Film

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Der Bauer zu Nathal – Kein Film über Thomas Bernhard

Stadtkino 22.4. 18

Ö 2017
Regie: David Baldinger, Matthias Greuling

Mein einziger Kritikpunkt bezieht sich auf den Titel: Selbstverständlich ist es auch ein Film über Thomas Bernhard und die ironische Verneinung ist nicht umwerfend originell. Originell und erfrischend ist allerdings das filmische Konzept, die Nachbarn und Ohlsdorfer Mitbürger samt ihrer Auseinandersetzung mit dem berühmten Autor zu dokumentieren. Eine Reihe von ihnen kommen ausführlich zu Wort, darunter ein hartnäckiger Bernhard-Hasser aber auch nicht wenige, die sich ernsthaft mit dem Provokateur auseinandersetzen. Es entsteht ein exzellentes Porträt des sozialen und mentalen Mikrokosmos dieses oberösterreichischen Fleckens. David Baldinger und Matthias Greuling bemühen sich um einen objektiven Blick. Das übliche Denunziatorische vieler Provinzdokumentationen liegt den beiden fern. Damit setzen sie einen Kontrapunkt zu den Provinztiraden Bernhards. Dieser kommt in kurzen, meist von Burgschauspielern gelesenen Szenen zu Wort. Sehr sehenswert.

Lady Bird

Filmcasino 21.4. 18

US 2017
Regie: Greta Gerwig

Die amerikanische Filmkritik feiert Lady Bird seit dessen Erscheinen fast ausnahmelos als großes Meisterwerk. Jetzt können sich endlich auch Europäer eine eigene Meinung bilden. Um das Fazit zu antizipieren: Der Film ist ein gut gelungener Autorenfilm, ein sehr sehenswerter Erstling. Ein außergewöhnliches Kunstwerk kann ich hier aber nicht erkennen. Die größte Stärke des Streifens liegt in der Authentizität mit der das Leben einer amerikanischen Teenagerin in der nordkalifornischen Provinz porträtiert wird. Angesichts unzähliger Highschool-Coming-Of-Age-Geschichten zeigt es nicht nur großen Mut, sich für das erste Werk an dieses Genre zu wagen, sondern es ist auch eine große kreative Leistung hier etwas ästhetisch Bemerkenswertes abzuliefern.

Ein so sensibles Porträt einer wirtschaftlich unterprivilegierten amerikanischen Familie gab es schon lange nicht mehr im Kino zu sehen. Nebenbei werden wir Zeuge, wie das Nebeneinander von Arm und Reich die amerikanische Gesellschaft spaltet. Schauspielerisch ist der Film grandios. Das gilt speziell für Saoirse Ronan als Lady Bird sowie Laurie Metcalf als autoritär-fürsorgliche Mutter. Die anderen Figuren werden aber ebenfalls alle exzellent gegeben. Mögen Greta Gerwig noch weitere Werke auf diesem Niveau gelingen.

Loveless (Nelyubov)

Filmcasino 8.4. 18

R 2017

Regie: Andrey Zvyagintsev

Seit Leviathan halte ich Andrey Zvyagintsev für einen spannenden Regisseur. Der Russe kombiniert einen schonungslosen Blick auf die Menschheit mit mutiger Kritik an der Politik in der Putin-Ära. In Loveless dominiert der erste Aspekt. Anhand eines Scheidungsdramas zeigt Zvyagintsev die emotionale Zerstörung einer Familie der oberen Mittelschicht. Der ungeliebte zwölfjährige Sohn bekommt diesen Streit mit und verschwindet plötzlich. Der überwiegende Teil des Films zeigt die verzweifelte Suche nach dem Jungen. Sie wird von privaten Helfern organisiert, während die Polizei anfangs untätig bleibt. Ein Seitenhieb auf den Zustand russischer Behörden. Zwischendurch werden die beiden neuen Beziehungen des Ehepaars beleuchtet. Ich fühle mich manchmal an Ibsen, manchmal an Bergman erinnert.

Gleichzeitig wird man als Zuseher mit viel Zeitkritik konfrontiert. Das fängt mit dem ständigen Spielen aller Protagonisten mit ihren Smartphones an, geht über die religiöse Verlogenheit eines Arbeitgebers bis hin zur trostlosen urbanen Provinzstadt, in welcher diese traurige Geschichte erzählt wird. Formal setzt Zvyagintsev auf lange Einstellungen und eine dunkel blau-grün-grau gehaltene Farbpalette. Ein wunderbar kompromissloses und ästhetisch gelungenes Werk.

The Death of Stalin

Filmcasino 30.3. 18

GB/CDN/F/B 2017
Regie: Armando Iannucci

Eine bitterböse Satire über Stalins Tod sollte eigentlich viele meiner Vorlieben erfüllen: Scharfe Kritik an totalitären Systemen, schwarzen Humor und provokative Themen. Einige der Szenen finde ich auch gelungen & amüsant. Insgesamt aber bleibt beim Verlassen des Filmcasinos ein zwiespältiges Gefühl zurück. Den wenigen Lachern steht einfach zu viel missglückte Komödie gegenüber.

Akira Kurosawa

Wie zu allen anspruchsvollen Kunstwerken, muss man sich den Zugang zu Kurosawas Filmen intellektuell erarbeiten. Auf den ersten Blick wirken sie sehr fremd. Das liegt gleichzeitig am meist ungewöhnlichen japanischen Setting sowie an der für den westlichen Zuseher verfremdend wirkenden Ästhetik. Beispielsweise agieren die Schauspieler für unsere Filmsozialisation ungewohnt unrealistisch und wirken teilweise übertrieben, wie wir das von der Oper her kennen.

Der zweite Blick zeigt uns dann aber schon seltsam Vertrautes. Warum kommen uns Elemente dieser „exotischen“ Filme so bekannt vor? Ein Grund dafür ist, dass Kurosawa sich thematisch oft an der abendländischen Kultur orientiert. Sein Lieblingsautor ist Dostojewskij und seine Filme setzen sich mit ähnlich großen Menschheitsthemen auseinander wie dessen Romane. Er geht sogar so weit, westliche Klassiker in die japanische Kultur zu transponieren. Throne of Blood (1957) etwa erzählt Shakespeares Macbeth nach. Kurosawa setzt auch gerne klassische Musik ein, etwa Schubert in seinen frühen Filmen.

Ein dritter Aspekt, warum uns Kurosawa an Bekanntes erinnert, ist sein kaum zu überschätzender Einfluss auf Hollywood. Speziell die Regisseure des New Hollywood aus den siebziger Jahren betonten immer wieder, welchen Einfluss Kurosawas Ästhetik auf sie ausübte. Er prägte sogar ganze Genres wie den Western. So sind die The Magnificient Seven (1960) ein Remake des wohl berühmtesten Film des Japaners: Seven Samurai (1954) [Notiz]. Wer sich nur eines seiner Werke ansehen will, sollte sich dafür entscheiden. In knapp drei Stunden demonstriert er die beschriebenen Qualitäten am besten. Das gilt auch für Kurosawas innovative Kamera- und Schnitttechniken sowie für die Kunst seines Lieblingsschauspielers Toshiro Mifune. Die Actionszenen sind bis heute prägend.

Wichtig im doppelten Sinne war für den Regisseur auch Rashoman (1950) [Notiz]. Einerseits wurde Kurosawa und in Folge das japanische Kino weltberühmt. Andererseits reflektiert er hier filmisch komplexe erkenntnistheoretische Fragestellungen.

Mir persönlich gefallen speziell auch jene Filme sehr, die den Nachkriegsalltag der Japaner reflektieren. One Wonderful Sunday (1947) wäre hier zu nennen, Stray Dogs (1949), Ikiru (1952) oder High and Low (1963).

Ein Meister seines Fachs und einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Mubi: Ein Streaming-Dienst für Cineasten

Begegnet ist mir Mubi schon vor einigen Jahren. Kunde des Streamingdiensts wurde ich aber erst vor einigen Monaten. Und siehe da: Es war wohl die Entdeckung des letzten Jahres. Der Service funktioniert wie Netflix: Man streamt Audiovisuelles und es gibt Apps für alle Plattformen.

Der Unterschied ist die Auswahl: Mubi ist vom intellektuellen Anspruch her deutlich oberhalb des Netflix-Angebots angesiedelt. Kuratoren wählen pro Monat 30 anspruchsvolle Filme aus, die man sich ansehen kann. Jeden Tag kommt ein neuer Film dazu, jeden Tag verlässt ein Film die Plattform. Abgerundet wird das Angebot durch Schwerpunkte, etwa Retrospektiven einzelner Regisseure oder bezogen auf Festivals. Die Auswahl ist grandios, von klassischen Autorenfilmen über Klassiker und entlegene afrikanische Filme bis hin zu avantgardistischen Kurzfilmen.

Ich entdeckte über Mubi beispielsweise den fantastischen polnischen Regisseur Krzysztof Zanussi. Dank der in den letzten Wochen gezeigten fünf Filme, schätze ich ihn jetzt sehr. Vorher hatte ich mich nur dunkel an seinen Namen erinnert. Auch den spannenden amerikanischen Avantgardefilmer Jay Rosenblatt würde ich sicher noch nicht kennen.

Ein Fest für Filmfreunde und eine uneingeschränkte Empfehlung!

Score: A Film Music Documentary

Filmcasino 4.3. 18

USA 2017
Regie: Matt Schrader

Filmmusik wird ja gerne unterschätzt. Matt Schrader will dem mit seiner Dokumentation über dieses Genre abhelfen. Es gelingt ihm gut, deren ästhetische Relevanz für die Filmkunst herauszuarbeiten. Er geht dafür prägnant auf die Meilensteine der Filmgeschichte ein. Sein Schwerpunkt liegt aber auf der jüngeren Filmgeschichte seit den siebziger Jahren. Es kommen viele berühmte Komponisten zu Wort und man erfährt einiges über die Inspirationsquellen und das Handwerk aller Beteiligten. Der Film fokussiert leider sehr auf den Mainstream. Autorenfilme oder der internationale Film kommt viel zu kurz. So wird das japanische Kino mit keinem Wort erwähnt. Trotzdem für Cineasten empfehlenswert.

The Shape of Water

Filmcasino

USA 2017
Regie: Guillermo del Toro

Guillermo del Toro ist der Magier des zeitgenössischen Kinos und bringt mit einer erfrischenden Selbstverständlichkeit Monster und andere Fantasiewesen auf die Leinwand. Was in Pan’s Labyrinth noch passabel funktioniert, weil es mit der dort gezeigten faschistoiden Unterdrückung einen inhaltlich relevanten Hintergrund für das magische Theater gab, scheitert der neue Film auf der ganzen Linie. Zwar kann der Regisseur als Weltenbauer wieder beeindrucken, die Liebesgeschichte zwischen der stummen Elisa Esposito und dem in einem Versuchslabor gequälten humanoiden „Monster“ ist aber schlicht avancierter Kitsch.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Filmcasino 29.1. 18

USA 2017

Regisseur: Martin McDonagh

Von der Kritik als einer der besten Filme des Jahres 2017 gefeiert, hat der Streifen tatsächlich viele Qualitäten. Zuvörderst Frances McDormand, welche beeindruckend energiegeladen Mildred Hayes spielt. Sie startet in ihrer Kleinstadt auf einen Rachefeldzug gegen die Polizei, weil diese den Mörder und Vergewaltiger ihrer jungen Tochter nicht finden will. Als Provokation stellt sie die drei titelgebenden „Billboards“ auf. Die darauffolgende furiose Handlung ist primär von den stark gezeichneten Charakteren getrieben. Interessanterweise sind alle komplett überzeichnet, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dazu tragen auch einige unerwartete Wendungen und Koalitionen bei, welche sich schließlich heraus kristallisieren. Eine tolle Tirade über das zeitgenössische provinzielle Amerika.

The Killing of a Sacred Deer

Filmcasino 14.1. 18

GB/IR 2016
Regie: Yorgos Lanthimos

Was für ein außergewöhnlicher Film. Ein cineastisches Meisterwerk? Ein antiaufklärerisches Propagandastück? Beim ersten Ansehen fällt es schwer, sich eine Meinung zu bilden. Der Film beginnt harmlos und sympathisch. Im Mittelpunkt steht eine Oberklasse-Ärztefamilie. Der Vater kümmert sich rührend um den psychisch labilen Sohn eines ehemaligen Patienten, der die Herzoperation leider nicht überlebte. Die Idylle dauert nur kurz: Der kleine Sohn wird mysteriös krank, und es entspinnt sich eine düster dämonische Rachegeschichte. Diese spiegelt als Kontrapunkt semantisch geschickt den naturwissenschaftlichen Beruf des Vaters: Das Irrationale übernimmt. Das ist sehr eindringlich und spannend inszeniert. Man geht mit jeder Menge Fragen aus dem Kino. Sollten Filmfreunde nicht versäumen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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