Iwan Gontscharow: Oblomow [2.]

Oblomow (1859) zählt zu jenen Romanen, die ich aus meinen jungen Lesejahren exzellent in Erinnerung habe. Jahrzehnte später bin ich bei der zweiten Lektüre weniger enthusiastisch. Brillant ist immer noch das erste Drittel des Buchs, in welchem sich Oblomow keinen Schritt aus der Wohnung bewegt: Das groteske Porträt eines Gemütszustands, der irgendwo auf der Skala zwischen Depression und Faulheit changiert. Literarisch weist das bereits auf das 20. Jahrhundert voraus. Unser Held mag unter Motivationsproblemen leiden, ist aber gleichzeitig ein herzensguter Mensch, ein naiver Tor, wie wir ihn in der Weltliteratur nicht so selten finden. Gontscharow stellt ihm mit Sachar einen tölpelhaften Diener zur Seite und bedient sich hier eines weiteren Topos. Der Autor setzt überhaupt sehr geschickt das Mittel der Kontrastierung ein: Diverse lasterhafte Nebenfiguren schärfen Oblomows Persönlichkeit ebenswo wie sein umtriebiger Freund Stolz, ein hyperaktiver Deutschrusse, der in fast jeder Hinsicht das charakterliche Gegenteil Oblomows ist.

Stolz ist es auch, der Oblomow mit der jungen und sorglosen Olga zusammenbringt. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die immer wieder an Missverständnissen zu scheitern droht, und letztendlich am Phlegmatismus unserer Hauptfigur zugrunde geht. Am Ende heiratet Stolz Olga selbst, was den strukturellen Kontrast der beiden Freunde überzeugend abrundet. Für die heutigen Leser ist der Mittelteil, in dem sich Oblomows Beziehung zu Olga in langen Szenen und Dialogen entwickelt, vom Tempo her zu gemächlich. Das letzte Viertel, wo sich diverse Handlungsstränge und Intrigen auflösen, gewinnt wieder adäquat an Fahrt.

Eine weitere Stärke des Romans ist, wie so oft in der Literatur des 19. Jahrhunderts, dass wir ein interessantes Porträt der soziographischen Veränderungen Russlands bekommen. Insgesamt verdient Oblomow sicher seinen Platz im Kanon der Weltliteratur, auch wenn ich etwa Anna Karenina oder die Brüder Karamasow für deutlich bessere Romane halte inzwischen.

Iwan Gontscharow: Oblomow. Roman in vier Teilen. Herausgegeben und übersetzt von Vera Bischitzky (Wissenschaftliche Buchgesellschaft / Carl Hanser)

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