Steven Pinker: Enlightenment Now: The Case for Reason, Science, Humanism, and Progress

Immer schon hatte ich eine Schwäche für megalomane Buchprojekte. Viele Experten können über ein Detail großartige Titel schreiben. Ein weites Themenspektrum kompetent abzudecken, erfordert jedoch publizistische Zivilcourage. Gedankt wird das den Autoren nur bedingt. Enlightenment Now bekam viel gute Nachrede. Es gab aber auch böse Verrisse aus unterschiedlichen Lagern. Speziell von Kultur- und Geisteswissenschaftlern, denen oft nach wie vor die Kompetenz fehlt, naturwissenschaftliche Methoden korrekt zu bewerten.

Pinker versucht in seinem ambitionierten Projekt mehrere Dinge gleichzeitig: Die Gegenwart faktenbasiert zu bewerten, die Wichtigkeit der Aufklärung zu erläutern und sie gegen ihre Verächter zu verteidigen, und schließlich Lösungswege für die größten Probleme der Menschheit zu diskutieren.

Immer mehr Intellektuelle weisen in den letzten Jahren darauf hin, dass die Lage der Menschheit viel besser ist als der durch die mediale Katastrophenberichterstattung vermittelte Eindruck. Zuvörderst wäre hier Hans Rosling [Notiz] zu nennen. Egal nach welchen Kriterien man sich die Welt ansieht, es geht seit Jahrzehnten stark bergauf. Radikale Armut wurde stark reduziert, Erziehung von Mädchen ist weltweit explodiert. Man könnte Dutzende Beispiele mehr nennen. Pinker bringt viele dieser Beispiele und illustriert sie mit Grafiken und Diagrammen.

And here is a shocker: The world has made spectacular progress in every measure of human well-being. Here is a second shocker: Almost no one knows about it.

Was seine Argumentation in Sachen Problemlösung angeht, versucht Pinker sich primär von Fakten leiten zu lassen. Im Gegensatz zu Ideologen auf beiden Seiten des Spektrums:

Left-wing and right-wing political ideologies have themselves become secular religions, providing people with a community of like-minded brethren, a catechism of sacred beliefs, a well-populated demonology, and a beatific confidence in the righteousness of their cause.

Meiner Einschätzung nach gelingt ihm das in den meisten Fällen gut. Diese Methodik führt ihn freilich schnell in Gefilde, welche ihm den Zorn diverser Gruppen zuziehen. So argumentiert er durchaus plausibel für den Einsatz von Atomkraft der nächsten Generation als eines der wenigen realistischen Mitteln, den CO2-Austausch drastisch zu reduzieren. Oder er plädiert für eine möglichst verdichtete (also intensive) Landwirtschaft, um die zunehmend riesige Weltbevölkerung ernähren zu können, ohne den Flächenverbrauch dafür in katastrophale Höhen treiben zu müssen.

Ein Nebenaspekt von Enlightenment Now gefällt mir ausgesprochen gut: Der Überblick über die Forschungslage zu sehr vielen Themen. Pinker greift auf eine Unmenge von Literatur aus den letzten Jahren zurück und zitiert diese auch immer wieder. Man lernt also die wichtigsten Bücher der letzten zehn bis zwanzig Jahren zu vielen spannenden Fragen kennen. So gesehen bekommen wir nebenbei eine kommentierte Bibliographie spannender Denkansätze unseres Jahrhunderts.

Es liegt in der Natur des Projekts, dass Pinker nicht überall Experte sein kann und Details von Experten deshalb angreifbar sind. Deshalb ist Enlightenment Now weniger ein perfektes Fachbuch, sondern ein sehr gelungenes Sachbuch zu den wichtigsten Problemen der Gegenwart. Gleichzeitig ein wichtiges Plädoyer für die Aufklärung in einer ideologisch aufgeladenen Zeit. Mit dieser Erwartungshaltung gelesen, zählt es sicher zu den wichtigsten und anregendsten Büchern unserer Zeit.

Nachtrag:

Hier äußert sich Pinker ausführlich zur bisherigen Kritik an seinem Buch: Enlightenment Wars: Some Reflections on ‘Enlightenment Now,’ One Year Later

Steven Pinker: Enlightenment Now: The Case for Reason, Science, Humanism, and Progress ()

Deutsche Übersetzung:

Steven Pinker: Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung (S. Fischer)

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