Film

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Black Mirror

Genau zwei Serien haben es bisher in die Notizen geschafft: Breaking Bad und The Wire. Als dritte kommt nun Black Mirror hinzu, eine düstere und dystopische Serie, die ebenfalls weit mehr bietet als schlichte Fernsehunterhaltung. Die dritte Staffel produzierte Netflix und auch eine vierte ist bereits in Arbeit.

Anders als beim Genre üblich, sind die bisherigen dreizehn Folgen völlig voneinander unabhängig. Nicht nur gibt es keinen übergreifenden Handlungsbogen, es gibt auch keine Figuren oder andere Elemente, welche einen direkten Bezug zwischen den unterschiedlich langen Episoden herstellen. Indirekt verbindet alle Folgen freilich ein Thema: Das dystopische soziale Potenzial unserer aktuellen Technologien. Die meisten Folgen drehen die Schraube unserer Lieblingstechnologien einige Jahre bzw. Jahrzehnte weiter und zeigen deren gruselige gesellschaftliche Konsequenzen. Im Mittelpunkt stehen soziale Medien, künstliche Intelligenz und elektronische Körperimplantate, etwa ein Chip, der ein perfektes Gedächtnis garantiert, weil er jeden Sinneseindruck abspeichert und wieder abspielbar macht. Oder ein elektronisches Implantat im Auge, dass es einem erlaubt, unfreundliche Mitmenschen buchstäblich zu blocken, wie unerfreuliche Zeitgenossen auf Twitter. In einer Folge wird der eigene soziale Status ständig durch Live-Bewertungen mit Hilfe des Smartphones konstatiert, ganz so als sei man ein Amazonprodukt. Sehr gut sind auch jene Serienteile, die Schuld und Sühne reflektieren.

Die einzelnen Episoden sind hervorragend geschrieben: Nichts ist so, wie es am Anfang scheint. Ständig gibt es völlig überraschende Entwicklungen. Dieses kreative Ignorieren von Genreregeln, macht Black Mirror ebenso zu einem Kunstwerk wie der intellektuelle und emotionale Gehalt. Wer sich eine oder zwei Folgen ansieht – mehr auf einmal sind nicht zu empfehlen – bleibt ausgesprochen nachdenklich bis dunkel gestimmt zurück. Damit fängt sie die aktuelle Stimmung im Westen gut ein und ist damit schon jetzt ein gelungenes Zeitdokument.

The Happy Film

Filmcasino 6.1. 2017

USA 2016

Regie: Stefan Sagmeister, Ben Nabors, Hillman Curtis

Der in New York lebende österreichische Designer hat einen Selbstversuch in diesem Film festgehalten: Drei von der Psychologie vorgeschlagene Wege auszuprobieren, um glücklicher zu werden: Meditation, kognitive Psychotherapie und Psychopharmaka. Herausgekommen ist eine idiosynkratische Selbstbespiegelung, die gleichzeitig die größte Stärke und größte Schwäche des Filmes ist. Selbstverständlich ist das alles nicht ohne Ironie auf die Leinwand gebracht. Sagmeister schreckt aber auch vor viel Selbstvoyeurismus nicht zurück. Was den Film formal sehr spannend macht, ist der ständige Einsatz von unterschiedlichen audiovisuellen „Designs“ als Illustration und Kontrapunkte. Von witzigen Scherenschnitten bis zu atemberaubenden Slow-Motion-Aufnahmen wird alles zweckentfremdet, was die Werbetechnik dieser Tage aufzubieten hat. Das Thema betreffend halten sich die Erkenntnisgewinne, wie von mir erwartet, in Grenzen. Wer ungewöhnliche Filme mag, wird mit The Happy Film jedenfalls seine Freude haben.

Love & Friendship

Filmcasino 30.12. 2016

IE/NL/F/USA/UK 2016
Regie: Whit Stillman

Zu Lebzeiten Jane Austens wurde Lady Susan nie publiziert. Erst 1871 konnte man den Kurzroman als Buch lesen. Der Stoff ist jetzt der Anlass zu dieser charmanten Filmkomödie. Charmant vor allem, wegen des hübschen britischen Upper Class Akzents, der dem Barock entnommenen Filmmusik sowie den fast durch die Bank schrägen Protagonisten. Amüsant ist auch die intrigante Handlung, aber ansonsten ist der Streifen nicht weiter bemerkenswert.

Nocturnal Animals

Filmcasino 23.12. 2016

USA 2016
Regie: Tom Ford

Ein auf mehreren Ebenen sehr intensiver Film. Die Handlung teilt sich in zwei Hauptstränge. Susan Morrow ist als erfolgreiche Galeristin eine Upperclass-Lady aus Los Angeles und wird auf eine originelle Art und Weise mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: Ihr Ex-Ehemann schickt ihr nämlich das Manuskript zu seinem neuen Roman: Nocturnal Animals. Die brutale Geschichte des Buches über die Entführung einer Familie in Texas bekommen wir ausführlich zu sehen, wenn Susan das Buch liest. Gleichzeitig sehen wir in Rückblenden den Beginn und das Scheitern ihrer Beziehung mit dem Autor. Obwohl der Roman nicht direkt davon handelt, ist er doch eine implizite Auseinandersetzung mit Susan. Das ist narrativ sehr subtil gemacht und erinnert tatsächlich an literarische Stilmittel.

Zusätzlich ist Nocturnal Animals fesselnd wie ein Thriller und hat eine sehr hohe emotionale Intensität. Dass er dabei die wichtige philosophische Frage „Wie soll ich leben?“ nicht aus den Augen verliert, ist angesichts der semantischen Dichte erstaunlich, und spricht für die strukturelle Brillanz des Tom Ford. Für mich einer der besten Filme des Jahres 2016.

Kaum öffne ich die Augen

Filmcasino 17.12. 2016

F/TN/BE 2015

Regie: Leyla Bouzid

Tunis im Jahr 2010. Der sogenannte arabische Frühling ist nicht mehr fern. Die junge Farah steht kurz vor ihrem Studium und singt regierungskritische Lieder in einer Rock-Band in Tunis. Keine gute Idee in einem diktatorischen Staat, der sich so eine Provokation natürlich nicht lange gefallen lässt. Westlichen Zusehern wird hier ein arabisches Land abseits der üblichen Klischees gezeigt. Farah ist moderner und selbständiger als so manche junge Frau mit Migrationshintergrund im Westen. Den Film auf die politische Kritik zu reduzieren, wäre allerdings unfair. Er ist ästhetisch durchaus anspruchsvoll und setzt unterschiedliche Techniken ein, etwa sehr gelungen die Handkamera bei urbanen Massenszenen. Schauspielerisch ist ebenfalls nichts auszusetzen.

Schade, dass solche Filme nur wenige sehen. Das Kino war vergleichsweise leer.

Paterson

Filmcasino 19.11. 2016

USA 2016
Regie: Jim Jarmusch

Aus Hollywood-Perspektive ist Paterson ein Antifilm. Oberflächlich betrachtet passiert in dem Film nämlich nichts Bemerkenswertes. Damit nicht genug: Er stellt ein ausgesprochen elitäres Thema in den Mittelpunkt: die Lyrik. Trotzdem gehören die Figuren, wie in allen Filmen Jarmusch‘, nicht der bürgerlichen Gesellschaftsschicht an, sondern zur Klasse der Unterprivilegierten. Paterson heißt nicht nur die Stadt, in welcher der Film spielt, sondern auch die Hauptfigur, ein dichtender Busfahrer. Zusätzlich ist Paterson der Titel eines wichtigen Werks der modernen amerikanischen Lyrik von William Carlos Williams. Damit wären die wichtigsten Ebenen des Films auch schon benannt.

Jarmusch spiegelt das Thema strukturell: Wie ein Gedicht ist der Film in Strophen aufteilt, die aus den einzelnen Tagen einer Woche im Leben des Busfahrers bestehen. Die Poesie des Alltags trifft die Poesie der Literatur. Gleichzeitig entwirft Jarmusch ein empathisches Porträt des armen Amerika samt dessen Lebensumständen. Ein wunderbares Werk.

Ergänzt sei noch, das Amazon Studios den Film mitproduzierten. In einem Interview meint Jarmusch, dass er erst skeptisch gewesen sei, dann aber schnell bemerkt hätte, dass er künstlerisch sehr viel mehr Freiheiten als in Hollywood hatte. Ähnliches hört man von Netflix Produktionen. Aktuell scheint künstlerische Kreativität also besser bei den großen Streaminganbietern aufgehoben zu sein als bei den alten Studios. Eine erwähnenswerte Entwicklung.

Hieronymus Bosch – Garten der Lüste

Filmcasino 12.11. 2016

E/F 2016
Regie: José Luis López-Linares

Der Todestag des Hieronymus Bosch jährt sich dieses Jahr zum 500. Mal. Das ist der Anlass für viele Aktivitäten, darunter auch dieser neue Dokumentarfilm. Er beschäftigt sich exklusiv mit einem der berühmtesten Bilder des Künstlers, nämlich dem im Prado hängenden Garten der Lüste.

In knapp neunzig Minuten versucht der Film zweierlei. Erstens will er möglichst viel Kontext & Wissen über das Gemälde vermitteln. Es kommen Kunsthistoriker und andere Experten zu Wort. Wir sehen die biographischen Schauplätze und kunsthistorische Bezüge wie die Buchmalerei. Selbst eine Neurologin kommt zu Wort. Zweitens allerdings will José Luis López-Linares die Ästhetik und die Wirkung des Werks uns Zusehern nahe bringen. Dazu sehen wir immer wieder spannende Details und werden Zeuge, wie intellektuelle Prominenz aus unterschiedlichsten Disziplinen auf das Bild reagiert, etwa Salman Rushdie und Orhan Pamuk.

Diese Kombination funktioniert so gut, dass ich gleich am nächsten Tag das einzige Bild Boschs in Wien aufsuchte, nämlich das Weltgerichtstriptychon in der Gemäldegalerie der Akademie der Künste. Bosch rätselhafte Bilder erinnern mich an das Werk Kafkas und werden die Menschheit und die Wissenschaft wohl auch noch ebenso lange beschäftigen.

Welcome to Norway

Filmcasino 23.10. 2016

Norwegen 2016
Regie: Rune Denstad Langlo

Es ist ein erfrischender Ansatz aus der Flüchtlingskrise eine Komödie zu machen, bei der alle Seiten ihr Fett abbekommen. Ein wirtschaftlich erfolgloser Norweger will sich dadurch sanieren, dass er sein Hotel in ein Flüchtlingsheim verwandelt. Als die fünfzig Bewohner ankommen, ist es noch eine halbe Baustelle. Der Film bezieht seine Komik vor allem aus diversen interkulturellen und religiösen Missverständnissen. Die Flüchtlinge werden differenziert geschildert: Nicht alle sind Sympathieträger. Es gibt diverse Hürden zu überwinden, etwa die offizielle Genehmigung der norwegischen Asylbehörden zu erhalten. Die Lokalität ist Nordnorwegen, d.h. viel Schnee & Eiseskälte, was natürlich ein enormer Kontrast für die Südländer ist. Am Ende siegt freilich die Empathie über die Gier.

Ästhetisch sicher kein cineastisches Meisterwerk, aber durchaus sehenswert. Nicht zuletzt weil das Lachen über das Thema ein sehr wohltuender Kontrast zur allgegenwärtigen Hysterie ist.

Bei Tag und bei Nacht – Aus dem Leben eines Bergdoktors

Filmcasino 21.10. 2016

Ö 2016
Regie: Hans Andreas Guttner

Diese Dokumentation kann man nicht beurteilen, ohne sich einige grundsätzliche Fragen über das Wesen der Gattung zu stellen. Bei Bei Tag und bei Nacht fehlt nämlich eine Dimension vieler Dokumentarfilme völlig: die kritische. Man könnte den Streifen als gelungenes philanthropisches Porträt bezeichnen. Im Mittelpunkt steht ein Landarzt aus Oberkärnten mit überwiegend bäuerlichen Patienten. Wir sehen nicht nur seine Patienten in der Praxis, sondern lernen viele auch auf seinen Hausbesuchen kennen. Eingeschoben sind Szenen, welche das Alltagsleben der Kärntner zeigen. In offensichtlichen Kitsch artet das selten aus, weil Hans Andreas Guttner die existenzielle Sicht auf Krankheiten und Tod nicht ausblendet. So werden Suizide kurz thematisiert.

Was dem Film aber völlig fehlt, ist eine historische oder politische Perspektive, während die wirtschaftlichen und demografischen Probleme zumindest angerissen werden. Durch das völlige Ausblenden der politischen Lage in Kärnten und deren Implikationen ist Bei Tag und bei Nacht intellektuell wenig reflektiert. Das können die vielen hübschen Landschaftsaufnahmen leider nicht wettmachen.

Mahana – Eine Maori Saga

Filmcasino 8.10. 2016

NZ 2016

Regie: Lee Tamahori

Die Maori-Großfamilie Mahana in den sechziger Jahren steht im Mittelpunkt des Films. Sie betreibt Landwirtschaft und schert für neuseeländische Großgrundbesitzer Schafe. Der Großvater agiert als Familientyrann, welcher keinerlei Widerspruch duldet. Sein 14-jähriger Enkel Simeon hinterfragt als Skeptiker nicht nur die Autorität des Alten, sondern verliebt sich zusätzlich – Romeo und Julia! – in die Tochter einer verfeindeten Nachbarschaftsfamilie. Viele große Themen werden hier narrativ und emotional gekonnt verknüpft: Generationenkonflikt, Unterdrückung der Maori durch den Staat, archaische unethische Konventionen, dunkle Familiengeheimnisse, Pubertät, Einbruch des modernen Denkens in eine traditionelle Kultur. Liebe, Hass, Verzweiflung, Vergebung: Alles ist da.

Das ergibt eigentlich einen ganz passablen Kinofilm, wenn man keine zu hohen ästhetischen Ansprüche stellt. Ohne Ethnokitsch kommt so ein Streifen naturgemäß nicht aus.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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