The Killing of a Sacred Deer

Filmcasino 14.1. 18

GB/IR 2016
Regie: Yorgos Lanthimos

Was für ein außergewöhnlicher Film. Ein cineastisches Meisterwerk? Ein antiaufklärerisches Propagandastück? Beim ersten Ansehen fällt es schwer, sich eine Meinung zu bilden. Der Film beginnt harmlos und sympathisch. Im Mittelpunkt steht eine Oberklasse-Ärztefamilie. Der Vater kümmert sich rührend um den psychisch labilen Sohn eines ehemaligen Patienten, der die Herzoperation leider nicht überlebte. Die Idylle dauert nur kurz: Der kleine Sohn wird mysteriös krank, und es entspinnt sich eine düster dämonische Rachegeschichte. Diese spiegelt als Kontrapunkt semantisch geschickt den naturwissenschaftlichen Beruf des Vaters: Das Irrationale übernimmt. Das ist sehr eindringlich und spannend inszeniert. Man geht mit jeder Menge Fragen aus dem Kino. Sollten Filmfreunde nicht versäumen.

Eine bretonische Liebe

Filmcasino 1.1. 18

F/B 2017
Regie: Carine Tardieu

Die beste Klassifikation ist wohl romantische Komödie. Im Mittelpunkt steht Erwan, der Chef einer Minenräumfirma. Die Tochter ist ungewollt schwanger. Der Vater stellt sich als Stiefvater heraus. Die Suche nach dem echten Vater beginnt. Der wiederum hat eine Tochter…
Das alles ist überdurchschnittlich kompetent geschrieben und gespielt. Auch amüsant. Aber so gar nicht mein Genre.

Mein Abschied von Facebook

Biorama bat mich, meinen Abschied von Facebook kurz zu begründen. Ein Nebeneffekt der Aktion ist natürlich, dass Links in den Notizen auf Facebook-Fotoalben nicht mehr funktionieren werden.

„Facebook ist der Völkische Beobachter des kleinen Mannes“. Der Blogger Christian Köllerer erklärt, warum er nach reiflicher Überlegung aussteigt. Ein Gastkommentar über einen Facebookabschied.

Wenn man die Zahl der Leser und die in den sechsstelligen Bereich gehenden Interaktionen als Kriterium nimmt, bin ich auf Facebook einigermaßen erfolgreich. Neudeutsch ein „Influencer“. Neun Jahre lang investierte ich viel Zeit, um mir diese Reichweite aufzubauen.
Der Wunsch, meinen Facebook-Account zu löschen, wurde im letzten Jahr von Monat zu Monat größer. Es gibt einige persönliche Gründe – Stichwort: Zeitfresser –, primär sind allerdings politische und gesellschaftliche Aspekte für meine Entscheidung ausschlaggebend.

Facebook ist inzwischen zu einem mächtigen und gefährlichen Katalysator für antidemokratische Prozesse geworden. Barbaren aller Couleur bedienen sich der Plattform als zentrales Kommunikations-Werkzeug: Facebook ist der „Völkische Beobachter“ des kleinen Mannes.

Die Flut an Hass-Postings dort ist inzwischen allgemein bekannt. Ebenso das populistische Ping-Pong-Spiel mit dem Boulevard, deren fragwürdige Meldungen von FPÖ-Politikern auf Facebook geteilt werden. So wird die virtuelle Hass-Generierung ständig von interessierter Seite befeuert.

Unterstützt wird das durch das geschickte Ausnutzen neurologischer Mechanismen, welche die Menschen süchtig machen. Jede Reaktion auf einen eigenen Facebook-Beitrag kurbelt die Dopamin-Produktion an. Gleichzeitig schottet der Algorithmus die Nutzer nach längerer Nutzung immer stärker von Meinungen ab, welche der eigenen konträr sind. Stichwort: Filter-Bubble.

Zwar habe ich persönlich kaum schlechte Erfahrungen auf Facebook gemacht, aber die millionenfache Replizierung von widerwärtigem Stammtischgeschwätz ist Gift für das gesellschaftliche Zusammenleben.

Facebook sah diesen Umtrieben lange nicht nur tatenlos zu, sondern nahm auch gerne Hetzanzeigen von russischer Seite entgegen. Einige der aus Russland einschleusten Anzeigen hatten das klare Ziel, unterschiedliche amerikanische Gruppen gegeneinander aufzuhetzen. Frei nach dem Motto: Rubel sind auch Geld. Ein Hearing im amerikanischen Kongress belegte das eindrücklich.
Die widerwärtige Möglichkeit, Anzeigen an Zielgruppen wie „Judenhasser“ zu adressieren, wurde auch erst dann eingestellt, als sie öffentlich bekannt wurde. In allen diesen Fällen stellte Facebook trotz solide gefüllter Kassen Profit über Anständigkeit. Auch an Fake- und Hass-Postings verdient Facebook bekanntlich gutes Werbegeld.
Ich kann und will kein Teil mehr davon sein.

Ad personam:
Christian Köllerer ist einer der wichtigsten Kultur-Blogger im deutschsprachigen Raum. Auch auf Twitter ist der Germanist hyperaktiv: @drphilponus.

Link: Mein Abschied von Facebook

Loving Vincent

Filmcasino 29.12. 17

GB/PL 2017
Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman |

Das Spektakuläre dieses Films ist seine Machart. Als auf Öl gemalter Animationsfilm ist er damit wohl der erste seiner Art. 125 Künstler malten dafür 65.000 Bilder. Diese sind komplett in der Ästhetik von van Goghs grandiosen Gemälden gehalten, was optisch natürlich unglaublich eindrucksvoll ist. Viele „Einstellungen“ basieren auf berühmten Bildern des Malers, was zu einer kunsthistorischen Detektivarbeit einlädt.

Weniger gelungen finde ich die Geschichte. Der Vater eines Bekannten van Goghs schickt seinen Sohn los, um einen Brief an dessen Bruder Theo zuzustellen. Es läuft dann auf eine Art Kriminalgeschichte rund um den seltsamen Tod des Malers hinaus. Man erhält dadurch zwar einige Einblicke in die Persönlichkeit des Künstlers. Mir persönlich hätte eine andere, weniger auf Spannung setzende Handlung deutlich besser gefallen.

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Wer meine literarischen Vorlieben kennt, dürfte bereits ahnen, dass mir ein Aspekt der Hauptstadt besonders gut gefällt: Die diversen geistreichen Anspielungen auf den Mann ohne Eigenschaften. Diese gibt es auf unterschiedlichen Ebenen. Von sehr feinen Anspielungen, etwa dem nachdenklich aus dem Fenster hinausblicken in entscheidenDen Momenten, bis hin zu dem strukturellen Kernelement der Handlung, welche an die Parallelaktion erinnert. Man sucht nämlich nach einem „Big Jubilee Project“, um das fünfzigjährige Jubiläum der EU Kommission zu feiern. Die nur auf den ersten Blick skurrile Idee dafür: Ausschwitz als Hauptstadt Europas auszurufen.

Wer nun vermutet, Robert Menasse hätte den Deutschen Buchpreis primär deshalb erhalten, weil er einen europäischen Hauptstadtroman schrieb, irrt allerdings: Das Buch ist literarisch sehr gelungen. Die EU Bürokratie gut recherchiert in einem Erzählwerk zu porträtieren ist schwierig. Den Betrieb in Brüssel dann schonungslos mit allen Problemen zu beschreiben und trotzdem ein überzeugendes Plädoyer für Europa vorzulegen, klingt schon wie die Quadratur des Kreises.

Sie gelingt ihm, in dem er abwechselnd die Geschichten von sehr unterschiedlichen Personen erzählt, und diese mehrschichtig intelligent miteinander verknüpft. Die griechische EU-Kulturbeamtin Fenia Xenopoulou, der Auschwitz-Überlebende David de Vriend und der mit einem seltsamen Kriminalfall vertraute Kommissar Brunfaut sind nur drei davon. Menasse gibt ihnen durch dichte Rückblenden eine interessante Biographie, welche die Geschichte Europas in unterschiedlichen Facetten spiegelt. Während sich zu Beginn die Figuren regelmäßig rhythmisch abwechseln, bekommen am Ende einige von ihnen längere Buchpassagen am Stück spendiert. Schade, dass Manesse hier das zu Beginn etablierte strukturelle Prinzip nicht durchhalten kann.

Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp)

Gelesen & Gehört & Gesehen

Joseph Roth: Radetzkymarsch

Burgtheater 18.12. 17

Regie: Johan Simons

Bezirkshauptmann, Baron Franz von Trotta und Sipolje, Sohn des Helden von Solferino; Falk Rockstroh
Trotta, Leutnant Carl Joseph von Trotta, sein Sohn; Philipp Hauß
Kaiser Franz Joseph I.; Moser, Maler, ein Freund des Bezirkshauptmanns: Johann Adam Oest
Slama Kapellmeister, Wachtmeister; Zoglauer, Major; Tattenbach, Rittmeister: Daniel Jesch
Frau Slama, Katharina Frau des Kapellmeisters, Geliebte von Carl Joseph von Trotta; Eva, Frau des Regimentsarztes; Valérie von Taußig, Freundin des Grafen Chojnicki, Geliebte von Carl Joseph von Trotta: Andrea Wenzl
Junger Slama, Infanterist: Christoph Radakovits
Jaques, Diener des Bezirkshauptmanns; Onufrij, Diener von Carl Joseph von Trotta; Skowronnek, Arzt und Schachpartner des Bezirkshauptmanns: Merlin Sandmeyer: Max Demant, Regimentsarzt; Chojnicki, Graf, ein Adliger: Steven Scharf
Wagner, Hauptmann: Martin Vischer

In längeren Abständen muss sich das Burgtheater aus mir unbekannten Gründen einen großen Fehlgriff erlauben: Dieser Radetzkymarsch ist so missglückt, dass ich nach fünfzig Minuten die Flucht aus meiner Loge ergreife. Die Schwierigkeiten, einen Roman in ein Theaterstück zu transponieren, liegen auf der Hand. Am besten funktioniert das für dialog- oder monologlastige Prosawerke (Thomas Bernhard!); am schlechtesten bei Texten, die sehr viel auf Beschreibungen und Reflexionen setzen. Ausnahmen wie die hervorragenden Tolstoi-Abende im Kasino widerlegen diese grundsätzliche Beobachtung nicht.

Erlebte Rede oder gar Erzählerkommentare in Dialoge zu verwandeln, ruiniert sowohl den Dialog als auch den narrativen Fluss. Der ästhetische Gehalt des Radetzkymarsch‘ wird auch dadurch zerstört, dass man sich auf der Bühne primär auf die Beziehungsgeschichten konzentriert. Die Regieidee, alle Beteiligten hinten auf der leeren Bühne sitzen und dann die unterschiedlichen Protagonisten spielen zu lassen, funktioniert in der Praxis gar nicht. Man meint der Theaterprobe einer Provinzbühne beizuwohnen. Selbst die von Roth so fesselnd geschilderte Handlung produziert in dieser Form nur gähnende Langweile. Ein Literaturverbrechen.

David Lynch – The Art Life

Filmcasino 16.12. 17

US/DK 2016

Regie: Jon Nguyen

David Lynch kannte ich bisher ausschließlich als Regisseur und gehe mit der Erwartung ins Kino, das Porträt eines Filmkünstlers zu sehen. Die Dokumentation zeigt jedoch primär Lynch Werdegang als bildender Künstler. Seine Skulpturen und Assemblagen sind ähnlich verstörend wie die bekannten Filme. Assoziationen zu Horror-Motiven drängen sich immer wieder auf. Wer nun vermutet, diese Vorliebe mit dem Abseitigen hinge mit Lynch Kindheit zusammen, könnte nicht falscher liegen: Er wuchs umsorgt in einer „perfekten“ Familie auf. Diese behütete und idyllische Jugend sowie seine ersten Schritte als Künstler nehmen den größten Raum ein. Der Film endet mit dem Durchbruch als Filmemacher. Ästhetisch ist The Art Life ansprechend konzipiert: Über die Laufzeit des Films arbeitet Lynch an einem neuen Kunstwerk. Man sieht also ein aktuelles Werk entstehen, während gleichzeitig sein Leben autobiographische aufgearbeitet wird.

Ibsen: Ein Volksfeind

Burgtheater 3.12. 17

Regie: Jette Steckel

Doktor Tomas Stockmann, praktischer Arzt und Badearzt: Joachim Meyerhoff
Doktor Kathrin Stockmann, Kinderärztin, seine Frau: Dorothee Hartinger
Petra, ihre Tochter, Lehramtsstudentin: Irina Sulaver
Eilif, ihr Sohn: Wenzel Englerth, Ferdinand List, Wenzel Witura
Morten, ihr Sohn: Phillip Bauer, Florian Benner, Stanislaus Hauer
Peter Stockmann, der jüngere Bruder des Doktors, Bürgermeister: Mirco Kreibich
Morten Kiil, Lederfabrikant, Kathrins Vater: Ignaz Kirchner
Erik Hovstad, Chefredakteur des Volksboten: Ole Lagerpusch
Aslaksen, Druckereibesitzer und Herausgeber des Volksboten: Peter Knaack
Billing, Redakteur des Volksboten: Matthias Mosbach
Musikerin: Friederike Bernhardt
Musiker: Martin Mader

Wenn sich ein guter Theaterabend dadurch auszeichnet, dass seine unterschiedlichen Teile ein Ganzes ergeben, ist dieser Abend völlig gescheitert. An dem hervorragenden Ensemble liegt es nicht, sondern am mangelnden Vertrauen der Regisseurin in die Intelligenz ihres Publikums. Die Aktualität des Volksfeind‘ ist so offensichtlich wie bei wenigen Klassikern, und trotzdem stellt Jette Steckel ein peinliches Tsunami-Video ans Ende. Dabei hat ihre Regieidee, sich die Protagonisten auf Schlittschuhen bewegen zu lassen durchaus Potenzial. Es gibt auch starke Szenen wie die getanzte Rede des Bürgermeisters bei seinem Besuch in der Redaktion des Volksboten.

Lady Macbeth

Filmcasino 1.12. 17

GB 2016

Regie: William Oldroyd

Eine britische Lady Macbeth lässt eine neue Shakespeare-Verfilmung erwartet. Weit gefehlt: Es handelt sich um die Verarbeitung der russischen Variante des Stoffs auf die auch Schostakowitsch in seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk [Notiz] zurückgreift. Beide basieren auf der Novelle des Nikolai Leskow.

Oldroyds Film ist in kurze Szenen gegliedert, welche die grausame Geschichte einer Leidenschaft erzählen. Die Morde der hübschen jungen Frau und ihr sexueller Appetit gewinnen schnell eine beeindruckende Eigendynamik. Über das hier gebotene Frauenbild ließe sich freilich trefflich streiten. Filmisch und schauspielerisch jedenfalls tadellos umgesetzt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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