Reise

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Drei Wochen auf den Spuren der Maya und Azteken

Mexiko und Guatemala im Februar und Marz 2016

So faszinierend Metropolen wie Mexiko City sind, etwas Atemluft wäre beim Erkunden dieser Riesenstadt hilfreich. Angeblich ist die Smogquote vergleichsweise gering während meines Besuchs im Februar. Trotzdem regiert die Lunge schnell trotzig. Ich wohne im Zentrum der Altstadt und schiebe mich durch die Menschenmassen zu den Hauptsehenswürdigkeiten. Megacitys sind nichts für Misanthropen.
Am Zókalo, dem Hauptplatz, residiert der unbeliebte mexikanische Präsident. Vor seinem Palast stehen mehrere Lastwagen auf deren offenen Ladeflächen Dutzende kampfbereite Soldaten stehen. Ganz so als rechnete er ständig mit einem gewaltsamen Besuch seiner Bevölkerung oder mit unfreundlichen gesinnten Drogenkartelldelegationen. Die Sicherheitslage wirkt angespannt.

Dieser Eindruck bestätigt sich später bei der insgesamt viertausendfünfhundert Kilometer langen Fahrt durch Mexiko und Guatemala. Als Touristen bleiben wir nur selten in freier Wildbahn stehen, sondern mit Vorliebe direkt neben Polizeistationen und Militärstützpunkten. Manche bemerkenswerte Besichtigungspunkte sind aus Sicherheitsgründen tabu. In Guatemala stehen vor vielen Geschäften mit Pumpguns bewaffnete Sicherheitsleute. Vor Banken mindestens drei. In Guatemala City war der Kontrast besonders groß: Während die Innenstadt fest in den Händen der Gangs ist, tummeln sich im Archäologischen Museum der Stadt einige Schulklassen. Dass nicht alle dieser Schüler das Erwachsenalter erreichen werden, ist angesichts der Mordquote in der Stadt ein sich aufdrängender Gedanke.

Trotz dieser oft düsteren Kulisse werde ich drei Wochen lang nie Zeuge eines Verbechens oder hätte mich wegen eines konkreten Anlasses unsicher gefühlt. Kulturgeschichtlich sind Mexiko und Guatemela als Reiseziel kaum zu überbieten. Wenn man vor den beeindruckenden Denkmälern der alten Indianerkulturen steht, vergisst man schnell die unerfreuliche soziale Situation. Meine naive Befürchtung, es würde sich bei den Mayastätten bald ein Wiederholungseffekt einstellen, wie man das etwa von den unzähligen römischen Ausgrabungen im Mittelmeerraum her kennt, bestätigt sich nicht: Jede Ausgrabung ist einzigartig. Das liegt nicht nur daran, dass die Stätten unterschiedliche Epoche der Maya-Entwicklung dokumentieren, sondern vor allem auch an den topographischen Abwechslung. Manche liegen in wüstenähnlichen Gegenden, andere spektakulär auf abgeplatteten Bergspitzen, wieder andere im Dschungel. Ich werde hier nur auf eine Auswahl der von mir besichtigten historischen Anlagen eingehen.

Nach den Ausgrabungen in der Nähe Mexiko Citys, darunter das bekannte Teotihuacán, deren Bewohner bis heute den Forschern viele Rätsel aufgeben, ist mein erster persönlicher Höhepunkt Monte Alban. Überhalb des pittoresken Oaxaca gelegen, das dieser Tage wegen der monatelangen Lehrerproteste wieder in den Weltnachrichten ist, liegt es malerisch auf einem abgeflachten Bergplateau. Für mehr als tausend Jahre war die Stadt die Hauptstadt der Zapoteken. Bei der Gelegenheit sei darauf hingewiesen, dass sich die Kulturstätten in Mexiko selbstverständlich nicht auf die Maya und die Azteken beschränken. Es gab in Mesoamerika noch viele andere Kulturen, von denen sich viele wechselseitig beeinflussten.
Die Zapoteken errichteten ihre Hauptstadt freilich nicht auf einem Berg, um 2000 Jahre später Kulturtouristen zu erfreuen, sondern weil man von diesem Ort aus problemlos das dreigeteiligte Tal von Oaxaca kontrollieren konnte.
Dieses strategischen Zieles wegen starteten sie ein auch für heutige Verhältnisse gigantisches Bauprojekt: Die Abtragung des Gipfels um ein künstliches Plateau für die städtischen Gebäude zu schaffen. Dies wurde 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung erreicht. Kurz danach waren die ersten Tempel errichtet. Spannend ist, dass es bereits vor der Majazeit nach astronomischen Kriterien ausgerichtete Bauwerke gibt.

Von Oaxaca geht es weiter nach San Cristobal, einer kleinen im Hochland gelegenen Stadt. Ikonographische Überreste des kürzlich stattgefundenen Papstbesuches sind über den Ort verstreut. In der Nacht wird es bitterkalt, worauf man bei einer Reise in die Tropen nur bedingt vorbereitet ist. Der Besuch im Mayaort Zinacantán ist religös aufschlussreich. Selbstverständlich ist bei den Indigenen in Mexiko der katholische Glaube mit alten anderen Glaubensinhalten vermischt. Nicht anders als in Peru, was in meinem Reise-Artikel Wo Jesus Meerschweinchen verspeist nachzulesen ist. Heilige spielen eine wichtige Rolle und werden in den Kirchen intensiv angebetet. Allerdings mit einer hübschen pragmatischen Pointe: Helfen die Gebete nichts, wird die Heiligenstatue wieder aus der Kirche entfernt und durch einen anderen Heiligen ersetzt.

Die Weiterfahrt nach Guatemala zieht sich wegen der nur langsam zu befahrenden Bergstraßen. Ziel ist der von vielen Reisenden gepriesene Atitlánsee. Er hat sicher seinen Reiz. Warum er aber einer der schönsten Seen weltweit sein soll, erschließt sich mir nicht. Interessant sind allerdings die Mayadörfer rund um den See, die man teilsweise nur per Schiff erreicht, und in denen man sich trotz des zunehmenden Tourismus ein Bild über die traditionelle Lebensweise dort machen kann.

Die nächste Station ist Antigua, unter mehreren aktiven Vulkanen errichtet. Sie war die ursprüngliche spanische Hauptstadt wurde aber nach mehreren Erdbeben und Vulkanausbrüchen im 18. Jahrhundert schließlich verlegt. Heute ist Antigua eine charmante kleine Kolonialstadt mir diversen klerikal-kolonialen Bauten. Die Vulkane über dem Ort sind immer noch aktiv, was mir ein bislang einmaliges Reiseerlebnis einbrachte: Ein Freiluftabendessen mit Blick auf einen Vulkan, aus dem in unregelmäßigen Abständen Lava sprudelte. Deshalb hatte ich mit der Weitereise nach Copan auch kein Problem. Wer übernachtet schon gerne in Sichtweite aktiver Vulkane? Den Zwischenstopp im Archäologischen Museum Guatemala Citys auf dem Weg dorthin erwähnte ich bereits. Allerdings nicht, welche fantastische Sammlung an Mayakunst dort zu besichtigen ist.

Copan liegt kurz hinter der Grenze Guatemalas in Honduras und ist der einzige touristische Ort des Landes. Die anderen Landesteile sind wegen der hohen Kriminalität und mangelnden Sicherheitslage für Kulturtouristen nicht empfehlenswert. Inzwischen ist die kleine Stadt auf einer asphaltierten Straße erreichbar. Früher musste man in Jeeps umsteigen und war oft im Schlamm unterwegs. Im angeblich sicheren Copan stehen eine Reihe bewaffneter Männer auf der Ladefläche eines Pickups vor dem Hotel, um uns zu beschützen.

Copan war eine der wichtigsten Mayastätte und neben Tikal für mich der Hauptgrund, Mexiko mit Guatemala und Honduras zu kombinieren. Außerdem zählen die Ausgrabungen zu den besterforschten, weil dort bereits seit über hundert Jahren gegraben wird. Ausbeute war unter anderem eines der berühmtesten Mayagräber, nämlich das des Yax K’uk Mo‘. Sehr sehenswert ist auch ein Treppenaufgang, den etwa 2200 Maya-Schriftzeichen zieren, einer der längsten bisher bekannten Maya-Texte.

Wer sich Mayastätten als romantische Dschungelangelegenheiten vorstellt, kommt diesem Klischee in Tikal am nächsten. Sie kann als Hauptstadt der klassischen Mayaperiode gelten und ist ein kultureller Höhepunkt in Mesoamerika. Bis zu 90.000 Einwohner bewohnten die Stadt, in der eine Besiedelung über 1500 Jahre hinweg nachweisbar ist. Dreiunddreißig ihrer Herrscher kennt man inzwischen. Als ich auf einer der großen Pyramiden stehe und abwechselnd auf den Dschungel unter mir blicke sowie auf die anderen über das Dschungeldach hinaus ragenden Pyramiden, ist das sicher einer der stärksten Eindrücke der Reise.

Nach einer Woche in Guatemala geht es wieder zurück nach Mexiko. An der Grenze werden wir ausführlich gefilzt. Nachdem sich die Grenzbeamten bekanntlich nicht um den Drogenschmuggel kümmern können, wenn sie überleben wollen, müssen sie sich ihre Langeweile naturgemäß mit Touristen vertreiben.

Auf den Touristenterror in Chichén Itzá am Ende der Reise, wo tausende gelangweilte Badetouristen tausenden gelangweilten Kreuzfahrttouristen auf die Zehen steigen, möchte ich hier gar nicht eingehen. Ebensowenig wie auf die trostlosen stundenlangen Fahrten durch meterhohes Gestrüpp in Yucatan. Was für ein Kontrast zu den grandiosen Aussichten in Südmexiko und Guatemala! Erwähnen muss ich aber noch Palenque, dessen schweißtreibende Besichtigung diese Mühen mehr als wert ist, und dessen Blüte ebenfalls in die klassische Zeit fällt. Sie ist nämlich in mehrerer Hinsicht herausragend, auch abgesehen von der beeindruckenden Lage im Dschungel. So ist die Anlage architektonisch besonders sorgfältig gestaltet und das baulich umgesetzte astronomische Wissen besonders beeindruckend. Ein weiterer Höhepunkt ist das 1952 gefunden Grab des Pakal. Freilich kann man seinen Namen erst seit 1973 lesen als man die Mayaschriftzeichen endlich entschlüsselt hatte.

Wer sich für alte Kulturen und Archäologie interessiert, kommt an einer Reise durch Mexiko und Guatemala nicht vorbei, weil es weltweit nichts Vergleichbares gibt. Mexiko zähle ich rückblickend nicht zu den mir sympathischsten Reiseländern, nicht nur wegen der beschriebenen Sicherheitsprobleme. Wenn man von Einheimischen etwa Einblicke die nicht funktionierenden staatlichen Institutionen bekommt (Justiz!) ist das vergleichsweise deprimierend. Für Guatemala gilt Ähnliches, hier ist der alltägliche Überlebenskampf für viele Menschen noch deprimierender. Die Indianerkulturen und was man von ihnen in beiden Ländern auch heute noch beobachten kann, ist dagegen wieder ausgesprochen anregend.

Andalusien – Das islamische Europa

Oktober 2015

Diese Studienreise liegt nun schon eine Weile zurück, aber wie bei allen meinen Reisen will ich einige Eindrücke festhalten. Ich bereiste viele Länder des Orients, von Marokko bis Usbekistan, bevor ich jene europäische Region besuche, welche der Islam am stärksten prägte: Andalusien.

Das Faszinierende an dieser Weltgegend ist, wie vielseitig die geschichtlichen Bezüge sind. Sie beginnt bei der Alltagskultur, setzt sich in der Architektur- und Kunstgeschichte fort und ist selbst für die Geistes- und Mentalitätsgeschichte Europas maßgeblich prägend. Um mit dem scheinbar Banalen anzufangen: Die Bedeutung des Serranoschinkens für die andalusische Küche bis heute, wäre ohne den damaligen Religionskonflikt undenkbar. Nach der Reconquista gingen viele Moslems in den Untergrund. Eine wichtige Methode, sie zu entlarven, war der verweigerte Verzehr von Schweinefleisch. Die echten Christen demonstrierten brav opportunistisch ihre Zugehörigkeit zum korrekten Katholizismus durch den demonstrativen Konsum von Schinken. Seit dieser Zeit ist es üblich selbst „vegetarische“ Gerichte wie Salte mit Schinken zu garnieren.
Am anderen Ende des Spektrums steht die Bedeutung Andalusiens für die Kulturgeschichte Europas. Als die Omaiyaden nach Cordoba kamen, weil sie von den Abbasiden aus dem Mittleren Osten vertrieben worden waren, begann die kulturelle Blütezeit. Wie alle Blütezeiten war sie von religiöser Toleranz geprägt und gipfelte in grandiosen Kulturleistungen. Nicht nur wurden auf diesem Wege viele antike Klassiker für die Nachwelt erhalten, es entstanden auch Standardwerke zu Mathematik, Astronomie und Medizin, welche viele Jahrhunderte lang für Europa maßgeblich waren.

Dieses Wissen ist natürlich immer präsent, wenn man durch Andalusien reist, ebenso wie die unerfreulichen Folgen der erfolgreichen Reconquista, etwa die berüchtigte Bücherverbrennung in Granada, welche der Erzbischof von Toledo veranlasste, Gonzalo Jiménez de Cisneros. Was bekommt der Reisende so viele Jahrhunderte später noch davon mit? Am offensichtlichsten sind selbstverständlich die architektonischen Einflüsse. Die Altstadt von Cordoba ist bis heute eine von der Anlage her muslimische Stadt. Die als Moschee erbaute Mezquita, deren säulenreicher Innenraum zu den beeinruckendsten zählt, die ich bisher sah, wird natürlich seit langem als Kirche betrieben. Ich werde allerdings das Gefühl nie los, dass diese Zwangschristianisierung so überhaupt nicht zu diesem Gebäude passt. Der alte Religionskonflikt schwelt auch bis in die Gegenwart: Die moslemische Gemeinde nutzte Teile der riesigen Mezquita wieder gerne als Moschee, was der konservative Bischof der Stadt naturgemäß empört zurückweist.
Wer marokkanische Städte kennt, kann sich beim Schlendern durch die Altstadt ausgezeichnet vorstellen, wie das Alltagsleben in Cordoba vor der Rückeroberung ausgesehen haben muss.
Neben den üblichen Sehenswürdigkeiten empfehle ich in Cordoba dringend den Besuch der Casa de Sefarad, die sich mit Kultur & Geschichte der Juden in Cordoba und Andalusien beschäftigt. Es gibt auch sehr gute Führungen dort.

Der zweite islamische Höhepunkt neben Cordoba ist selbstverständlich die Alhambra in Granada, wo sich die orientalische Baukunst am beeindruckendsten präsentiert. Mit zwei Millionen Besuchern ist sie die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Spaniens, weshalb man sich rechtzeitig um eine Eintrittskarte bemühen muss. Diese wiederum hat dann nur ein halbstündiges Zeitfenster währenddessen man die Burg betreten darf. Was die Außenwirkung angeht, trifft es „Burg“ übrigens ziemlich genau. Dicke Wände, kleine Fenster, insgesamt eine abschreckend wirkende Architektur. Desto verblüffender ist der Kontrast zur prächtigen orientalischen Ausstattung im Inneren. Die Kombination aus filigranen Verzierungen, unterschiedlichen optischen Perspektiven, und abwechslungsreichen Innenhöfen (gerne mit Wasserbecken, in denen sich die Architektur spiegelt) sucht weltweit ihresgleichen. Die grandiosen Aussichten auf Granada und das bergige Umland runden diese Eindrücke perfekt ab.

Wer an der Gegenreaktion des christlichen Spaniens interessiert ist, wird speziell in Sevilla fündig. Nicht nur gibt es dort einen der imposantesten Dome des Landes, sondern man kann im Parque de Maria Luisa die Plaza de Espana besichtigen, das in Keramikdarstellungen unter anderem das spanische Imperium verherrlicht.

Eine Denkanregung ganz anderer Art nehme ich ebenfalls noch von meiner Studienreise mit, nämlich das selbst so scheinbar eindeutig ethische Urteile wie die Ablehnung des Stierkampfes durch zusätzliche Informationen ambivalent werden können. So richtig es ist, dass der Akt des Stierkampfes an sich von einer barbarischen Grausamkeit ist, so verändert sich die ethische Gesamtbilanz, wenn man das gesamte Leben eines Kampfstieres betrachtet. Sie werden nämlich in eigenen Zuchtfarmen aufgezogen und zwar in einem für sie optimalen Ambiente. Kurz, sie leben über viele Jahre ein fantastisches Stierleben, dem dann ein halbstündiges brutales Lebensende gegenüber steht. Im Vergleich zum meist von Anfang bis Ende qualvollen Leben der üblichen Zuchttiere, ist so ein Kampfstierleben insgesamt also ethisch deutlich besser zu beurteilen.

Als Fazit sei betont, dass Andalusien sicher eine der intellektuell anregendsten Gegenden ist, die man in Europa besuchen kann. Werde sicher nicht zum letzten Mal dort gewesen sein.

In Mexiko, Guatemala und Honduras unterwegs

Die nächsten drei Wochen bin ich auf folgender Reiseroute unterwegs:

Reise-Route

Wenn technisch alles klappt, werde ich via Twitter von der Reise berichten. Etwaige Smartphone-Schnappschüsse finden sich in diesem (öffentlichen) Facebook-Album.

In Andalusien unterwegs

Die nächsten knapp zwei Wochen bin ich auf dieser Route in Andalusien unterwegs:

Reiseroute Andalusien

Fotos von unterwegs stelle ich in dieses öffentliche Facebook-Album.

Eine Reise durch Vietnam und Kambodscha

Januar 2015

Ich versuche die Welt seit vielen Jahren einigermaßen systematisch zu bereisen: Der Fokus liegt auf den wichtigsten alten Kulturen. Eine bei Touristen sehr populäre Region fehlte mir bisher noch: Südostasien. In Hinblick auf mein Schwerpunktthema war bei der Planung klar: Eine ausführliche Besichtigung von Angkor muss der Höhepunkt dieser Studienreise sein.

Wie üblich bereite ich mich durch die Lektüre einiger sorgfältig ausgewählter Bücher vor, ergänzt durch viele Spielfilme und Dokumentationen. So düster wie dieses Mal waren diese Präliminarien allerdings selten. Speziell die Geschichte Kambodschas besteht aus einer Reihe von Katastrophen, deren letzte der von Pol Pot initiierte Massenmord war, dem beispielsweise das Buch von Erich Follath gewidmet ist. Aber auch die einschlägigen Filme wie The Killing Fields (1984) sind keine leichte Kost. Für Vietnam gilt dasselbe für den Krieg gegen die Amerikaner. Auf die Briefsammlung Dear America etwa wies ich bereits hin. Die vielen deprimierenden amerikanischen Antikriegsfilme wie The Deer Hunter (1978) oder Born on the 4th of July (1989) sind ja hinreichend berühmt und fallen auch nicht gerade in die Kategorie „Stimmungsaufheller“.

Als ich schließlich im Flugzeug nach Hanoi sitze überwiegt die Nachdenklichkeit. Das ändert sich aber schnell durch den ersten Spaziergang in der vietnamesischen Hauptstadt. Der geordnete Trubel auf den Straßen ist nicht so chaotisch wie in China oder Indien, erfordert für uns Europäer aber volle Konzentration. Wegen der exorbitanten Wohnungspreise spielt sich das Alltagsleben vor allem in der Altstadt überwiegend auf der Straße ab. Auch viele Garküchen platzieren ihre Gäste gerne auf niedlichen Plastikhockern direkt auf den Gehsteig. Hanoi ist eine sehr abwechslungsreiche Stadt: Im Vergleich zur engen Altstadt präsentieren sich die ehemaligen Kolonialviertel großzügig und gediegen, mit ihren in Gelb gehalten Prunkbauten, in denen die französische Kolonialverwaltung residierte. Der dritte urbane Faktor ist schließlich Ho Chi Min und die von ihm kommunistische inspirierte Architektur. Nicht zu vergessen: Das monumentale Mausoleum. Privat lebte er vergleichsweise bescheiden, wovon ich mich dank seines Wohnhauses selbst überzeugen kann. Sehr hübsch ist selbstverständlich auch der Konfuzius gewidmete Literaturtempel, den König Ly Thanh Tong ursprünglich im 11. Jahrhundert errichten ließ, und der das chinesisch konfuzianische Bildungsideal verklärt. Freilich zu einer Zeit, in der Europa diesen Enthusiasmus auch gut hätte vertragen können. Was die Museen angeht, ist das Historische Museum mit zahlreichen Exponaten aus der Frühgeschichte sehenswert. Je näher man an die Gegenwart kommt, desto ideologischer wird das ausgestellte Geschichtsbild. Das Ethnologische Museum ist unverzichtbar für das Verständnis Vietnams, besteht das Land doch – vor allem im Norden – aus einer Vielzahl unterschiedlicher Ethnien. Ein Rundgang gibt einen guten Eindruck über deren unterschiedliche Kulturen und Bräuche. Beeindruckend auch der Freiluftteil mit Nachbauten von Wohnhäusern und Kultstätten. Eng eingerahmt werden sie von modernen Wohnbauten, so dass sich ein aussagekräftiger Kontrast zwischen Tradition und Moderne einstellt.

Nach der unvermeidlichen Bootsfahrt (Meeresfrüchtemenü!) bei seltenem Sonnenschein und perfekter Sicht der erste Inlandsflug nach Zentralvietnam und damit in die Nähe einiger der Hauptkriegsschauplätze des Vietnamkriegs. Im Fokus stehen bei einer Studienreise mit Kulturschwerpunkt aber andere Epochen: Die alte Handelsstadt Hoi An, deren Altstadt inzwischen so fest in den Händen der Touristen ist wie jene von Salzburg. Überraschenderweise lassen sich aber trotzdem noch Reste des ursprünglichen Charmes der am Fluss gelegenen Stadt erahnen.

Der erste archäologische Höhepunkt der Reise ist Cham-Tempelstadt My Son: Die ersten im Dschungel liegenden Tempel! Ein willkommener Vorgeschmack auf Angkor. Weiter geht es in die alte Kaiserstadt Hue, mit Zwischenstopp in einem hochkarätigen kleinen Museum, das den Cham gewidmet ist und damit diesen Kulturschwerpunkt abrundet.

Den einzigen Regentag der Reise erlebe ich in Hue, der alten Kaiserstadt, wo ich die beeindruckende labyrinthische Verbotene Stadt besichtige. Beeindruckend auch deshalb, weil dieser Prunk – wie so oft – in einem erschreckenden Gegensatz zum damaligen Lebensstandard der Untertanen stand. Das gilt ebenfalls für das meisterlich symmetrisch angelegte Kaisergrab von Minh Mang.

Weiterflug nach Saigon, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Im Vergleich mit dem Straßenleben dort kommt mir rückblickend Hanoi fast gemächlich vor: Die alte Trennung zwischen Norden und Süden macht sich in Vietnam bis heute ähnlich bemerkbar wie die zwischen Ost- und Westdeutschland. Nicht nur ist die Wirtschaftsleistung im Norden immer noch merklich schwächer, auch die Mentalitäten sind merklich anders. Mein Hotel im Zentrum, unmittelbar neben der Markthalle, erlaubt mir eine ausführliche Erkundung der turbulenten Innenstadt. Höhepunkt ist – neben den Pagoden – das Kriegsmuseum. Es zeigt die Gräuel des Vietnamkriegs aus unterschiedlichen thematischen Perspektiven, abgerundet durch martialische Originalkriegsgeräte im Hof. Wie ist das Verhältnis zu den Amerikanern heute? Ich sehe immer wieder junge Amerikaner als Touristen, die mit lachenden Vietnamesen unterwegs sind. Am aussagekräftigsten ist aber ein Cafe in unmittelbarer Nähe des Kriegsmuseums: Während dort die von Amerikanern begangenen Grausamkeiten an den Vietnamesen im Detail ausgestellt werden, spielt das Cafe – nur ein paar Meter davon entfernt – amerikanische Countrymusik.

Kambodscha! Der Flug nach Pnom Penhs beträgt nur vierzig Minuten, ist aus logistischen Gründen der Landroute allerdings vorzuziehen. Ich bemerke schnell, dass Kambodscha wirtschaftlich noch weit hinter Vietnam steht. Vietnam ist ein Schwellenland, in dem man als Tourist kaum mit direktem Elend konfrontiert wird. In Wien bemerke ich täglich mehr Bettler als dort während der gesamten Reise. Auch sonst sieht man ein turbulentes Land im Aufbruch. Kambodscha wirkt dagegen in vieler Hinsicht noch wie ein prototypisches Entwicklungsland. Speziell die lange Überlandfahrt von der Hauptstadt nach Siem Reap bestätigt diesen ersten Eindruck: Die Straßenverhältnisse erinnern mich immer wieder an Äthiopien.

Vorher steht aber die Besichtigung Pnom Penhs auf dem Programm. Der Königspalast und die Silberpagode induzieren bei mir ähnliche Gedanken wie in der vietnamesischen Kaiserstadt Hue. Grandios dagegen ist das Nationalmuseum. Dort befinden sich nämlich zahlreiche Höhepunkte der Khmer-Kunst, die aus Angkor in die Hauptstadt gebracht wurden, und einen hervorragenden Einstieg in deren Kultur geben. Die holprige Fahrt durch Zentralkambodscha gibt einen guten Einblick in die – euphemistisch formuliert – ursprünglichen Lebensverhältnisse der Landbevölkerung. Reisfelder werden mangels Technik meist noch mit Holzeimern bewässert, einer mühsamen Arbeit im tropischen Klima.

Nun steht der Höhepunkt der Reise bevor: Die Dschungeltempel von Angkor. Man darf sich das allerdings nicht wie bei Indiana Jones vorstellen: Siem Reap ist eine quirlige Touristenstadt und die berühmten Tempel sind bereits alle überlaufen.

Ich sehe mir in vier Tagen in Ruhe die wichtigsten Tempel an und merke schnell: Der legendäre Ruf der Tempelstadt ist berechtigt. Abgesehen von der gewaltigen Bauleistung dieser riesigen Anlagen im Dschungel ist das semantische Programm von einer beeindruckenden Qualität. Nicht nur sind die Tempel symbolisch dem mythologischen Bild des Kosmos nachgebildet, sondern auch das ikonographische Programm ist von einer seltenen Komplexität. Zusätzlich finden sich Darstellungen aus dem Alltagsleben. Insgesamt zählt Angkor zweifellos zu den größten Kulturleistungen der Menschheit. Der Kontrast mit dem Dschungel ist frappant und unterstreicht diesen Eindruck noch. Bei manchen Tempeln hat sich der Dschungel den halben Tempel wieder zurückerobert und dicke Wurzeln umschlingen das Mauerwerk. Die Qualität vieler Skulpturen ist atemberaubend. Wer sich davon selbst überzeugen will, kann das mit diesem fantastischen Bildband machen: Angkor. Eine Hommage an die Götter in Stein. Über den einzigen Quellentext über den Alltag der damaligen Khmerkultur schrieb ich bereits eine Notiz. Wer immer die Gelegenheit hat, sollte nach Angkor reisen und sich die Anlage selbst ansehen.

Reiseliteratur Vietnam und Kambodscha

Alle zur Reisevorbereitung von mir gelesenen Sachbücher bekommen wie immer eigene Notizen. Einige davon sind ja bereits online. Unterwegs verwendete ich den gut gelungenen Dumont Kunstreiseführer von Martin H. Petrich. Diese Reihe ergänze ich seit einigen Jahren immer gerne mit den Rough Guides im Ebook-Format am Tablet über die entsprechenden Länder, die mir mehr zu sagen als Lonely Planet. Hier finde ich auch immer die Tipps für die inhaltliche Reisevorbereitung (Literatur, Filme…) gut gelungen.

Martin H. Petrich: Vietnam. Kambodscha und Laos. Tempel, Klöster und Pagoden in den Ländern am Mekong (Dumont Kunstreiseführer)

Emma Boyle, Gavin Thomas: The Rough Guide to Cambodia (Rough Guides)

Ron Emmons: The Rough Guide to Vietnam (Rough Guides)

In Vietnam und Kambodscha unterwegs

Ich bin die nächsten zweieinhalb Wochen auf einer Studienreise durch Vietnam und Kambodscha unterwegs:

Vietnam-Kambodscha

Fotos werde ich unterwegs in ein öffentliches Facebook-Album stellen.

Ausgrabungen auf Kreta

September 2014

Eine langjährige Lücke sollte diese Studienreise schließen: Ich hatte die minoischen Ausgrabungen auf Kreta bisher noch nicht besichtigt. Dieses Ziel erreiche in dieser Woche auf Kreta, allerdings nur unter verschärften Bedingungen. So hatten wir zwei Tage lang in der zweiten Septemberhälfte noch 38 Grad im Schatten, was das Stehen zwischen Steinen nicht angenehm macht. Gleichzeitig bin ich in sogenannten „besseren“ Badehotels untergebracht, einem kleinkinderreichen Ambiente, auf das ich keinen gesteigerten Wert lege. Ich bevorzuge immer zentrumsnahe Hotels in Städten. Auf meiner nächsten Europa-Studienreise (Andalusien im Oktober 2015) wird das auch wieder überwiegend der Fall sein.

Endlich stehe in Knossos, einer der berühmtesten antiken Ausgrabungen. Beeindruckend nicht zuletzt deshalb, weil es die – nach aktuellem Wissensstand – erste alte Stadt war, in der vielstöckig gebaut wurde. Das gab es in dieser Form vorher weder in Mesopotamien noch in Ägyten. Was Sir Arthur Evans daraus machte, ist mit guten Gründen umstritten: Er baute viele der Gebäude wieder auf und stößt damit noch heute die Authentizitätsfreunde unter den Archäologen vor den Kopf. Zu Recht muss man sagen, denn Teile der Stätte erinnern tatsächlich an ein archäologisches Disneyland. Die Farben leuchten, die Mauern stehen wie frisch gebaut. Den Touristen kommt das natürlich entgegen, können sie doch ihre Augen statt ihr Hirn benutzen, was im Urlaub ja deutlich bequemer ist.
Evans Interpretationen der Funde sind meist auch von der schlichteren Art: Ein großes Gebäude, das zu Beginn an jener Straße liegt, die vom Meer herführt, konnte für ihn etwa nur ein Zollhaus sein. Es störte ihn nicht, dass keinerlei Funde diese Hypothese stützen.

Zwei Tage später überrascht mit Górtis. Ich war so auf Knossos und Phaistos fixiert, dass ich mich vorher nicht damit beschäftigt hatte. Ein Fehler! Es handelt sich um die Reste einer Stadt, die ab der dorischen Zeit einflussreich wurde und mit einer außergewöhnlichen Inschrift aufwartet: Mit altgriechischen Rechtstexten, welche die Bewohner als Dekoration für ihr Theater verwendeten und die heute in dieser Form einzigartig sind. Das Odeíon selbst ist aus dem 1. Jahrhundert und ebenfalls ungewöhnlich gut erhalten. Die Überreste der Basilika Agios Títos kann ich wegen einer Restaurierung leider nicht besichtigen.

Die zweite berühmte minoische Ausgrabung auf Kreta ist Phaistos, hoch über der Messara-Ebene gelegen, was damals natürlich viel Sicherheit bot. Anders als Knossos gibt es hier erfreulicherweise keinen Archäologiekitsch zu sehen. Es gilt also die unterschiedlichen Schichten auseinanderzuhalten. Der erste Palast wurde 1900 vor unserer Zeitrechnung errichtet, fiel aber schon nach zweihundert Jahren einem Erdbeben zum Opfer. Ein noch umfangreicherer Neubau wurde versucht, konnte aber vor dem Untergang der minoischen Kultur gegen 1450 nicht mehr fertig gestellt werden. Wackelige Interpretationen gibt es aber auch hier, etwa zu einem Podest im Zentralhof, das zum damals bei der Jugend beliebten Stierspringen hätte dienen können.

Die Beliebtheit dieses Stierspringens ist durch Fresken belegt. Sie kann man im Archaölogischen Nationalmuseum in Heraklion bewundern. Dieses Museum ist nicht nur deshalb sehr sehenswert, weil die dort gezeigten minoische Stücke großen Seltenheitswert haben (z.B. der Diskos von Phaistos und die Schlangengöttin-Skulptur), sondern auch, weil es didaktisch und architektonisch sehr geschmackvoll gestaltet ist. Die minoischen Fresken, denen der zweite Stock des Hauses gewidmet ist, muss man gesehen haben.

In Kreta unterwegs

Die nächste Studienreise steht an: Ich bin eine Woche lang in Kreta unterwegs:

Kreta-Reiseroute

Fotos werden ich in dieses Album stellen.

Iran – Vom widersprüchlichen Alltag einer säkularen Theokratie

Erschienen in „Literatur und Kritik 489/490 (November 2014).

„Ist das nicht gefährlich?“ – Das war die häufigste Frage, die ich vor meiner dreiwöchigen Iranreise zu hören bekam. Da ich mich in der Vergangenheit oft religionskritisch geäußert hatte, sahen mich einige Freunde bereits kurz nach der Einreise gesteinigt. Stünde im Iran auf Atheismus nicht die Todesstrafe? Die meisten Europäer haben ein ausschließlich negatives Bild vom Iran. Aus teilweise guten Gründen, wenn man an die desaströse Menschenrechtslage dort denkt. Die knapp siebentausend Kilometer, die ich durch Persien fuhr, belehrten mich allerdings eines Besseren: Der Alltag der Menschen ist ganz anders als wir im Westen meinen. Eine differenziertere Sichtweise ist dringend notwendig.

Meine Reise führt mich im Mai von Teheran aus gegen den Uhrzeigersinn erst zu den Reisfeldern des Kaspischen Meeres und in den Norden des Landes, wohin sich nur selten Touristen verirren. Der nördlichste Punkt ist die armenische Thaddäuskirche, in der Nähe der türkisch-armenischen Grenze. Nach dem kurdischen Gebiet im Westen fahren wir mit vielen Zwischenstopps Richtung Süden nach Schiras. Die Stadt selbst ist ein Höhepunkt jeder Iranreise und Ausgangspunkt für die Besichtigung von Persepolis. Die südwestlichste Ecke der Reise ist die Wüstenstadt Bam, welche Ende 2003 von einem verheerenden Erdbeben vernichtet wurde. Weitere wichtige Stationen sind Yasd und selbstverständlich Isfahan, ein Höhepunkt jeder Iranreise.

Die erste große Überraschung: Das Leben in der Theokratie ist wesentlich weniger religiös geprägt als ich es erwartete. Reist man in die Türkei oder nach Marokko packt man am besten Ohrstöpsel ein, um von den Muezzinen nicht frühmorgens aus dem Schlaf gerissen zu werden. Im Iran fällt mir erst nach einigen Tagen auf, dass ich bisher noch keinen einzigen Gebetsruf gehört habe. Das wird sich erst am Ende der Reise in Isfahan ändern. Im Gegensatz zu den Sunniten sehen die Schiiten ihre religiösen Pflichten entspannt. Sie legen Gebete pragmatisch zusammen, sodass sie mit drei statt fünf Gebeten auskommen. Im Iran wollte unsere Fahrer kein einziges Mal eine Gebetspause einlegen. In der offiziell säkularen Türkei erlebte ich Fahrer, die vehement auf ihre Gebetspausen pochten. Im öffentlichen Leben konnte ich ebenfalls keine Einschränkungen wegen der Gebetszeiten beobachten. Selbst am heiligen Freitag haben nicht wenige Geschäfte geöffnet.

Ich kann diesen entspannten religiösen Alltag nur schwer mit meinem Wissen über das Ritual des jährlichen Ashurafestes zusammenbringen, während dessen sich schiitische Jungen und Männer vor vielen Zuschauern einer oft blutigen Selbstgeißelung unterziehen, um des Märtyrertods von Hussein ibn Ali zu gedenken. Es gibt im Iran auch kaum etwas, das öffentlich präsenter wäre als der Märtyrerkult: Die Toten des Kriegs mit dem Irak werden in unzähligen Tafeln gefeiert. Auf jeder dieser Tafeln ist ein großes Foto der meist sehr jung Getöteten. Aufgestellt sind sie neben der Straße, sodass man während einer längeren Fahrt durch besiedeltes Gebiet oft gespenstisch an tausenden von Toten vorbeifährt.

Die Jugend lässt sich von dieser seltsamen Staatsideologie allerdings nur noch bedingt gängeln. In der Öffentlichkeit hält man pro forma zwar die Regeln ein, aber oft mit einer provokanten Lässigkeit. Ängstliche Touristinnen sind konservativer gekleidet als progressive Iranerinnen. Das Kopftuch ist manchmal so weit nach hinten gerutscht, dass man es kaum mehr sieht. Das gilt allerdings überwiegend für Teheran und die Großstädte, während man in der Provinz häufig noch dem Tschador begegnet. Im wohlhabenden Norden der Hauptstadt sieht man viele junge Frauen am Steuer, das Smartphone am Ohr. Ein Bild, das im nahen Saudi-Arabien völlig undenkbar wäre. Es ist bemerkenswert, dass das totalitäre Saudi-Arabien im Westen medial weniger kritisiert wird als der Iran mit seinem vergleichsweise liberalen Straßenleben.

Dieser Alltag wirft auch ein bedenkenswertes Schlaglicht auf die berüchtigte Scharia. Theoretisch kann man für Ehebruch gesteinigt werden, eine der grausamsten Hinrichtungsformen. Die notwendigen vier Augenzeugen sind in der Praxis natürlich schwer aufzutreiben. Wie mir international erfahrene Teheraner aber nachdrücklich versichern, unterscheidet sich das Sexualleben in ihrer Stadt nicht wesentlich von dem in westlichen Hauptstädten. Würde die Scharia wirklich praktiziert, müsste man halb Teheran steinigen. Ähnlich ist es mit dem Alkohol. Uns Einreisenden werden am internationalen Imam Khomeini Flughafen Peitschenhiebe für das Schmuggeln von Alkohol angedroht. Es gibt aber ein Netz von oft armenischen Schwarzhändlern, bei denen man Alkohol zumindest in Teheran telefonisch mit praktischer Hauszustellung bestellen kann. Armenier zählen im Iran zu den geschützten religiösen Minderheiten. Die Toleranz geht so weit, dass ihnen die Herstellung von Alkohol offiziell erlaubt ist – so lange sie ihn nicht verkaufen. Im Iran gibt es alle westlichen Vergnügungen, allerdings müssen sie in den eigenen vier Wänden stattfinden.

Es spielt keine Rolle, ob ich mich in einer Großstadt oder auf dem Land aufhalte: Ich werde sofort angesprochen. Nach einem herzlichen „Welcome!“ folgt sofort die Frage: „How do you like Iran?“. Schnell wird mir klar, wie schmerzlich die Iraner unter dem schlechten internationalen Ruf ihres Landes leiden. Schau uns an und rede mit uns! Sehen wir aus wie fanatische Islamisten und Selbstmordattentäter? Sind wir nicht ebenso gebildet und normal wie ihr Europäer? Sobald ich anfange, meine positiven Eindrücke zu formulieren, fällt speziell den jungen Iranern sichtbar ein Stein vom Herzen. In Gesprächen wird schnell deutlich, wie stolz sie auf ihre Jahrtausende alte Kultur sind. Sie wollen als eine der wichtigsten Kulturnationen der Weltgeschichte anerkannt werden, gleichberechtigt mit Ägypten, Griechenland oder Italien. Gerne betonen sie ihr Indoeuropäertum, manchmal mit einem nicht zu überhörenden chauvinistischen Unterton, und grenzen sich strikt gegen die Araber ab. Ein unerfreulicher Nebeneffekt dieser Mentalität ist der institutionelle Rassismus, mit dem die afghanischen Flüchtlinge im Lande zu kämpfen haben.

Viele Iraner scheinen mir völlig resistent gegen die Ideologie ihres Staats zu sein. Seit Jahrzehnten werden sie beispielsweise zum Hass gegen den USA erzogen. Unter den zahllosen Flaggen, die in den Hotels zur Dekoration verwendet werden, sehe ich nirgends eine einzige amerikanische. Die männliche Jugend auf der Straße ist trotzdem durch den American Way of Life geprägt und trägt auffällige amerikanische Marken, wenn sie es sich leisten kann. Ein Arzt in Isfahan wirbt auf seinem Schild prominent mit „from the U.S.A“. Unter vier Augen redet man selbst mit völlig Fremden Klartext. Im Park einer Provinzstadt spricht mich auf Englisch ein Physiker an. Er lobt zuerst ausführlich Deutschland und dessen Wirtschaft, zählt anerkennend prominente deutsche Physiker auf, und fährt fort: „Aber es gab auch sehr böse Deutsche wie Hitler.“ Nachdem er sich kurz umsieht, ob jemand in Hörweite steht folgt geflüstert der ebenso mutige wie problematische Satz: „Khomenei war unser Hitler.“

Auch die Wertschätzung des kulturellen und historischen Erbes passt wieder so gar nicht zum Bild eines islamistischen Landes. Man muss nicht an die durch die sunnitischen Taliban zerstörten Buddhastatuen im afghanischen Bamiyan denken, um sich das Bilderverbot des Islam ins Gedächtnis zu rufen. Im Gegensatz dazu erfreuen sich die „heidnischen“ bilderreichen Altertümer im schiitischen Iran von allen Seiten größter Wertschätzung. Nicht nur von den Iranern, die sehr stolz auf ihre Vergangenheit sind, selbst der theokratische Staat kümmert sich kompetent um diese Kulturschätze. Ich habe selten so sorgfältig kuratierte Provinzmuseen besucht wie im Iran. Als Beispiel sei das Azarbaidjan-Museum in Tabriz genannt, der Provinzhauptstadt Ostazarbaidjans.
Zu den Höhepunkten der altpersischen Kultur zählen neben dem Persepolis auch viele figurative Reliefs und Grabstätten. Überall treffe ich inländische Touristen, die ihre Kulturdenkmäler bewundern.
Außer Armenien habe ich noch nie ein Land bereist, in dem die Menschen so stolz auf ihre Sprache und ihre Literatur sind. Überall sind Straßen und Plätze nach persischen Klassikern benannt. Ihre Statuen sind omnipräsent. Böse Zungen behaupten, in iranischen Haushalten gäbe es mehr Hafiz- als Koranausgaben. Diese Dichterverehrung geht allerdings weit über das Ästhetische hinaus: Sie werden fast wie Propheten verehrt. Man verspricht sich von ihren Gedichten konkrete Lebenshilfe. Literarische Hauptpilgerstätte ist Shiraz, wo die Mausoleen der Dichter Hafiz und Saadi stehen. Ich war zuerst skeptisch als ich hörte, fast jedes frisch vermählte Paar wolle das Hafiz-Denkmal besuchen. Vor Ort sehe ich dann tatsächlich viele junge Pärchen, die für ein Foto posieren. Teenager beiderlei Geschlechts stehen ehrfürchtig um Hafiz‘ Sarkophag herum und legen andächtig beide Hände darauf. Ich stelle mir kurz hunderttausende deutschsprachige Teenager vor, die nach Weimar pilgern, um ihren Goethe zu besuchen. Was für uns unvorstellbar ist, ist im Iran Alltag.

Die Wirtschaft des Landes leidet unter den Sanktionen, welche der Westen wegen des iranischen Atomprogramms verhängte. Das besagen diverse Statistiken und auch die hohe Inflationsrate spricht eine deutliche Sprache. Fährt man durch das Land, passt das Gesehene nur bedingt zu diesen Informationen. So ist die Verkehrsinfrastruktur Irans vorbildlich. Wir fuhren viele tausende Kilometer auf perfekt ausgebauten Autobahnen. Selbst die ASFINAG könnte hier in Sachen Schlaglochfreiheit noch einiges lernen. Wo die Sanktionen gut greifen, das ist der Autoimport. Westliche Autos auf persischen Straßen sieht man kaum, mit der Ausnahme von alten Peugots, weil es hier früher eine langjährige Kooperation mit Frankreich gab. Die Hotels sind für ein orientalisches Land ebenfalls in einem hervorragenden Zustand. Viele wurden in den letzten Jahren neu errichtet. Ich sehe immer wieder still gelegte Baustellen, aber es wird im ganzen Land intensiv gebaut. In den Geschäften findet man viele asiatische Markenprodukte, etwa von LG und Samsung. Wer sich das leisten kann, ist eine andere Frage.
Anders als von mir angenommen, sind selbst die Ladenöffnungszeiten liberaler als in Österreich. Geschäfte dürfen bis Mitternacht offen halten. In den Städten wird das auch ausgenutzt: Die Straßen sind bis nach Mitternacht belebt. So manches österreichische Städtchen würde das Straßenleben einer iranischen Kleinstadt beneiden.

Als ich nach drei Wochen wieder zurück in Teheran bin, weiß ich, wie einseitig die westliche Berichterstattung über den Iran ist. Im Mittelpunkt steht immer nur die schreckliche Staatsideologie des Landes. Wer sehen will, wie wenig relevant dieser Unfug für den Alltag von Millionen Iranern ist, der muss sich selbst vor Ort ein eigenes Bild machen: Der Iran ist von allen bisher von mir bereisten orientalischen Ländern das „europäischste“.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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