Juni 2026
Am vorletzten Tag der Gültigkeit meiner Jahreskarte schaue ich noch schnell unvorbereitet ins Untere Belvedere und finde dort die neue Ausstellung Anni Albers – Constructing Textiles. Ein mir unbekannter Name und auch die Textilkunst steht jetzt nicht ganz oben auf meiner sonstigen Prioritätenliste. Deshalb konnte ich sehr viel Neues aus dieser Schau mitnehmen. Nicht nur war Anni Albers eine ästhetisch konzeptionell spannende Künstlerin aus dem Bauhaus-Umfeld, die rechtzeitig 1933 in die USA emigrierte. Sie ließ sich für ihre Webkunst nicht nur aus Peru zu ihren Mustern inspirieren. Es werden auch immer wieder einmal die handwerklichen, aber auch theoretischen Grundlagen ihrer Werke thematisiert. Sie hat sehr viel mit Materialien und Mustern experimentiert. Sehr sehenswert. (Bis 16.8.)
Die Hauptausstellung des Leopold Museums beschäftigt sich in einer großen Retrospektive mit dem künstlerischen Revolutionär Gustave Courbet. Ich war erst gegen Ende der Ausstellungszeit dort: Inzwischen ist sie also nicht mehr zu sehen. Courbet provozierte die „hohe“ Pariser Akademiekunst sowohl formal, als auch vor allem auch inhaltlich. So brachte er statt wichtiger Persönlichkeiten aus Geschichte und Adel, Handwerker und Tagelöhner auf die Leinwand. Es ist spannend zu sehen, wie sehr er als Begründer des französischen Realismus die weitere Entwicklung der Malerei beeinflusst.
Als Atheist verschlägt es mich ein oder zwei Mal pro Jahr in das Wiener Dommuseum. Die aktuelle Sonderausstellung trägt den Titel Alles in Arbeit und setzt sich künstlerisch mit diesem Thema und dessen gesellschaftlichen Auswirkungen auseinander. Darunter sind Fotoserien, etwa von Textilarbeiterinnen in Bangladesch, aber auch Gemälde und Skulpturen. Alles durchaus kompatibel mit linken Ansichten zum Thema. Ansonsten sind im Dommuseum gibt wenige, aber exquisite gotische Kunstwerke zu sehen. (Bis 30.8.)
Als „Freund der Nationalbibliothek“ sehe ich mir dort natürlich alle Ausstellungen im Prunksaal an, der übrigens immer mehr von Touristen überlaufen wird. Aktuell zeigt man dort Weltmacht Liebe. Eine Reise durch die Jahrhunderte. Ein dankbares Thema naturgemäß, weil es dazu viel Ausstellungswertes in den Archiven gibt. Es werden alte Bücher, Handschriften und Partituren zum Thema ausgepackt. Deshalb sehenswert, ansonsten wenig inspiriert. (Bis 1.11.)
Fast alleine ist man dagegen immer im ebenfalls zur Nationalbibliothek gehörenden Papyrusmuseum. Für Antike-Nerds eine der besten Wiener Adressen. Dort gibt es jetzt eine kleine Spurensuche Byzanz. Fragmente des Griechischen Mittelalters zu sehen. Der Schwerpunkt ist quasi „philologisch“. Man bekommt gezeigt, welche Papyrus-Fragmente warum überlebt haben. Eine Wandreihe von gut kommentierten Vitrinen ist der Kern der Ausstellung. (bis 2.5.)
Die große neue Ausstellung der Wiener Kunsthalle heißt Lebt und arbeitet in Wien. Contemporary Art from Vienna. An beiden Ausstellungsorten im Museumsquartier und am Karlsplatz wird eine in jeder Hinsicht diverse Schau von Künstler:innen präsentiert, die ihren Lebensmittelpunkt in Wien haben. Darunter auch nicht wenige aus dem globalen Süden und mit EU-Hintergrund. Von „klassischen“ Gemälden über Skulpturen bis hin zu Videoinstallationen ist alles dabei. Wien hat offensichtlich derzeit eine sehr bunte Kunstszene. (Bis 26.10.)