Österreich

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler

Das Fehlen großer Staatsmänner und politischer Persönlichkeiten wird dieser Tage oft beklagt. Deshalb mutet es tatsächlich seltsam an, dass eines der größten politischen Talente Österreichs weitgehend unbekannt ist. Man kennt selbstverständlich seinen Namen und verbindet mit ihm die Entstehung der hiesigen Sozialdemokratie, aber dann wird das Wissen über Adler schnell sehr dünn.

Robert Misik will diesem Skandalon mit seinem kleinen Büchlein abhelfen. Es handelt sich um kein klassisches Sachbuch, eher um ein persönliches Porträt, dessen Kapitel auf unterschiedliche Aspekte von Viktor Adlers Lebensleistung fokussieren. Die durch seine Philanthropie verursachten finanziellen Dauerprobleme werden ebenso thematisiert wie seine Beziehungen zu den anderen Größen der internationalen Arbeiterbewegung. Beeindruckend ist auch aus heutiger Sicht, wie sich Victor Adler von ideologischen Extremen fernhält, und immer dafür kämpft, Fanatismus durch Pragmatismus zu ersetzen.

Sehr hübsch auch die vielen treffenden Zitate Adlers, welche Misik immer wieder einstreut:

Wir haben den Despotismus gemildert durch Schlamperei.

An nichts hält man leidenschaftlicher fest, als an seinen Irrtümern.

In Österreich ist es nun einmal so, dass man die Dummheiten freiwillig macht.

Das Buch macht tatsächlich Lust darauf, sich intensiver mit Victor Adler zu beschäftigen. Allerdings hätte es gut und gerne den doppelten Umfang haben können.

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler (Picus)

Deutschland und Österreich im Jahr 2016

Die New York Review of Books beschäftigt sich ausführlich mit der politischen Lage in Deutschland und in Österreich. Nachdem die Sicht von außen bekanntlich die Perspektive erweitert, sei die Lektüre der beiden ausführlichen Artikel allen sehr empfohlen. Joshua Hammer, mir sonst durch seine Reportagen aus Krisengebieten bekannt, berichtet in Can Germany Cope with the Refugees? einerseits historisch von der Flüchtlingskrise, andererseits von seinen Begegnungen in Deutschland:

Samuel Schidem, an Israeli Druze who runs IsraAID, a charity that works with unaccompanied minors in the state of Brandenburg, told me that xenophobic violence is on the rise, particularly in the former East Germany. Young refugees—most of them Afghans—in the seven shelters in which IsraAID works are regularly harassed and threatened by local people. “Stones are thrown at them every day, and attackers break the windows of their shelters,” he told me. “The kids don’t feel welcome. There is huge disappointment and growing anger.”

[…]

Kipp, the spokesperson for the Tamaja organization at Tempelhof, told me that the refusal of the government to provide German-language courses for Afghans—though nearly 50 percent of them will be granted political asylum—was condemning many of them to isolation and joblessness. “It is a real failure,” she told me. Samuel Schidem of IsraAID has criticized much the same short-term thinking in the state of Brandenburg, where the government has refused to provide much support to unaccompanied Afghan minors, reasoning that many will eventually be deported. “The kids are rotting away in the middle of nowhere, getting no language training, no volunteers, no social programs,” he told me. “The kids could easily fall victim to the Salafists.” Germany’s early welcome and rapid mobilization on behalf of the refugees set it apart from the rest of the European Union. Unless the country can address the flaws and inequalities in its current system, it may create the very ghettos that Merkel is so desperate to avoid.

Jan-Werner Müller geht in Austria: The Lesson of the Far Right der Frage nach, wie ein so wohlhabendes Land mit einem großzügigen Sozialsystem in die Fänger von Populisten wie Norbert Hofer gelangen kann:

Just why has the far right done so well in Austria in particular? The country enjoys one of the highest per capita income levels in the EU, has an extensive welfare system, and has benefited enormously from the opening to Eastern Europe since 1989 (Vienna used to be shabby compared to Berlin; now it’s the other way around). Nor has Austria, until now, suffered from the devastating terror attacks that have afflicted France and Belgium. Picking up on Pope Paul VI’s praise of Austria as an isola felice, the country’s most important post-war political figure, long-time Chancellor Bruno Kreisky (in office 1970-1983), called it an “island of the blessed.” Nonetheless, the Freedom Party has been growing in Austria for more than two decades. If there were Austrian parliamentary elections today, the far right would win.

Gleichzeitig bekommt das internationale intellektuelle Publikum einen zeitgeschichtlichen Schnellkurs über Österreich und dessen Proporzsystem.

Reise-Notizen: Kärnten

September 2012

Kärnten ist Österreichs lustigstes Bundesland. Eine erstklassige Parodie. Wo fängt man an? Bei der Landeshauptstadt Klagenfurt, die als einzige Provinzhauptstadt der Welt keine Stadtbibliothek besitzt? Bei der korrupten Politikerklasse, die das Land wie zu Feudalzeiten als Selbstbedienungsladen versteht? Bei der Bevölkerung, die viele Jahre Jörg Haider als Landeshauptmann (wie die Ministerpräsidenten in Österreich heißen) wählte und vergötterte? Selbst heute gibt es noch Haider-Gedenkstätten, obwohl es inzwischen selbst kognitiv Benachteiligten klar sein sollte, wie sehr der Mann dem Land schadete.

Kurz: Ein hoch interessantes Reiseziel.

Ich quartiere mich direkt am Wörthersee ein und fahre eine Woche bei strahlendem Sonnenschein kreuz und quer durch das Bundesland. Der Kontrast zwischen den unzähligen malerischen Seen, der erhabenen Berglandschaft und dem geistigen Zustand des Landes könnte kaum größer sein. Unterwegs fragt man sich ständig, kann es wirklich so schlimm sein? Viele Dinge fallen auf. So empfehle ich dringend, ein besonderes Augenmerk auf die Kriegerdenkmäler in Kärnten zu richten. Symbolisches Pathos, wohin man blickt. Poetische Höhepunkte eingeschlossen: „Mehr als unser Leben / konnten wir nicht geben“ („Künstlerstadt“ Gmünd) sei im Land der Ingeborg Bachmann hervorgehoben. Schließlich der Mann an der Kasse im Stiftsmuseum in Millstatt. „In dreißig Jahren wird ganz Österreich islamisch sein“ doziert er der Dame an der Kasse. Wien sei bereits zu 95% islamisch, doch, doch, das habe ihm ein Geistlicher kürzlich bestätigt. Worauf die Kassendame trocken erwidert: „Alles ändert sich. Das stört ich mich nicht.“

Kulturell hat Kärnten einiges zu bieten. Eine meiner ersten Wege am Wörthersee führt mich selbstverständlich zum Mahler Komponierhäusl, wo ich den Wächter von seinem kleinen Nickerchen aufschrecke. Mahlers Naturenthusiasmus fand in der Wörtherseeidylle natürlich jede Menge Futter. Nach der Zahl der Gäste befragt, meint er, dass nur noch wenige Menschen Mahlers Werkstatt aufsuchen. Einheimische so gut wie nie, aber ab und zu kämen musikinteressierte Touristen wie ich.

Die größte Überraschung war das in der Pampa gelegene Museum Liaunig. Der Gegend angemessen würde man ein Folklore- oder ein Bauernmuseum erwarten. In Wahrheit handelt es sich um eines der geschmackvollsten Museen für moderne Kunst, die ich bisher sah. Der Industrielle Herbert W. Liaunig trug Zeit seines Lebens eine exquisite Sammlung zusammen. Schwerpunkt ist die österreichische Kunst seit 1950, aber es gibt auch viele herausragende internationale Stücke. Für diesen Kunstschatz ließ er – in Sichtweite seines Wohnschlosses – ein Museum in einen Hügel bauen. Die 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden jährlich wechselnd mit Themenausstellungen bespielt. Zugänglich ausschließlich per Führung. Die Ausstellungshalle ist lichtdurchflutet und erinnert an eine riesige Industriehalle, was architektonisch ausgezeichnet zur modernen Kunst passt. Die Qualität und die hochwertige Präsentation ist so gut gelungen, dass das Wiener MUMOK dagegen wie ein Provinzhaus wirkt.

Der zweite kulturelle Höhepunkt der Reise ist das archäologische Museum in Globasnitz an der slowenischen Grenze, das sich sowohl mit dem ostgotischen Gräberfeld aus der Völkerwanderungszeit in der Nähe beschäftigt als auch mit der über dem Ort gelegenen Kultstätte Hemmaberg. Das kleine Museum ist anschaulich gestaltet, besitzt exquisitere Mosaiken als manche großen Häuser und ist deshalb unbedingt einen Besuch wert. Das gilt auch für die Ausgrabungen am Hemmaberg, ein früher Pilgerort mit gut erhaltenen Resten. Vieles wurde inzwischen allerdings so restauriert, dass man die Restauration nicht vom Vorgefundenen unterscheiden kann. Das ist alles andere als „state-of-art“ in der Archäologie und man fragt sich, wer dafür verantwortlich ist.

Wer sich für Archäologie interessiert, sollte auf keinen Fall den Magdalensberg auslassen. Das drei Hektar große Freiluftmuseum gibt nicht nur viele Einblicke in eine kleine römische Handelsstadt um die Zeitenwende, mit Fokus auf die damalige Eisenproduktion, sondern ebenfalls einen grandiosen Ausblick auf das Zollfeld.

Gordon Brook-Shepherd: Österreich

„Eine tausendjährige Geschichte“ (Zsolnay)

Mit diesem Buch wollte ich eine kleine historische Auffrischung unternehmen. Wer könnte dafür geeigneter sein als ein britischer Historiker, der sich aus der Außenperspektive mit Österreich befasst? Der neue Zsolnay Verlag fiel bis jetzt auch nicht durch die Publikation besonders schlechter Bücher auf.

Meine Überraschung stieg von Seite zu Seite als klar wurde, dass Brook-Shepherd ein stramm konservativer Historiker ist, der aus seinen ideologischen Präferenzen keinen Hehl macht. Das wird vor allem bei seiner Schilderung der Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich. Der Titel des Buches ist ohnehin Irre führend: 900 Jahre Geschichte werden auf 150 Seiten abgehandelt, der Rest beschäftigt sich mit dem letzten Jahrhundert.

Brook-Shepherd wird von einem Problem gequält: der patriotischen Identität der Österreicher. Ist einer der historischen Akteure in den Augen des Autors ein guter österreichischer Patriot, sind ihm seine Sympathien sicher. Den Politiker des Roten Wien in den zwanziger Jahren wirft Brook-Shepherd vor, sie hätten sich besser um nationale Belange kümmern sollen, als um Sozialpolitik…

Kurz, das Buch ist ein Ärgernis. Lesen sollte man es nur, wenn man genügend Metainteresse aufbringt, um sich mit konservativer Geschichtsbeschreibung beschäftigen zu wollen. Dass dieses Buch ausgerechnet bei Zsolnay erschienen ist, ist kein verlegerisches Ruhmesblatt.

J.S. Marcus: Shadows on the Danube

The New York Review of Books 6/2001

Eine ausgezeichnete Einführung in die österreichische Problematik nicht nur des unappetitlichen letzten Jahres, sondern auch in die historische Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die nun in der schwarz-blauen Regierung ihren Tiefpunkt gefunden hat. Als Aufhänger des Aufsatzes* dienen zwei Bücher: ein englischsprachiger Auswahlband mit den Memoiren Bruno Kreiskys und Christa Zöchlings Haider: Licht und Schatten einer Karriere.

Marcus erweist sich als ausgezeichneter Kenner der hiesigen Innenpolitik, nicht nur weil er die ehemalige Sozialministerin Elisabeth Sickl treffend als „dramatically underqualified“ bezeichnet, und die internationale Leserschaft mit einer ihrer bleibenden Errungenschaften bekannt macht, nämlich mit ihrer Antwort auf vielfache Kritik: „God grants abilities to those who pray for him“.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets