Wien Ausstellungen

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Fremde Götter – Faszination Afrika und Ozeanien

Leopold Museum 24.10. 2016

Von den vielen Ausstellungen, die ich während meines „Wien-Urlaubs“ besuche, ist „Fremde Götter“ herausragend. Das liegt zum Teil an dem Seltenheitswert, den afrikanische und ozeanische Kunst in Wien hat. Es gibt einige Exponate im Weltmuseum, aber im Vergleich zu anderen Metropolen wie Paris oder London ist das nicht erwähnenswert. Bei den Stücken handelt es sich überwiegend um Masken und Skulpturen aus West- und Zentralafrika, die ästhetisch anspruchsvoll präsentiert werden. Auch die Klischees, welche man gerne mit der Kunst aus dem Süden assoziert, werden thematisiert. Nach jedem Raum mit nativer Kunst folgt einer, der sich mit der Rezeption durch europäische Künstler auseinandersetzt. Hier gibt es wenige Überraschungen, aber diese Bilder und Skulpturen in direktem Vergleich mit den „Originalen“ zu sehen, ist sehr reizvoll. Die ozeanographische Kunst mit ihrer unterschiedlichen Ikonographie sorgt ebenso für Abwechslung wie die Werke einiger zeitgenössischer Künstler. (Bis 9.1.)

Fremde im Visier – Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg

Volkskundemuseum Wien 23.10. 2016

Schon wieder kuratiert das Volkskundemuseum eine exzellente Ausstellung. Dieses Mal steht der Blick auf Fremdes anhand von privaten Fotoalben aus dem zweiten Weltkrieg im Mittelpunkt. Es sind nicht nur ausführliche Reproduktionen zu sehen und mehrere Projektionen von Fotos auf große Leinwände, sondern es geben auch ausführliche Videointerviews mit drei zeitgenössischen „Hobbyfotografen“ Einblicke in die Entstehung der Fotos sowie in den Alltag des Zweiten Weltkriegs. Harmlose Kameradenbilder aus dem oft ereignislosen Soldatenalltag wechseln sich ab mit Aufnahmen des Feindes. Es sind auch wenige Brutalitäten zu sehen, die aber nicht so im Fokus stehen als bei der umstrittenen Wehrmacht-Ausstellung vor vielen Jahren.

Martin Parr – A Photographic Journey

Kunst Haus Wien 21.10. 2016

Der Brite Martin Parr beschäftigt sich in seinen Fotos meist mit dem Alltag. Oberflächlich betrachtet sind seine Bilder gelungene Momentaufnahmen. Eine genauere Auseinandersetzung mit ihnen zeigt aber, dass er der westlichen Gesellschaft gekonnt einen Spiegel vorhält. Es gibt einige Themen, auf die er immer wieder zurückkommt, etwa das Alltagsleben von Touristen in Badeorten. Aber auch die sogenannte „bessere Gesellschaft“ kommt nicht zu kurz.

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl aus seinen berühmtesten Fotoserien. Insgesamt sind Auszüge aus dreizehn Werkkomplexen zu sehen. Es gibt aber auch mehrere Filme zu rezipieren: Wer Parr als Filmemacher kennenlernen will, hat reichlich damit Gelegenheit. Eine einstündige Dokumentation gibt Einblicke in seine Ästhetik und seine Arbeitsweise.

Besonders hübsch ist natürlich, dass Martin Parr anlässlich der Ausstellung eine eigene Fotoserie über Wien anging. Dieses gelungene Wien-Porträt wäre alleine schon ausreichend, um sich auf den Weg ins Kunst Haus Wien zu machen. (Bis 2.11.)

Seurat, Signac, van Gogh – Wege des Pointillismus

Albertina 13. Oktober 2016

Ausstellungen über die Zeit des Impressionismus und die Epoche danach gibt es wie Sand am Meer. Deshalb ist es erfreulich, dass sich die Albertina aus diesem Zeitraum auf ein spezielles Thema fokussiert: den Pointillismus. Man wird nicht nur Zeuge der ersten pointillistischen Werke, sondern kann die Entwicklungen und die Variationen dieser Stilrichtung in etwa hundert Werken verfolgen. Für Seurat und seine Anhänger ist die neue Malweise vor allem auch ein intellektuelles Konzept. Aktuelle Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie und der Farbtheorie werden aufgegriffen. Statt im Freien zu malen bevorzugen sie wieder das Atelier. Das brachte den Protagonisten die abfällig gemeinte Bezeichnung „die Chemiker“ ein.

Nach den Anfängen beleuchtet die Ausstellung die beiden Zentren des Pointillismus anhand einiger Hauptwerke: Paris und Brüssel. Anschließend steht die Rezeption dieser Ästhetik im Mittelpunkt bis hin zu Picasso und Mondrian, bei dem aus unzähligen Punkten schließlich wenige Quadrate geworden sind. Wichtig in diesem Zusammenhang sind hier natürlich auch die Bilder van Goghs, von denen knapp 10 Stück zu sehen sind. Alleine sie lohnen naturgemäß den Albertinabesuch.

Was mich persönlich fasziniert, ist die Möglichkeit unmittelbar die Wirkung unterschiedlicher Malstile an mir zu erproben. So wirken Bilder, die mit sehr vielen kleinen Punkten gemalt werden, völlig anders als jene mit weniger und größeren Punkten. Erstere erzeugen eine Art transparente, surreale Qualität wogegen die „gröberen“ viel intensiver wirken.

Insgesamt eine gelungene Kombination aus Blockbuster-Ausstellung und kunstgeschichtlichem Kuratieren. (Bis 8.1.)

Martin Kippenberger

Kunstforum Wien 2.10. 2016

Martin Kippenberger zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlern seiner Generation. Vermutlich auch deshalb, weil er sich das Epithet „enfant terrible“ redlich verdiente. Sein Kunstschaffen umfasst ein weites Spektrum. Im Kunstforum ist ein bunter Querschnitt davon zu sehen. Angesprochen finde ich mich vor allem durch die ironisch-sarkastische Selbstauseinandersetzung in unterschiedlichen Medien. So verarbeitete er heftige Kritik an sich in einer Skulptur, welche in der Ecke steht. Auch die Poster in eigener Sache sind sehr geistreich. Manches ist passend provokant, wie der ans Kreuz genagelte blaue Frosch. Anderes lädt zu ausgiebigen Assoziationen ein, wie der kleine Birkenwald in dem in Übergröße Pillen verstreut sind. Viele der Kunstwerke versteht man ohne den Kontext nicht, weshalb ich den Audioguide empfehle. (Bis 27.11.)

Unter fremdem Himmel. Aus dem Leben jugoslawischer Gastarbeiterinnen

Volkskundemuseum Wien 9.10. 2016

Der Verein JUKOS dokumentiert in einer kleinen, aber feinen Ausstellung das Leben jugoslawischer Gastarbeiter in Österreich. 1966 wurde ein entsprechendes Abkommen mit Jugoslawien geschlossen, worauf eine kleine Massenmigration einsetzte. Schautafeln und Videos erzählen über die ersten Schritte im Land und die zahlreichen Schwierigkeiten im Alltag. Wer die Ablehnung vieler Wiener in den gezeigten Fernsehbeiträgen sieht, wird sofort an die aktuelle Situation in Sachen Flüchtlinge erinnert. Eine gelungene Aufarbeitung eines wichtigen Stücks Wiener Geschichte. (Bis 16.10.)

Ai Weiwei und Ruby Sterling

21er Haus 20.7. 2016
Winterpalais 31.7. 2016

Die Leiterin des Belvedere, Agnes Husslein-Arco, wird nicht verlängert, weil sie das Museum feudalistisch führte: Ihre Mitarbeiter mussten für sie private Dienstleistungen erbringen. Auch ihr Führungsstil erinnert ans 19. Jahrhundert: Kritische Rückfragen wurden mit Kündigungen beantwortet. In letzter Zeit setzt sie künstlerisch auf große Namen. So holt sie Weiwei erstmals nach Wien. Im 21er Haus sind wenige Werke von ihm zu sehen, darunter ein originales Teehaus aus der Mingzeit, inklusive etwas Verfremdung versteht sich. Dafür und für zwei weitere Werke im Erdgeschoss werden Nicht-Jahreskartenbesitzern stolze 18 Euro abgeknöpft. Der Titel der Ausstellung, translocation – transformation, ist allerdings durchaus treffend. Spektakulärer sind die Freiluftarbeiten hinter dem Oberen Belvedere, von denen die Installation F Lotus, welche aus gebrauchten Schwimmwesten besteht, durchaus beeindruckt.

Weniger beeindruckt war ich von den Werken des Ruby Sterling im Winterpalais. Wie bei Weiwei kann man politische Motive ausmachen: Er reibt sich am amerikanischen Militarismus. Ansonsten ließen mich die Werke ob ihrer multidimensionalen Beliebigkeit überwiegend ratlos zurück.

Berlinde de Bruyckere & Willhelm Lehmbruck

Leopold Museum 5.6. 2016

Ich wollte mir eigentlich vor allem die Lehmbruck-Ausstellung ansehen und bin dabei auch auf die bedrückenden Werke der Berlinde de Bruyckere gestoßen. Sie gilt als eine der wichtigsten Skulpturenkünstlerinnen der Gegenwart und das völlig zurecht. Ihre Skulpturen setzen sich auf eine brutale Art und Weise mit dem menschlichen Körper durch das Mittel der Verfremdung auseinander. Was der von mir sehr geschätzte Francis Bacon in seinen Gemälden handwerklich und konzeptuell erreicht, überträgt de Bruyckere ins Dreidimensionale. Das Ergebnis sind ausgesprochen verstörende Kunstwerke, welche unvermeidlich zur Reflexion über die menschliche Existenz, den Tod und den aktuellen Zustand der Welt anregen. (Bis 5.9.)

Wilhelm Lehmbrucks biographisches Schlüsselerlebnis war, wie bei den meisten Künstlern seiner Generation, der erste Weltkrieg. Obwohl er den Krieg nur „indirekt“ erst als Kriegsmaler und schließlich als Sanitäter in einem Berliner Lazarett erlebte, änderte sich nicht nur sein Kunststil, sondern dürften diese bitteren Erfahrungen auch einer der Gründe für seinen Freitod im Jahre 1919 gewesen sein. Die Ausstellung zeigt wesentliche Werke aus allen seinen Schaffensperioden und ist wie die meisten Retrospektiven chronologisch konzipiert. Das Frühwerk ist künstlerisch hochwertig, aber stilistisch noch nicht eigenständig, was sicher auch mit seiner Ausbildung an der konservativen Düsseldorfer Kunstakademie zusammenhängt. Persönlich sprechen mich die Arbeiten erst nach seiner expressionistischen Wende an, wo er unter anderem überlebensgroße Figuren schafft, deren Schmalheit an Rodin gemahnt. Sein wohl berühmtestes Werk ist eine Auseinandersetzung mit dem Krieg und ist ebenfalls ausgestellt: Der Gestürzte. Abgerundet wird die Retrospektive mit Arbeiten von Künstlern, welche Lehmbruck Zeit seines Lebens geprägt haben, und mit einem Blick auf dessen Rezeption. Passenderweise zählt dazu wieder Berlinde de Bruyckere. (Bis 4.7.)

Ausstellungen in Wien

Ich nutzte meine Wien-Urlaubswoche zum Besuch zahlreicher Ausstellungen. Hier eine kurze Zusammenfassung des Gesehenen:

Im Unteren Belvedere beschäftigt man sich mit Klimt, Kupka, Picasso und andere(r) – Formkunst. Im Mittelpunkt dieser kunsthistorisch spannend kuratierten Ausstellung steht die Entwicklung der Kunst in Richtung Abstraktion in Österreich, Tschechien und Ungarn, dem damaligen Kaiserreich also. Berücksichtigt wird nicht nur die Malerei, darunter sehr frühe abstrakte und kubistisch anmutende Werke, sondern auch das damals oft geometrisch inspirierte Kunsthandwerk. Stichwort: Wiener Werkstätte. Interessanter als die gezeigten Bilder der Promis wie Klimt oder Schiele sind die weniger bekannten Wegbereiter, etwa jene Adolf Hölzels. Möge man zukünftig öfters den Mut zu solchen spannenden „Anti-Block-Buster-Ausstellungen“ finden. (Bis 19.6.)

Kunsthistorisch aufschlussreich ist auch Fürstenglanz. Die Macht der Pracht im Winterpalais. Die Exhibition beschäftigt sich nämlich mit der Vermarktung der fürstlichen Gemäldesammlungen im 17. und 18. Jahrhundert. Diese Galerien waren Prestigeangelegenheiten ersten Ranges, weshalb alle stolzen Galerienbesitzer sie europaweit bekannt machen wollten. Heute würde man von Kulturmarketing sprechen. Mittel der Wahl waren vor allem sogenannte Galeriewerke, also opulente Bücher, welche die Bilder einer Sammlung abbilden und beschreiben. Sie wurden als Geschenke in ganz Europa verteilt. Beliebt waren auch Galeriebilder, in denen der Sammler mit seinen wichtigsten Werken gezeigt wird. So eine Meta-Ausstellung gab es in Wien bisher meines Wissens noch nicht, was alleine ja schon eine beachtliche Empfehlung darstellt. (Bis 26.6.)

Schlicht Balthus nennt sich die Retrospektive im Kunstforum Wien. Sie nähert sich dem Künstler aus unterschiedlichen Perspektiven. Am auffallendsten ist das ästhetische Außenseitertum des Balthus: Sein Stil orientiert sich an der italienischen Malerei, was sich nicht nur auf die figurativen Sujets bezieht, sondern auch auf seine Farbpalette. Neben seinen Akten junger Mädchen, die heute noch so manchen Sittenwächter provozieren, gibt es Portraits, Grafiken und Landschaftsmalerei zu sehen. Was mich verblüfft: Das 20. Jahrhundert spielt überhaupt keine Rolle, weder implizit noch explizit. Balthus ist kein Zeitgenosse, seine Bilder wirken auf mich evasorisch. Das figurative Gegenbeispiel wäre Francis Bacon, der ästhetisch innovativ mitten in seinem Jahrhundert steht und zu vielfältiger Reflexion anregt. (Bis 19.6.)

Die Kunsthalle verspricht The Promise of Total Automation, kann dieses Versprechen aber nicht halten. Nicht die erste Ausstellung dort, wo sich nur eine lose Beziehung zwischen dem Gezeigten und dem Thema herstellen lässt. Zwar gibt es eine Reihe von sehenswerten Einzelexponaten, darunter sogar historisch bedeutende wie die erste mit Lochkarten betriebene Webmaschine oder den ersten tragbaren Computer. Einen roten semantischen Faden sucht man aber vergebens. (Bis 29.5.)

Sehenswerter ist gegenüber im Mumok eine neue Auseinandersetzung mit der Wiener Kunstgeschichte: Körper, Psyche & Tabu. Wiener Aktionismus & die frühe Wiener Moderne. Wer den Aktionismus kennt, wird zwar keine neuen Aspekte entdecken. Der geschlagene Bogen zur Kunst der Wiener Jahrhundertwende, wo sich sowohl inhaltliche (Körperkunst) als auch soziologische (Protest-Avantgarde) Parallelen festmachen lassen, eröffnet aber neue Perspektiven auf Altbekanntes. (Bis 16.5.)

Im Wien Museum sind gleich zwei spannende Ausstellungen zu besichtigen: In den Prater! ist eine gelungene Darstellung der Geschichte dieser Volksbelustigung und deren Entwicklung. Zusätzlich zum klassenübergreifenden Unterhaltungsort gab es nach der Wiener Weltausstellung im Jahr 1873 dort auch einen regen Ausstellungsbetrieb über den man sich ausführlich informieren kann. Wer sich für die Geschichte Wiens interessiert, sollte sich einen Rundgang nicht entgehen lassen. (Bis 21.6.)
In meinen Augen mehr eine wiengeschichtliche als eine Kunst-Ausstellung ist O.R. Schatz & Carry Hauser. Im Zeitalter der Extreme. Sie zeichnet den unterschiedlichen Weg dieser beiden Wiener Maler nach, die nie so berühmt geworden sind wie manche ihrer Zeitgenossen. Zurecht, wäre ich versucht zu sagen, denn nicht wenige der gezeigten Werke wirken epigonal und erinnern etwa an Schiele oder Klee. Wenn man sich aber sozial- und mentalgeschichtlich dafür interessiert, welche katastrophalen Konsequenzen die erste Jahrhunderthälfte auf kreative Menschen hatte, findet man viele Denkanstöße. Zumal sich die beiden letztendlich völlig unterschiedlich entwickelten. Während Hauser ins katholisch-reaktionäre Milieu abdriftete, setzte sich Schatz mit urbanen Themen auseinander. (Bis 16.5.)

Eine von der Idee als auch Umsetzung bemerkenswerte Exhibition ist Schwarzösterreich. Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten im Volkskundemuseum. Meist unehelich aufgewachsen und mit dunkler Hautfarbe gesegnet, hatten nur die wenigsten eine angenehme Kindheit. Dass auch den wenigen positiven Lebenserlebnisse ausführlich Raum eingeräumt wird, ist erfreulich. Der Kern der thematisch organisierten Ausstellung sind die konkreten Erlebnisse und die Biographien ausgewählter (anonymisierter) Betroffener. In zahlreichen Videostationen erzählen Sprecherinnen und Sprecher deren Erlebnisse in Heimen, in der Familie, in der Stadt. Der weit verbreitete Alltagsrassismus ist dabei ein besonders trauriges Kapitel und ist ein Spiegel, den wir in diesen Wochen besonders stark benötigen. Abgerundet wird diese „oral history“ durch zahlreiche historische Objekte: Fotos, Briefe, Urkunden, Zeitungsartikel. Ein mir bisher völlig unbekanntes Kapitel in der Geschichte Wiens wird hier hervorragend vermittelt. (Bis 21.8.)

Kaiser Franz Joseph: Die Jubiläumsausstellungen

Aktualisiert am 2. Oktober 2016.

In fünf Ausstellungen wird des 100. Todestags des Kaiser Franz Joseph‘ gedacht. Vier davon habe ich mir inzwischen angesehen, die fünfte ist außerhalb Wiens im Schloss Niederweiden. Ich werde diese Notiz nach einem Ausflug dorthin aktualisieren.

Es ist eine seltsame Mischung, was einem insgesamt geboten wird. Als ich durch die vier thematisch unterschiedlichen Schauen schlendere, interessiert mich vor allem auch, wie Österreich im Jahr 2016 mit seiner habsburgischen Geschichte umgeht. Den Medien entnahm ich bereits vorher, dass man ein kritisches Bild zeigen wolle. Auch der Audioguide der Hauptausstellung im Schloss Schönbrunn – Mensch und Herrscher – betont das bereits zu Beginn. Das Ausstellungsdesign ist klassisch (ein höfliches Wort für „altmodisch“). In einer Mischung aus chronologischen und thematischen Stationen wird anhand von Schautafeln und diversen Exponaten das private und politische Leben aufgearbeitet. Abgesehen von sehr spärlich gesäten Monitoren mit Videomaterial, gibt es keine multimedialen Komponenten. Die zahlreichen Möglichkeiten der modernen Ausstellungsdidaktik werden kaum genutzt. Selbst der Audioguide ist nicht so professionell, wie man das von anderen Wiener Institutionen her kennt. Zum einen ist die länge der Beiträge unvorhersehbar unterschiedlich, von wenigen Sätzen für die sich das Tippen der Nummer kaum lohnt, bis hin zu sehr langen Beiträgen. Diese wurden im Nachhinein zusammengeschnitten, so dass die Beiträge oft am Ende abgeschnitten wirken. Eine dezidiert kritische Note, welcher Art auch immer, konnte ich aber nicht feststellen. Offenbar wird von Kuratoren ein Mindestmaß an historischer Objektivität bereits als kritisches Verdienst verbucht. (Bis 27.11.)

Mit Fest & Alltag beschäftigt sich im Rahmen der Reihe das Hofimmobiliendepot. Höfische Repräsentation wird mit dem Arbeitsalltag des Kaisers verglichen, der bekanntlich persönlich kein großer Freund des Luxus war. Trotzdem gab es zu offiziellen Anlässen (Staatsbankette, Bälle, Festivitäten…) den notwendigen habsburgischen Prunk. Anhand von Schaustücken und Gemälden kann sich hier einen guten Eindruck über das Hofzeremoniell verschaffen. Im Gegensatz dazu stand Franz Joseph quasi bürgerlicher Alltag, was etwa seinen Schreibtisch und dessen Utensilien angeht. Das wird auch in der ersten Ausstellung thematisiert, aber solche Doppelgleisigkeit sind bei so einem Projekt natürlich unvermeidlich. (Bis 27.11.)

Zu Beginn verwirrend finde ich Repräsentation & Bescheidenheit in der kaiserlichen Wagenburg. Die Sonderausstellung ist kaum ausgeschildert und betritt man dann den Hauptraum, sieht man auf den ersten Blick keinen Unterschied zur sonstigen Dauerausstellung. In der Mitte der Halle beginnt dann mit einer Schautafel die erste Station. Die Schau besteht vor allem darin, dass man vorhandenen Gegenständen eine neue Audioguide-Nummer gab und zusätzlich noch ein paar Bilder und Kleidungsstücke zeigt. Ein Besuch lässt sich in einer guten halben Stunde erledigen. Dieses Leichtgewicht als eine von vier „großen“ Franz-Joseph-Ausstellungen zu vermarkten, entbehrt nicht der Chuzpe. Die paar zu sehenden Objekte wie die von Franz Joseph verwendeten Fahrzeuge sind freilich durchaus interessant. (Bis 27.11.)

Außerhalb der vier „offiziellen“ Ausstellungen gibt es eine fünfte im Prunksaal der Nationalbibliothek. Sie ist mit Der ewige Kaiser. Franz Joseph I. 1830–1916 betitelt und beschäftigt sich mit der Ikonographie des Kaisers. Die Sammlung der ÖNB umfasst nämlich eine fünfstellige Zahl an entsprechenden Materialien. Zu sehen sind nicht nur thematisch-chronologisch angeordnete Schaukästen mit Erklärungstafeln, sondern vor allem auch eine zehn Meter lange Bildgalerie mit 86 Porträts aus 86 Lebensjahren. Wer sich die Frage stellt, warum Franz Josef bei vielen seiner Untertanen so bekannt und beliebt war, findet hier einige interessante Antworten. (Bis 27.11.)

Welches Fazit lässt sich insgesamt ziehen? Österreich geht vergleichsweise unverkrampft mit seiner kaiserlichen Geschichte um. Aus dieser Perspektive ist die oft provinziell wirkende Machart der Ausstellungen sympathisch. Man bemerkt das Bemühen um historische Sachlichkeit. Der habsburgische Mythos jedenfalls wird kaum gefüttert. Auch der Kaiserkitsch hält sich – abgesehen vom Franchising natürlich – in Grenzen. Freilich begibt man sich auch nie auf eine intellektuelle Metaebene, um dieses Verhältnis explizit zu hinterfragen. Eine akademischere Heransgehensweise statt der gewählten „historisch naiven“ wäre sehr wünschenswert gewesen.

25. September 2016

Herbst ist es geworden, bevor ich mir die letzte dieser Jubiläumsausstellungen ansehe: Jagd & Freizeit. Sie findet etwa 40km außerhalb Wiens im ehemaligen kaiserlichen Jagdschloss Niederweiden statt. Die Schau ist mit etwa 100 Exponaten vergleichsweise klein und bietet eigentlich keine Überraschungen. Der soziale und gesellschaftliche Aspekt der Jagd wird adäquat beleuchtet. Im Gegensatz zur unkritischen Präsentation der monarchischen Jagdleidenschaft in der Kaiservilla in Bad Ischl, fällt der aus dem Skeletten von Jagdtieren errichtete „Pavillon“ beinahe schon als kritische Provokation auf. Die Architektur und Infrastruktur der Anlage ist mindestens ebenso interessant wie die Ausstellung selbst.

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Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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