Elfriede Jelinek: Unter Tieren

Rowohlt 2026

Burgtheater 09.09. 26

Inszenierung: Nicolas Stemann

Bühnenbild: Katrin Nottrodt

Kostüme: Marysol del Castillo

Mediale Inszenierung: Claudia Lehmann, Konrad Hempel

Live-Musik: Vogel & Kürstner 

Live-Kamera: Henrike Wiemann, Konrad Hempel/ Claudia Lehmann, IXA

mit

Azaria Dowuona-Hammond

Mavie Hörbiger

Inge Maux

Caroline Peters

Sebastian Rudolph

Branko Samarovski

Thiemo Strutzenberger

Nicolas Stemann

Als Vorbereitung für meine Saisoneröffnung am Burgtheater lese ich Jelineks neues Stück als Buch, auch wenn sich der performative Text dafür nicht optimal eignet. Er profitiert sehr von einem lauten Vortrag.

Jelinek nimmt sich einmal mehr den Kapitalismus vor. Ihre ästhetische Strategie ist unverändert: Kenntlichmachen der Wirklichkeit, indem man die Sprache voyeuristisch auszieht. Das hat ja bereits mit anderen Themenbereichen wie Sport hervorragend funktioniert. Jelinek lässt eine Parade von Tieren auftreten, die einerseits die Zusammenhänge unseres Geldwesens sprachlich verdichtet erläutern, andererseits die Phrasenhaftigkeit und semantische Hohlheit durch den Gebrauch dieser Sprache zur Kenntlichkeit entstellen.

Die Rezeption des Buches konzentriert sich, soweit ich sehe, primär auf das Monetäre. Es gibt aber noch ein zweites Themenfeld, das eine fast ebenso zentrale Rolle spielt: Unser brutaler Umgang mit Tieren. Wie Jelinek aus der Sicht der Schweine und der Kühe ihre brutale Verdinglichung vorführt, einschließlich imaginierter Schlachthofszenen, ist sehr wirkungsvoll. An dritter Stelle müssen noch die antike Philosophie (Vorsokratiker!) und auch die Bibel genannt werden, die in den Text verwoben werden und das Kapitalismusthema damit gekonnt kulturhistorisch in einen weiten Horizont einbetten.

In diesem Grundgerüst gibt es dann jede Menge Anspielungen auf die bekannten (Finanz-)Skandale der letzten Jahre. Auch wenn selten Namen genannt werden, versteht man bei der Lektüre sofort, ob Benko, Grasser oder Epstein gemeint ist. Die Kombination von Groteske und Brutalität (Tierleid) funktioniert besser, als ich es in der Theorie erwarten würde.

Nicolas Stemann traut seinem Publikum nicht ganz so viel zu und bringt diesen Personenkreis in Form von Fotos und Masken auf die Bühne des Burgtheaters. Es ist aus mehreren Gründen ein bemerkenswerter Theaterabend. Das fängt bei der Einleitung durch den Regisseur an. Dem Publikum wird erklärt, wie der Abend funktioniert. Von einem Seitenzähler auf der Bühne, der das Skript von 110 auf 0 zurückzählt, bis zur Information, dass vier Stunden ohne Pause durchgespielt wird, man aber jederzeit den Saal verlassen kann. Das bricht den Theaterabend “brechtisch” ebenso auf wie die regelmäßige Einbeziehung des Publikums.

Die Bühne ist teils ein großer Aufenthaltsraum, teils für die Ausführenden mit Instrumenten und Requisiten angefüllt. Es kommt auch viel Video zum Einsatz, einschließlich der inzwischen anscheinend unvermeidlichen Live-Handkamera. Die Tiere werden abwechselnd vom Ensemble dargestellt, wobei sich Karikatur und “Realismus” in der Waage halten. Die Texte werden teils vorgelesen, teils gesprochen. Das beantwortet meine Frage während der Lektüre, wie man sich als Schauspielerin diese wüsten Textmassen merken soll. Gerade die ältere Schauspieler-Generation griff aber am wenigsten auf die Möglichkeit zu lesen zurück.

Um das Publikum vier Stunden lang bei Laune zu halten, angesichts des komplexen Textes, werden natürlich viele “Theatertricks” bemüht. So sind die SchauspielerInnen regelmäßig im Publikumsraum unterwegs, und es gibt effektive Einlagen wie etwa eine komplette Blasmusikgruppe in Aktion sowie das bereits erwähnte Arbeiten mit viel Video. Nicolas Steman ist als Regisseur selbst vier Stunden lang im Einsatz als aktiv Beteiligter und Erklärer bzw. Erzähler, was ich in dieser Form auch noch nie gesehen habe.

Eine Premiere für mich war ebenfalls der Einsatz von KI auf der Bühne. So wird von Stemann ein via KI gefakter Peter Thiel interviewt. Natürlich eine Anspielung auf das Thiel-Desaster des Milo Rau heuer. Es gibt auch einen ausführlichen Dialog zwischen ChatGPT und Claude über die Frage, ob man Unter Tieren nicht besser ohne Schauspieler aufführen sollte.

Vier tolle Theaterstunden.

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