Faust
Filmcasino 13.1.
Russland 2011
Regie: Alexander Sokurow
Ein Faust-Film, der den Goldenen Löwen nebst vielen Vorschusslorbeeren erhält, machte mich selbstverständlich so neugierig, dass ich gleich die erste Aufführung besuchte. Auch so mancher Burgschauspieler konnte es offenbar nicht erwarten und saß im Publikum.
Eines ist gleich zu Beginn festzuhalten: Es ist keine Goethe-Verfilmung. Zwar gibt es viele Bezüge und Zitate zu Goethes opus magnus, allen voran die im Zentrum stehende Gretchentragödie, sowie einige wenige der berühmten Zitate; ansonsten bewegt sich die Handlung aber sehr frei dem Text entlang. Mephisto tritt als Mauritius in einem grotesk verzerrten Körper auf. Der zweite Teil wird nur kurz durch die Homunculus-Geschichte gestreift.
Ästhetisch ist dieser Faust einer der ungewöhnlichsten Filme, die ich je sah, von radikalen Avantgardeproduktionen einmal abgesehen. Allerdings kenne ich die anderen Filme Sokurows nicht. Die historische Szenerie ist zu Beginn in einem Naturalismus gehalten, der an Monty Python and the Holy Grail erinnert: Es regiert die Unappetitlichkeit. Als der Teufel schließlich dem Doktor Gesellschaft leistet, der die Szenerie übrigens nicht als Pudel, sondern als Pfandleiher betritt, setzt Sokurow formal diverse verfremdende Mittel ein. Durch optische Verzerrungen fühlt man sich manchmal an die Malweise El Grecos erinnert. Die verwendete Bildfilter und die Farbpalette (Pastelle, Erdfarben, Monochromie) verstärken ebenso den surrealen Eindruck wie die Anleihen an die Stummfilmästhetik. Das grandiose Ende spielt in Islands grotesker Geysirszenerie, wo Faust seinen Widersacher zwar besiegt, aber dann in Richtung eines Gletschers weiterzieht.
Den Film durchzieht eine düster-klaustrophobe, pessimistische Stimmung. Menschen sind fast durchwegs unsympathisch. Hunger, Elend, Gewalt, Krieg, Dreck und Gier prägt diese Welt. Faust schnippelt auf der Suche nach der Seele malerisch an Leichnamen herum. Die Intellektualität des Goetheschen Faust spielt so gut wie keine Rolle. So ist es nur konsequent, dass die Gretchengeschichte am ausführlichsten inszeniert wird.
Wer die russische Literatur kennt, der wird sich nicht wundern, dass ausgerechnet ein russischer Regisseur einen so (im besten Sinn des Wortes:) seltsamen Film produziert.
Die Leistung der deutschsprachigen Schauspieler – Johannes Zeiler als Faust! – ist durchweg großartig. Die Qualität des Films liegt in seiner Radikalität und Ambiguität.
Bigger Than Live. 100 Jahre Hollywood
Jüdisches Museum Wien 9.1.11
Eine jüdische Erfahrung ist der weitere Untertitel dieser Ausstellung. Viele Größen Hollywoods waren ja bekanntlich Juden, nicht wenige davon stammten aus Mitteleuropa. Die Schau zeigt höchst anschaulich die Geschichte Hollywoods in 24 Stationen aus überwiegend jüdischer Perspektive, die allerdings sehr breit ist. Jeder Abschnitt wird durch eine Tafel eingeleitet, ein Ausstellungsführer gibt Informationen über einzelne Exponate. Auf Leinwänden werden jeweils kurze Filmausschnitte ausgezeigt, welche zum jeweiligen Thema passen. Ich jedenfalls war sehr erfreut auf Charlie Chaplin, die Marx Brothers, Billy Wilder und Woody Allen zu treffen, um nur einige meiner Filmfavoriten zu nennen. Der historische Kontext kommt ebenfalls nicht zu kurz. So wird der konservative Geschmack der frühen Studiobosse und dessen Niederschlag in familienfreundlichen Filmen ebenso angesprochen wie die antikommunistische Hetze unter dem Vorsitz des Chefhysterikers Joseph McCarthy. Die letztendlich erfolgreichen Filmrebellen der späten Sechziger und Siebziger bekommen auch ihren Platz. Man erfährt auch viele Fakten: In Hollywood etwa wurden zwischen 1911 und 2010 insgesamt 42.714 Langfilme produziert, davon 11.167 Stummfilme.
Insgesamt eine toll kuratierte, spannend aufgezogene und informative Ausstellung für alle Filmfreunde! (Bis 15.4.)
Huhn mit Pflaumen
Filmcasino 7.1.
F/D/Belgien 2011
Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud
Es passiert ja leider oft, dass jemand Poesie säen will, und dann Kitsch erntet. Wie das funktioniert, kann man sehr gut an Huhn mit Pflaumen studieren. Die erzählte Geschichte hat prinzipiell schon das Potenzial für katastrophalen Kitsch: Ein Mann wird wegen einer unerfüllten großen Liebe zu einem Weltklasse-Geiger, muss der Arme doch diesen großen emotionalen Schock durch höchst seelenvolle Musik kompensieren. Hier wird ein romantisches Künstlerbild perpetuiert, das mit der Wirklichkeit so viel zu tun hat, wie die verrückten Wissenschaftler in Hollywood-Filmen mit realen Forschern in ihren Laboratorien. Dieses Liebesdrama erfährt man durch Rückblenden, nachdem sich der Held Nasser-Ali zum Sterben ins Bett legte, weil sein Klischeegattin (unmusikalische Mathematikerin!) ihn in einem Wutanfall seine Geige ruiniert hatte.
Formal versucht der Film diese Handlung durch märchenhafte Trickfilmelemente mit Ironie auszubalancieren. Das gelingt aber nur sehr partiell, weshalb Huhn mit Pflaumen ästhetisch auf ganzer Linie scheitert.
The Wire
Unter den 2200 Notizen hier gab es bisher bewusst keine einzige über eine TV Serie, da Populärkultur kein Thema ist. Einzige Ausnahme: Meine Empfehlung für Southpark, die aber nicht aus ästhetischen Gründen erfolgte. In den letzten Jahren sind allerdings eine Reihe von Produktionen entstanden, die erzählerisch beeindrucken und Nischen besetzen, die vorher von Romanen bedient worden sind.
Das beste Beispiel dafür ist The Wire, die das Genre auf eine ganz neue Niveaustufe hebt. Kopf hinter der Serie ist David Simon. In sechzig knapp einstündigen Folgen wird Baltimore aus diversen Blickwinkeln geschildert, mit Fokus auf die Drogenszene. Das Ergebnis ist ein packendes Portrait einer bis an den Hals in Problemen steckenden US-Großstadt. Am Ende ist man mit der Stadt so gut vertraut wie mit dem London des 19. Jahrhunderts nach der Lektüre eines Dickensromans.
Bleibt man bei literarischen Analogien, könnte man von einer naturalistischen Erzählweise sprechen. Im Mittelpunkt stehen die Slums von Baltimore als sozialer Brennpunkt, den David Simon aus der Perspektive der Beteiligten in Szene setzt. Als Rahmenhandlung dienen Polizeiermittlungen rund um diverse Abhöraktionen, was der Serie auch den Namen gibt. Zusätzlich wird in jeder Season ein sozialer Makrokosmos in den Mittelpunkt gerückt: die Docks, die Politik, die Schulen und die Presse.
Dieser schonungslose Naturalismus ist eine der Hauptqualitäten von The Wire und muss in die amerikanischen Fernsehlandschaft wie eine Bombe eingeschlagen haben. In der verlogen-prüden Welt der amerikanischen Unterhaltung, wo Sittenwächter böse Wörter so gerne auspiepsen, wird stundenlang Slumslang gesprochen. Beispielsweise ist die bevorzugte gegenseitige Anrede unter den schwarzen Jugendlichen “Nigger”, aber auch sonst wird ständig geflucht und beleidigt. Deshalb sollte man die Folgen unbedingt im Original ansehen, notfalls mit Untertitel. Wichtig dabei ist: Die Serie denunziert nicht! Sie ist das Gegenteil eines Sozialpornos. Einige der jungen Protagonisten werden mit großer Empathie portraitiert. Alles wird differenziert dargestellt, primitive Schwarz-Weiß-Darstellungen gibt es kaum.
Eine weitere große Stärke: Genreregeln werden verletzt. In Kunst und Literatur sind diese Grenzverletzungen oft ein Zeichen für große Werke, so auch hier. Selbstverständlich setzt David Simon auf diversen Genres auf: Kriminalserie, Sozialdrama etc. Er durchbricht aber jedes Mal diese Konventionen, wenn es der Qualität des Erzählten dient. So verzichtet er bei vielen Handlungssträngen auf “happy endings”. Es ist keine Welt, wo die Guten immer gewinnen, und die Bösen immer verlieren. Nebenbei sei erwähnt, dass es unter den Drogendealern ebenso viele “Gute” gibt, wie in der Polizei oder Politik “Böse”. The Wire zeigt die Wirklichkeit, wie sie ist, und macht keine Kompromisse, nur damit der Zuseher am Ende mit einem guten Gefühl vor der Glotze sitzt.
Schließlich ist die Erzählkunst hervorzuheben. Handlungsbögen über sechzig Stunden in dieser Qualität zu spannen, kenne ich bisher nur aus der Literatur. Der Ultrarealismus der Serie wird nämlich formal komplex erzählt. Es bedarf deshalb hoher Konzentration, der schnellen Abfolge der unterschiedlichen Handlungsstränge zu folgen. The Wire fordert, wie jedes anspruchsvolle Werk, den Zuseher heraus und erklärt ihn nicht prophylaktisch zum Idioten, wie das andere TV Produktionen so gerne tun. Die schauspielerische Leistung, speziell der jugendlichen Darsteller, ist tief beeindruckend.
Sollte es zukünftig mehr Serien in dieser Qualität geben, entsteht hier eine neue Hochkultur-Sparte.
The Wire. Season 1-5 (DVD-Box)
Habemus Papam
Filmcasino 21.12.
Italien 2011
Regie: Nanni Moretti
Eine Papstsatire freute ich mich! Mein inniges Verhältnis zur Institution im Allgemeinen und zu Papst Ratzefatz im Besonderen ist ja kein Geheimnis. Habemus Papam ist aber eine so kreuzbrave Angelegenheit, dass selbst der Vatikan sein Wohlwollen signalisierte. Das ist kein Wunder, zieht Nanni Moretti den satirischen Gehalt des Streifens vor allem aus der privaten Sphäre: Ein neuer Papst wird gewählt, traut sich das Amt aber nicht zu und verweigert die öffentliche Stellungnahme. Ein Psychoanalytiker wird beigezogen. Schließlich flieht der Papst inkognito in das Stadtleben Roms, wo er dann mit Hilfe einer Tschechow spielenden Schauspieltruppe zur Erkenntnis kommt, dass er wirklich nicht geeignet ist und das am Ende in der lange erwarteten Ansprache an die Gläubigen auch eingesteht.
Das ist alles brav, bieder und behäbig auf die Leinwand gebracht. Die zehntausende Missbrauchsfälle ignoriert Moretti ebenso wie andere schwerwiegende Fehler der Kirche. Gute Satiren entlarven und geißeln ihre Gegenstände. Schlechte Satiren wie Habemus Papam beschämen ihre Macher durch Feigheit und Harmlosigkeit.
Incendies (Die Frau, die singt)
Filmcasino 3.12.
Regie: Denis Villeneuve
Der Stoff des Films geht auf ein Theaterstück Wajdi Mouawads zurück, das mich im Akademietheater damals nicht überzeugen konnte. Die Filmversion ist deutlich besser gelungen.
Die Handlung ist furios: Ein kanadisches Zwillingspaar bricht zur Suche nach Vater und Bruder in ein arabisches Land auf, nachdem ihre als seltsam verrufene Mutter stirbt und ein kurioses Testament zurücklässt. Die Tochter beginnt die Suche, später kommt der Sohn hinzu. Es folgt eine narrativ nach allen Regeln der Kunst erzählte Geschichte, die sehr eindrucksvoll die Grausamkeiten eines arabischen Bürgerkriegs in Szene setzt. Filmisch ist das exzellent umgesetzt, von grandiosen Landschaftsaufnahmen bis zur symbolträchtigen Bildersprache.
Dem packenden Realismus des Films ist nun ein antiker Tragödienstoff unterlegt, nämlich der des König Ödipus. Das lädt Incendies einerseits zusätzlich mit Tragik auf, steht aber in einer unangenehmen Spannung zum Bürgerkriegsteil. Ultrarealismus passt nicht zu einer antiken Tragödie. Das wirkt künstlich und schadet der Einheitlichkeit des Films mehr als sie ihm nützt. So ist die letzte halbe Stunde des Films trotz aller Spannung die schlechteste des Streifens.
Trotzdem ausgesprochen sehenswert, weil Incendies viel über den Zustand der Welt verrät, und deshalb nachdenklich stimmt.
Michael Haneke: Trilogie
Obwohl ich eine Reihe seiner Filme im Kino sah, beschäftigte ich mich bisher nie systematisch mit den Filmen des Michael Haneke. Den Anfang machten nun seine ersten drei Kinofilme, die als DVD-Box erhältlich sind.
Der siebente Kontinent ist der Auftakt der Trilogie. Eine auf den ersten Blick mustergültige Familie läuft letztendlich Amok. Im ersten Teil des Films sehen wir einen ganz normalen Tag der Eltern und der Tochter. Im zweiten Teil kommen diverse Löcher im sozialen Gefüge zum Vorschein und im furiosen Finale sperren sich die Drei in ihrem Haus ein und zerstören das komplette Inventar. Die Eltern ermorden ihre Tochter und begehen Suizid. Haneke erzählt dies mit einer eisigen Distanz. Diese kühle narrative Ästhetik entfaltet aufgrund des Kontrasts zur Handlung eine enorme Wirkung.
Eine unerklärliche Gewalttat steht auch im Zentrum von Bennys Video. Der fünfzehnjährige videobesessene und aus den gehobenen Mittelstand stammende Benny nimmt ein Mädchen mit heim, wo er sie schließlich nach etwas Small Talk mit einem Schlachtschussapparat in mehreren Raten tötet und dieses Tun natürlich filmt. Seine schockierten Eltern entschließen sich nach einer Analyse der Lage, die Leiche verschwinden zu lassen. Während der Vater dieses Zerstückelungswerk verrichtet, verbringt Benny eine Woche mit seiner Mutter in Ägypten. Alles geht gut! Benny denunziert am Ende seine Eltern bei der Polizei. Als Stilmittel greift Haneke erneut auf radikale Distanzierung zurück.
Die Vorgeschichte eines Amoklaufs erzählen die 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls. Ein Student erschießt scheinbar grundlos mehrere Menschen in einer Bank. In 71 kurzen und meist mitten in der Szene abgeschnittenen Episoden zeigt Haneke wie der Täter mit seinen Opfern zusammenfindet. Kausalität spielt allerdings keine Rolle: Der Film sieht dem Zufall bei der Arbeit zu. Die vielen hineingeschnitten TV-Nachrichten-Szenen kreisen um Gewalt und den Balkankrieg. Das gibt dem Film eine misanthrope Grundhaltung, welche durch die emotionale Kälte aller gezeigten Milieus noch einmal verstärkt wird.
Die frühen Arbeiten des Michael Haneke erinnern an das Frühwerk eines anderen deutschsprachigen Filmemachers. Rainer Werner Fassbinder schickte seine Filmfiguren ebenfalls gerne mit analytischer Intention in ein sozial eisiges Umfeld hinein, samt abschließender Katastrophe. Warum läuft Herr R. Amok? sei als Beispiel genannt. Beide Regisseure setzen ihr Mittelstandspublikum der gerne verdrängten Erkenntnis aus, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Beide Regisseure fanden zu diesem Zweck eine beeindruckende neue Filmsprache.
Die Haut in der ich wohne
Filmcasino 14.10.
Regie: Pedro Almodóvar
USA 2010
Den neuen Film Almodóvars einem Genre zu zuordnen ist nicht einfach. Man könnte von einem Thriller sprechen, wäre die Erzählstruktur weniger polyvalent raffiniert und die gestalterischen Details weniger ausgeprägt. Zu Beginn beobachten wir den Schönheitschirurgen Dr. Robert Legard, gespielt vom inzwischen völlig verclooneyten Antonio Banderas, wie er in seinem luxuriösen Hightech-Anwesen eine junge Frau gefangen hält. Was es mit dieser Patientin (?) auf sich hat, wird durch eine ebenso überraschende wie furiose Geschichte in Rückblicken erzählt. Wie man es bei Almodóvar gewohnt ist, setzte er alles optimal in Szene. Das Interieur der Räume ist so geschmackvoll, dass es beinahe schon wieder geschmacklos ist. Jeder kleine Gegenstand ist überlegt platziert und das Labor, in dem sich einige unsaubere Szenen abspielen, ist auf Hochglanz poliert. Kritiker werfen dem Regisseur deshalb gerne Manierismus vor. Mir imponiert aber diese Liebe zum Detail in einer Zeit, wo Kulturproduktion oft durch Schlamperei und sogenannte Sachzwänge glänzt.
Die Haut in der ich wohne ist aber nicht nur visuell von einer beeindruckenden Perfektion. Auch inhaltlich gibt der Film viele Denkanstöße. Er setzt sich ästhetisch intelligent (also mit Zurückhaltung) mit aktuellen Fragen der Medizinethik und Gentechnik auseinander.
Beginners
Filmcasino 8.10.
USA 2010
Regie: Mike Mills
Mike Mills packt seinen Film bis zum Rand voll mit zwischenmenschlichen Problemen. Im Mittelpunkt steht Olivers Beziehung zu seiner neuen Freundin Anna, die samt den damit verbundenen Komplikationen mit viel Humor ausgelotet wird. Einen tragischen Kontrast dazu bietet die Geschichte von Olivers Vater Hal, der kürzlich an Krebs starb. Seine Krankheit und sein Sterben finden im Film breiten Raum. Hal outet sich nach dem Tod seiner Frau mit 75 Jahren als schwul und stürzt sich in die gay pride Bewegung. Schauspielerisch ist das alles exzellent in Szene gesetzt. Die autobiographischen Rückblenden sind mit amüsanten Schnitten aus diversem Fotomaterial gestaltet.




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