Armin Thurnher: Unsternstunden der Menschheit

Stefan Zweigs Sternstunden der Menschheit kennt nicht nur die österreichische Bücherwelt gut. Armin Thurnher verwendet sie in seinem neuen Buch ex negativo als Vorlage für seine zeitgeschichtliche Analyse der Gegenwart. Es mag dem einen oder anderen in den letzten Jahren aufgefallen sein, dass der Zustand der Welt im Großen wie im Kleinen wenig Anlass zum Optimismus gibt. Die Klimakatastrophe nimmt mehr und mehr an Fahrt auf, gerade sind in Österreich und Europa jede Menge Juni-Hitzerekorde gepurzelt. Tausende EuropäerInnen sind bereits einen Hitzetod gestorben und viele werden noch folgen. In mehreren wichtigen europäischen Ländern ist der Rechtsextremismus explodiert, und es besteht die reale Gefahr, dass Deutschland, Frankreich oder Großbritannien in absehbarer Zeit von Rechtsextremen regiert werden, mit allen Konsequenzen, die wir aus Geschichte und Gegenwart (siehe etwa in Israel) kennen. Österreich ohnehin. Ein paar hundert Kilometer östlich herrscht Krieg mit Todeszahlen auf Weltkriegsniveau. In den USA schauen wir tatenlos der Abschaffung der Demokratie und der Errichtung von Kinder-KZ zu. Die sogenannte Künstliche Intelligenz droht zumindest viele Arbeitsplätze zu vernichten, wenn nicht die Menschheit überhaupt. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Wie sind wir in dieser Situation gelandet? Genau diese Frage versucht Armin Thurnher in seinem neuen Buch zu beantworten, in dem er ein großes Kaleidoskop an Ereignissen beschreibt, die uns an diese Stelle führten. Dreißig, um genau zu sein. Das erste Kapitel ist einem Gründungsakt des Neoliberalismus im Jahr 1947 gewidmet, das letzte der zweiten Inauguration Trumps. Dazwischen finden sich klug ausgewählte negative Meilensteine der unterschiedlichsten Art. Wer Thurnher kennt, wird nicht überrascht sein, dass viele geistesgeschichtliche und mediengeschichtliche Zäsuren darunter sind. Dinseh D’Souza und Murray Rothbard bekommen etwa ihre Unsternstunden ebenso wie Hans Dichand mit seiner Gründung der Kronen Zeitung oder Rupert Murdochs Erfindung von Fox News, die erst durch Deregulierung möglich wurde.

Ein weiterer Themenschwerpunkt sind angesichts von Thurnhers Ziel einer enzyklopädischen Selektion des Unappetitlichen selbstverständlich die ungustiösen Technologien, zuvörderst die (social)-medialen Katastrophen des Plattformkapitalismus und deren politisch-rechtliche Voraussetzungen bis hin zur KI. Mehrere Unsternstunden beschäftigen sich damit und eine davon ist 2007 die Vorstellung des iPhones durch Steve Jobs.

In einer Zeit, in der es viele für strategisch klug halten, Zweckoptimismus zu verbreiten, hält uns Armin Thurnher einen unangenehmen Spiegel vor. Ich bin bekanntlich ebenfalls überzeugt davon, dass es nur besser werden kann, wenn man der Wahrheit ins Auge sieht. Genau diese wichtige Bestandsaufnahme liefert Thurnher mit seinem sorgfältig formulierten Buch.

Angemerkt sei noch, dass sich der Zsolnay Verlag anscheinend keinen Korrektor mehr leisten kann oder will. Tippfehler gibt es einige, und Netanjahu wird zum Präsidenten Israels befördert, dabei richtet er als Ministerpräsident schon mehr als genug Schaden an.

Armin Thurnher: Unsternstunden der Menschheit. Wie die Welt unerträglich wurde (Zsolnay)

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