Albanien: Impressionen

Oktober 2019

Über fünfzig Länder habe ich mir inzwischen angesehen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Oft sind die besten Reisen jene, die nicht zu den touristischen Top-Zielen führen. Jene Orte, die abseits der öffentlichen Wahrnehmung liegen und für die „Overtourism“ noch ein Fremdwort ist. Von Tirana aus verschaffe ich mir eine Woche lang einen Eindruck über das Land. Auf dem Land wird schnell sichtbar, dass Albanien noch eines der ärmsten Länder in Europa ist. Der sprichwörtliche Eselskarren ist dort immer noch nicht ausgestorben. Die Innenstadt Tiranas dagegen ist anderen europäischen Metropolen schon sehr ähnlich, bis hin zu diversen Hipster-Angeboten wie veganen Cafes. Die Regierung steckt seit einigen Jahren viel Geld in die Verbesserung der urbanen Infrastruktur. Die verkehrsberuhigten großen Plätze sprechen dafür ebenso eine deutlich Sprache wie die mit Bäumen begrünten Fußgängerzonen. Das ist in einem Land mit hoher Korruption alles andere als eine Selbstverständlichkeit. In der nicht weit von Tirana gelegenen Hafenstadt Durres wird gerade eine großzügige Promenade am Meer gebaut, wie man das von italienischen Städten kennt. Ein Besuch lohnt sich aber bereits jetzt zur Besichtigung des größten römischen Theaters auf dem Balkan sowie des kleinen, aber sehr charmanten archäologischen Museums dort. Leider zerstörte ein schweres Erdbeben drei Wochen nach unserem Besuch Teile der Stadt. Solche Nachrichten wirken ja seltsamerweise immer viel tragischer, wenn man die Orte bereits besucht hat. Die menschliche Psyche ist ein seltsames Ding.

Die Entwicklung Tiranas birgt auch die andere oder andere politische Ironie. So gibt es im Zentrum ein Stadtviertel, das während der Diktatur von „normalen“ Albanern nicht betreten werden durfte: Es war ausschließlich der kommunistischen Elite vorbehalten. Gleichheit in allen kommunistischen Diktaturen bedeutete: Alle sind gleich arm. Bis auf eine kleine Bonzenelite. Dieses Blloku-Viertel ist jetzt die Partymeile der Stadt: Restaurants, Bar, Geschäfte. Dazwischen irgendwo einsam die ehemalige Villa des Diktators Enver Hoxhas.

Ich versuche während meines Besuchs, die Frage zu beantworten, wie sich Albanien mit seiner totalitären Vergangenheit auseinandersetzt. Eine Antwort darauf zu finden, ist nicht einfach. Staatlicherseits setzt man sich erst seit wenigen Jahren mit der Diktatur und dem enormen Spitzelwesen auseinander. Zu diesem Zweck gibt es inzwischen mit BunkArt ein bemerkenswertes Projekt, das historische Aufarbeitung mit künstlerischer Reflexion verbindet. Ein paar Worte zum Hintergrund: Enver Hoxhas verbündet sich zuerst mit der Sowjetunion. Nach einem Streit wird China der neue Verbündete. Auch diese politische Beziehung geht in die Brüche. Als klassisch paranoider Diktatur fürchtet sich Hoxha nun gleich vor drei Feinden: Den Amerikanern, den Russen und den Chinesen. Als Reaktion darauf startet eines der verrückteren Projekte in der Geschichte der Diktaturen: In dem kleinen Land sollen 230.000 (!) Bunker gebaut gebaut werden. Von riesigen Anlagen bis hin zu kleinen Betonbunkern auf den Dörfern. Etwa 170.000 werden tatsächlich gebaut.

Der größte dieser Bunker wird mit etwa 160 Räumen, darunter eine große Versammlungshalle, in einem Berg am Rande Tiranas gebaut und wie alle anderen nie benutzt. Er wird jetzt seit wenigen Jahren als Geschichtsmuseum genutzt. Ein Rundgang lässt auch die dunkelsten Seiten der Diktatur Revue passieren. Dazwischen findet sich immer wieder Kunstinstallationen, welche die albanische Geschichte thematisieren. Deren Qualität reicht von beeindruckend bis unbeholfen. Leider hat man die vielen englischen Erläuterungstexte nie lektorieren lassen. Die vielen Fehler wirken unprofessionell, was angesichts der guten Inhalte schade ist. Den Bunker erreicht man bequem mit einem Taxi. Gleich daneben ist auch eine Seilenbahnstation, die zu einem der besten Aussichtspunkte über der Stadt führt. Wer den Weg scheut und trotzdem einen Eindruck bekommen will, findet in kleinerem Rahmen einen weiteren umgebauten Bunker mitten im Zentrum. Für den Bunker des Innenministeriums wird dasselbe Konzept umgesetzt, mit allen Stärken und Schwächen.

Eine andere sehenswerte Station in Sachen Vergangenheitsbewältigung ist das nationalhistorische Museum am Skanderbeg-Platz. Dort gibt es gleichzeitig eine offenbar noch aus kommunistischen Zeiten stammende Abteilung, in der mit den klassischen Mitteln der alten Propaganda der antifaschistische Kampf verklärt wird. Stalinistische Ästhetik inklusive. Gleichzeitig gibt es eine andere Abteilung, die sich ausführlich mit den Verbrechen des Kommunismus auseinandersetzt. Ob diese Zusammenstellung beabsichtigt ist, oder man bis jetzt aus welchen Gründen auch immer noch keine Überarbeitung anging, ist für den Außenstehenden schwer zu beurteilen.

Apropos Museen: Die Qualität der Museen im Land überrascht mich ausgesprochen positiv. Nicht nur sind sie architektonisch von erstaunlich hoher Qualität. Auch die kuratorische Präsentation ist von einem hohen Niveau. Offensichtlich steckt Albanien nicht nur viel Geld in Kultur, sie beschäftigt auch sehr kompetente Menschen in der Museumsverwaltung. Als Beispiel nenne ich das Skanderbeg Museum in Kruje und das Ikonen-Museum in Berat.

Abschließend noch eine kurze kulinarische Geschichte. Nicht wegen der Kulinarik, sondern weil sie vieles über das Land verrät. Das einzige international bekannte Restaurant der Hauptstadt ist das Mullixhiu. Bekannt, weil es von Bledar Kola, der für das Noma kochte, das immer wieder als bestes Restaurant der Welt ausgezeichnet wird. Statt diese internationale Karriere fortzusetzen, öffnet Kola in Tirana sein eigenes Restaurant – und setzt statt auf klassische Gourmetküche auf die albanische Bauernküche. Der mit mehr oder weniger legitimen Mitteln zu Geld gekommene Albaner, versteht nun freilich unter Luxusküche etwas anderes als die ärmlichen Speisen seiner Herkunft. Kola ist aber entsprechend hartnäckig und veredelt die albanische Küche durch sorgfältige Zubereitung zu einem kulinarischen Erlebnis. Als wir es am Abend besuchen ist das Publikum bunt gemischt. Europäische „Expats“ sind ebenso da wie unterschiedlichste Einheimische.

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