18. Jhd. (Klassiker)

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Hugh Barr Nisbet

Lessing. Eine Biographie (C.H. Beck)

Über ein halbes Jahr hatte ich dieses monströse Buch „in Arbeit“, ist es doch eine der umfangreichsten Klassiker-Biographien, die seit längerer Zeit erschienen sind. Hugh Barr Nisbet, Literaturwissenschaftler aus Cambridge, hatte wohl den Ehrgeiz die Lessing-Biographie unserer Zeit zu schreiben: mehr als 1000 Seiten ist das schwergewichtige Ergebnis.

Ich schließe mich der überwiegenden Mehrzahl der Rezensenten an und bin von Nisbets Buch beeindruckt. Ein Werk von klassischer Gelehrsamkeit, das zwei naheliegende Fehler des Genres vermeidet: Jargon und Hermetik. Zwar ist Nisbet kein außergewöhnlicher Stilist, legt aber einen ausgezeichnet lesbaren Text vor. Seine Lebensbeschreibung ist auf dem Stand der aktuellen Forschung. Er vermeidet das psychologische Wühlen in Lessings Unterwäsche und schafft eine vorbildliche Gradwanderung zwischen Kritik gegenüber seinem Gegenstand und Verteidigung gegen dessen Gegner, wo diese wirklich angebracht ist.

Seine Werkbeschreibungen referieren die wichtigsten Thesen der Forschungen, die dann entweder gestützt oder mit guten, text- und kontextnahen Argumenten hinterfragt werden. Ausgangspunkt jeder Werksbeschreibung ist eine ausführliche Entstehungsgeschichte des jeweiligen Textes. Nisbet hebt Lessing auf kein Podest, weist im Gegenteil immer wieder nach, wie wenig „originell“ viele von Lessings Theorien waren, und das ein wesentlicher Teil seiner Leistung in der Synthese diverser Quellen, in der Schaffung von überraschenden intellektuellen Bezügen und natürlich in seiner brillanten Sprachbeherrschung bestand.

Ausführlich wird Lessings Umfeld beschrieben, sei es der historische, sei es der geistesgeschichtliche Kontext. Auch die Biographien von Freunden und Zeitgenossen vernachlässigt Nisbet nicht. Arbeitet man sich durch diesen Buchziegel, bekommt man en passant eine Einführung in diverse Aspekte des 18. Jahrhunderts mitgeliefert (Literatur- und Theatergeschichte, Aufklärung etc.).

Abschließend noch eine hübsche Anekdote über Lessing den Briefeschreiber:

Als Büsch ihn einmal am Neujahrstag aufsuchte, war Lessing gerade damit beschäftigt, einen großen Haufen Briefe durchzusehen, von denen er einen oder zwei aufhob, bei weitem die meisten anderen aber auf den Fußboden warf. Was er da tue, fragte ihn Büsch, „ich beantworte meine Briefe vom vorigen Jahre“, sagte Lessing, raffte sie zusammen und warf sie in den Ofen. [S. 493]

Goethe: Faust – Der Tragödie zweiter Teil

Burgtheater 5.9.

Regie: Matthias Hartmann
Caroline Peters
Yohanna Schwertfeger
Simon Kirsch
Peter Knaack
Dietmar König
Joachim Meyerhoff
Tilo Nest
Stefan Wieland

Aus Gründen, die wohl tief in den Eingeweiden der Abonnementabteilung vergraben sein dürften, bekamen wir „Nach der Premiere“-Zykleninhaber zuerst den zweiten Teil von Goethes Tragödie zu sehen. Das Programmheft stimmte mich zuerst skeptisch, wenig Texte und diese dann von den üblichen Verdächtigen (Sloterdijk, Freud, Futurismus-Manifest…), ebenso stellte ich mir die Frage, wie Hartmann dieses Textmonstrum in nur zwei Stunden auf die Bühne bringen wollte.

Diese bestand aus mehreren transparenten Flächen, auf die man die Videos projezierte, die überwiegend live auf der Bühne gedreht wurden (Gesichter der Protagonisten, originelle Modellnachbauten etc.). Acht Schauspieler ergänzt durch Musiker und die Kameraleute reichten Hartmann, um sein improvisiert wirkendes Multimedia-Spektakel abzuwickeln. Wobei „improvisiert“ hier nicht negativ gemeint ist, sondern auf die entsprechende Bühnenästhetik verweist. Der Text ist natürlich ordentlich abgespeckt und wird maßvoll durch aktuelle Einschübe unterbrochen, wozu sich das Stück geradezu anbietet (Papiergeld und Inflation, Biologische Laboratorien etc.).

Mir gefiel vor allem Hartmanns Mut, das Stück in dieser Form anzugehen. Man probiert aus, was auf der Bühne geht, und siehe da, es funktioniert. Dazu trägt nicht zuletzt die exzellente schauspielerische Leistung bei, wobei jede(r) mehrere Rollen spielt. Die Inszenierung wird zwar nicht ins Pantheon der Faust-Inszenierungen aufgenommen werden, garantiert aber einen intelligenten und kurzweiligen Theaterabend.

Biographisches Wünsch-Dir-Was im Standard

Marius Fränzel weist sehr richtig darauf hin, dass im Standard Unsinn zu lesen ist. Goethe war selbstverständlich nie in Wien und als Kulturjournalist sollte man das wenigstens recherchieren, bevor man so eine Schlagzeile schreibt, wenn man schon keine Ahnung von Goethes Biographie hat.

Goethe & Schiller

Es muss an dieser Stelle natürlich auf Rüdiger Safranskis neues Buch hingewiesen werden, dass die Freundschaft zwischen den beiden Klassikern zum Thema hat. Rezension ist mir bisher noch keine begegnet.

Moses Mendelssohn

Sehr erfreulich, dass die Wissenschaftliche Buchgesellschaft eine zweibändige Auswahlausgabe der Schriften Mendelssohns publiziert. Die Bedeutung seiner Schriften für die deutsche Aufklärung und Klassik brauche ich an dieser Stelle ja nicht zu betonen.

Goethes frühe Jahre

Glaubt man den ersten Rezensionen wäre Manfred Zittels neues Buch die Lektüre wert: Erste Lieb‘ und Freundschaft. Goethes Leipziger Jahre.

Goethes Finanzen

Mit Goethes Finanzen beschäftigt sich Jochen Klauß in einer neuen Studie. Perlentaucher vermeldet erste Rezensionen.

Mein Privatkanon

Letzte Aktualisierung: 22.April 2017

Hier also die Liste meiner Lieblingsklassiker inklusive der Verlinkung auf die ensprechenden Notizen. Kurz: Es handelt sich um meine dringendsten Leseempfehlungen. Zuletzt nahm ich Balzacs Verlorene Illusionen in diesen illustren Kreis auf!

In den Bibliomanen Betrachtungen beschreibe ich meine derzeitigen Lesegewohnheiten. Was Lektüre zum Tagesgeschehen betrifft, verweise ich auf Was soll man lesen?.

Bibel – [Notiz]
Homer: Die Odyssee – [Notiz]
Herodot: Historien – [Notiz]
Aischylos: Orestie
Sophokles: König Ödipus; Antigone
Thukydides: Geschichte des peloponnesischen Kriegs – [Notiz]
Platon: Der Staat – [Notiz]
Aristoteles: Nikomachische Ethik
Ovid: Metamorphosen – [Notiz]
Augustinus: Der Gottesstaat – [Notiz]
Dante: Göttliche Komödie – [Notiz]
Montaigne: Essais – [Notiz]
Shakespeare: Tragödien – [Notizen]
Cervantes: Don Quijote – [Notiz]
Sterne: Tristram Shandy [Notiz]
Moritz: Anton Reiser
Schiller: Don Karlos; Wallenstein; philosophisch-ästhetische Schriften – [Notizen]
Goethe: Briefwechsel mit Schiller – [Notiz]
Goethe: Faust – [Notiz], Wahlverwandtschaften – [Notiz]
Balzac: Verlorene Illusionen [Notiz]
Flaubert: Madame Bovary
Dostojewskij: Die Brüder Karamasow – [Notiz], Böse Geister
Tolstoi: Anna Karenina. [Notiz]
Joyce: Ulysses – [Notiz]
Kafka: Erzählungen, Der Proceß
Thomas Mann: Buddenbrooks – [Notiz], Zauberberg, Josephs Romane – [Notizen], Dr. Faustus
Musil: Mann ohne Eigenschaften – [Notiz]
Doderer: Strudlhofstiege – [Notiz]
Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts – [Notiz]
Johnson: Jahrestage – [Notiz]
Bernhard: Auslöschung – [Notiz]

Christoph Martin Wieland historisch-kritisch

Mark-Georg Dehrmann setzt sich in einem Artikel für Literaturkritik.de ausführlich mit der historisch-kritischen Wieland-Ausgabe auseinander.

Lessing Portal

Angeregt von der Lessing-Akademie Wolfenbüttel wurde das neue Lessing Portal in Zusammenarbeit mit der Herzog August Bibliothek umgesetzt.
Was mich daran erinnert, dass ich Nisbets Lessing-Biographie noch zu Ende lesen wollte…

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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