Ossip Mandelstam: Die Reise nach Armenien

Wer klassische Reiseliteratur erwartet, lässt besser die Finger von Mandelstams hoch poetischer Auseinandersetzung mit Armenien. Ästhetisch ambitioniertere Leser werden dagegen ihre Freude an den widerborstigen kleinen Miniaturen haben, mit denen Mandelstam das kleine Land portraitiert. Höchst Unterschiedliches fängt der Dichter dabei ein. Natur- und Menschenbeobachtungen, kulturanalytische Beobachtungen, kunstkritische Museumsbesuche oder, überraschender, Reflexionen zur Evolutionstheorie.

Warum reiste Mandelstam 1930 ausgerechnet nach Armenien?

Die Lebensfülle der Armenier, ihre rauhe Zärtlichkeit, ein edler Arbeitseifer, ihre unerklärliche Abneigung gegen jede Metaphysik und die herrliche Vertrautheit mit der Welt der realen Dinge – all dies sprach mir zu: du bist hellwach, hab keine Angst vor deiner Zeit, verstell dich nicht.
[S. 24]

„Verstell dich nicht“ war natürlich das Gegenteil dessen, was der totalitäre Staat nach 1930 von einem russischen Schriftsteller erwartete. Aus dieser Perspektive gelesen, sind Mandelstams Texte auch im hohen Grad Dissidentenliteratur: Ein hochgebildetes Individuum eignet sich ein fremdes Land intellektuell an. Weiter entfernt vom offiziellen sowjetischen Literaturprogramm konnte ein Buch nicht sein.

Ossip Mandelstam: Die Reise nach Armenien (Bibliothek Suhrkamp)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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