Privatbibliothek: Neuzugänge

    Außer des Fackel-Reprints habe ich fast alle Werke von Karl Kraus als Taschenbücher. Deshalb kam mir die gebundene Werkauswahl für meine Bibliothek sehr recht. Erwähnenswert ist auch die Neuübersetzung des religionskritischen Klassikers von d’Holbach. Christopher de Hamel hat mit Meetings with Remarkable Manuscripts wohl das wichtigste bibliomane Buch des Jahres geschrieben. Angeblich gibt es niemanden, der mehr mittelalterliche Buchmanuskripte sah.

    Gratis bekommen:

  • Florian Coulmas: Die Kultur Japans. Tradition und Moderne (C.H. Beck)
  • Norbert Christian Wolf / Rosmarie Zeller: Musil-Forum 2015/2016. Band 34. Studien zur Literatur der klassischen Moderne (de Gruyter)
  • Ermäßigt erworben:

  • John Burrow: A History of Histories. Epics, Chronicles, Romances and Inquiries from Herodotus to the Twentieth Century (Alfred A. Knopf)
  • Karl Kraus: Ausgewählte Werke. 4 Bände (Lambert Schneider)
  • Regulär erworben:

  • Paul Henri Thiry d’Holbach: Der gesunde Menschenverstand. [Aufklärerische Streitschrift und grundlegendes Dokument zur Religionskritik] (Alibri)
  • Franco Moretti: Distant Reading (Verso)
  • Christopher de Hamel: Meetings with Remarkable Manuscripts (Allen Lane)
  • William Carlos Williams: Paterson. Revised Edition by Christopher MacGowan (A New Directions Book)
  • Ausgewählte Ebooks:

  • Hideo Yokoyama: Six Four (riverrun)

Love & Friendship

Filmcasino 30.12. 2016

IE/NL/F/USA/UK 2016
Regie: Whit Stillman

Zu Lebzeiten Jane Austens wurde Lady Susan nie publiziert. Erst 1871 konnte man den Kurzroman als Buch lesen. Der Stoff ist jetzt der Anlass zu dieser charmanten Filmkomödie. Charmant vor allem, wegen des hübschen britischen Upper Class Akzents, der dem Barock entnommenen Filmmusik sowie den fast durch die Bank schrägen Protagonisten. Amüsant ist auch die intrigante Handlung, aber ansonsten ist der Streifen nicht weiter bemerkenswert.

Nocturnal Animals

Filmcasino 23.12. 2016

USA 2016
Regie: Tom Ford

Ein auf mehreren Ebenen sehr intensiver Film. Die Handlung teilt sich in zwei Hauptstränge. Susan Morrow ist als erfolgreiche Galeristin eine Upperclass-Lady aus Los Angeles und wird auf eine originelle Art und Weise mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: Ihr Ex-Ehemann schickt ihr nämlich das Manuskript zu seinem neuen Roman: Nocturnal Animals. Die brutale Geschichte des Buches über die Entführung einer Familie in Texas bekommen wir ausführlich zu sehen, wenn Susan das Buch liest. Gleichzeitig sehen wir in Rückblenden den Beginn und das Scheitern ihrer Beziehung mit dem Autor. Obwohl der Roman nicht direkt davon handelt, ist er doch eine implizite Auseinandersetzung mit Susan. Das ist narrativ sehr subtil gemacht und erinnert tatsächlich an literarische Stilmittel.

Zusätzlich ist Nocturnal Animals fesselnd wie ein Thriller und hat eine sehr hohe emotionale Intensität. Dass er dabei die wichtige philosophische Frage „Wie soll ich leben?“ nicht aus den Augen verliert, ist angesichts der semantischen Dichte erstaunlich, und spricht für die strukturelle Brillanz des Tom Ford. Für mich einer der besten Filme des Jahres 2016.

Trump und Hitler

Viele lehnen Hitler-Vergleiche reflexartig ab, wofür es angesichts des inflationären polemischen Gebrauchs derselben gute Gründe gibt. Eine der besten Texte über den Aufstieg Trumps zeigt aber, wie wichtig und erhellend diese historischen Parallelen sind. Geschrieben vom Philosophen Adam Knowles wünsche ich ihm so viele Leser wie möglich: Philosophy in the Contemporary World: The Moral Imperative to Assume the Worst—Philosophy’s Response to Donald Trump.

Ein kurzer Auszug:

We must accept that we live in dire times of which nothing good will come. There will be no moral victories for liberals who hope to come out of the other side with a clean conscience. There will be an increase in hate crimes. There will also be tactics of gradual escalation in order to secure complicity from those not subject to such violence. We should not try to speculate what Trump’s true aims might be, but instead calculate what they could be based on the most extreme scenario. We must resist any outward claims of moderation and out them as a classic strategy of totalitarian regimes. The so-called ‘good’ white people (especially men) of America, those for whom normalization is a possibility, must also resist allowing Trump to be normalized in our names and on our behalf. Yet we must also ensure that our resistance is not parasitic on the aesthetic spectacle of the Trump phenomenon.

Ludwig II. – nach dem Film von Visconti

Akademietheater 22.12. 2016

Regie: Bastian Kraft

Ludwig: Markus Meyer

Elisabeth: Regina Fritsch

Wagner: Johann Adam Oest

Selten habe ich bisher einen so grandiosen Einsatz von Videotechnik auf einer Theaterbühne gesehen. Bastian Kraft bricht den Einsatz von Videobildern auf mehreren Ebenen, unter anderem durch die Montage eines schrägen riesigen Spiegels, der drehbar über der gesamten Bühne hängt. Der Rhythmus, die Choreographie und das Zusammenspiel mit den hervorragenden Schauspielern ist von einer makellosen Präzision. Man sitzt im Zuschauerraum und bestaunt diese theatralische Handwerkskunst. Gleichzeitig quält mich die Frage: Warum?

Warum soll ich mir die Theaterfassung eines Filmklassikers ansehen, der Elemente des Films stark gekürzt via Video reproduziert? Als Vorbereitung sah ich mir Viscontis Film in Wagnerlänge nach vielen Jahren wieder einmal an. Dessen kompromisslose Ästhetik hat ebenso ihre Verdienste, wie die implizite und explizite Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Politik & Kunst. Als Anlass für eine furiose Videoinszenierung hätte es jede Menge interessanterer Stoffe gegeben. Kraft baut zaghaft eine weitere Ebene in seine Inszenierung ein, indem er in den Videos ab und zu das Drehen des Films selbst thematisiert, was für mich keinen Mehrwert hat und gewollt gekünstelt wirkt.

Wem eine furiose Videoinszenierung für einen Theaterbesuch ausreicht, wird einen tollen Abend haben.

Gelesen & Gehört & Gesehen

Demokratie und Digitalisierung

Meiner Einschätzung nach besteht die größte Gefahr für das Überleben der Demokratie im Missbrauch der neuen digitalen Möglichkeiten. Nicht nur dort, wo es offensichtlich ist, wie bei der Massenüberwachung. Viel heikler ist das stille Gewöhnen an das Verschwinden des Privaten und die totalitären Sozialtechniken, welche Big-Data-Analysen inzwischen erlauben. Fakt ist, dass bereits jetzt diese Technologien zentrale westliche Verfassungsgrundsätze ungestraft aushöhlen, weil die Geschwindigkeit dieser Änderungen die Politik maßlos überfordert und auch die Juristen mit dringend notwendigen neuen Normen nicht mehr nachkommen.

Zwei Artikel fassen diese erschreckenden Entwicklungen exzellent zusammen. Als erstes möchte ich auf Sue Halperns They Have, Right Now, Another You hinweisen, der in der New York Review of Books zu lesen ist und auch auf wichtige neue Bücher zum Thema hinweist.
Einen Blick in die Abgründe des totalitären Digitalen erlauben ebenfalls die offiziellen Pläne Chinas, alle Bürger mit Hilfe eines Punktesystems zu bewerten. The Economist fasst diese bald reale dystopische Black-Mirror-Folge in seiner aktuellen Ausgabe zusammen: China invents the digital totalitarian state.

Kaum öffne ich die Augen

Filmcasino 17.12. 2016

F/TN/BE 2015

Regie: Leyla Bouzid

Tunis im Jahr 2010. Der sogenannte arabische Frühling ist nicht mehr fern. Die junge Farah steht kurz vor ihrem Studium und singt regierungskritische Lieder in einer Rock-Band in Tunis. Keine gute Idee in einem diktatorischen Staat, der sich so eine Provokation natürlich nicht lange gefallen lässt. Westlichen Zusehern wird hier ein arabisches Land abseits der üblichen Klischees gezeigt. Farah ist moderner und selbständiger als so manche junge Frau mit Migrationshintergrund im Westen. Den Film auf die politische Kritik zu reduzieren, wäre allerdings unfair. Er ist ästhetisch durchaus anspruchsvoll und setzt unterschiedliche Techniken ein, etwa sehr gelungen die Handkamera bei urbanen Massenszenen. Schauspielerisch ist ebenfalls nichts auszusetzen.

Schade, dass solche Filme nur wenige sehen. Das Kino war vergleichsweise leer.

Georgia O’Keeffe

Kunstforum Wien 11.12. 16

Ich nutze die Gelegenheit dieser Retrospektive, um mich erstmals etwas ausführlicher mit Georgia O’Keeffe zu beschäftigen. Bisher war ihr Werk in Europa noch nicht oft zu sehen, weshalb dieses Ausstellungsprojekt sehr zu begrüßen ist. Vor Wien war die Schau in der Tate Modern in London zu sehen und zog dort 340.000 Besucher an. Ihre Arbeiten sind im wörtlichen Sinne regional, also durch ihre unterschiedlichen Wohnorte geprägt. Zu Beginn etwa durch ihr Leben in Texas. Danach durch ihren Aufenthalt in New York und in der Sommerfrische am Lake George. Später verbrachte sie viel Zeit in New Mexico, dessen Landschaft sie faszinierte und inspirierte.

Als eine der ersten Frauen, die sich in den USA als Avantgarde-Künstlerin etablieren konnte, erregt sie Zeit ihres Lebens immer wieder großes Aufsehen. Ihre Beziehung und spätere Heirat mit dem Galeristen Alfred Stieglitz, gleichzeitig einer der wichtigsten Fotografen seiner Zeit, war kreativ für beide Beteiligte sehr fruchtbar. Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über alle Phasen ihres Schaffens, von den frühen Zeichnungen bis zur späteren Landschaftsmalerei. Mich persönlich sprechen ihre berühmten Blumenbilder am wenigsten an, wohingegen mich ihre abstrakten Werke durchaus faszinieren. Wie alle großen Kreativen entwickelt sie einen unverkennbaren ästhetischen Personalstil über alle ihre Genres hinweg.

Alles in allem eine sehr solide und kompetent kuratierte Ausstellung. Zu sehen ist auch ein instruktiver Dokumentarfilm mit der etwa 90-jährigen Künstlerin. (Bis 26.3.)

Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer: During the Night

Kunsthistorisches Museum 8.12. 2016

Zwei Mal bin ich in den letzten Monaten kurz durch den Raum gegangen und konnte wenig mit der Ausstellung anfangen. Der Grund ist einfach: Man muss sich intensiv mit de Waals Konzept auseinandersetzen, um die von ihm kuratierte Schau zu verstehen. Ohne Audioguide (englische Version, wenn möglich!) oder Führung wird man nämlich nur eine willkürliche Zusammenstellung von Kunstwerken aus dem KHM wahrnehmen.

Ausgehend von einem Albtraum Dürers gestaltet de Waal diverse Vitrinen, welche um das semantische Feld der Nacht kreisen, das der Künstler freilich assoziativ in unterschiedliche Richtungen erweitert. Das Dunkle, Geheimnisvolle, Angsterregende sind Themen. Den Reiz der Ausstellung macht nicht nur dieser intellektuelle Gesamtzusammenhang aus, sondern auch die höchst unterschiedlichen Werke, die sich de Waal herauspickte. Für jedes Werk gibt es von ihm dazu eine eigene kleine Geschichte. Fasziniert ist er nicht zuletzt von unterschiedlichen Materialien und ihrer Bearbeitung.

Ein wohltuend „anderes“ Ausstellungskonzept. (Bis 29.1.)

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets

Aktivste Kommentatoren