ist auch, dass keine moderne Übersetzung für die Aufführung gewählt wurde, sondern die gute alte Übertragung von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck. Sie ist zwar philologisch gesehen nicht sehr genau. Sie hatte aber einen enormen Einfluss auf die deutschsprachige Literatur. Gesprochen klingt sie wunderbar, das hatte ich bereits ganz vergessen.

Meine Empfehlung: Auf keinen Fall durch die negativen Kritiken abschrecken lassen und sich selbst ein Urteil bilden.

Cäsar muss sterben

Filmcasino 3.2. 2013

Italien 2012

Regie: Paolo und Vittorio Taviani

Es ist ja immer so leicht gesagt, dass kaum jemand besser als Shakespeare die menschliche Natur ins Mark getroffen hat und seine Werke deshalb so zeitlos und universell gültig sind. Cäsar muss sterben zeigt grandios, was damit gemeint ist. Eine Gruppe Schwerverbrecher in einem italienischen Hochsicherheitsgefängnis probt den Julius Caesar und man merkt sofort, wie der Stoff, die Figuren und vor allem die Sprache sie trifft. Filmästhetisch ist das erstklassig umgesetzt, überwiegend in schwarz-weiss mit vielen (extremen) Nahaufnahmen. Shakespeare packt die Knackis und das Shakespeare-Spiel der Knackis packt die Kinobesucher. Der junge Italiener neben mir vergaß nach einiger Zeit sogar die volle Popcorntüte in seiner Hand. Vermutlich der beste Shakespeare-Film, den ich bisher sah. Der Goldene Löwe auf der letzten Berlinale ist hoch verdient.

Shakespeare im British Museum

Hier darf der Hinweis auf die große neue Ausstellung des British Museum nicht fehlen: Shakespeare: Staging the World. Sähe ich sehr gerne, werde aber bis Ende November wohl nicht nach London kommen, und begnüge mich deshalb mit den Ausstellungsberichten, etwa in der NZZ und im The Economist.

Frank Kermode: The Age of Shakespeare

Kermodes übersichtliches Werk über einen meiner Lieblingsklassiker ließ ich mir als Hörbuch vorlesen. Man kategorisiert The Age of Shakespeare am besten als Einführung. Kermode macht den Leser auf eine erfreulich unprätentiöse Weise mit den wichtigsten Fakten bekannt, die man wissen sollte, wenn man sich mit Shakespeares Dramen beschäftigt. Kermode erläutert den historischen Kontext ebenso wie die Verhältnisse in London damals und den zeitgenössischen Theaterbetrieb. Für meinen Geschmack hätte er ausführlicher auf geistes- und literaturgeschichtliche Themen eingehen können. Dafür behandelt er die Stücke für den knappen Rahmen sehr ausführlich, ohne sich auf wilde hermeneutische Spekulationen einzulassen. Insgesamt also eine verlässliche, wenn auch keine sehr inspirierte Angelegenheit.

Frank Kermode: The Age of Shakespeare (Modern Library)

Shakespeare: Romeo und Julia

Burgtheater 7.2. 2012

Regie: David Bösch

Romeo: Daniel Sträßer
Julia: Yohanna Schwertfeger
Bruder Lorenzo: Branko Samarovski
Mercutio: Fabian Krüger
Benvolio: André Meyer

Eine für aktuelle Burgtheater-Verhältnisse provokante Inszenierung, in der fröhlich geflucht, gekotzt und geplanscht wird. David Bösch wählt einen ironischen Klamaukstil für seine Inszenierung, der sich allerdings gut argumentieren lässt. Die jugendlichen Aristokraten der italienischen Stadtstaaten hatten ja tatsächlich oft Unfug im Kopf und waren überwiegend testosterongesteuert. Diese Tunichtgut-Kultur transferiert Bösch plausibel in ein aktuelles Setting. Der ironische Unterton ist ein passender Kontrapunkt gegen die pathetische Liebestragödie. Für meinen Geschmack war der Klamaukfaktor allerdings zu hoch und die Kampfszenen (ein grandioser Fabian Krüger) zu lang. Vor allem, wenn man sie in Bezug zu den vielen gestrichenen Szenen setzt. Das Finale beeindruckt dagegen vorbehaltlos. Der Reaktion des überwiegend jungen Publikums auf dem zweiten Mittelrang nach, trifft Bösch deren Geschmack aber ausgezeichnet.

Im Zentrum des Bühnenbilds ist ein See zu sehen, der durch einen kreuzförmigen Übergang in vier Quadrate geteilt wird, und der in fast jeder Szene als Planschbecken dient. Darüber thront in der Mitte ein rechtwinkliger Kasten, der auf und ab schweben kann, und ebenso als Balkon wie als Grab dient.

Eine ungewöhnliche, sehenswerte Inszenierung mit einigen Schwächen.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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