18. Jhd. (Klassiker)

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Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller

Giesbert Damaschke hat endlich sein vor längerer Zeit angekündigtes Langzeitprojekt gestartet und stellt zum jeweils passenden Datum die Briefe von Schiller und Goethe online. Tolles Projekt, Gratulation.

Neue Biographie über Johann Friedrich Cotta

Peter Kaeding schrieb eine neue Lebensbeschreibung über Goethes Verleger, der auch über diese Funktion hinaus eine wichtige literaturpolitische Rolle spielte. Die ersten Rezensenten sind enttäuscht.

Adam Smith

Sollte es jemand noch nicht gesehen haben: Smith‘ wichtigen Klassiker Wealth of Nations gibt es bei Zweitausendeins für 8 Euro. Details.

Literaturgeschichtliches Fundstück

Gleich nach [Lessings] Ankunft mietete er Zimmer in der Heiligen-Geist-Straße […]. Das Haus gehörte einer älteren unverheirateten Dame, die ihn so ins Herz schloß, daß sie ihn in ihrem Testament bedachte; Lessing hatte jedoch keine Lust, sich von den zuvor eingesetzten Erben in einen Prozeß verwickeln zu lassen, und zog sich gutmütig aus der Affäre mit der Erklärung, daß er keine Erbschaften unter 100.000 Talern annehme.
Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. S. 329

“Österreichische Literatur 1945 – 1998?

Über die neue Studie Klaus Zeyringers [1999]

In den letzten Jahren sind eine Reihe von Publikationen erschienen, die der Frage nachgehen, wie eine österreichische Literaturgeschichte auszusehen habe. Doch der Theorie folgte wenig Praxis, weshalb die umfangreiche Studie Klaus Zeyringers, Österreichische Literatur 1945 – 1998. Überblicke, Einschnitte, Wegmarken eine wichtige Lücke füllt. Zwar gibt es seit 1995 mit Wendelin Schmidt-Denglers Bruchlinien. Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990 einen Band, der einen ähnlichen Zeitraum abdeckt. Diese Vorlesungen sind zwar oft instruktiv, können aber eine Literaturgeschichte nicht ersetzen. Außerdem legt Zeyringer den Schwerpunkt auf die Literatur der neunziger Jahre, die bei Schmidt-Dengler nicht mehr berücksichtigt wird.

Damit ist bereits ein wichtiger Aspekt der neuen Publikation angesprochen, nämlich der Versuch, Literaturgeschichte bis in die unmittelbare Gegenwart fortzuschreiben. Obwohl sich die Germanistik inzwischen seit drei Jahrzehnten verstärkt mit der Gegenwartsliteratur auseinander setzt, ist gerade für die Literaturgeschichtsschreibung Gegenwartsbezug immer noch keine Selbstverständlichkeit. Das Buch ist in fünf größere Abschnitte gegliedert, deren erster die theoretische und methodische Rechtfertigung des Projektes liefert. Literaturgeschichte ist für Zeyringer nur als ein prinzipiell revisionsbedürftiges Projekt wissenschaftlich haltbar. An mehreren Stellen plädiert er dafür, den überlieferten Kanon kritisch zu reflektieren, obwohl er selbst naturgemäß nicht um die kanonisierten Autorinnen und Autoren der Nachkriegsliteratur herumkommt. Überzeugend sind seine Argumente, warum eine spezifisch österreichische Literaturgeschichtsschreibung nötig ist, indem er die unterschiedlichen Kontexte der österreichischen und deutschen Literatur herausstellt, die für ein genaues literarhistorisches Verständnis notwendigerweise berücksichtigt werden müßten. Ignoriert man diese Kontextbezogenheit von Literatur, führt das nicht selten zu absurden Ergebnissen, was Zeyringer anhand vieler Beispiele belegen kann. Das „Österreichische“ seiner Literaturgeschichte ist also ausschließlich technischer Natur: Es geht ihm um die Verknüpfung literaturwissenschaftlicher, kultur- und sozialgeschichtlicher Arbeitsweisen, die es ermöglichten, Literatur in der Wechselbeziehung zu der gesellschaftlichen Realität in einem staatlichen und in einem historisch-regionalen Kommunikations-Zusammenhang darzustellen. Den sogenannten „österreichischen Mythos“ will er demnach nicht weiterschreiben, sondern kritisch analysieren.

Der zweite Abschnitt bietet eine umfassenden Überblicksdarstellung über den gesamten Zeitraum und wäre allein schon den Kauf des Buches wert. Zeyringer gelingt es auf gut 150 Seiten nicht nur die wichtigsten Linien der österreichischen Literatur aus der Fülle des Materials überzeugend herauszuarbeiten, sondern darüber hinaus auch, eine umfassende Geschichte des Literaturbetriebs zu verfassen. Erstmals hat damit eine größere Leserschaft die Möglichkeit, sich unter anderem über Buchmarkt und Verlagswesen, die ästhetischen Frontstellungen der Autorenverbände (P.E.N., Grazer Autorenversammlung) sowie über die Entwicklung der „Literaturpolitik“ zu informieren. Im nächsten Abschnitt, Überblicke, nähert sich der Autor seinem Gegenstand paradigmatisch aus verschiedenen Perspektiven. Am Beispiel Handkes, Brandstetters und Artmanns wird so die Auseinanderseetzung mit und gegen starre Sprachformeln thematisiert. Ein Kapitel beschäftigt sich mit dem überraschend häufigen Eis-Schnee-Motiv in der Prosa der späten siebziger Jahre, ein anderes mit dem symbolbefrachteten Motiv der Natur, man denke nur an die Romane Thomas Bernhards. Betrachtungen über die Lyrik Peter Turrinis und über die kritischen Dialektgedichte von Christine Nöstlinger, Annemarie Regensburger und Anna Nöst schließen diesen Teil der Studie.

Drei große Kapitel, in denen neuere Entwicklung jeweils gattungsbezogen beschrieben werden – Lyrik, Dramatik, Prosa -, stehen im Mittelpunkt des nächste Abschnitts, während der das Buch abschließende Teil einige speziellere Fragestellungen aufgreift, wie die intertextuelle Bernhard-Rezeption oder das Frankreich-Bild in der österreichischen Literatur. Dieser kurze Überblick sollte deutlich machen, daß es sich bei Zeyringers Studie, mit Ausnahme des zweiten Abschnitts, um keine tradtionelle Art der Literaturgeschichtsschreibung handelt, sondern daß er versucht, sich seinem Gegenstand paradigmatisch aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. Trotzdem gelingt es ihm, wesentliche Teile der österreichischen Nachkriegsliteratur abzudecken, und es wäre nicht nur deshalb wenig sinnvoll, nach vermißten Literaten Ausschau zu halten. Interessanter ist meiner Meinung nach, Zeyringers literaturwissenschaftliche Konzeption und seine theoretischen Ansprüche an deren praktischer Umsetzung zu überprüfen.

Bei der Lektüre des Buches stößt man nämlich regelmäßig auf höchst polemische Passagen, die eher einem fulminanten literaturkritischen Verriß als einer literaturwissenschaftlichen Darstellung gleichen. So kann Josef Haslingers „Kolportage-Roman ‚Opernball‘“ als „Primus in der Taferlklasse der Ästhetik gelten“, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Mir geht es hier wohlgemerkt nicht darum, ob diese Urteile zutreffend sind – die meisten sind es -, sondern inwiefern diese oft pamphletartig anmutenden Stellen literaturwissenschaftlich gerechtfertigt werden können, zumal sich Zeyringer explizit eine solche Vorgehensweise konzediert: Eine Überprüfung des Kunstanspruchs „müßte doch die Literaturwissenschaft besser leisten können als die schnelle Tageskritik“ (S. 485). Wobei noch anzumerken wäre, daß er sich trotzdem sehr oft, teils zustimmend, teils ablehnend, auf Rezensionen bezieht.

In seinen theoretischen Überlegungen nimmt Zeyringer zu einigen Aspekten des literarischen Wertens Stellung. So kritisiert er berechtigterweise an dem Germanisten Wolfgang Kayser, daß dessen literarischer Maßstab nach 1945 zum Prügel geworden sei und das Benno von Wiese seine Wertmaßstäbe nicht offen legte. Zeyringer bezieht hier eine stark subjektivistische Position, wenn er schreibt ,der „Literaturbegriff sei Konvention“ (S. 23), sowie, daß man ein ästhetisch begründetes System aus diversen Werken herauslesen könne, wenn man nur einigermaßen geschickt sei. Literaturwissenschaftlich lassen sich für diese Position plausible Argumente finden. S.J. Schmidt hat etwa in Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert (1989) die Entstehung der ästhetischen Konventionen detailliert beschrieben. Aber wenn literarische Wertung völlig subjektiv ist, woher nimmt Zeyringer dann die Rechtfertigung für seine oft sehr unerbittlichen Urteile, die ebenfalls an einen Prügel denken lassen?

In der Frage der ästhetischen Wertung kann man zwei Extrempositionen einnehmen. Die eine legt (fast) alle ästhetischen Werte in das Objekt der Kunstbetrachtung, der kompetente Betrachter (Leser) braucht sie dort nur noch aufzufinden. Die andere legt den ästhetischen Gehalt völlig in das Bewußtsein des Wahrnehmenden. Seine Einstellung sei es, welche die ästhetischen Eigenschaften des Objekts hervorbringe. Im ersten Fall sind die ästhetischen Werte also objektiv im Kunstwerk verankert, im zweiten „ereignet“ sich das Kunstwerk im Kopf des Rezipienten. Da für Zeyringer der Literaturbegriff konventioneller Natur ist, vertritt er offenbar letztere Auffassung.

Ergänzt wird diese ästhetische Haltung durch seine Forderung nach einem erweiterten Literaturbegriff, also die Berücksichtigung beispielsweise von Trivialliteratur. Das ist einerseits eine Selbstverständlichkeit für eine Literaturgeschichtsschreibung, die sich auch als Sozialgeschichte versteht. Andererseits führt das im konkreten Fall zu Spannungen mit Zeyringers sonstigen Wertmaßstäben. Denn er läßt im allgemeinen keinen Zweifel daran, daß er der literarischen Moderne und Avantgarde sehr positiv gegenübersteht: „Wenn Literatur nicht glatte Fassaden vortäuschen soll, sondern die Risse und Brüche aktueller Realitäten, Bilder, Identitäten, Bewußtseinszustände künstlerisch fruchtbar machen will, dann muß sie entsprechende Techniken, Konzeptionen, Sprachprogramme entwerfen, die eben die Möglichkeiten geben, in Tiefen der Wirklichkeiten, der Wahrnehmung, des Bewußtseins zu dringen und die mitzuteilen.“ (S. 206) Diese Feststellung ist sehr treffend und verdient es, so ausführlich zitiert zu werden. Allerdings stellt man sich die Frage, wie sie beispielsweise mit dem Versuch Walter Gronds zu vereinbaren ist, der mit wenig plausiblen Argumenten versucht, Simmel als Vorreiter der Postmoderne zu salonfähig zu machen, was von Zeyringer ausführlich und kritiklos referiert wird (S. 147). Andererseits wird Christian Ransmayrs Roman Morbus Kitahara als „Erinnerungs-Kitsch“ heftig kritisiert oder Robert Menasses Schubumkehr vorgeworfen, daß dessen Geschichte nur Kulisse bleibe. Beide Romane sind literarisch wesentlich anspruchsvoller als die Simmels, so daß es inkonsistent ist, die „Rehabilitierung“ von dessen Büchern zu fordern und gleichzeitig wesentlich gelungenere Werke ästhetisch zu verdammen.

Es ist schade, daß Zeyringer seine Fülle kluger literaturtheoretischer Bemerkungen, wie die eben zitierte, durch die beschriebene subjektivistische Ästhetikauffassung selbst als konventionell entkräftet. Vernünftiger wäre es meiner Ansicht nach, einen Mittelweg zu finden, dahingehend, daß man zwar die Rolle des Rezipienten bei der Kunstbetrachtung entsprechend würdigt, ohne deshalb jedoch dem Objekt der Anschauung vor vornherein alle ästhetischen Eigenschaften abzusprechen. Die Annahme gewisser ästhetischer Strukturen im Objekt führt nicht zwangsläufig zu einer starren ästhetischen Werthaltung, schlösse aber eine wenig erstrebenswerte Beliebigkeit des Wertens aus. Eine solche gemäßigte Theorie wäre eine wesentlich solidere Basis für die zahlreichen apodiktischen Wertungen Zeyringers gewesen.

Auch wenn von einem wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus Zeyringers massive Wertungen und der angeschlagene Ton („Im Literarischen Quartett grinsen die Werbekönige von ihren Trumpfkarten…“ (216)) nur schwer zu rechtfertigen sein dürften, so sind seine literarischen Urteile doch von einer treffenden Klarsichtigkeit. Der interessierte Leser braucht sich also von den vorgetragenen literaturwissenschaftlichen Einwänden nicht irritieren zu lassen. Zeyringers Buch über die österreichische Nachkriegsliteratur ist derzeit konkurrenzlos und wird es vermutlich auch noch einige Zeit bleiben. Eine Pflichtlektüre für alle, die sich für österreichische Literatur interessieren.

Klaus Zeyringer: Österreichische Literatur 1945-1998. Überblicke, Einschnitte, Wegmarken. 640 Seiten. Innsbruck: Haymon 1999

[Literatur und Kritik Nr. 337/338, September 1999; © Christian Köllerer]

“Lessing in Hamburg 1766-1770?

So heißt das schmale neue Buch Jan Philipp Reemtsmas, das durchaus interessant sein könnte, den ersten Rezensionen nach.

Jakob Philipp Hackert (1737-1807)

Hamburger Kunsthalle 8.2.

Hackert verdankt die anhaltende Beschäftigung der Nachwelt mit sich vor allem einer Tatsache: Er war ein Freund Goethes. Goethe war es auch, der nach Hackerts Ableben eine auf autobiographischen Quellen basierende Biographie herausgab. So überrascht es nicht, dass es vor allem die Goethe-Forschung war, die sich in der Vergangenheit um den Maler bemühte.

Die Hamburger Kunsthalle hat nun gemeinsam mit der Klassik Stiftung Weimar die erste Retrospektive organisiert, wobei sich diese auf die Landschaftsmalerei beschränkt: Europas Landschaftsmaler der Goethezeit.

Zu Lebzeiten war Hackert nämlich einer der berühmtesten Künstler Europas. Aus heutiger Sicht hat das nicht unbedingt mit der Qualität seiner Bilder zu tun, sondern mit einer beachtlichen Geschicklichkeit in Sachen zielgruppenspezifisches Marketing.

Hackert verbrachte fast sein gesamtes Leben in Italien und spezialisierte sich früh auf stilisiert-realistische Landschaftsbilder, welche mit Vorliebe von Adligen gekauft wurden, die sich während ihrer „grand tour“ in Italien aufhielten. Zu seiner besten Zeit mussten die Auftraggeber bis zu sieben Jahre auf ihre Bilder warten. Hackert traf den Zeitgeschmack der Kunstsammler und schreckte auch vor ziemlich platter Epigonalität nicht zurück, etwa wenn er Claude Lorrain imitierte. Er könnte Höchstpreise für seine Werke verlangen und war einer der wohlhabendsten Künstler seiner Zeit.

Goethes Vorliebe für ihn bestätigt einmal mehr, dass sich der Kunstsinn des Weimarers nicht immer auf geschmacklich einwandfreien Bahnen bewegte. Sein Enthusiasmus für den drittklassigen Johann Heinrich Meyer, derselbe, der im Briefwechsel mit Schiller ständig gegrüßt wird, wäre ein weiterer Beleg dafür.

Die aktuelle Ausstellung ist plausibel kuratiert und gibt einen umfassenden Überblick über die Vielfalt von Hackerts Landschaftsmalerei. Die Anordnung der Gemälde ist gemischt chronologisch und thematisch. Schlendert man an den durchaus geschmackvoll in Szene gesetzen italienischen Landschaften vorbei, an den Villen, Küsten und Tempeln, kann man die Faszination der Zeitgenossen durchaus nachvollziehen. Es sind ebenfalls durchaus fragwürdige Beispiele seines Schaffens zu sehen, deren Epigonalität oder Künstlichkeit negativ ins Auge stechen. Dass die Kuratoren auch solche Bilder zeigen, ermöglicht dem Besucher, sich ein objektives Bild über Hackerts Leistungen zu erarbeiten.

Kurz der heutige Besuch dieser sehr erhellenden Ausstellung stimmte mich wieder etwas versöhnlicher, was die Hamburger „Kunstszene“ angeht.

Schiller: Don Carlos

Burgtheater 19.1.

Regie: Andrea Breth

Philipp II., König von Spanien: Sven-Eric Bechtolf
Elisabeth von Valois, seine Gemahlin: Johanna Wokalek
Don Carlos, der Kronprinz: Philipp Hauß
Prinzessin von Eboli, Dame der Königin: Christiane von Poelnitz
Marquis von Posa: Denis Petkovic
Herzog von Alba: Nicholas Ofczarek
Domingo, Beichtvater des Königs: Cornelius Obonya

Der Großinquisitor: Elisabeth Orth

Großartiges Theater war in Wien die letzten Jahre nur selten zu sehen. Es dominierte das Mittelmaß und es gab einige erstaunlich schlechte Inszensierungen. Zwei Ausnahmen allerdings gab es: Die Stücke, welche Andrea Breth und Martin Kusej auf die Bühne brachten.

Dieser „Don Carlos“ gehört zweifellos zum Besten, was die Wiener Theaterwelt in den letzten fünf Jahren zu bieten hatte. Desto erfreulicher die Wiederaufnahme und desto unverständlicher, warum Bachler diese Aufführung aus dem Spielplan nahm. Zum Ende seiner Amtszeit gönnt er den Wiener Theaterfreunden noch einige wenige Gelegenheiten, sich die Inszenierung noch einmal anzusehen.

Sieht man Breths Theaterarbeit zum zweiten Mal, fallen einem verstärkt auch die subtileren Regie-Ideen auf. Bekanntlich bedient sich Breth meist eines modernen Bühnenbilds, kombiniert dies aber mit einer heute ungewöhnlichen Texttreue zum Stück und, auch nicht mehr selbstverständlich, mit großem Textverständnis.

Der spanische Hof ist in einem tristen modernen Büroambiente angesiedelt, was ausgezeichnet zum spanischen Hofprotokoll passt. Die geschickt eingesetzte Drehbühne erlaubt immer neue Arrangements und die Übergänge zwischen den Szenen sind immer wieder mit fulminanten Bildideen umgesetzt.

Die Psychologie der Figuren ist differenziert und scharf ausgeleuchtet, so wird der Idealismus Marquis de Posa mit einer subtilen Ironie unterlegt, ohne jedoch seinen Idealismus ins Lächerliche zu ziehen. Besonders beeindruckend ist Sven-Eric Bechtholf als Philipp II, seine Leistung dürfte für viele Jahre Referenzcharakter haben. Philipp Hauß gibt Don Carlos als vergleichsweise zappeligen Jüngeling.

Diese Inszenierung sollte kein Theaterfreund in Wien versäumen, es gibt noch wenige weitere Termine im Februar. Könnte gut sein, dass ich sie mir zum dritten Mal ansehe.

Goethe: Briefwechsel mit Schiller 1798-1805 [2.]

Münchner Ausgabe Band 8

Im Sommer las ich die erste Hälfte des Briefwechsels zum zweiten Mal, inzwischen auch den Rest. Alles im August Geschriebene gilt natürlich auch für diese Jahre der Korrespondenz. Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller ist am Höhepunkt und die Vielfalt der Themen zu denen sich die beiden austauschen, zeigt das deutlich.

Die Polemik bleibt erfrischend:

Boutterwecks [hübscher Name, nebenbei bemerkt; CK] ästhetischer Kramladen ist wirklich merkwürdig. Nie hab ich den flachen belletristischen Schwätzer mit dem konfusen Kopf so gepaart gesehen, und eine so unverschämte Anmaßung auf Wissenschaft bei einem so erbärmlich rhapsodischen Hausrat.
[Schiller an Goethe am 12.1.1798]

Ab und an wütet Schiller auch amüsant gegen die Idealisten („Die Schrift hat mich angeekelt“), was auch aus heutiger Sicht philosophisch durchaus nachvollziehbar ist. Was die Werke der beiden angeht, so drängt Schiller seinen Freund immer wieder, den Faust nicht liegen zu lassen. Bei ihm dagegen steht der Wallenstein im Mittelpunkt, dessen Entstehung in den Briefen ausführlich kommentiert wird.
Schiller zieht Ende 1799 nach Weimar, was der Korrespondenz natürlich schadet. Statt ausführlicher Abhandlungen gibt es nun sehr häufig nur noch ein paar organisatorische Zeilen, die zwischen den Häusern hin und her gehen. Allerdings ist Goethe oft aus Weimar abwesend, was dann wieder zu langen Briefen führt.

Ich kann es nicht oft genug sagen: Ein fulminantes Buch.

Goethe: Münchner Ausgabe

Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe

Vor kurzem sah ich, dass es meine Lieblingsausgabe von Goethe seit einiger Zeit bereits als vergleichsweise günstige Sonderausgabe gibt. Die Stärke dieser Ausgabe liegt in der chronologischen Anordnung der Werke, so dass man auf einen Blick sehen kann, was Goethe etwa zur Zeit der Französischen Revolution geschrieben hat. Hinzukommt ein exzellenter, jargonfreier Kommentar. Die sehr schönen Bände der gebundenen Ausgabe gibt es auch einzeln zu kaufen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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