Was Männer sonst nicht zeigen

Filmcasino 10.2. 2017

FIN/SWE 2010

Regie: Joonas Berghäll & Mika Hotakainen

Wie grenzenlos mein Vertrauen in mein Stamm-Programmkino ist, zeigt dieser Filmbesuch. Einen Streifen über Sauna-Besuche? Der bereits sieben Jahre alte Film begleitet überwiegend Männer in die Sauna, wobei es in Finnland Saunen an den seltsamsten Orten gibt, darunter auch viele mobile. Dort erzählen die Besucher dann aus ihrem Leben, von Krankheiten, dem Verlust von Angehörigen und anderen Existenzkrisen. Ergebnis ist ein interessanter Einblick in das finnische Alltagsleben jener, die eher am unteren als am oberen Rand der Gesellschaft angesiedelt sind. Zwischen den Geschichten gibt es ausladende Aufnahmen der kargen finnischen Landschaft. Ein originelles Filmprojekt.

Homer: Ilias

Lange ist es her, seit ich die Ilias zum ersten Mal las. Mein mehrmals gelesenes Lieblingsbuch Homers ist die Odyssee. Sie kam mir literarisch bei weitem reichhaltiger und abwechslungsreicher vor als das Kriegsepos. Nach der neuen Lektüre bin ich geneigt, dieses Urteil zu revidieren, was vermutlich auch mit den pessimistischen politischen Aussichten unserer Tage zusammenhängt. Die Ilias ist so voller Hass und Gewalt, dass sie einen würdigen weltliterarischen Auftakt zur europäischen Geschichte bietet. Ein Teil dieses Eindrucks mag mit der Übersetzung Raoul Schrotts zusammenhängen, dessen Wortwahl deutlich drastischer und direkter ist, als jene aller anderen Übersetzer. Die philologische Korrektheit kann ich nur bedingt beurteilen, aber es gibt sicher keine Übertragung, welche eine ähnlich starke Wirkung auf den Leser hat. Man kann sich dadurch besser vorstellen, welche Reaktionen ein Vortrag in der Antike bei den Zuhörern auslöste.

Im Mittelpunkt steht bekanntlich der kleinliche Streit zwischen Agamemnon und Achilleus: Ersterer nutzt seine Macht als Feldherr, um dem größten Kriegshelden der Griechen sein „Beutemädchen“ Briseis abzunehmen. Letztendlich soll der Streit mit dem Priester Chryses beendet werden, dessen Fluch eine schwere Seuche über das Lager der Griechen brachte. Achilleus ist darüber so empört, dass er in einen Kampfstreik tritt, der letztendlich die Griechen viele Tote kostet und fast zum Verlust des Krieges führt. Homer spiegelt hier strukturell die Ursache des trojanischen Krieges, der durch die Entführung Helenas durch Paris ausgelöst wird. Machtmissbrauch führt damit zu einer irrationalen Wut.

Das Epos ist vollgespickt mit Passagen, welche zeigen, dass sich anthropologisch das grundsätzliche Verhalten der Menschen in den letzten 2500 Jahren nur wenig weiterentwickelt hat. Um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen, die kritische Jugend gegenüber der älteren Generation:

der jugend stehen selbst vor uns herrschern so offene worte zu.
(IX, 59)

Wer glaubt, die Welt Homers sei ausschließlich auf das archaische Kriegertum fixiert, täuschte sich. Folgende Passage zeigt hübsch, dass man sehr wohl unterschiedliche menschliche Talente zu schätzen wusste:

man kann nicht in allem glänzen: dem einen verleiht [Zeus]
das nötige talent um zu kämpfen, dem anderen zum tanz
einem dritten, die lyra zu spielen und dazu zu dichten –
dem nächsten wiederum schenkt der weitsichtige zeus
ein gehirn: das ist auch nicht zu verachten; es profitiert
jeder davon wenn einer besser als jeder andere begreift
wie man sich rettet.
(XIII, 730)

Das Verhältnis zwischen Menschen und Göttern verdient eine nähere Betrachtung. Bereits Platon kritisierte, dass Homer die Überwelt mit allen schlechten Eigenschaften der Menschen ausstattet. Das gegenseitige Verhältnis ist überwiegend zerrüttet. Die Götter kümmern sich rücksichtslos um ihre eigenen Favoriten während des Krieges und bekämpfen sich schließlich auch gegenseitig. Auch verbal vergeben sich beide Seiten nichts. Nicht nur beklagen die Götter sich über die Indolenz der Menschen:

vater zeus, gibts denn auf der ganzen welt keinen menschen mehr
der es noch für wert hält uns göttern zu verraten was er vorhat?
[VII, 456]

Auch die Menschen nehmen mit ihrer Kritik kein Blatt vor den Mund:

himmelherrgott vater zeus! jetzt erweist sich, was du bist –
ein geborner lügner! nie hätt ich gedacht, daß die griechen
unsrer unbesiegbaren durchschlagskraft widerstehen können!
(XII, 164)

Das ist insofern religionshistorisch sehr bemerkenswert, weil hier noch kaum die Spur jener späteren Unterwürfigkeit zu erkennen ist, die den Monotheismus auszeichnet. Der monotheistische Gott fordert strikte Unterordnung und strikten Gehorsam, während Zeus den obigen Ausbruch nicht zum Anlass nimmt, den Griechen dauerhaft seine Gunst zu entziehen.

Eine andere Perspektive in diesem Zusammenhang ist jene des freien Willens. Für die meisten guten oder schrecklichen Ereignisse des Trojanischen Krieges werden die Götter verantwortlich gemacht. Auch für konkrete Kampfhandlungen. Trifft ein Speer nicht, wird er nicht selten von einem Gott abgelenkt. Wer lebt und wer stirbt, ist in der Hand der Götter. Hier besteht also noch ein weiter Weg zu den eigenverantwortlichen Individuen, die wir im klassischen Griechenland durch die Literatur und Philosophie kennenlernen werden.

Die Eroberung von Städten war und ist immer einer der grausamsten Ereignisse in jedem Krieg. Nachzulesen ist das in vielen antiken Quellen, nicht zuletzt im Alten Testament. Auch Homer findet drastische Worte für diese Massaker:

was eine stadt an greueln
alles mitmachen muß, wenn sie erobert und gebrandschatzt wird:
männer, die abgestochen, häuser, die in schutt und asche gelegt
die kinder, die versklavt, all die frauen, die vergewaltigt werden.
(IX, 591)

Frauen waren damals wie heute die selbstverständlichen Opfer:

darum soll keiner auf rückkehr drängen, bevor er nicht
die frau eines troianers vergewaltigt hat: rein schon aus rache.
(II, 354)

Am Ende einer langen Schlacht ist das Feld mit so vielen Leichen übersät, dass es schwierig wird, einen Sitzplatz zur Beratung zu finden:

sie durchquerten den graben hinaus auf die ebene
und ließen sich auf dem einzigen flecken der erde nieder
der nicht voll leichen war
(X, 198)

Die Brutalität der Gewaltdarstellung braucht sich nicht hinter den Produkten der zeitgenössischen Unterhaltungsindustrie wie The Walking Dead zu verstecken. Gehirne spritzen, Gedärme machen sich selbständig und Köpfe rollen:

dolon fiel auf die knie, bettelte um sein leben und versuchte
flehentlich diomedes kinn zu berühren – doch der holte aus
mit seinem schwert, schlug es ihm mitten durch sein genick
die sehnen, adern und muskeln – daß der noch immer
quengelnde kopf in den dreck fiel
(X, 54)

Auch an Spezialeffekten fehlt es nicht. Wenn etwa Hephaistos mit Feuer den Flussgott Xanthos bekämpft, würde das jedem Hollywood-Blockbuster zur Ehre gereichen:

da ließ hephaistos eine übernatürliche feuersbrunst ausbrechen.
die flammen flackerten am rande der ebene auf; sie fraßen sich
auf die mitte zu, verschlangen die überall angespülten troianer
die achilleus getötet hatte, und zehrten an der glitzernden flut (…)
so brodelte der skamandros jetzt
in der alles verschmorenden hitze – und seine wasser kochten
wollten in dem flammenmeer nicht mehr fließen und stockten
unter den feuerwellen die hephaistos über sie hinbranden ließ
(XXI, 342)

Die Reaktion der griechischen Halbwüchsigen auf solche Schilderungen damals dürfte nicht viel anders gewesen sein als jene der heutigen Teenager im nächsten IMAX-Kino.

Ein anderer sich ständig wiederholender Aspekt der Kriegsschilderung ist der gierige Bereicherungsaspekt. Es war nämlich üblich, dem getöteten Krieger seine wertvolle Rüstung als Beute auszuziehen, was zu unschönen Szenen führt:

das räudige Handwerk des Krieges: kaum war er seiner wunde erlegen
da stritten sich die achaier und die troianer schon um seine leiche
mann gegen mann sich ineinander verbeissend wie die wölfe.
(IV, 471)

Man kann die Ilias aber auch noch ganz anders lesen, nämlich als Alltags- und Naturgeschichte der alten Griechen. Diese Lesart hat mich dieses Mal am meisten fasziniert. Homer verwendet als Metaphern überwiegend welche aus dem Bereich der Natur- und des alltäglichen Lebens seiner Zeitgenossen. Es gibt mehr als 300 dieser bildhaften Passagen, etwa 1100 Verse, die damit ein Sechzehntel des Textes ausmachen. Wir bekommen dadurch eine ausführliche Alltagsgeschichte des archaischen Griechenland.

Wie verläuft der Alltag?

und wie die reihen der schnitter im feld eines reichen herrn
von gegenüberliegenden seiten aufeinander zugehn, mähen
und die sensen durch den weizen oder die gerste schwingen
daß die ähren nur so fallen, so kamen troianer und griechen
aufeinander zu: rechts und links wurden sie niedergemacht
(XI, 67)

wie zwei bauern die sich meßruten in der hand, drüber streiten
wo der grenzstein des gemeindefelds, das sie unter sich aufteilen
zu liegen hat, und um einen schmalen streifen zu raufen kommen
der nicht breiter als der wehrgang ist, der die zwei heere trennte
(XII, 421)

der kampf war so ausgewogen als würde eine arbeiterin ihrem brotherrn
die gesponnene wolle abliefern und genau darauf achten daß sie
auch dem eingewicht entspricht – denn der lohn für ihre kinder
ist erbärmlich genug
(XII, 434)

so dick wie die schmiere an einer ochsenhaut, die der gerber
seinen lehrlingen zum strecken gibt, die sich dann ringsum
im kreis hinstellen, um mit vereinter kraft daran zu ziehen
bis ihre hände das riesige ochsenfell glatt gespannt haben
damit es austrocknet und das fett in die poren eindringt –
so zerrten sie von allen seiten an der leiche, hin und her
(XVII, 388)

wie saubohnen oder kichererbsen von einer holzschaufel
wenn sie beim worfeln auf dem dreschboden in den wind
geworfen werden, um sie von ihren hülsen zu trennen –
so prallte der bittere schaft von menelaos‘ bronzepanzer
und schlug erst weit entfernt irgendwo in den boden ein
(XIII, 588)

Selbst detaillierte geologische Beobachtungen verwendet Homer zur Veranschaulichung:

hektor brach über die achaier herein riesig wie ein felsbrocken
der einen berghang herunterrollt, nachdem ihn der wasserfall
eines vom winterregen angeschwollenen baches untergraben
und von der kante gespült hat, daß er im hohen weiten sprung
mitten durch die bäume kracht, der ganze wald widerhallend
von einem unaufhaltsamen poltern
(XIII, 138)

Auch eine Vielzahl an Beispielen aus dem semantischen Feld des Meeres bzw. der Seefahrt könnte ich noch anführen. Die zahllosen, unglaublich genau beobachteten Löwenbilder erwecken den Eindruck, als hätte Homer als Hobbyzoologe sein halbes Leben lang nichts anderes getan, als diese Raubkatzen zu beobachten.

Es wäre deswegen also ein großer Fehler, die Ilias auf ein berühmtes Kriegsepos zu reduzieren. Wie bei allen Klassikern liegen die kulturell und ästhetisch interessantesten Aspekte nicht an der Oberfläche.

Homer: Ilias. Übertragen von Raoul Schrott Kommentiert von Peter Mauritsch

Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938 & Horowitz. 50 Jahre Menschenbilder

Jüdisches Museum 5.2. 2017

Das Haupthaus in der Dorothergasse zeigt eine sowohl kunst- als auch sozialgeschichtliche spannende Ausstellung, dokumentiert sie doch Leben & Werk von Künstlerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wobei man sich die biographischen Informationen jeweils über sein Smartphone holen muss. Wie schwierig es die Damen hatten, wird vielfältig ersichtlich. Nicht nur mussten sie eigene Vereinigungen gründen, weil sie lange aus den Männerbünden ausgeschlossen waren. Auch zur akademischen Ausbildung wurden sie bekanntlich erst spät zugelassen. Bezeichnend sind auch die diversen Beschimpfungen durch ihre männlichen Kollegen, so lästerte Adolf Loos über „dilettantische Hofratstöchter“ und Julius Klinger sprach vom „Weiberkunstgewerbe“. Die Schau ist nicht übermäßig umfangreich und fasst die Werke thematisch zusammen, etwa zur Avantgarde oder sozialkritischen Kunst. Es wird auch eine Dokumentation über Anna Mahler gezeigt. (Bis 1.5.)

Im Haus am Judenplatz ist eine kleine, feine Fotografie-Ausstellung zu sehen. Der Wiener Fotograf Michael Horowitz geht dieser Beschäftigung nun seit 50 Jahren nach und dokumentiert nicht nur in seinen Porträts die Zeitgeschichte. Alleine das berühmte Foto von Thomas Bernhard auf seinem Fahrrad und jene von H.C. Artmann lohnen den Besuch. Fesselnd sind auch die gezeigten Farbfotos zum Zeitgeschehen, darunter ein sehr treffendes von einer Norbert-Hofer-Wahlkampfveranstaltung. (Bis 28.5.)

Shakespeare: Komödie der Irrungen

Burgtheater 4.2. 2017

Regie und Bühne: Herbert Fritsch

Antipholus von Ephesus, Antipholus von Syrakus, Zwillingsbrüder und Söhne des Ägeon: Sebastian Blomberg
Dromio von Ephesus, Dromio von Syrakus, Zwillingsbrüder und Sklaven der Antipholus-Zwillinge: Simon Jensen
Adriana, Frau des Antipholus von Ephesus: Dorothee Hartinger
Luciana, ihre Schwester: Stefanie Dvorak
Angelo, Ein Goldschmied: Falk Rockstroh
Ein Kaufmann, Freund des Antipholus: Hermann Scheidleder
Ein Kerkermeister: Merlin Sandmeyer
Lucie, ihre Kammermädchen: Marta Kizyma
Ägeon, ein Kaufmann aus Syrakus: Klaus Pohl
Solinus, Herzog von Ephesus: Michael Masula
Kurtisane: Mavie Hörbiger
Ämilia, Äbtissin in Ephesus und Frau des Ägeon: Petra Morzé
Doktor Zwick, ein Schulmeister: Dirk Nocker

Herbert Fritschs Blödelinszenierungen haben ihre Freunde, was auch der brave Applaus am Ende belegt. Sie sind handwerklich passabel gemacht: Die Schauspieler, die Kostüme und das Bühnenbild bringen den erwünschten Klamaukeffekt kompetent auf die Bühne. Klamauk ist für eine gute Shakespeare-Inszenierung aber nicht hinreichend, auch nicht für eine seiner verrückteren Komödien. Diese bezieht ihre Komik zwar primär durch die diversen Verwechselungen der beiden Doppel-Zwillingspaare, stellt dem Zuschauer aber auch tiefgründigere Fragen zum Thema Identität. Fritsch‘ Inszenierungen sind nun mit jeder Form der Subtilität inkompatibel. Er sollte sich auf Blödelstoffe beschränken und die Finger von Klassikern lassen.

Yuval Noah Harari: Sapiens – A Brief History of Humankind

Ein kluges Buch über weltgeschichtliche Zusammenhänge, das ein internationaler Bestseller wird, stimmt optimistisch. So wichtig detaillierte historische Studien von Einzelphänomenen für die Wissenschaft sind, so unverzichtbar sind solche gelungenen Überblicksdarstellungen für die persönliche Bildung. Harari hat sich nun ein aus der Perspektive von akademischen Historiker freches Projekt vorgenommen: Den Ablauf der Weltgeschichte dadurch verständlich zu machen, dass er die grundlegenden Mechanismen ihres Wirkens beschreibt. Das klingt geschichtsphilosophisch nicht ungefährlich und bringt auch das eine oder andere intellektuelle Problem mit sich. Insgesamt gelingt Harari sein Vorhaben aber vorzüglich.

Anders als der noch umfassendere Ansatz Big History fokussiert Harari auf die Geschichte unserer Spezies seit der kognitiven Revolution, die etwa 70.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung stattfand. Er beschreibt die Erklärungshypothesen für diesen kulturellen Entwicklungsschub ausführlich. Überhaupt ist das erste Drittel des Buches mit Abstand das Beste, weil es zur Prähistorie in den letzten Jahrzehnten spannende neue Forschungsergebnisse gab, die Harari ausführlich referiert. Etwa wenn er den Lebensstandard des durchschnittlichen Jägers und Sammlers mit denen der ersten Bauern vergleicht. Den Bauern ging es fast in jeder Dimension schlechter, angefangen bei der Gesundheit wegen ihrer eintönigen Ernährung und ihrer schweren körperlichen Arbeit bis hin zur täglichen Arbeitszeit. Während Bauern ja fast bis heute rund um die Uhr schuften müssen, kamen Jäger und Sammler vermutlich mit vier bis fünf „Arbeitsstunden“ pro Tag aus, um für ihre sehr abwechslungsreiche Ernährung zu sorgen. Warum es trotzdem zu dieser für das Individuum offenbar verschlechternden Agrarrevolution kam, beleuchtet Harari ebenfalls aus unterschiedlichen Facetten.

Während Jared Diamond in seiner hervorragenden weltgeschichtlichen Studie Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies der Geographie eine maßgebliche Rolle zuweist, konzentriert sich Harari mehr auf kulturelle Faktoren und sieht vor allem den Mythos bzw. die Gesellschaft zusammenhaltende Erzählungen als entscheidenden Faktor der menschlichen Zivilisationsgeschichte an. Damit meint er die nicht nur die ersten Religionen und Mythen, sondern geht dabei bis in die Gegenwart, wo für ihn das Geld eine der grundlegenden, unhinterfragten Erzählungen ist. Eine Fiktion, an die alle Menschen glaubten.

People easily understand that „primitives“ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.

Anthropologisch hat sich der Mensch in den letzten 70.000 Jahren kaum verändert. Auch die soziokulturellen und sozialpsychologischen Mechanismen sind grundlegend dieselben. Diese Erkenntnis stringent zu vermitteln, ist eine der größten Stärken von Sapiens. Wie bereits Jared Diamond räumt er mit zahlreichen weit verbreitenden romantischen Mythen über unsere Vorfahren auf:

But the historical record makes Home sapiens look like an ecological serial killer.

Die Erklärungskraft des Buches nimmt in der zweiten Hälfte merklich ab. Die Welt wird immer komplexer, was seine Vereinfachungen etwas unplausibler macht als bei der Vorgeschichte. Trotzdem führt auch hier Hararis Ansatz der Modellbildung – die Wirklichkeit also zu vereinfachen, um sie besser verstehen zu können – zu lesenswerten Analysen. Speziell weil manche davon auf den heutigen Leser sicher provokant und damit Gedanken anregend wirken, wenn er etwa ausführlich die großen Vorzüge der Imperien im Verlauf der Weltgeschichte beschreibt.

Insgesamt also ein intellektuell sehr anregendes Lesevergnügen. Das liegt nicht zuletzt an Hararis gut lesbaren Stil. Gedanken werden klar herausgearbeitet und gut formuliert anstatt sie in akademischem Jargon zu ertränken.

Yuval Noah Harari: Sapiens: A Brief History of Humankind [Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit.

Manchester by the Sea

Filmcasino 25.1. 2017

Regie: Kenneth Lonergan
USA 2016

Auf kaum einer seriösen Liste mit den besten Filmen des Jahres 2016 fehlte Manchester by the Sea. In der Tat handelt es sich um einen ausgezeichneten klassischen Autorenfilm: Kenneth Lonergan führte nicht nur die Regie, er schrieb auch das Drehbuch. Der Film beschäftigt sich mit den Auswirkungen von zwei Alltagstragödien und deren psychischen und sozialen Auswirkungen auf die Protagonisten. Der wortkarge Außenseiter Lee Chandler verlässt seine Heimatstadt Manchester by the Sea nach einem tragischen Erlebnis und fristet sein Leben als schlecht gelaunter Hausmeister. Als sein Bruder nicht überraschend an seiner Herzkrankheit stirbt, muss er zurückkehren und sich unerwartet um seinen 16-jährigen Neffen Patrick kümmern, was ihn angesichts seiner labilen Verfassung naturgemäß überfordert. Die sich entwickelnde Beziehung zwischen den beiden, steht im Mittelpunkt. Während in vielen Filmen der Teenager die problematische Figur ist, stellt Lonergan dieses Klischee auf den Kopf: Patrick ist das Gegenteil seines Onkels: Beliebt, begehrt, sozial bestens integriert und emotional deutlich stabiler als sein erwachsener Verwandter. Die Geschichte und die Dialoge sind literarisch auf hohem Niveau. Die Filmmusik ist ein Hauch zu pathetisch, funktioniert aber noch als tragendes Element. Die vielen Rückblenden sind strukturell intelligent eingesetzt. Ein Anti-Hollywood-Film im besten Sinne.

Neue Biographie über Montaigne

Eine neue Biographie über Montaigne kann an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben. Sie ist von mir auch bereits vorbestellt: Philippe Desan: Montaigne. A Life. Diese Neuerscheinung nimmt Adam Gopnik wiederum zum Anlass für einen ausführlichen Essay über Montaigne im New Yorker, betitelt Montaigne on Trial. What do we really know about the philosopher who invented liberalism?. Desan scheint sich also als kritischer Biograph profilieren zu wollen. Der Text Gopniks ist jedenfalls sehr lesenswert.

Himmlisch! Der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel

Winterpalais 22.1. 2017

Mir war der Barockkünstler Johann Georg Pinsel bisher unbekannt. Ein Fehler! Die kleine, aber feine Ausstellung im Winterpalais zeigt einen ästhetisch ausgesprochen innovativen Kopf. Das zeigt sich weniger in den „manierierten“ Körperhaltungen seiner Skulpturen – nicht ungewöhnlich im Barock -, sondern in seiner avantgardistischen Gestaltung der Kleidung. Die Bekleidung mancher Skulpturen wirkt so abstrakt, dass man diese Kunstwerke bei oberflächlicher Betrachtung auch ins 20. Jahrhundert stecken könnte. Ein ausgesprochen bemerkenswerter Personalstil für einen aus der Provinz (in der Nähe Lembergs) stammenden Künstler. Bis 12.2.

Black Mirror

Genau zwei Serien haben es bisher in die Notizen geschafft: Breaking Bad und The Wire. Als dritte kommt nun Black Mirror hinzu, eine düstere und dystopische Serie, die ebenfalls weit mehr bietet als schlichte Fernsehunterhaltung. Die dritte Staffel produzierte Netflix und auch eine vierte ist bereits in Arbeit.

Anders als beim Genre üblich, sind die bisherigen dreizehn Folgen völlig voneinander unabhängig. Nicht nur gibt es keinen übergreifenden Handlungsbogen, es gibt auch keine Figuren oder andere Elemente, welche einen direkten Bezug zwischen den unterschiedlich langen Episoden herstellen. Indirekt verbindet alle Folgen freilich ein Thema: Das dystopische soziale Potenzial unserer aktuellen Technologien. Die meisten Folgen drehen die Schraube unserer Lieblingstechnologien einige Jahre bzw. Jahrzehnte weiter und zeigen deren gruselige gesellschaftliche Konsequenzen. Im Mittelpunkt stehen soziale Medien, künstliche Intelligenz und elektronische Körperimplantate, etwa ein Chip, der ein perfektes Gedächtnis garantiert, weil er jeden Sinneseindruck abspeichert und wieder abspielbar macht. Oder ein elektronisches Implantat im Auge, dass es einem erlaubt, unfreundliche Mitmenschen buchstäblich zu blocken, wie unerfreuliche Zeitgenossen auf Twitter. In einer Folge wird der eigene soziale Status ständig durch Live-Bewertungen mit Hilfe des Smartphones konstatiert, ganz so als sei man ein Amazonprodukt. Sehr gut sind auch jene Serienteile, die Schuld und Sühne reflektieren.

Die einzelnen Episoden sind hervorragend geschrieben: Nichts ist so, wie es am Anfang scheint. Ständig gibt es völlig überraschende Entwicklungen. Dieses kreative Ignorieren von Genreregeln, macht Black Mirror ebenso zu einem Kunstwerk wie der intellektuelle und emotionale Gehalt. Wer sich eine oder zwei Folgen ansieht – mehr auf einmal sind nicht zu empfehlen – bleibt ausgesprochen nachdenklich bis dunkel gestimmt zurück. Damit fängt sie die aktuelle Stimmung im Westen gut ein und ist damit schon jetzt ein gelungenes Zeitdokument.

Die Reise in den Westen

Reclam macht sich einmal mehr sehr um die Klassikerpflege verdient. Zum ersten Mal überhaupt ist mit Wu Chengs Reise im Westen einer der wichtigsten chinesischen Klassiker vollständig auf Deutsch erschienen. Zu verdanken ist dieser Gewaltakt Eva Lüdi Kong, welche das Riesenwerk in zehnjähriger Arbeit übersetzte. Die schön aufgemachte Ausgabe umfasst nämlich 1320 Seiten. Kenner vergleichen den Roman gerne mit Cervantes oder Rabeleis, aber selbst bei einem ersten Hineinlesen stellt man schnell fest, dass dies nur behelfsmäßige Analogien sein können. Mehr als hineingelesen, habe ich bisher auch noch nicht. Eine ausführliche Lektüre ist aber geplant.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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