Balzac

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Wie liest man Balzac?

In der dritten New-York-Review-of-Books-Ausgabe dieses Jahres schreibt Geoffrey O’Brien einen klugen Essay über Balzac. Er erläutert dabei auch seine eigenen Leseerfahrungen, die den meinen durchaus ähnlich sind:

Yet even after taking so much from those books I felt as if I were reading Balzac against the grain, wanting him to be a different sort of writer than he was, faulting him for long-windedness and digression, tuning out his extended riffs on animal magnetism or Swedenborgian doctrine and his monarchist political editorializing, reacting unhappily to what seemed abrupt or haphazard plot developments. I wanted him to hurry it along, tidy it up, bring it to a neat and emotionally satisfying conclusion; if possible I wanted to mainline the gist of what Balzac knew of the world without having to make my way through the ramifications of his paragraphs.

Meine Balzac-Notizen finden sich hier.

Balzac: Verlorene Illusionen

Meine Balzac-Lektüre ist in den Notizen nur in einem sehr kleinen Ausschnitt dokumentiert. Las ich doch eine Vielzahl seiner Romane in den neunziger Jahren, also bevor ich meine Lektüre in dieser Form hier festhielt. Mein Verhältnis zu dem Franzosen ist zwiespältig. Ich schätze seine literarische Schaffenskraft, speziell den Einfallsreichtum seiner Geschichten und Figuren. Ich wundere mich aber auch, wie schlampig viele seiner Werke komponiert sind. Man sieht ihn förmlich an seinem Pariser Schreibtisch sitzen, wo er – literweise Kaffee trinkend – seine Bücher so schnell wie möglich niederschreibt.

Die Verlorenen Illusionen sind eine Ausnahme und wohl in ästhetischer Hinsicht Balzacs bester Roman – zumindest was seine Wälzer betrifft und wenn man die Erzählungen einmal ausklammert. Das Buch kombiniert zwei populäre Genres des 19. Jahrhunderts, den Entwicklungsroman und den Gesellschaftsroman. Die Entwicklung des jungen Lucien Chardon, welcher sich später adelsanmaßend Lucien de Rubempré nennen wird, läuft allerdings völlig schief. Während der junge Wilhelm Meister seinen Entwicklungsroman als eine im humanistischen Sinn reifere Persönlichkeit verlässt, endet Lucien als unmoralischer, desillusionierter Zyniker.
Dabei beginnt alles so vielversprechend in der Provinz, wo der erste Teil der Verlorenen Illusionen spielt. Mit seinem bescheidenen Talent gilt er der provinziellen Oberschicht der beteiligten Kleinstädter natürlich als Genie. Er findet in Naïs de Bargeton, die in Angoulême in der Gesellschaft den Ton angibt, eine Förderin, in die er sich trotz des Altersunterschieds natürlich sofort verlieben muss. Die beiden fliehen nach Paris. Balzac stellt Lucien in der Provinz strukturell geschickt seinen Freund David Séchard zur Seite. Ähnlich begabt wie der eingebildete Lucien ist er ihm charakterlich entgegengesetzt, was einen hübschen Kontrast ergibt.

Paris fügt dem Roman eine weiteren strukturellen Kontrast hinzu: Metropole gegen Kleinstadt. Ohne an dieser Stelle zu sehr auf den Inhalt eingehen zu wollen: Lucien blamiert sich bei seinem ersten Auftritt in der Oper, seine Gönnerin lässt ihn auf Rat einer einflussreichen höfischen Verwandten fallen, ja wird Lucien letztendlich durch eine fein gesponnene Intrige ruinieren.
Lucien gerät nun durch Vermittlung eines skrupellosen Vertreters seiner Zunft in die Kreise von Journalisten. Auch hier stellt Balzac wieder ein Kontrastbild gegenüber: eine hochanständige Gelehrtengruppe. Anständig ist nämlich bei den Journalisten gar nichts. Da werden Kampagnen gefahren, Artikel gekauft, Freunde hoch geschrieben, Feinde herunter gemacht. Kurz: Es regiert die Korruption. Wie der Zufall spielt, las ich parallel Ryan Holidays Trust me, I’m lying, in dem er jede Menge unmoralische Methoden der Blogszene beschreibt (zur Notiz). Die Medientechnik ändert sich, die miesen Qualitätsstandards sind dieselben!
Balzac thematisiert auch den Literaturbetrieb wenig schmeichelhaft. Wie heute noch, kommen Bücher oft auf einem Weg zustande, der nichts mit Qualität und viel mit Kommerz und Beziehungen zu tun hat. Mit dieser Ebene bekommt Verlorenen Illusionen eine Selbstreferenzialität, welche einen wesentlich Beitrag zur literarischen Qualität des Buches leistet: Literatur, welche explizit über ihre Entstehungsbedingungen reflektiert. Es sei an dieser Stelle auch noch erwähnt, dass Luciens Freund David in der Provinz eine Druckerei betreibt, und damit auch dieser Teil des Buchgeschäfts die entsprechende Aufmerksamkeit erhält. Diese Ebene ist nur eine von sehr vielen Themenfeldern, die Balzac kongenial verknüpft abdeckt. Neben der besten Pariser Gesellschaft, treffen wir auf armes studentisches Milieu oder auch die Theater- und Schauspielerszene. Letztere wieder inklusive sämtlicher korrupter Machenschaften von Kritikern.

Trotz der vielen unterschiedlichen Themen ist die Architektur des Romans viel ausgewogener als bei den meisten anderen Büchern Balzacs. Zusätzlich ist er einer der überzeugendsten klassischen Gesellschaftsromane, dessen Vielfalt ebenso beeindruckt wie die Lebendigkeit seines Personals. Doch Vorsicht: Wer mit diesem Buch in Balzacs Welt einsteigt, könnte von seinen anderen Werken dann enttäuscht sein!

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen (insel taschenbuch)

Balzac’s Omelette

Anke Muhlstein schrieb mit Balzac’s Omelette ein Buch, das sich mit Balzac aus gastronomischer Perspektive auseinandersetzt. Klingt witzig und ist vielleicht einen Versuch wert. Die ersten Rezensionen sind jedenfalls positiv, wie dieses Beispiel zeigt.

Balzac als Krisendeuter?

Die Welt beschäftigt sich in einem Artikel mit der Frage, warum die Balzac-Lektüre in Krisenzeiten besonders lohnenswert ist.

Neue Balzac-Ausgabe

Der Diogenes Verlag hat eine gebundene Werkausgabe mit ausgewählten Romanen und Erzählungen herausgebracht, und zwar in einer “gründlich revidierten Übersetzung”. Enthalten sind: ‘Der Talisman oder Das Chagrinleder’, ‘Vater Goriot’, ‘Eug‚nie Grandet’, ‘Verlorene Illusionen’, ‘Glanz und Elend der Kurtisanen’, ‘Vetter Pons oder Die beiden Musiker’, ‘Tante Lisbeth’. Und sieben Erzählungen: ‘Das rote Wirtshaus’, ‘Eine Leidenschaft in der Wüste’, ‘Sarrasine’, ‘Das unbekannte Meisterwerk’, ‘Colonel Chabert’, ‘Facino Cane’, ‘Das Mädchen mit den Goldaugen’.

Neue Balzac-Biographie

Johannes Wilms legt eine neue Biographie über diesen schillernden Klassiker vor. Laut Claudius Seidl in der heutigen Ausgabe der FAZ eine solide Arbeit, wenn auch etwas zu zynisch.

Johannes Wilms: Balzac. Eine Biographie (Diogenes)

Balzac: Die Geschichte der Dreizehn

Dieser Band enthält drei Erzählungen, die zwar alle drei diverse Schwächen aufweisen, aber durch Balzacs Erzähltalent ausbalanciert werden. “Ferragus, das Haupt der Verschworenen” erzählt kolportagereich die Geschichte eines raffinierten Verbrechers, dessen Tochter in die gute Gesellschaft einheiratete, und deren Sentiment für den Vater der Motor für die Handlung ist. Höhepunkt des Textes sind Balzacs sarkastische Beschreibungen des zeitgenössischen Paris.
“Die Duchesse de Langeais” entfaltet eine melodramatische Liebesgeschichte im Pariser Hochadel. Seltsam muten Balzacs seitenlange politische Exkursionen zur französischen Aristokratie an, die teilweise in idealisierte Lobeshymnen ausufern.

“Sex and Crime” stehen auch im Mittelpunkt von “Das Mädchen mit den Goldaugen”, ebenfalls angereichert mit fulminanten Passagen über Paris.

Balzac: Die Geschichte der Dreizehn (Insel Taschenbuch)

Balzac: Ein Junggesellenheim

Ein selbst für Balzacs Verhältnisse ungewöhnlich inhaltsreicher Roman, dessen erste Hälfte in Paris und dessen zweite in einer Provinzstadt spielt, wo nicht nur ehemalige Offiziere der napoleonischen Armee ihr Unwesen treiben, sondern auch eine fulminant geschilderte Erbschaftsintrige im Gang ist.

Balzac zieht hier so gekonnt sämtliche epischen Register, dass man ihm seine bekannten Schwächen – das Balancieren auf der Grenze zur Kolportage an manchen Stellen – gerne nachsieht. Der Protagonist Philippe Bridau gehört jedenfalls in die Ehrenliga der Bösewichte der Weltliteratur.

Balzac: Ein Junggesellenheim (Insel Taschenbuch)

Balzac: Pierrette. Roman

Man kann der Trivialliteratur vieles vorwerfen, das Größte ihrer Verbrechen ist zweifellos, dass sie das Talent von Balzac beeinträchtigt hat: Das jahrelange Schreiben von Dutzendware hat sich auf viele seiner Werke durchgeschlagen.

In “Pierette” beispielsweise wird die Grenze zur Sentimentalität, diplomatisch formuliert, gelegentlich gestreift. Eine durchdachte Romankonstruktion gibt es kaum, der Roman setzt in mehreren langen, linearen Rückblenden an, um die Vorgeschichte zu erzählen. Ziemlich spät erst, wird das eigentliche Thema des Buches begonnen.

Das ungeheure Talent Balzacs zeigt sich daran, dass er trotz allem ein lesenswertes Buch geschrieben hat. Sein psychologisches Einfühlungsvermögen, die Schärfe seiner Figurenzeichnung, und schließlich das realistische, unsentimentale Ende, der Tod des misshandelten Kindes Pierrette, belegen das mehr als genug.

Balzac: Pierette (Insel Taschenbuch)

Balzac: Die alte Jungfer. Roman

Schlecht kommt sie weg, die Provinz samt den dort ansässigen “Spießbürger[n], welche auf der ausgetretenen Landstraße der Vorurteile einhertrotten” und “wo das Geistesleben von einer brutalen Gleichgültigkeit verfolgt wird”. Im Zentrum des Romans steht eine Frau, fromm, reich und dumm, um deren Hand sich drei höchst unterschiedliche Bewerber bemühen, die es alle drei auf ihr Geld abgesehen haben. Der unwürdigste zieht das große Los und ruiniert das Lebensglück seiner Gattin.
Alle Tugenden des Balzacschen Talents sind zu bewundern, von der treffend-bissigen Schilderungen der Figuren über die psychologische Treffsicherheit seiner Beobachtungen. Glänzend wird der Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und Dummheit beschrieben.

Leider sind auch Balzacs bekannte Schwächen nicht zu übersehen. Der kleine Roman erschien im Herbst 1836 in Fortsetzungen, was sich ziemlich direkt in einem blockartigen Aufbau niederschlägt. So werden die drei Bewerber nacheinander in einer Art beschreibenden “Aufzählung” eingeführt, eine ästhetisch wenig elegante Vorgehensweise.

Mehr über Balzac in der “Welt”: “Du bist, wie Du gehst”

Balzac: Die alte Junger (Insel Taschenbuch)

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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