Film

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Eine fantastische Frau

Filmcasino 7.10.17

CHL/US/D/ES 2017
Regie: Sebastián Lelio

Ein braver Autorenfilm aus Chile, in dessen Mittelpunkt ein transsexueller Mann – die fantastische Frau – steht. Ihr verheirateter Liebhaber stirbt in einer Nacht überraschend im Krankenhaus in das sie ihn schnell gebracht hatte. Polizei, misstrauische Familie und diverse transsexuelle Diskriminierungserfahrungen sind die Folge. Das ist alles passabel erzählt und von Daniela Vega ausgezeichnet gespielt. Ihre Antagonisten sind freilich mehr karikiert denn narrativ ausgearbeitet. Cineastische Durchschnittskost.

Die beste aller Welten

Filmcasino 9.9. 17

AT 2017
Regie: Adrian Goiginger

Einen international viel beachteten österreichischen Debütfilm gibt es nicht jedes Jahr. Die auf diversen Festivals durch Kritiker und Zuseher gestreuten Lorbeeren sind durchaus berechtigt. Die beste aller Welten ist eine Milieustudie aus der Salzburger Drogenszene. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines siebenjährigen Jungen. Der wächst mit seiner nach Heroin süchtigen Mutter in einer tristen Wohnsiedlung auf. Goiginger gelingt es hervorragend, die Wahrnehmungsperspektive des Kindes einzunehmen für das diese Drogen-WG ein selbstverständliches Umfeld ist: Die beste aller Welten. Das große Verdienst des Films ist es, dass er weder ein Sozialporno noch ein sozialpädagogisches Rührstück ist. Er zeigt dieses traurige Leben wie es ist und lässt mir als Zuseher den Raum, ein eigenes Urteil zu bilden. Der Junge will Abenteurer werden und seine Träume bekommen als Monsterjagd eine eigene filmische Ebene. Aus der Perspektive des Kindes ist die Gleichsetzung der Drogensucht mit dem Dämon seiner Fantasie auch durchaus plausibel. Während die tristen Lebensverhältnisse meist in engen Räumen gefilmt werden, taucht das schöne Salzburg bildlich nur selten als ferner Hintergrund auf. Der Film packt das Publikum zu Beginn und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los.

Das Ende ist es allerdings, das mir die Freude etwas trübt: Das Christentum als Retter von der Drogensucht inklusive einem happy ending. Dem Abspann nach hat sich diese Geschichte tatsächlich so ähnlich zugetragen, was meinen Einwand natürlich relativiert. Trotzdem wäre der Film ästhetisch stärker mit einem offenen Ende gewesen.

The Party

Filmcasino 30.7. 17

UK 2017

Regie: Sally Potter

In einer Wohnung in London soll der Erfolg einer Karrierefrau gefeiert werden: Sie wird Gesundheitsministerin. Eingeladen ist nur ein kleiner Kreis von Freunden, die mit der Ausnahme eines Bankers alle dem linksliberalen Milieu angehören. Die Party kippt wegen diverser Enthüllungen schnell in ein dramatisches Desaster, wie man das von den einschlägigen angelsächsischen Theaterstücken (Who’s Afraid of Virginia Woolf etc.) her kennt. Sally Potter legt dieses Abgleiten allerdings als Komödie an. Nun dürfen Komödien natürlich genrespezifisch mit Charaktertypen arbeiten. In The Party sind die Figuren aber so klischeehaft, dass es auf mich mehr traurig als komisch wirkt. Vom hysterischen Koksbanker über die militante Lesben-Feministin bis zum Klischee-Esoteriker, den der arme Bruno Ganz spielen muss, sehen wir nur Schablonen. Es gibt einige komische Momente und die Pointe am Schluss ist durchaus gelungen. Das kann den Film aber nicht retten. Das fast einhellige Lob der Kritik für dieses Klischeebombardement kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

The Beguild

Filmcasino 2.7.17

UK 2017
Regie: Sofia Coppola

Natürlich erwarte bei jedem Film der Sofia Coppola vergeblich einen neuen Lost in Translation. Thematisch und ästhetisch könnte The Beguild auch nicht weiter davon entfernt sein. Die auf einem Roman beruhende Handlung spielt während des amerikanischen Bürgerkriegs. Ein verletzter Soldat landet in einem „feindlichen“ Südstaaten-Pensionat für höhere Töchter, und löst dort erotische Verwickelungen aus, die schließlich ein böses Ende nehmen. Coppola analysiert also filmisch erneut eine Frauengruppe. Handwerklich ist ihre Regie in allen Dimensionen sehr kompetent. Ich wünsche mir allerdings, sie hätte für ihr beachtliches Filmtalent einen anderen Stoff gesucht.

I Am Not Your Negro

Filmcasino 17.6. 17

USA 2017

Director: Raoul Peck

James Baldwin zählt zu den bekannteren Persönlichkeiten rund um die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, nachdem er 1957 von Paris aus politischen Gründen in die USA zurückkehrte. In seinem Nachlass befand sich ein dreißig seitiges Manuskript mit dem Titel Remember this house, eine Mischung aus Autobiographie und Reflexion über den Rassismus und die gesellschaftliche Situation in den USA. Diesen Text setzte Raoul Peck nun in diesem Filmessay um, der gleichzeitig ein trauriges Dokument über den bis heute andauernden Rassismus in Nordamerika und ein fulminantes Porträt des James Baldwin ist. Letzteres auch deshalb, weil der Film viel historisches Videomaterial mit Baldwin verwendet. In Zeiten Trumps ein beeindruckendes und hochaktuelles Filmkunstwerk.

The Film Experience (MIT Open Course)

Wer sich für Filmklassiker interessiert, wird an dieser MIT-Vorlesung seine Freude haben. Professor David Thorburn führt in 23 knapp einstündigen Vorlesungen durch die Filmgeschichte. Im ersten Teil steht die Entwicklung des amerikanischen Films im Mittelpunkt, inklusive so spannender Fragen, wie nach und nach die Ästhetik und Semantik des Films entstanden ist. Aber auch soziokulturelle und ökonomische Aspekte werden nicht vernachlässigt. Der zweite Abschnitt widmet sich primär unterschiedlichen Genres wie dem Hollywood Kino der Dreißiger oder dem Western. Im letzten Drittel weitet sich die Linse des Kurses auf die internationale Filmgeschichte, vom italienischen Neorealismus bis zu Kurosawa.

Üblicherweise dient eine Vorlesung der Einführung in das jeweilige Thema, während sich die zweite mit einem konkreten Film beschäftigt. Am meisten profitiert man selbstverständlich, wenn man sich diese Streifen auch ansieht. Insgesamt finde ich das Niveau nicht spektakulär, habe die Zeit aber sehr gerne investiert. Wer sich nur eine Vorlesung ansehen will, dem empfehle ich jene über die Bicycle Thieves.

MIT Open Courses Film Experience (You Tube Playliste) / Webseite des Kurses

Five Came Back

Einige von Netflix‘ Eigenproduktionen erreichen ein hohes Niveau. Zu nennen wäre etwa das Kindersoldatendrama Beast of No Nation [Notiz]. Die dreiteilige Dokumentarreihe Five Came Back zählt ebenfalls zu diesen Highlights. Sie erzählt die Geschichte fünf bekannter Hollywood-Regisseure im zweiten Weltkrieg: John Ford, Frank Capra, William Wyler, John Huston und George Stevens. Begleitet wird jeder dieser Klassiker durch ein bekannten Regisseur, etwa Steven Spielberg oder Francis Ford Coppola. Meryl Streep als Sprecherin zeugt ebenfalls vom hohen Produktionswert der Reihe.

Frappant sind nun nicht nur die filmgeschichtlichen Tatsachen, die wir erfahren, oder die Mechanismen der Militärzensur und -propaganda, sondern vor allem auch die zahlreichen Filmausschnitte und das zeitgenössische verwendete Archivmaterial. Damit erhält man einen viszeralen Eindruck vom letzten Weltkrieg. Ein Lehrstück für alle Nationalisten und Europaverächter, die an der Rückkehr von Kriegen in Europa arbeiten.

Hell Or High Water

Filmcasino 19.5. 17

USA 2016

Regie: David Mackenzie

Vom Genre her ein moderner Western, der im von der Wirtschaftskrise gebeutelten West-Texas spielt. Genrespezifisch gibt es klare Fronten. Der Film erzählt eine Art Robin-Hood-Geschichte: Zwei Brüder holen sich durch kleine Banküberfälle jenes Geld zurück, das sie ihrer Hausbank schulden, um eine drohende Pfändung zu vermeiden. Zwei alte Ranger nehmen die Verfolgung auf. Die zwischenmenschliche Dynamik zwischen den jeweiligen Paaren tragen viel zur Qualität des Films bei. Ebenso die teils sehr skurrilen Figuren und das düstere und depressive Setting. Man versteht, wie solche Menschen Trump-Wähler werden, auch wenn man es nicht billigt. Ein beachtenswerter cineastischer Kommentar zum aktuellen Zustand Amerikas und einer der besten amerikanischen Filme des letzten Jahres.

Die Zukunft ist besser als ihr Ruf

Filmcasino 12.5. 17

A 2015

R: Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg

Alle reden von der Krise. Die vier Regisseure dieser Dokumentation wollen zeigen, was man dagegen unternehmen kann. Dazu porträtieren sie sechs Menschen und ihre Projekte, welche alle im Kleinen die Welt verbessern wollen. Beispielsweise eine Architektin, die auf natürliche Baumaterialien setzt, und in Bangladesch eine Schule baut. Die Begründerin eines Hilfsprojekts für arme Menschen oder einen Kulturhistoriker, der seine Studenten über die Tektonik der Gegenwart aufklärt. Alle sechs können eloquent ihre Anliegen darlegen: Man hört ihnen sehr gerne zu. Der Film ist auf provinzielle Projekte fokussiert, weshalb mir das Urbane beim Weltretten etwas zu kurz kommt. Die Zukunft ist besser als ihr Ruf erreicht allerdings tatsächlich, dass man das Kino merklich optimistischer verlässt, als man es betreten hat. Keine kleine Leistung für einen Dokumentarfilm.

Ein ehrenwerter Bürger

Filmcasino 28.4. 17

ARG/E 2016

Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn

Eine argentinische Komödie über einen fiktiven Literaturnobelpreisträger. Bereits der Beginn ist sehr treffend, wenn Daniel Mantovani in Stockholm den Preis entgegennimmt, ihn rhetorisch elegant zerlegt und dafür mit tosenden Applaus bedacht wird. Der Film zeigt das zermürbende Leben eines sehr prominenten Kulturschaffenden. Für Kreativität ist kaum mehr Zeit vor lauter repräsentativen Verpflichtungen. Als Mantovani die Einladung erreicht, er möge aus Europa zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft in sein altes argentinisches Dorf zurückkehren, entschließt er sich dazu nach einigem Zögern. Es entfaltet sich vorhersehbar das nicht übermäßig originelle Topos „Intellektueller trifft auf tiefste Provinz“. Nicht alle im Ort sind erfreut über die Darstellung des Dorfes in seinen Büchern. Es gibt neben diesen Konflikten auch alte und neue Liebschaften. Das ist amüsant zu sehen und handwerklich plausibel umgesetzt. Kein Komödienkunstwerk, aber gute Unterhaltung, speziell für Literaturfreunde.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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