17. Jhd. (Klassiker)

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Die Reise in den Westen

Reclam macht sich einmal mehr sehr um die Klassikerpflege verdient. Zum ersten Mal überhaupt ist mit Wu Chengs Reise im Westen einer der wichtigsten chinesischen Klassiker vollständig auf Deutsch erschienen. Zu verdanken ist dieser Gewaltakt Eva Lüdi Kong, welche das Riesenwerk in zehnjähriger Arbeit übersetzte. Die schön aufgemachte Ausgabe umfasst nämlich 1320 Seiten. Kenner vergleichen den Roman gerne mit Cervantes oder Rabeleis, aber selbst bei einem ersten Hineinlesen stellt man schnell fest, dass dies nur behelfsmäßige Analogien sein können. Mehr als hineingelesen, habe ich bisher auch noch nicht. Eine ausführliche Lektüre ist aber geplant.

Bill Bryson: Shakespeare. The World as Stage

Über kaum einen Autor wurde mehr geschrieben als über Shakespeare. Egal wie esoterisch das Thema: Man findet gleich mehrere Bücher dazu. Angesichts dieser Flut an Sekundärliteratur ist nichts schwieriger als eine gute Einführung zu schreiben. Genau das gelingt Bill Bryson in diesem schmalen Büchlein. Er neigt weder zur Hagiographie noch zur übertriebenen Originalitätssucht – bekanntlich zwei sehr populäre Verfehlungen unter Shakespeare-Autoren. Ihm gelingt es im Gegenteil gerade die düstere biographische Quellenlage und die exotischsten Theorien über den Autor auf einer Metaperspektive darzustellen. Dieses Claimants betitelte Kapitel über angebliche Autoren der Werke Shakespeares ist einer der Höhepunkte des Buches. Ein gut geschriebenes, geistreiches kleines Buch.

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage (als Hörbuch)

Yale-Vorlesung über den „Don Quijote“

Kürzlich wies ich in Allgemeinbildung auf You Tube darauf hin, dass diese beliebte Videoplattform auch eine Fundgrube für hochwertiges Material ist. Unter den zahlreichen dort zu findenden Yale Courses interessiert mich einer besonders: Die vierundzwanzigstündige Vorlesung von Prof. Roberto González Echevarría über den Don Quijote. Warum ich das Buch besonders schätze, kann man in dieser Notiz nachlesen.

Zu sehen gibt es eine klassische, mitgefilmte Yale-Lehrveranstaltung samt Studenten. Zwei Dinge verblüffen mich: Erstens wurde keine der einzelnen Vorlesungen 6000 Mal angesehen, obwohl sie schon Jahre online sind. Die meisten bewegen sich zwischen 3000 und 4000 Views. Angesichts des riesigen You Tube Publikums und der Seherzahlen für andere Videos heißt das: Intellektuell hochwertige Gratisbildung wird kaum nachgefragt.

Zweitens bin ich – vermutlich naiverweise – über die Mittelmäßigkeit des Gebotenen überrascht. Yale fehlt ja in keinem Ranking der besten Hochschulen der Welt. Geboten wird zwar eine sachlich solide Information über den Klassiker, in Sachen Inspiration hätte ich von einer Top-Universität aber deutlich mehr erwartet. Echevarría stellt einige Male erhellende überraschende Bezüge her – etwa zur zeitgenössischen Malerei – beschränkt sich aber sonst auf einen chronologischen Lektürekommentar. Die von mir besuchten Literaturvorlesungen an der Universität Salzburg, die in jedem Top-Ranking fehlt, konnten mit diesem Niveau nicht nur mithalten: Viele von ihnen waren geistig deutlich anregender als was hier in Yale geboten wird.

Für Freunde der Weltliteratur sind diese vierundzwanzig Stunden trotzdem gut investiert.

Pascal: Pensées

Da die Menschen nicht Tod, Elend und Unwissenheit heilen konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, auf den Einfall gekommen, nicht daran zu denken.

Pascal (1623-1662) ist ein schwieriger Fall. Seine unvollendeten Pensées wurden 1669 zum ersten Mal publiziert und zählen heute zu den berühmtesten Büchern der Weltliteratur. Diese Gedanken sind Passagen unterschiedlicher Länge: Die Spannbreite reicht von Aphorismen bis zu mehrseitigen Essays. Moderne Ausgaben gliedern sie meist thematisch, obwohl das angesichts der Vielschichtigkeit der Textpassagen oft schwierig ist. Für mich ist die Qualität des Werks sehr divergent. Viele Sätze sind ausgesprochen treffend und fassen die Misere der Menschen brillant zusammen. Man könnte Dutzende zitieren:

Wie hohl und voller Schmutz ist doch des Menschen Herz.

Da man nicht allseitig sein und alles erfahren kann, was man über alles wissen könnte, muß man ein wenig von allem wissen, denn es ist weitaus schöner, etwas von allem zu wissen, als alles von einer Sache zu wissen.

Unsere ganze Würde besteht also im Denken.

Bist du weniger ein Sklave, weil dein Herr dich liebt und dir schmeichelt?

Das Wichtigste für das ganze Leben ist die Wahl des Berufs; und der Zufall entscheidet darüber.

Ich nehme es als Tatsache an, wenn alle Menschen wüßten, was die einen von den anderen sagen, so gäbe es keine vier Freunde auf der Welt.

Diese Gedanken sind gut gedacht und gut geschrieben. Anders sieht es aus, wenn sich Pascal mit dem eigentlichen Thema der Pensées beschäftigt, nämlich der Religion. Hier wird aus Brillanz übergangslos Blindheit. Es ist verblüffend, wie effektiv Religion als Hirnausschalter funktioniert. Dieses Phänomen zeigt sich in vielen Büchern von begabten religiösen Menschen. Am Beispiel von Augustinus Gottesstaat gehe ich ausführlicher darauf ein.
Pascal hat zuerst ein methodisches Problem: Er ist der prinzipiell plausiblen Meinung, dass es aussichtslos ist, der Religion mit den Mitteln der Vernunft zu Leibe zu rücken. Allerdings bleibt dann wenig übrig für ein Buch, das bei anderen Themen von seinem Scharfsinn lebt.
Viele Beispiele könnte ich als Beleg bringen. Nehmen wir dieses:

Erbarmenswert ist zu sehen, wie so viele Türken, Ketzer und Ungläubige der Lebensart ihrer Väter aus dem einzigen Grunde folgen, daß man ihnen allen die vorgefaßte Meinung aufgezwungen hat, dies sei das beste … Gerade deshalb wissen die Wilden nichts mit der Vorsehung anzufangen.
[S. 107]

Wie intelligent Pascal war, zeigen seine bahnbrechenden Beiträge zur Mathematik. Wie konnte er nicht sehen, dass es bei den Katholiken nicht anders ist als bei den Türken ist, und die Religion ebenfalls deshalb angenommen wird, weil sie jene der Eltern und des Umfelds ist?
Wenn man diese Metaebene bei der Lektüre bewusst mitnimmt, also wie Religion die Qualität des Denkens eines Genies negativ beeinflussen kann, enthält man eine faszinierende Zusatzdimension.

Eine andere Klasse an Unfug über Religion ist Pascals Blindheit gegenüber Fakten:

Nicht so verhält es sich bei der Kirche, denn in ihr gibt es wahrhaftige Gerechtigkeit und keine Gewalttätigkeit.

Der von mir so geschätzte Montaigne war in Religionsdingen wesentlich hellsichtiger. Ein Grund dafür, warum Pascal regelmäßig an Montaigne herumkrittelt.

Unter Philosophiegeschichtlern gibt es seit langem die Debatte, ob man Pascal überhaupt als „Philosoph“ bezeichnen sollte. Ich schließe mich der Auffassung an, dass „Apoleget“ deutlich besser das Projekt der Pensées trifft. Philosophen des 17. Jahrhunderts schufen systematische Theorien und versuchten, diese kohärent zu argumentieren. Descartes wäre ein Beispiel, Leibniz ein anderes. Hinzukommt, dass Pascals Hauptintention nicht wahr, die Welt zu verstehen, sondern den Katholizismus zu verteidigen.

Wer Pascal lesen will, dem kann ich die unten verlinkte Ausgabe sehr empfehlen. Sie ist bibliophil ausgestattet, schön gedruckt und die Zeichnungen des Johannes Heisig treffen die anthropologische Dimension der Gedanken ausgezeichnet.

Blaise Pascal: Gedanken (Faber & Faber)

Thomas Hobbes: Leviathan

Diese Notizen schrieb ich 2005 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Erster und zweiter Teil

Es ist gar nicht so einfach, eine vollständige und gute Textausgabe zu finden. Es scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass immer nur die ersten beiden Teile publiziert werden. So hatte ich in meiner Bibliothek eine englische und eine deutsche Ausgabe, die beide dieses Manko aufwiesen. Die Ausgabe des Meiner Verlags scheint vollständig zu sein und wartet inzwischen in meiner Buchhandlung auf mich. Dritter und vierter Teil bleibt also nachzutragen.

Liest man den Leviathan zum ersten Mal komplett, leuchtet einem die Berühmtheit dieses Buches schnell ein. Er kannte nicht nur Galileo Galilei persönlich, sondern versuchte seine Individual- und Sozialphilosophie auf eine methodisch ähnlich feste Grundlage zu stellen. Stellenweise liest er sich wie ein analytischer Sprachphilosoph:

Ebenso vielfach kann man auch die Sprache mißbrauchen, nämlich erstens, wenn man wegen der schwankenden Bedeutung seiner Worte seine Gedanken widersinnig aufsetzt […] Zweitens, wenn man die Worte figürlich, d.h. in einem anderen Sinn gebraucht und so andere betrügt. Drittens, wenn man durch Worte Absichten zu haben haben vorgibt, die man nicht hat […]
[S. 30]

Daraus leitet er folgende Forderung an die denkende Zunft ab, die sich bis heute noch nicht zu allen herumsprach:

Bei Erlernung wissenschaftlicher Kenntnisse zeigt sich also einer der vorzüglichsten Vorteile der Rede darin, daß man die Worte richtig definiert, sowie hingegen einer der vornehmsten Nachteile darin besteht, daß man entweder falsche oder gar keine Definitionen festsetzt. Dies ist die Quelle der falschen und vernunftwidrigen Sätze, durch welche diejenigen, die nicht durch eigenes Nachdenken, sondern durch bloßes Bücherlesen sich unterrichten wollen, bei ihrer Unwissenheit gewöhnlich um so schlechter wegkommen, als im Gegenteil andere bei gründlicher Einsicht allemal besser fahren. Unwissenheit liegt mitten zwischen gründlicher Wissenschaft und irriger Lehre.
[S. 34]

Wer die Situation an den damaligen Unversitäten kennt, wird dies auch als notwendige Polemik gegen spätscholastische Umtriebe verstehen.

Dieser Enthusiasmus für die neuen Denkmethoden schlägt im Konzept seiner Sozialphilosophie zum größten Nachteil um. Hobbes braucht ein höchstes Prinzip (ähnlich einem Naturgesetz), von dem er bei seinen Überlegungen ausgehen kann. Das ist für ihn der oberste Herrscher, welcher seine absolute Machtfülle durch einen Vertrag von seinen Untertanen übertragen bekam. Grund dafür ist laut Hobbes der unerfreuliche Naturzustand ohne Staat, wo Gewalt an der Tagesordnung ist und jeder mit jedem in Konflikt steht. Hobbes liegt mit dieser Annahme sicher näher an der anthropologischen Wahrheit als später Rousseau, der sich den Naturzustand der Menschheit als ein arkadisches Schäferstück vorstellte, in dem edle Naturmenschen selbstlos durch humane Taten glänzen. Trotzdem vernachlässigt er den für die menschlichen Gattung wichtigen Aspekt der Kooperation (was natürlich nicht ausschließt, dass diese menschlichen Kooperativen untereinander wieder im Clinch liegen).

Behält man das bei der Lektüre im Kopf, ist man erstaunt über die Vielzahl an stringenten Überlegungen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass man so viele gute Argumente (auch in einem technischen Sinn des Wortes) für die Regierungsform der absoluten Monarchie finden kann. Geistesgeschichtlich kann man den Versuch, eine systematische Staatslehre nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu entwickeln, nicht hoch genug einschätzen. Bin schon gespannt auf die beiden nächsten Teile.

Dritter Teil

Dieser Teil fehlt ebenso wie der vierte unverständlicherweise in vielen Ausgaben des Leviathan. Vermutlich glauben viele Herausgeber, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Bibelinterpretation, sei heutigen Lesern nicht mehr zuzumuten. Dabei ist der dritte Teil “Von einem christlichen Gemeinwesen” für die Argumentation des Buches unverzichtbar. Denn nachdem Hobbes in den ersten beiden Wesen die Notwendigkeit des Staats anthropologisch begründert und die Eigenschaften eines solchen Gemeinswesens (und der Beteiligten) beschreibt, lag im 17. Jahrhundert eine Frage auf der Hand: Welche Rolle spielt die Kirche im Staat?

Der Dreh- und Angelpunkt von Hobbes Staatstheorie ist die (buchstäblich) uneingeschränkte Souveränität des Monarchen. Deshalb argumentiert er (durchaus überzeigend) gegen die Auffassung, die Kirche sei das Königreich Gottes auf Erden.
Mindestens so interessant wie der Inhalt dieser Ausführungen ist jedoch seine Methode. Stärker noch als in der ersten Hälfte des Buches bevorzugt Hobbes eine klassisch analytische Vorgehensweise. Man vermeint oft einen modernen analytischen Philosophen zu lesen, sieht man einmal davon ab, dass Hobbes nicht mit Mitteln der formalen Logik arbeitet. Seine Untersuchung der Worte “Geist, “Engel” und “Inspiration” leitet er folgendermaßen ein:

Da die Grundlage aller wahren Beweisführung die feste Bedeutung von Worten ist, die in der folgenden Lehre nicht (wie in der Naturwissenschaft) vom Willen des Verfassers abhängt und auch nicht (wie im Alltagsgespräch) vom allgemein üblichen Gebrauch, sondern von dem Sinn, den sie in der Schrift haben, ist es notwendig, bevor ich fortfahre, nach der Bibel die Bedeutung solcher Wörter zu bestimmen, die durch ihre Doppeldeutigkeit das, was ich aus ihnen zu folgern im Begriff bin, unverständlich oder strittig machen könnten.
[S. 332]

Nebenbei formuliert Hobbes übrigens auch den Kern der Sprechakttheorie, dreihundert Jahre vor Austin:

Wenn vom Wort Gottes oder vom Wort des Menschen gesprochen wird, bezeichnet es nicht einen Redeteil, wie die Grammatiker ein Nomen oder ein Verb oder irgendeinen einfachen Ausdruck nennen, ohne Zusammenhang mit anderen Worten, die ihm Bedeutung geben; sondern eine vollkommene Rede oder Darlegung, durch welche der Sprecher bestätigt, leugnet, befiehlt, verspricht, droht wünscht oder fragt.
[S. 352]

Es überrascht nicht, dass er als brillanter Denker alle Ansprüche der Religion kritisch hinterfragt:

Denn wer Anspruch darauf erhebt, die Menschen den Weg zu solcher Glückseligkeit zu lehren, erhebt Anspruch darauf, sie zu beherrschen; das heißt über sie zu herrschen und zu regieren, etwas, was alle Menschen von Natur aus wollen und was daher verdient, der Machtgier und des Betrugs verdächtigt zu werden, und folglich von jedermann nachgeprüft und untersucht werden sollte, bevor er solchen Menschen Gehorsam leistet […]
[S. 365]

Man könnte noch eine Vielzahl solcher Stellen zitieren, u.a. über Wunder oder Engel. Kurz, Hobbes schreibt religonskritisch wie viele Vertreter der Aufklärung im nachfolgenden Jahrhundert. Zwar widerspricht seine Staatstheorie des Absolutismus ebenso den politischen Theorien der Aufklärung wie sein “dunkles” Menschenbild dem anthropologischen Optimismus des voltairschen Zeitalters. Seine skeptische und methodenbewusste Denkweise kann man aber nur zur intellektuellen Avantgarde des 17. Jahrhunderts zählen.

Vierter Teil

Der vierte und letzte Teil dieses geistreichen Buches widmet sich schwerpunktmäßig den intellektuellen Schwachstellen in theologischen Argumentationen. Wieder beginnt Hobbes meist sprachanalytisch, indem er kritisch die Bedeutungen der verwendeten Termini hinterfragt.

Wenn es um Kritik an der Sache geht, verwendet der Philosoph Methoden, die auch für heutige Skeptiker nichts an Aktualität verloren haben. So führt er das “Sehen von Dämonen” auf Bewusstseinserlebnisse zurück:

Als ob die Toten, von denen sie träumten, nicht die Bewohner des eigenen Hirns wären, sondern der Luft oder des Himmels oder der Hölle, nicht Phantasmen, sondern Geister; mit ebensoviel Grund, als sagte jemand, er habe seinen eigenen Geist in einem Spiegel gesehen oder die Geister der Sterne in einem Fluß, oder als nennte jemand die gewöhnliche Erscheinung der Sonne vom Umfang etwa eines Fußes den Dämon oder Geist jener großen Sonne, welche die ganze sichtbare Welt erleuchtet.
[S. 537]

Ebensowenig an Gültigkeit verloren hat der Hinweis, dass die Kirche eine Menge von heidnischen Praktiken übernommen hat:

Das Kanonisieren von Heiligen ist ein weiteres Relikt des Heidentums: es ist weder ein Mißverständnis der Schrift noch eine neue Erfindung der römischen Kirche, sondern ein Brauch, der so alt ist wie das Gemeinwesen Roms.
[S. 555]

Hochgradig erstaunlich und lesenswert ist das Kapitel Von der Finsternis durch Scheinphilosophie und mythischer Überlieferung, Hobbes Abrechnung mit dem spätscholastischen Wortgeklingel. En passant sei bemerkt, dass die postmoderne Philosophie der Gegenwart eine Menge von Gemeinsamkeiten mit der zu Ende gehenden scholastischen Philosophie aufweist, vor allem die aufgeblähte, semantisch leere Terminologie mit der dem Außenstehenden Tiefsinn vorgegaukelt wird, um das geistige Vakuum zu überdecken. Sehr modern erläutert Hobbes, was Philosophie ist:

Unter Philosophie versteht man das Wissen, das durch logische Schlußfolgerung von der Art der Entstehung eines Dings auf seine Eigenschaften oder von den Eigenschaften auf eine Möglichkeit seiner Entstehung zum dem Zweck erworben wird, solche Wirkungen hervorrufen zu können, die das menschliche Leben erfordert, soweit Materie und menschliche Kraft es zulassen.
[S. 558]

Dem wird die universitäre Metapysik gegenübergestellt:

Und was dort geschrieben steht, ist allerdings von der Möglichkeit des Verstandenwerdens größtenteils so weit entfernt und so unvereinbar mit der natürlichen Vernunft, daß jemand, der denkt, es ließe sich irgend etwas darunter verstehen, es notwendigerweise für übernatürlich halten muss.
[S. 564]

Ein letztes Beispiel:

Ich werde nur dies eine hinzufügen, daß die Schriften der scholastischen Theologen größtenteils nichts anderes als nichtssagende Ketten von fremden und sprachwidrigen Wörtern oder Wörtern, die anders gebraucht werden als üblicherweise in der lateinischen Sprache […]
[S. 576]

Diese wenigen Auszüge belegen hoffentlich ausreichend, dass der “Leviathan” ein hochgradig lesenswertes Buch ist. Das gilt nicht nur für die berühmten ersten beiden Teilen, in dem Hobbes seine ebenso bedenklich wie brillant gedachte Staatsphilosophie formuliert, sondern auch für die oft vernachlässigte zweite Hälfte des Werks, in der sich Hobbes als modern denkender (religions)kritischer Kopf erweist.

Thomas Hobbes: Leviathan (Reclam UB; übersetzt von Jacob Peter Mayer)

Thomas Hobbes: Leviathan (Penguin Classics)

Biographie über Grimmelshausen

Jetzt hätte ich beinahe übersehen, dass vor einigen Monaten eine umfangreiche neue Biographie über Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676) publiziert wurde, dessen Simplicissimus Teutsch einer der erstaunlichsten Romane deutscher Sprache ist. Geschrieben von Heiner Boehncke/Hans Sarkowicz erschien das Buch in der Anderen Bibliothek unter dem Titel Grimmelshausen. Leben und Schreiben. Vom Musketier zum Weltautor.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass vor einiger Zeit auch eine Simplicissimus-Ausgabe auf den Buchmarkt kam, welche den Text modernisiert. Man sollte aber keine Angst vor dem schönen Barockdeutsch im Original haben!

Eine Rezension gibt es beim DeutschlandRadio Kultur.

Das Rezensionsexemplar der Biographie ist inzwischen hier eingetroffen. Bin gespannt.

Pepys-Magazine

Giesbert Damaschke rettete die drei schönen Pepys-Magazine des Haffmans Verlag für die Online-Welt und bietet sie jetzt auf seiner Seite zum Download an.

Harold Bloom

The Western Canon The Books and School of the Ages. (Riverhead Books)

Bloom ist ein großer Kenner, wenn es um Klassiker geht. Seine von der Psychoanalyse inspirierten literaturtheoretischen Vorstellungen sind aber sehr fragwürdig. Man liest Bloom also am besten als Leser und als Polemiker, nicht als Literaturwissenschaftler. Polemiker deshalb, weil er an der postmodernen Umgestaltung der Literaturinstitute in den USA kein gutes Haar läßt, und sogar das Ende des substanziellen Literaturunterrichts in den USA ausruft.

The Western Canon ist deshalb als eine Art Nachruf auf den Kanon konzipiert. Der Anhang enthält eine umfangreiche Empfehlungsliste mit Klassikern der Weltliteratur. Im Zentrum des Kanons steht für Bloom Shakespeare, der als Bezugspunkt implizit und explizit immer präsent ist. Blooms Klassikerlektüre ist immer dann sehr interessant, wenn es um konkrete Beobachtungen und das Herstellen von Bezügen geht. Je mehr er in (s)eine Form des Interpretierens hineinrutscht, desto fragwürdiger werden die Kapitel. Meine Empfehlung wäre, diese Passagen einfach zu überblättern, und sich die Perlen aus den jeweiligen Kapiteln herauszusuchen.

Das Pathos, mit dem Bloom die Lektüre von Klassikern preist, ist mir naturgemäß nicht unsympathisch. Von den gängigen postmodernen Literaturtheorien halte ich genausowenig wie Bloom, was sich in meinem Essay Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie nachlesen läßt. Bei seiner Kanonauswahl dominieren, wenig überraschend, angelsächsische Klassiker. Insgesamt ein für Klassikerfreunde sehr anregendes Buch, wenn man Bloom nicht jede interpretatorische Eskapade durchgehen läßt.

Racine: Phädra

Burgtheater 7.12.

Regie: Matthias Hartmann

Theseus: Paulus Manker
Phädra: Sunnyi Melles
Hippolytos: Philipp Hauß
Arikia: Sylvie Rohrer
Theramenes: Hans-Michael Rehberg
Önone: Therese Affolter
Ismene: Merle Wasmuth
Panope: Brigitta Furgler

Phädras irregeleiteter Liebeswahn wird von Matthias Hartmann zeitlos inszeniert. Die Bühne kommt ohne Requisiten aus: Das Bühnebild besteht aus einer riesigen drehbaren Wand, die auf einer Seite weiß, auf der anderen Seite schwarz ist. Freunde reduktionistischer Inszenierungen, zu denen ich mich zähle, werden daran ihre Freude haben. Das rückt die Psychodynamik des Klassikers in den Vordergrund und gibt den Schauspielern sehr viel Raum. Philipp Hauß spielt den Hippolytos nicht als den stolzen, arroganten, unnahbaren jungen Mann als den ihn Racine beschreibt. Seine unbeholfene Unsicherheit erinnert an eine typische Figur aus einem Woody-Allen-Film. Sunnyi Melles dagegen gibt die große Tragödin und überspannt den Bogen leider mehrmals, so dass ihr Liebensfuror immer wieder unfreiwillig ins Komische zu kippen droht.

Höhepunkt des Abends ist der Theseus des Paulus Mankers. Eine so unglaubliche Bühnenpräsenz erlebt man selten. Einen überzeugenderen Theseus wird man so schnell im deutschsprachigen Theater nicht finden können. Insgesamt wirkt die Aufführung nicht wirklich rund. Trotzdem eine Empfehlung.

Gerd Haffmans über Samuel Pepys

Im Februar berichtete ich in einer Notiz über das ambitionierte Projekt, die berühmten Tagebücher des Samuel Pepys (1633-1703) erstmals komplett auf Deutsch herauszugeben. Links auf Detailinformationen über die Ausgabe finden sich dort.

Anläßlich des bevorstehenden Erscheinungstermins, äußert sich Gerd Haffmans nun in einem ausführlichen Gespräch mit dem Buchmarkt über die Hintergründe dieser Edition:

Bitte, wer mit Bändchen wie “Tafeln mit Goethe”, “Kegeln mit Kant” oder “Nicht-ganz-bei-Trost bei Bohlen“ sein Genüge findet, dem reicht vielleicht “Peepen mit Pepys”, das kann er nämlich auch. Nein, erst der ganze Pepys erzählt den Roman seines Lebens. Mit dieser Einsicht in mehr wuchs die Lust aufs Ganze. Was dieses Tagebuch so einzigartig macht, ist
erstens die einmalige, zuweilen geradezu grausame Ehrlichkeit, zweitens die Regelmäßigkeit und Dauer: kein Tag ohne Eintrag – und das zehn Jahre lang, und schließlich das hemmungslose Mitteilungsbedürfnis eines intelligenten, wachen und vergleichsweise vorurteilslosen Autors.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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