Reise-Notizen: Triest

Mai 2019

Wegen der vielen Studienreisen in die Ferne in den letzten zwanzig Jahren, kann mich die nähere Umgebung ja immer noch sehr positiv überraschen. „Fahr endlich mal nach Triest!“ rufen mir Freunde & Bekannte seit Jahren zu, verbunden mit einer Liste an kulturellen & kulinarischen Empfehlungen.

Endlich ist es soweit! Fünf Tage lang kann ich die Stadt und das Umland erkunden. Die riesige Fußgängerzone in der Altstadt, in der auch am späten Abend noch tausende Menschen unterwegs sind, sorgt für ein schönes südliches, urbanes Flair. Freilich ist auch hier nichts perfekt. So frage ich mich, was die Verantwortlichen ritt, als sie unmittelbar vor der Promenade am Meer einen riesigen Parkplatz errichteten. Wie in allen Städten reduzieren auch in Triest die vielen Autos die Lebensqualität.

Eine kulturelle Alltagsperle ist das Kaffeehaus San Marco mit seinen vielen Büchern und seinen vielen buchaffinen Menschen. Es waren immer mehr Bücherleser als Notebooknutzer anwesend, was man in Wien nur noch selten sieht. Beim Flanieren trifft man auch auf wunderschöne Buchhandlungen und Antiquariate.

Mein erster Weg führt mich aber freilich ins Joyce-Museum in der Stadtbibliothek. Schnell stellt sich heraus, dass „Museum“ etwas übertrieben ist: Es ist mehr ein Gedenkraum, dem auch noch einer für Italo Svevo angegliedert ist. Es findet sich eine große Karte mit allen Lebensstationen des James Joyce in Triest. Ich sehe mir eine Video-Dokumentation „Joyce in Triest“ an. Ansonsten gibt es ein paar Devotionalien wie Erstausgaben.

Um bei der Literatur zu bleiben: Mir war nicht mehr bewusst, dass einer der wichtigsten Heroen der deutschen Klassik in Triest gewaltsam ums Leben kam: Johann Joachim Winckelmann! Als ich gegenüber des Doms vor einem riesigen Winckelmann-Schild stehe, das der Welt diesen Sachverhalt schildert, bin ich überrascht. Erstaunt bin ich als ich ein paar Meter weiter dann den Eingang zu einem Winckelmann-Museum sehe. Es besteht primär aus antiken Steinen in einem Park und einem Pavillon, in dem ein aufwändig gestaltetes klassizistisches Denkmal für den Klassiker untergebracht ist.

Die Winckelmann-Räubergeschichte ist bemerkenswert. Ich zitiere aus der Wikipedia:

Im April 1768 trat Winckelmann zusammen mit dem Bildhauer Bartolomeo Cavaceppi eine Reise an, die ihn zu alten und neuen Freunden in seiner Heimat führen sollte. Unter anderem wollte er nach Leipzig, Dessau und Berlin, auch Hannover und Göttingen waren Ziele. Eine Krankheit und die Beschwerlichkeiten der Reise führten zu einem melancholischen Anfall, der ihn die Reise bereits in Regensburg abbrechen ließ. Auf dem Rückweg besuchte er noch Wien und wurde von Kaiserin Maria Theresia empfangen, nach einer weiteren Fiebererkrankung setzte er die Rückreise fort. In Triest machte er im Hotel Locanda Grande Station und traf dort auf den vorbestraften Koch Francesco Arcangeli, der sein Zimmernachbar war.

In den folgenden Tagen trafen sich die beiden Männer häufig. Winckelmann zeigte Arcangeli arglos immer wieder seine vier Gold- und Silbermedaillen, die er von Maria Theresia für seine wissenschaftlichen Verdienste erhalten hatte. Am Morgen des 8. Juni versuchte Arcangeli bei einer dieser Gelegenheiten, Winckelmann mit einem Strick zu erdrosseln und die Münzen zu rauben. Als dies nicht gelang, stach er mit einem Messer auf ihn ein. Winckelmanns Gegenwehr war jedoch so heftig, dass beide Hände verletzt wurden, als er zur Abwehr des Messers in die Klinge fasste. Fünf der sieben Stiche, die den Körper Winckelmanns trafen, waren lebensgefährlich. Winckelmann verblutete, war aber noch über Stunden hinweg ansprechbar und konnte den Behörden genaue Angaben zum Geschehen machen. Er verwies bei der Befragung auf den Täter und nannte Habgier als Motiv. Er starb etwa sechs Stunden nach dem Anschlag. Der Attentäter konnte mit allen Gegenständen, die mit dem Mord in Verbindung standen, gefasst werden.

Die Prozessakten der für damalige Verhältnisse sehr akribisch durchgeführten Untersuchung des Tathergangs liegen auch in deutscher Übersetzung vor. Laut Geständnis des Täters war das Mordmotiv, sich die beträchtliche Reisebörse Winckelmanns anzueignen. Mögliche Hintergründe der Tat, etwa erotische, konnten nie zweifelsfrei geklärt werden. Arcangeli wurde zum Tod durch Rädern verurteilt, nachdem ihm der Mord nachgewiesen worden war.

Winckelmann wurde in dem Gemeinschaftsgrab einer Bruderschaft auf dem Friedhof der Kathedrale San Giusto in Triest bestattet. Sein Grab geriet zunächst in Vergessenheit; 1802, zur Zeit von Johann Gottfried Seumes Italienreise, über die der Spaziergang nach Syrakus berichtet, war das Grab nahezu unbekannt. Später gelangten die Gebeine in ein allgemeines Beinhaus.

Etwa 40 Jahre nach dem Ereignis bemühte sich Domenico Rossetti als Erster um eine möglichst detailgetreue Darstellung des Tathergangs nach den Prozessakten. Auf seine Initiative hin wurde in Triest ein Grabmonument für Winckelmann errichtet, fast 60 Jahre nach dessen Tod.

Gleich daneben ist das Civici Musei di Storia ed Arte. Primär eine sehr schöne Antikensammlung, in der wiederum die altgriechischen Vasen herausragen. Es ist offensichtlich unterfinanziert. Das zeigen nicht nur die offensichtlichen Baumängel, sondern auch die sehr altmodische Präsentation. Apropos unterfinanziert: im Lapidarium, ein Antikenmuseum im Stadtschloss, standen einige Räume wegen des Dauerregens sogar teilweise unter Wasser.

Ich besuche noch eine Reihe anderer Museen in Triest. Eines der schönsten ist das Museo Sartorio in der alten Villa des Besitzers. Einstmals eine reiche Handelsfamilie der Stadt, fiel ihr Besitz und ihre Kunstsammlung der Öffentlichkeit zu. Die gesamte Villa ist heute ein Museum. Es gibt nicht nur herausragende venezianische Kunst zu sehen (primär aus Istrien), sondern auch eine famose Tiepolo-Sammlung. Sehr schön ist auch, dass sie die feudalen Zimmer des Hauses immer wieder mit den Interventionen von Gegenwartskünstlern in Frage stellen.

Außerhalb der Altstadt besuche ich selbstverständlich das Rilke-Schloss Duino und stehe auf der Terrasse mit Meerblick auf der er seine Duineser Elegien schrieb. Vielleicht hundert Meter davon kann man einen von den Nazis errichteten düsteren Bunker besichtigen. Eine schöne Ironie der Geschichte, hier die besten und die schlechtesten Eigenschaften der Menschheit an einem Ort zu präsentieren.

Das Habsburger Schloss Miramare ist ästhetisch zweifellos eine sehr schöne Anlage. Speziell der Park beim Meer ist mit viel Geschick angelegt. Trotzdem kommen bei mir – wie bei den meisten Schlossbesichtigungen – schnell antifeudalistische Gefühle auf, und ich denke mir, wie hervorragend es doch sei, diesen monarchistische Unfug hinter uns gelassen zu haben.

 

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