Wien Ausstellungen

|<..2345..>|

Ist das Biedermeier? Amerling, Waldmüller und mehr

Unteres Belvedere 1.11. 2016

Die neue Herbstausstellung im Unteren Belvedere versucht, einen anderen Blick auf die Epoche des Biedermeier zu werfen. Es ist ja überhaupt fraglich, inwieweit „Biedermeier“ ein adäquater kunsthistorischer Epochenbegriff ist. Im angelsächsischen Raum bevorzugt man für diese Periode bekanntlich „realism“. Die Schau zeigt anhand vieler Werke, dass in dieser Epoche nicht nur jene Idyllen gemalt wurden, welche man als Klischee dem Biedermeier gerne zuschreibt. Freilich finden sich auch solche darunter, etwa die brave Familie im biederen Heim. Das Schaffen des Ferdinand Georg Waldmüller steht im Mittelpunkt, dem wohl wichtigsten österreichischen Maler dieses Zeitraums. Man wagt aber auch einen Blick über den Tellerrand: Maler der benachbarten Kronländer sind ebenso präsent. Auch ausgewählte Möbelstücke fehlen nicht.

Die Werkauswahl ist durchaus gelungen. Die Ausstellung scheitert aber daran, ihre Ausgangsthese plausibel zu machen. Diese wird nämlich außer im Titel und in den Begleitinformationen nirgends explizit thematisiert. So wirkt das Thema mehr als Vorwand, gute Bilder an die Wand zu hängen, denn als genuine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. (Bis 12.2.)

Michelangelos Sixtinische Kapelle in Wien

Votivkirche 2.11. 2016

Sich mit dem großartigen Michelangelo zu beschäftigen ist naturgemäß eine begrüßenswerte Angelegenheit. Deshalb stehe ich diesem Ausstellungsprojekt prinzipiell positiv gegenüber als ich die Votivkirche betrete. Zu sehen sind dort große Reproduktionen aus der Sixtinischen Kapelle in akzeptabler Qualität. Man kann sich die meisten Bilder also aus einer Nähe ansehen, wie das sonst schwer möglich wäre. Allerdings sind die Bilder in zwei vergleichsweise engen Gängen gegenüber aufgehängt, so dass man sie leider nicht aus einer größeren Entfernung betrachten kann. Der Audioguide stellt die knapp vierzig Bilder ausführlich vor, legt den Schwerpunkt für meinen Geschmack aber zu sehr auf inhaltliche und theologische Aspekte. Die Ästhetik Michelangelos kommt dabei deutlich zu kurz.

Insgesamt wirkt das Projekt auf mich lieblos kuratiert. Vor dem Eingang läuft ein Video, ansonsten gibt es ein paar Tafeln mit überschaubarem Informationsgehalt. Dabei böte die Digitaltechnik heute so viele Möglichkeiten zur Veranschaulichung. Angesichts dieses Gesamtpaket fast 20 Euro Eintritt zu verlangen, grenzt an eine Unverschämtheit. (Bis 4.12.)

Sex in Wien & Chapeau

Wien Museum 25.10. 2016

Den Absperrungsbändern nach gibt es für Sex in Wien üblicherweise einen großen Andrang. Bei meinem werktäglichen Besuch ist die Schau von einer Handvoll Pensionisten und ein paar kichernden Mädchen bevölkert. Der neue Direktor Matti Bunzl will seine Ära offenbar um jeden Preis mit einem Publikumserfolg starten. Dabei ist das Thema ein wiengeschichtlich durchaus Interessantes. Obwohl in die Ausstellung nur Erwachsene dürfen, hält sich der Voyeurismus in Grenzen. Die Wiener Sexualgeschichte wird thematisch ausgebreitet und aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Auch sozialkritische Faktoren fehlen nicht, etwa kirchliche Missbrauchsskandale, Ehepolitik und Empfängnisverhütung. Wie verkrampft man mit dem Thema in den sechziger Jahren umging zeigen hübsch zeitgenössische ORF-Beiträge. Mich amüsiert auch die dort zu hörende Philippika gegen Freud von einem seiner weiblichen Opfer. Ansonsten reiht sich die Ausstellung in Sachen akzeptabler Qualität gut in die bisherige Reihe der kulturgeschichtlichen Wienausstellungen des Hauses ein. (Bis 22.1.)

Eine ungewöhnliche historische Perspektive nimmt auch Chapeau ein. Das Ziel verrät der Untertitel: Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes. In thematischen Gruppen werden die semantischen und sozialen Implikationen von Hüten aller Art dargestellt. Von revolutionären Kappen bis hin zu Uniformhelmen. Durchaus erhellend. (Bis 30.10.)

Fremde Götter – Faszination Afrika und Ozeanien

Leopold Museum 24.10. 2016

Von den vielen Ausstellungen, die ich während meines „Wien-Urlaubs“ besuche, ist „Fremde Götter“ herausragend. Das liegt zum Teil an dem Seltenheitswert, den afrikanische und ozeanische Kunst in Wien hat. Es gibt einige Exponate im Weltmuseum, aber im Vergleich zu anderen Metropolen wie Paris oder London ist das nicht erwähnenswert. Bei den Stücken handelt es sich überwiegend um Masken und Skulpturen aus West- und Zentralafrika, die ästhetisch anspruchsvoll präsentiert werden. Auch die Klischees, welche man gerne mit der Kunst aus dem Süden assoziert, werden thematisiert. Nach jedem Raum mit nativer Kunst folgt einer, der sich mit der Rezeption durch europäische Künstler auseinandersetzt. Hier gibt es wenige Überraschungen, aber diese Bilder und Skulpturen in direktem Vergleich mit den „Originalen“ zu sehen, ist sehr reizvoll. Die ozeanographische Kunst mit ihrer unterschiedlichen Ikonographie sorgt ebenso für Abwechslung wie die Werke einiger zeitgenössischer Künstler. (Bis 9.1.)

Fremde im Visier – Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg

Volkskundemuseum Wien 23.10. 2016

Schon wieder kuratiert das Volkskundemuseum eine exzellente Ausstellung. Dieses Mal steht der Blick auf Fremdes anhand von privaten Fotoalben aus dem zweiten Weltkrieg im Mittelpunkt. Es sind nicht nur ausführliche Reproduktionen zu sehen und mehrere Projektionen von Fotos auf große Leinwände, sondern es geben auch ausführliche Videointerviews mit drei zeitgenössischen „Hobbyfotografen“ Einblicke in die Entstehung der Fotos sowie in den Alltag des Zweiten Weltkriegs. Harmlose Kameradenbilder aus dem oft ereignislosen Soldatenalltag wechseln sich ab mit Aufnahmen des Feindes. Es sind auch wenige Brutalitäten zu sehen, die aber nicht so im Fokus stehen als bei der umstrittenen Wehrmacht-Ausstellung vor vielen Jahren.

Martin Parr – A Photographic Journey

Kunst Haus Wien 21.10. 2016

Der Brite Martin Parr beschäftigt sich in seinen Fotos meist mit dem Alltag. Oberflächlich betrachtet sind seine Bilder gelungene Momentaufnahmen. Eine genauere Auseinandersetzung mit ihnen zeigt aber, dass er der westlichen Gesellschaft gekonnt einen Spiegel vorhält. Es gibt einige Themen, auf die er immer wieder zurückkommt, etwa das Alltagsleben von Touristen in Badeorten. Aber auch die sogenannte „bessere Gesellschaft“ kommt nicht zu kurz.

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl aus seinen berühmtesten Fotoserien. Insgesamt sind Auszüge aus dreizehn Werkkomplexen zu sehen. Es gibt aber auch mehrere Filme zu rezipieren: Wer Parr als Filmemacher kennenlernen will, hat reichlich damit Gelegenheit. Eine einstündige Dokumentation gibt Einblicke in seine Ästhetik und seine Arbeitsweise.

Besonders hübsch ist natürlich, dass Martin Parr anlässlich der Ausstellung eine eigene Fotoserie über Wien anging. Dieses gelungene Wien-Porträt wäre alleine schon ausreichend, um sich auf den Weg ins Kunst Haus Wien zu machen. (Bis 2.11.)

Seurat, Signac, van Gogh – Wege des Pointillismus

Albertina 13. Oktober 2016

Ausstellungen über die Zeit des Impressionismus und die Epoche danach gibt es wie Sand am Meer. Deshalb ist es erfreulich, dass sich die Albertina aus diesem Zeitraum auf ein spezielles Thema fokussiert: den Pointillismus. Man wird nicht nur Zeuge der ersten pointillistischen Werke, sondern kann die Entwicklungen und die Variationen dieser Stilrichtung in etwa hundert Werken verfolgen. Für Seurat und seine Anhänger ist die neue Malweise vor allem auch ein intellektuelles Konzept. Aktuelle Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie und der Farbtheorie werden aufgegriffen. Statt im Freien zu malen bevorzugen sie wieder das Atelier. Das brachte den Protagonisten die abfällig gemeinte Bezeichnung „die Chemiker“ ein.

Nach den Anfängen beleuchtet die Ausstellung die beiden Zentren des Pointillismus anhand einiger Hauptwerke: Paris und Brüssel. Anschließend steht die Rezeption dieser Ästhetik im Mittelpunkt bis hin zu Picasso und Mondrian, bei dem aus unzähligen Punkten schließlich wenige Quadrate geworden sind. Wichtig in diesem Zusammenhang sind hier natürlich auch die Bilder van Goghs, von denen knapp 10 Stück zu sehen sind. Alleine sie lohnen naturgemäß den Albertinabesuch.

Was mich persönlich fasziniert, ist die Möglichkeit unmittelbar die Wirkung unterschiedlicher Malstile an mir zu erproben. So wirken Bilder, die mit sehr vielen kleinen Punkten gemalt werden, völlig anders als jene mit weniger und größeren Punkten. Erstere erzeugen eine Art transparente, surreale Qualität wogegen die „gröberen“ viel intensiver wirken.

Insgesamt eine gelungene Kombination aus Blockbuster-Ausstellung und kunstgeschichtlichem Kuratieren. (Bis 8.1.)

Martin Kippenberger

Kunstforum Wien 2.10. 2016

Martin Kippenberger zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlern seiner Generation. Vermutlich auch deshalb, weil er sich das Epithet „enfant terrible“ redlich verdiente. Sein Kunstschaffen umfasst ein weites Spektrum. Im Kunstforum ist ein bunter Querschnitt davon zu sehen. Angesprochen finde ich mich vor allem durch die ironisch-sarkastische Selbstauseinandersetzung in unterschiedlichen Medien. So verarbeitete er heftige Kritik an sich in einer Skulptur, welche in der Ecke steht. Auch die Poster in eigener Sache sind sehr geistreich. Manches ist passend provokant, wie der ans Kreuz genagelte blaue Frosch. Anderes lädt zu ausgiebigen Assoziationen ein, wie der kleine Birkenwald in dem in Übergröße Pillen verstreut sind. Viele der Kunstwerke versteht man ohne den Kontext nicht, weshalb ich den Audioguide empfehle. (Bis 27.11.)

Unter fremdem Himmel. Aus dem Leben jugoslawischer Gastarbeiterinnen

Volkskundemuseum Wien 9.10. 2016

Der Verein JUKOS dokumentiert in einer kleinen, aber feinen Ausstellung das Leben jugoslawischer Gastarbeiter in Österreich. 1966 wurde ein entsprechendes Abkommen mit Jugoslawien geschlossen, worauf eine kleine Massenmigration einsetzte. Schautafeln und Videos erzählen über die ersten Schritte im Land und die zahlreichen Schwierigkeiten im Alltag. Wer die Ablehnung vieler Wiener in den gezeigten Fernsehbeiträgen sieht, wird sofort an die aktuelle Situation in Sachen Flüchtlinge erinnert. Eine gelungene Aufarbeitung eines wichtigen Stücks Wiener Geschichte. (Bis 16.10.)

Ai Weiwei und Ruby Sterling

21er Haus 20.7. 2016
Winterpalais 31.7. 2016

Die Leiterin des Belvedere, Agnes Husslein-Arco, wird nicht verlängert, weil sie das Museum feudalistisch führte: Ihre Mitarbeiter mussten für sie private Dienstleistungen erbringen. Auch ihr Führungsstil erinnert ans 19. Jahrhundert: Kritische Rückfragen wurden mit Kündigungen beantwortet. In letzter Zeit setzt sie künstlerisch auf große Namen. So holt sie Weiwei erstmals nach Wien. Im 21er Haus sind wenige Werke von ihm zu sehen, darunter ein originales Teehaus aus der Mingzeit, inklusive etwas Verfremdung versteht sich. Dafür und für zwei weitere Werke im Erdgeschoss werden Nicht-Jahreskartenbesitzern stolze 18 Euro abgeknöpft. Der Titel der Ausstellung, translocation – transformation, ist allerdings durchaus treffend. Spektakulärer sind die Freiluftarbeiten hinter dem Oberen Belvedere, von denen die Installation F Lotus, welche aus gebrauchten Schwimmwesten besteht, durchaus beeindruckt.

Weniger beeindruckt war ich von den Werken des Ruby Sterling im Winterpalais. Wie bei Weiwei kann man politische Motive ausmachen: Er reibt sich am amerikanischen Militarismus. Ansonsten ließen mich die Werke ob ihrer multidimensionalen Beliebigkeit überwiegend ratlos zurück.

|<..2345..>|
  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING

Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Kategorien

Tweets