Gelesen & Gehört & Gesehen

Umrika

Filmcasino 13.12. 2015

Indien 2015
Regie: Prashant Nair

Aus einem armen nordindischen Dorf emigriert Udai, der große Bruder des kleinen Ramakant, in die USA. Als Ramakant selbst erwachsen ist, macht er sich auf die Suche nach Udai, und erlebt so manche Überraschung. Diese abwechslungsreiche Handlung ist aber nur der Anlass, ein sehr aktuelles Thema auf die Leinwand zu bringen: Interkulturelle Wahrnehmung und Migration. Das schräge Amerikabild der Protagonisten sorgt für jede Menge Komik. Die Hauptschwäche des Films ist die romantische Verklärung des armen Indien. Die Probleme der armen Inder werden nur gestreift und nicht mit der notwendigen Drastik dargestellt. Trotzdem sehenswert.

Olafur Eliasson: Baroque

Winterpalais 13.12. 2015

Schon der Eingangsbereich ist für die aktuelle Ausstellung umgebaut: Man betritt das Innere des Palais durch eine Sicherheitsschleuse und steht bereits im ersten Kunstwerk. Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson lässt seine Werke in einen direkten Dialog mit dem imposanten Barockpalais treten. Seine Mittel der Wahl sind Lichtinstallationen und Projektionen, Spiegel in vielen Varianten sowie paradoxe Rauminterventionen. Die Wirkung auf die Wahrnehmung ist frappant: Selbst wenn man das Winterpalais gut kennt, ist man immer wieder kurz desorientiert. Man könnte die Schau als angewandte Erkenntnistheorie bezeichnen, die mit sehr viel Witz daher kommt. Ein Pflichtbesuch. (Bis 6.3.)

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Lange habe ich an den 900 Seiten dieser gründlichen Studie über den Beginn des Ersten Weltkriegs gelesen. Nicht weil das Buch tröge geschrieben wäre, sondern weil man sich für die vielen Details, die Christopher Clark hier ausbreitet, die notwendige Zeit nehmen muss:

Das vorliegende Buch setzt sich zum Ziel, die Julikrise von 1914 als ein modernes Ereignis, als das komplexeste Ereignis der heutigen Zeit, womöglich bislang aller Zeiten. Es befasst sich weniger mit der Frage, warum der Krieg ausbrach, als damit, wie es dazu kam.

Der Historiker zeigt bereits im ersten Kapitel diese Komplexität, indem er die innenpolitischen Turbulenzen beschreibt, die Serbien in den Jahrzehnten vor dem Kriegsausbruch beherrschen. Gefolgt von einer hübsch Das Reich ohne Eigenschaften betitelten Abschnitt über das k.u.k Österreich. Danach schließen sich die beiden umfangreichen Hauptteile des Buches an, die sich erst mit der Situation in Europa und danach mit der Krise beschäftigen.

Stellt man sich der Tatsache dieser Komplexität, tritt die bei Historikern und der Öffentlichkeit so beliebte Schuldfrage schnell in den Hintergrund. Deutschland kommt in Clarks Darstellung deutlich besser weg als in der bisherigen Historiographie, Russland weniger vorteilhaft. Was mich am meisten beeindruckt, ist die von Clark aufgedeckte Willkürlichkeit in den Entscheidungsapparaten der Regierungen. Man spricht gedankenlos ja schnell von „Deutschland“, „Frankreich“, „Russland“ oder „Serbien“ als seien diese Länder handelnde Personen. In Wahrheit entstehen in jedem Regierungsapparat Entscheidungen, die weniger von der Sachlage, sondern oft mehr von menschlichen Eitelkeiten geprägt sind. Stärker noch als Weltanschauungen können Karrierepläne, Neid, Liebesgeschichten usw. eine maßgebliche Rolle spielen. Diese Sicht blickt auf das andere Ende der Skala, wo abstrakte historische Strukturen und Kräfte den Gang der Geschichte beeinflussen. Hier kann ein morgendlicher Frühstücksstreit eines Außenministers die Weltgeschichte verändern.

Die chaotischen Interventionen der Monarchen, die ambivalente Beziehung zwischen Staatsdienst und Militär, der Wettstreit unter einflussreichen Politikern in Systemen, die sich durch eine geringe Solidarität unter Ministern oder Kabinettsmitgliedern auszeichneten, sowie die Agitation eine Massenpresse vor einem Hintergrund immer wiederkehrender Krisen und erhöhter Spannungen wegen Sicherheitsfragen – all dies verwandelte diese Jahre in eine Phase beispielsloser Unsicherheit in den internationalen Beziehungen.

Diese von Clark brillant vorgeführte Kontingenz des historischen Geschehens ist die eigentliche Lehre der Schlafwandler: Kleinigkeiten können in komplexen System katastrophale Folgen haben. Verstärkt wird das durch mangelnde Kommunikation, wofür die Julikrise ebenfalls reichhaltiges Anschauungsmaterial liefert. Deshalb kann man dieses Buch allen aktuellen Entscheidungsträgern nur dringend ans Hirn legen. Wir leben ja wieder in einer volatilen weltpolitischen Situation, wo eine vergleichbare Kombination von Eitelkeiten und Kleinigkeiten eine Weltkrise auslösen könnten. Hoffen wir, dass zukünftige Historiker keine dicken Studien über den Ausbruch des dritten Weltkriegs werden schreiben müssen.

Christopher Clark: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. (Deutsche Verlagsanstalt)

Schwab: Die Präsidentinnen

Akademietheater 26.11. 2015

Regie: David Bösch

Erna, Mindestpensionistin: Regina Fritsch
Grete, Pensionistin: Barbara Petritsch
Mariedl: Stefanie Dvorak

Auf der Bühne ist ein ins Groteske erhöhtes Gemeindebaustilleben zu sehen, in dessen Mitte die drei sehr unterschiedlichen Damen des skatologischen Stückes sitzen und ihr furioses Redefeuerwerk abfackeln. Als es vor 25 Jahren uraufgeführt wurde, feierten viele Feuilletons Werner Schwab als neuen Dramatikerstar. Im neuen Jahrtausend ist es relativ ruhig um ihn geworden. Auf mich wirken Die Präsidentinnen heute in einem kruden Sinn mehr komisch als sozialkritisch, ähnlich wie South Park, wo ebenfalls gerne mit Fäkalhumor provoziert wird.

Das triste Leben der drei Protagonisten tritt dem Theaterbesucher in Form erzählter Geschichten entgegen. Speziell die Beziehungen der Drei bezeugen die Abgründe des menschlichen Zusammenlebens. Ein echtes Gespräch kommt selten zustande, es sei denn man streitet. Was den Theaterabend so furios macht sind die drei Burgschauspielerinnen, welche jede eine Glanzleistung liefern. Die ästhetische Idee Werner Schwabs, die Frauen in einem künstlichen, teilweise komischen Idiom sprechen zu lassen statt naturalistisch, ist das Kernelement des Dramas.

Die Universität. Eine Kampfzone

Jüdisches Museum 29.11. 2016

Die Wiener Universität feiert dieses Jahr ihre Gründung vor 650 Jahren und das Jüdische Museum beleuchtet ein besonders unschönes Kapitel in deren Geschichte: Den Umgang mit jüdischen Studierenden und Lehrenden. Die gab es in nennenswerter Anzahl freilich erst im 19. Jahrhundert, die Ausstellung geht historisch aber bis ins Mittelalter zurück.

Am bedrückendsten sind naturgemäß antisemitischen Eskapaden ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis nach dem zweiten Weltkrieg. Die Universität war schon vor der Übernahme durch die Nazis fest in antisemitischen Händen, und die in der Ausstellung dokumentierten Tiraden gegen jüdische Studenten und Professoren sind von einer abgrundtiefen Gehässigkeit. Leider ist diese zeitlos, wie man dank der zahlreichen Hasspostings über Flüchtlinge in den sozialen Medien hinreichend demonstriert bekommt. Insofern dient die Ausstellung auch als Warnung, wohin irrationaler Hass und Verrohung der Sprache letzthin führen wird. Jüdische Studenten wurden schon früh von ihren deutschnationalen Kommilitonen regelmäßig misshandelt. Jüdische Studentinnen hatten es nach der Zulassung von Frauen zum Studium in Wien besonders schwer, wie ein entsprechender Schwerpunkt zeigt.

Die Vergangenheitsbewältigung dieses trüben Kapitels begann erst lange nach dem zweiten Weltkrieg. Walter Weiss, mein ehemaliger Germanistikprofessor in Salzburg, erzählte mir einmal, dass seine Berufung noch 1965 wegen seines Judentums auf diverse Widerstände gestoßen sei.
(Bis 28.3.)

Das iranische Wien

Filmcasino 29.11. 2015

Iran 2011-12
Nessa
Regie: Loghman Khaledi

Iran 2008
Lady of the Roses
Regie: Mojtaba Mirtahmasb

Der Kulturverein Das iranische Wien organisierte für heute im Filmcasino eine Matinee mit zwei sehr unterschiedlichen, je fünfzig Minuten langen Filmen. In beiden stehen iranische Frauen im Mittelpunkt.

Nessa ist die bedrückende Fallstudie einer jungen iranischen Schauspielerin aus der Provinzstadt Kermanshah, die ich übrigens letztes Jahr während meiner Iran-Reise selbst besuchte. Ihre Familie und ihre Umwelt haben kein Verständnis für ihren selbstbestimmten Lebenswunsch. Ihr überforderter Bruder schlägt ihr deshalb fast ein Auge aus, womit der im dokumentarischen Stil gedrehte Film auch einsetzt.

Einen ganz anderen Ton schlägt die Dokumentation Lady of the Roses an, wobei die namensgebende Protagonistin nicht mehr direkter Teil des Filmes sein kann, weil sie bei einem Unfall ums Leben kam. Die beherrschende Figur vor der Kamera ist ihr zweiundachtzigjähriger Gatte Homayoun Sanatizadeh, den man sich eine Art persischen Universalgelehrten vorstellen darf. Das Ehepaar überzeugte 1500 Bauernfamilien in der Provinz Kerman statt Opium Rosen anzubauen, die sie in einer Fabrik zu Rosenwasser verarbeiten. In wenigen Jahren wird dieses Projekt eine unglaubliche Erfolgsgeschichte für alle Beteiligten, deren treibende Kraft die Rosenlady war. Eine inspirierende, nachahmenswerte Geschichte.

Richard Strauss: Elektra

Wiener Staatsoper 25.11. 2015

Dirigent: Peter Schneider
Regie: Uwe Eric Laufenberg

Klytämnestra: Anna Larsson
Elektra: Nina Stemme
Chrysothemis: Regine Hangler
Orest: Iain Paterson
Aegisth: Herbert Lippert

Elektra ist ein Stoff, der gut in unsere emotional aufgeladenen Zeiten passt. Wie fest verwurzelt das Bedürfnis nach Rache im Menschen ist, kann man in diesen Wochen in Paris beobachten, wo sich das Militär nach den Anschlägen vor Freiwilligenmeldungen gar nicht retten kann.

Richard Strauss sprengte 1909 nicht nur die Grenzen der Tonalität um die Wucht dieser Rachegeschichte auf die Opernbühne zu bringen. Nina Stemme ist in Wien nicht nur eine großartige Brünnhilde, sondern eine ebenso exzellente Elektra. Es ist kaum zu glauben, mit welcher Leichtigkeit sie die schwierige Partie singt. Auf diesem Niveau mitzuhalten ist für die anderen auf der Bühne nicht einfach, die musikalische Qualität des Abends ist aber durchgehend hoch.

Die Inszenierung ist für Wiener Verhältnisse sehr modern. Gleich zu Beginn ist etwa eine nackte Frau auf der Bühne, und es gibt trotzdem keine Ohnmachtsanfälle der anwesenden Hofratswitwen. Das Bühnenbild erinnert an einen Gefängnishof und ein Paternoster bringt die handelnden Figuren in und aus dem Haus. Nach dem Finale dient der altmodische Aufzug zum Transport diverser Leichen.

Politischer Populismus

Kunsthalle Museumsquartier 22.11. 2015

Der Titel der Ausstellung ist selbst eine populistische Irreführung, beschäftigt sich doch kaum eines der dort ausgestellten zeitgenössischen Werke dort direkt mit dem Populismus. Wenigstens ist der Eintritt frei, so dass man für die falsche Erwartungshaltung nichts bezahlen muss.

Zu sehen ist Gegenwartskunst mit politischem Bezug. Grandios ist darunter Trevor Paglens Auseinandersetzung mit den Snowden-Enthüllungen. Für die 89 Landscapes genannte Videoinstallation filmte der Künstler Überwachungseinrichtungen in den USA und in Großbritannien. Verfremdend zusammengeschnitten und eingebettet in teils erhabene Landschaften ergibt das eine gruselige Wirkung, die durch den bassträchtigen Soundtrack noch verstärkt wird. Die knapp halbe Stunde Zeit dafür sollte man sich unbedingt nehmen.

Weitere Arbeiten beschäftigen sich auch mit Asien, nämlich den Zwangsenteignungen chinesischer Häuser für Großprojekte und koreanischer Vergangenheitsbewältigung. Es dominiert Audiovisuelles. Das Niveau ist insgesamt sehr erfreulich. (Bis 7.2.)

Mia Madre

Filmcasino 20.11. 2015

I/FR 2015
Regie: Nanni Moretti

Viel hat sich Nanni Moretti für diesen Film vorgenommen, nämlich ein Opus Magnum über Leben, Krankheit, Tod und gleichzeitig über die Filmkunst zu drehen. Im Mittelpunkt steht eine engagierte Autorenfilmerin fortgeschrittenen Alters, Margherita Buy, deren Mutter im Sterben liebt. Dieser Sterbeprozess löst eine emotionale Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und den eigenen Beziehungen aus (Ebene 1). Die sterbende Mutter eröffnet einen Blick auf den Komplex Krankenhaus, Medizin, und Tod (Ebene 2). Der Film, den sie gerade dreht, beschäftigt sich mit einem Arbeitskampf und einer drohenden Massenentlastung in einer Fabrik (Ebene 3). Das Handwerk eines Filmdrehs wird ausführlich gezeigt, darunter auch die Hassliebe zu einem aus Amerika eigens eingeflogenen Schauspieler (Ebene 4).

Gleichzeitig versucht Moretti das ganze Spektrum der Filmgenres abzudecken, von der Komödie (inklusive Slapstick) bis zum pathetischen Ende der Alltagstragödie einer sterbenden Mutter. Dieser Überladenheit schadet dem Film, obwohl Moretti diese Ebenen nicht ungeschickt verknüpft. Das intendierte Meisterwerk ist Mia Madre jedenfalls nicht geworden.

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(5. Januar 2013)

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