Gegenwartsliteratur

1234..>|

Julian Barnes: The Sense of an Ending

In dem kurzen Roman, den man auch als Novelle klassifizieren könnte, erzählt uns Tony Webster einen Teil seiner Lebensgeschichte. Zum Zeitpunkt der Erzählung ist Tony bereits in den Sechzigern, hat ein – nach normalen Maßstäben – erfolgreiches Durchschnittsleben hinter sich und führt ein bequemes Rentnerleben.

Die Handlung setzt in der Schulzeit ein, wo er mit drei anderen Freunden einen intellektuellen Zirkel bildet. Die Geschichte schreitet schnell voran zu der seltsamen Studentenbeziehung mit Veronika, die im späteren Verlauf eine entscheidende Rolle spielt.

Im Zentrum von The Sense of an Ending stehen die Themen des Alterns und der Erinnerung. Es stellt sich nämlich schnell heraus, dass Tonys Rückblicke nicht sehr zuverlässig sind. Barnes setzt also ein altbekanntes literarisches Mittel ein, das des unzuverlässigen Ich-Erzählers. Literarisch ist das exzellent in Szene gesetzt. Die in den Text eingestreuten Reflektionen sind interessent und sprachlich zieht Barnes alle Registers seines Könnens. Die zentralen Motive sind strukturell eng verknüpft und spiegeln sich auf mehreren Ebenen. Ein Beispiel dafür ist die Selbstmord-Thematik.

Die Form ist freilich etwas zu altbacken für meinen Geschmack. Auch das mysteriöse Geheimnis, das dann auf den letzten Seiten enthüllt wird, scheint mir etwas gekünstelt zu sein. Trotzdem gut investierte Lesezeit.

Julian Barnes: A Sense of Ending (Random House) – Deutsche Ausgabe

Flattr this!

Die besten Bücher 2011?

Das Ende des Jahres naht und die im angelsächsischen Raum beliebten Bestenlisten werden veröffentlicht. Die New York Times kürte bereits die 10 Best Books und die 100 Notable Books des Jahres.
Nun verrät auch The Economist seine Books of the Year. Wer damit immer noch genug hat, der sei noch auf Best Books 2011 von Publisher Weekly und die Liste des Guardian verwiesen.

Flattr this!

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Wie so vieles in diesem Roman ist der Untertitel Bildungsroman doppeldeutig. Der Roman ist personal aus der Perspektive der Inge Lohmark erzählt, einer Biologie- und Sportlehrerin an einem Provinzgymnasium in einer kläglichen Kreisstadt in Vorpommern. Die nach Charles Darwin benannte Schule steht kurz vor der Schließung, weil die Bevölkerung in Scharen aus der wirtschaftlich trostlosen Gegend flieht. Es ist also einerseits ein Schulroman.
Das Weltbild der Inge Lohmark wird schnell deutlich: Es ist das einer verbitterten Zynikerin mit sozialdarwinistischem Einschlag. Sie verachtet ihre Schüler und Kollegen und lässt das ihr Umfeld auch spüren. Spannend bei der Lektüre ist es nun, dass Lohmark trotz dieses unsympathischen Hintergrunds viele treffende Beobachtungen formuliert. Die Sätze des Romans sind von einer beeindruckenden Intensität. Nun gibt es in jedem gelungen Buch gelungene Sätze, aber mit wenigen Ausnahmen in der Gegenwartsliteratur (Thomas Bernhard!) gibt nur wenige Bücher, die nur aus gelungen Sätzen bestehen.

Zu Beginn war ich etwas skeptisch. Ich befürchtete die Durcharbeitung des Klischees “Autorin entlarvt kalte und boshafte Naturwissenschaftlerin”. Wäre die literarische Komposition nicht so brillant, hätte der Roman an diesem Thema sehr leicht scheitern können. Was Schalansky höchst beeindruckend gelingt: Sie integriert die Biologie auf mehreren Ebenen furios in ihren Text. Es gibt nicht nur jede Menge gelungene Vergleiche und Metaphern aus diesem Bereich. Selbst die erklärenden personalen Exkurse der Lohmark sind so “organisch” und überzeugend eingearbeitet, wie ich das bisher selten las.
Der Hals der Giraffe ist selbstverständlich kein klassischer Bildungsroman. Es findet nämlich keine Persönlichkeitsveränderung durch einen Bildungsprozess statt. Allerdings wird Inge Lohmark massiv irritiert. Sie fühlt sich völlig unerwartet zur Schülerin Erika hingezogen, entwickelt während einer Autofahrt mit ihr seltsame Fantasien, was ihr emotionales Gleichgewicht ins Wanken bringt.

Die Kaltschnäuzigkeit gegenüber ihren Schülern rächt sich am Ende: Ihr Direktor kündigt ihr wegen des massiven Mobbings einer Schülerin unter ihren Augen disziplinäre Konsequenzen an.

Der Roman spielt überwiegend an der Schule. Abgerundet wird das Porträt der Inge Lohmark durch die Beschreibung der nüchternen Beziehung zu ihrem zweiten Gatten Wolfgang und ihrer seit vielen Jahren in den USA lebenden Tochter Claudia. Schließlich schildert Schalansky auch noch die Stimmung in Ostdeutschland nach der Wende mit diversen Rückblenden in die DDR Vergangenheit.

Abschließend sei erwähnt, dass sich die Autorin auch selbst der Buchgestaltung annahm. Das Ergebnis ist ein auch handwerklich perfekt produziertes Buch.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman (Suhrkamp)

Flattr this!

Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären

Eigentlich schreibt Wilhelm Genazino seit Jahren an einem einzigen großen Roman, von dem er regelmäßig Teile publiziert. In ihm durchwandert die Hauptfigur als kritisch-melancholischer Beobachter eine Großstadt, unterbrochen von diversen alltäglichen Zumutungen und Krisen, nicht zuletzt sexueller Natur.

In der aktuellen Folge ist es ein freier Architekt, der sich mit banalen Aufträgen eines Architekturbüros über Wasser hält. Freundin Maria unterbricht seinen Weltekel regelmäßig mit gutem Sex, nervt dafür mit unzumutbaren Alltagswünschen, wie der den nach einer Urlaubsreise. Sand in dieses gut eingespielte Getriebe bringt der überraschende Tod eines Bekannten und Kollegen…

Bekannt wurde Genazino Ende der siebziger Jahre durch seine Abschaffel-Trilogie, die das entfremdete Leben eines Büromenschen minuziös schildert. Das von Genazino in Wenn wir Tiere wären kurz beschriebene Büroleben ist leider immer noch das von vor vierzig Jahren und wirkt angesichts seines sonst so präzisen Realismus anachronistisch. Trotzdem verwöhnt Genazino seine Leser auch in diesem kurzen Roman mit literarischer Beobachtungskunst auf hohem Niveau.

Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären. Roman (Hanser)

Diese Kurzrezension erschien in the gap Nr. 120.

Flattr this!

Yorick, der Dritte

Philip Hautmann exhumiert in seinem ersten Roman einen alten Bekannten. Eine abenteuerliche Geschichte.

Wenn ein Autor sein erstes Buch vorlegt, ist es meist sorgfältig dem aktuellen Literaturbetrieb angepasst. Unschwer ist ja herauszufinden, welche Themen Verlage, Kritiker und Leser derzeit bevorzugen, oder was dem prototypischen Mitglied einer Literaturpreisjury ästhetisch zusagt. Deshalb gibt es bei der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nur selten wirkliche Überraschungen. Philip Hautmann ließ sich beim Verfassen seines Erstlings nicht von solchen schnöden Überlegungen leiten. Sein Yorick. Ein Mensch in Schwierigkeiten ist ein sehr ambitioniertes Buch, das sich erfolgreich dagegen sperrt, in eine der gängigen feuilletonistischen Schubladen gesteckt zu werden. Sogar der sonst heutzutage unverzichtbare Untertitel Roman fehlt. Stattdessen erfährt man beim ersten Aufschlagen, dass es sich um ein Hybridbuch handelt. Viele Seiten sind unten mit grafischen Markern ausgestattet, die man mit der auf der Verlagsseite herunterladbaren Software (Mac only!) scannen kann.

Wer mit der Weltliteratur vertraut ist, der denkt bei Yorick natürlich nicht nur an den berühmten Totenschädel in Shakespeares Hamlet, sondern auch an den gleichnamigen Pfarrer in Laurence Sternes furiosen Klassiker Tristram Shandy. Hautmanns Yorick teilt mit dem berühmten Vorbild nicht nur die Spottsucht. Beide bringt ihre Scharfzüngigkeit in diverse gesellschaftliche Schwierigkeiten. Im ersten der drei Teile lernen wir den neuen Yorick ausführlich kennen und begleiten ihn auf seine Konversationsabenteuer. Yorick ist felsenfest davon überzeugt, dass er mit seinem philosophischen Kopf und seinem unwiderstehlichen Humor eine Bereicherung für jede Gesellschaft darstellt. Seine „Auflockerungsversuche“ sind jedoch nur selten von Erfolg gekrönt. Zu Beginn bleibt man unschlüssig darüber, inwiefern man Yorick als Intellektuellen ernst nehmen soll. Spätestens im zweiten Teil aber, in dem zwei ausführliche Abhandlungen Yoricks zu lesen sind, bekommt man Respekt vor seiner Denkleistung. Insofern erfüllt Yorick ein klassisches Intellektuellenklischee: Unbeholfen im Leben, aber ein passabler Denker.

Yoricks Bekanntenkreis besteht aus jeder Menge seltsamer Gestalten, die einen trotz (oder wegen?) der satirischen Überzeichnung sehr bekannt vorkommen. Der bei seiner Vernissage seine Zuseher zu Tode langweilende Gegenwartskünstler. Die selbst ernannte Psychoanalytikerin. Der provokative Anti-Gutmensch. Kurz, Hautmann lässt eine Reihe mehr oder weniger durchgeknallter Bobos mit hohem Wiedererkennungseffekt auf seine Leser los.
Im zweiten Teil bricht Yorick ins reale Leben auf. Er will sich „einen sogenannten Beruf“ suchen. Die Berufswelt wird daraufhin aus verschiedenen Blickwinkeln bloßgestellt. Angefangen bei den bei genauer Lektüre absurd formulierten Stellenanzeigen, über groteske Bewerbungsgespräche bis hin zum seltsamen Sozialkosmos in unseren Büros. Einer der komischen Höhepunkte des Romans ist Yoricks Intermezzo in einer Unternehmensberatung. Sein erster Auftrag lautet, er möge ein Konzept entwickeln, wie die skandalgebeutelte katholische Kirche wieder mehr Mitglieder gewinnen könnte. Wenn man mit dem aktuellen Beratungswesen vertraut ist, ein durchaus realistisches Ansinnen. Yorick schreibt daraufhin eine im Buch ausführlich abgedruckte Abhandlung über das Wesen von Religion. Dieser Exkurs ist eine ebenso präzise Zusammenfassung der Sachlage wie die späteren Ausführungen Yoricks über den Neoliberalismus. Letztere bringt ihm eine Einladung in den Club der Milliardäre und die Bekanntschaft des reichen Jim John Mearsheimer, dessen zahlreiche ausufernde Monologe (Achtung: Thomas-Bernhard-Alarm!) den zweiten Teil beschließen und ein trotz aller Satire aufschlussreiches Psychogramm ergeben.

Die Kindheit und Jugend der Psychotherapeutin Sabine steht im Mittelpunkt des dritten Teils. Selbstverständlich eingerahmt und unterbrochen von zahlreichen anderen Abschweifungen und abgerundet durch die seltsame Beziehung Sabines mit dem Großunternehmer Pierce Inverarity (Achtung: Thomas-Pynchon-Alarm!).

Eines der unzähligen Projekte Yoricks besteht darin, einen großen Roman zu schreiben. Er schickt das umfangreiche Manuskript an die „größten und renommiertesten Verlage“ und erläutert: „Schnell werden Sie bemerken, dass die Angelegenheit herkömmlicher Erzählstrategien sich verweigert sowie herkömmlicher Muster und Versuchen literarischer Deutung und Hermeneutik sich entzieht.“ Es ist natürlich kein Zufall, dass dies auch auf Hautmanns Yorick zutrifft, wobei diese Deutungsverweigerung als ästhetische Strategie sehr wohl zu identifizieren ist. Man könnte natürlich schnell den ebenso beliebten wie ausgebleichten Aufkleber „postmoderner Roman“ auf das Buch kleben. Dafür sind aber einige der Themen wie der Neoliberalismus oder nationalsozialistische Erschießungskommandos nicht beliebig genug. Hautmann selbst bevorzugt die Bezeichnung „Anti-Roman“ (siehe Interview).

Yorick ist insofern der Versuch eines enzyklopädischen Gegenwartsromans als er mit einer riesigen Menge an Themen angefüllt ist. Zu den bereits erwähnten kommen noch Esoterik, Verschwörungstheorien, Feminismus, Kosmologie, schwarze Löcher, Quantenphysik, Ameisenstaaten und viele andere mehr hinzu. Die meisten dieser Passagen sind voller Witz und mit treffsicherer Ironie geschrieben. Durch die episodische Struktur wird die Fülle der Themen im Text auch gut gebändigt. Zusätzlich gibt es für literarische Rätselfreunde jede Menge Anspielungen zu erkunden. Hautmann interessiert sich ausschließlich für die Erlebnisse seiner Figuren und für intellektuelle Fragestellungen. Eine Konsequenz davon ist, dass er auf jegliche detaillierte Beschreibung der Handlungsorte verzichtet. Im Vergleich zu einem realistischen Roman sind Zeit und Raum also stark unterdeterminiert, was beim Lesen einen etwas diffusen Eindruck hinterlässt.
Ähnliches gilt auch für die Makroebene des Buches. Zwar sind die drei Teile durch eine Reihe von Bezügen untereinander verknüpft, es bleibt aber beim Leser ein gewisser Eindruck der Disparatheit zurück. Anders formuliert: Je weiter man in den Roman hineinzoomt, desto besser funktioniert die ästhetische Strategie.
Das Schreiben guter Literatur setzt immer eine hohe Risikobereitschaft voraus. Mehr Autoren wie Philip Hautmann, welche das Wagnis eingehen, die ausgetretenen literarischen Trampelpfade zu verlassen, wären der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dringend zu wünschen.

Philip Hautmann: Yorick (Traumawien)

[Langfassung des in thegap Nr. 118 veröffentlichten Artikels]

Interview

„Yorick“ unterscheidet sich inhaltlich und ästhetisch sehr von dem, was im deutschsprachigen Raum sonst literarisch publiziert wird.

Grundsätzlich und in erster Linie interessiere ich mich für den Geist und für das was Geist hat. Insofern interessiere ich mich für Literatur primär dann, wenn sie Geist hat. Intensiv mit Literatur habe ich mich erst dann beschäftigt, als es mit meiner wissenschaftlichen und sonstigen Karriere nicht funktioniert hat. Zu diesem Zeitpunkt entstand diese Romanidee. Der Schreibprozess war mit vielen Unsicherheiten verbunden, eben aufgrund der Ungewohntheit der Form. Erst nachdem die Hälfte des Buches fertig war, hat sich das gefestigt.

Ihr Buch enthält umfangreiche Exkurse über Religion und Neoliberalismus: Wollen Sie den „Yorick“ als dezidiert politischer Roman verstanden wissen?

Ich verstehe mich durchaus auch als politischen Autor, allerdings ist das nur ein Aspekt unter vielen. Ich komme ja ursprünglich von der linken Studentenbewegung her, auch wenn ich mich inzwischen davon emanzipiert habe. Vor allen Dingen kann ich es aber nicht fassen, wie sehr die Erzeugnisse der jüngeren deutschsprachigen Schriftstellergeneration thematisch hauptsächlich um Ego- und Beziehungs-, fast schon nur mehr um Lifestylegeschichten herum kreisen! Klar, wir haben keinen Krieg oder dessen Nachwirkungen miterlebt, die gesellschaftlichen Verhältnisse sind stabil und die Inhalte unserer Lebenserfahrungen, aus denen wir schöpfen können, gewissermaßen gleichförmig und langweilig, aber ein bisschen mehr um die Welt, in der man lebt, sollte man doch schon besorgt sein, wenn man eben der Welt was mitteilen will.

Vieles deutet darauf hin, dass „Yorick“ in Wien spielt, auch wenn Sie mit expliziten Ortsangaben sehr zurückhaltend sind. Manches lässt auch an Linz denken. Ist „Yorick“ ein Wien-Roman?

Nein, der Roman ist eigentlich orts- und zeitlos gehalten, trotz einiger Anspielungen auf Linz und Wien. Oder eben Entenhausen. Das war durchaus Absicht, unter anderem, weil mich in der Gegenwartsliteratur die vielen Beschreibungen nerven, die eigentlich irrelevant sind. „Yorick” ist auch ein kosmopolitisches Buch, etwa die Passagen rund um den Milliardärsklub als transnationale Superklasse. Was man vielleicht als „österreichisch“ an dem Roman bezeichnen könnte, ist die Verschrobenheit der Figuren.

Flattr this!

Alek Popov

Für Fortgeschrittene. Erzählungen (Residenz)

Popov zählt zu den bekannteren bulgarischen Autoren. Ich hatte kürzlich Gelegenheit, ihn im Wittgensteinhaus während eines bulgarischen Literaturabends kennenzulernen, und nahm dann gleich diesen Erzählungsband mit. Die besten der Texte leben von seinem Sinn für schwarzen Humor in Kombination mit witzigen Einfällen. Zwar spielt Bulgarien und seine jüngere Geschichte immer wieder eine Rolle, sie steht aber nicht im Mittelpunkt wie bei vielen anderen zeitgenössischen Autoren aus (Süd)osteuropa. Diese fehlende Nabelschau ist sehr erfrischend.

Die Erzählungen sind überwiegend sehr unterhaltsam zu lesen. Ihre Stärken liegen auf der inhaltlichen, weniger auf der formal-ästhetischen Seite.

Flattr this!

Josef Winkler: Domra

Es gibt Bücher, die so ungewöhnlich sind, dass sie in keine der üblichen Schubladen passen. Domra gehört zum Merk-würdigsten, was ich seit langem las. Natürlich druckt Suhrkamp ein verkaufsförderndes Roman auf den Titel. Der Text hat aber nur wenig mit dieser Gattung gemein. Der Ich-Erzähler trägt viele autobiographische Züge von Josef Winkler und beschreibt seinen langen Aufenthalt in Varanasi, dem Zentrum des hinduistischen Totenkults. Am Ufer des Ganges werden ständig öffentlich Leichen verbrannt (genauer: geschmort) und Winkler schildert das in einer Eindrücklichkeit und brutalen Detailtreue, die beim Lesen eine Menge von Reaktionen freisetzen: Grauen, Abwehr, Faszination, Beklemmung, Erstaunen. Es stellt sich schnell ein Gefühlszustand ein wie nach einem Ingmar-Bergman-Klassiker.

Eine der großen Stärken des Buches ist der ethnologische Blick: Winkler wertet nicht. Er sieht mit der Sprache. Ich las es vor meiner Reise, und seine eingestreuten Alltagsbeschreibungen bereiten besser auf Indien vor als jeder Reiseführer es könnte. Die Domra gehören übrigens zur Kaste der Unberührbaren und sind auf diese Leichenverbrennungen spezialisiert. Winkler schafft das Kunststück, einen Text geschrieben zu haben, der unglaublich informativ ist, und gleichzeitig einen hohen literarischen Wert hat, da er sich seine eigene Ästhetik erschafft. Besser kann Gegenwartsliteratur nicht sein.

Josef Winkler: Domra. Am Ufer des Ganges. Roman (Suhrkamp Taschenbuch)

Flattr this!

Karl-Markus Gauß

Im Wald der Metropolen (Paul Zsolnay Verlag)

Das Ungewöhnliche am neuen Buch des Karl-Markus Gauß zeigt sich bereits daran, dass es kaum möglich ist, passende Notizen-Kategorien dafür zu finden. Ohne Zweifel handelt es sich um ein herausragendes Werk der Gegenwartsliteratur. Es ist aber so dicht versehen mit interessanten Einsichten zur europäischen Kultur- und Literaturgeschichte, um nur zwei Gebiete zu nennen, dass sich die zusätzliche Klassifikation als Sachbuch ebenfalls aufdrängt.

Gauß ist seit vielen Jahren als reisender Berichterstatter über entlegene (mittel)europäische Kulturen und Regionen bekannt. Er rückt das scheinbar Ferne so in den Blick des Lesers, dass sich überraschende Bezüge zur eigenen Gegenwart herstellen. Das Periphere und Randständige rückt plötzlich ins Zentrum und man erkennt, wie oberflächlich und ärmer Europa ohne diese Minderheiten wäre.

Im Wald der Metropolen geht Gauß nun einen großen Schritt weiter: Er verknüpft die auf seinen Reisen gemachten Erlebnisse und Einsichten mit autobiographischen Aspekten, kulturgeschichtlichen Begebenheiten, literarischen Portraits und weiteren Zutaten zu einer neuen Buchform. Zumindest wäre mir kein vergleichbares Werk bekannt. Die Besonderheit liegt auch in der vielschichtigen Verknüpfung der einzelnen Ebenen. Auf den ersten Blick besteht das Buch aus zahlreichen mehrseitigen Abschnitten. Schon bei der ersten Lektüre stellt man aber fest, dass die einzelnen Teile wie Takte in einer Komposition funktionieren. Sie gehen nicht nur inhaltlich meist elegant ineinander über und sind quer durch das Buch durch wiederkehrende Motive und Themen strukturell verbunden, auch stilistisch gibt es einen sehr engen Zusammenhalt. Jede Digression ist sorgfältig eingefügt.
Gleichzeitig wird – wie bei einem Mosaik – durch die einzelnen Bausteine eine umfassende Geschichte erzählt, die auf einer viel abstrakteren Ebene spielt als es zuerst den Anschein hat. Gauß liefert dem Leser Anhaltspunkte für eine Kulturgeschichte (Mittel-)Europas samt deren Einbettung in einen größeren historischen Kontext, indem er teils höchst entlegene, teils bekanntere Begebenheiten erzählt. Er liefert systematische Denkanstöße, die sich im Bewusstsein des Lesenden zu einer europäischen Geschichte formen können, wenn er seine eigenen Kenntnisse mit einbezieht. Gauß schmeichelt seinen Lesern, indem er sie implizit für so intelligent erklärt, dass sie seinem Anliegen auch ohne didaktische Fingerzeige zu folgen vermögen.

Trotz dieses Überbaus liest sich das Buch unterhaltsam und geistreich: man muss ihn nicht zur Kenntnis nehmen. Speziell auf ihre Kosten kommen auch Liebhaber literarischer Raritäten. Gauß liefert eine Fülle von anregenden literarischen Portraits. Einige kannte ich nur dem Namen nach, andere gar nicht. Schon während der Lektüre habe ich Antiquariate nach diversen Titeln durchstöbert und auch einige bestellt. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt sich auf dreihundert Buchseiten unterbringen läßt.

Flattr this!

Über die Rolle des Schweinsbratens in der Literatur…

oder: Wie wichtig sind Details in Romanen?

Anlässlich unseres Twitter-Projekts im Theater Reichenau, entspann sich eine Diskussion, inwiefern die Korrektheit von Details für die Qualität von Literatur von Bedeutung sei. In 140-Zeichen-Tweets ließ sich diese Frage nicht ausdiskutieren, deshalb hier einige Gedanken dazu.

Über das Verhältnis von Fiktion und Realität wurden viele Bücher geschrieben. Neben viel Geschwurfel sind auch einige sehr instruktive darunter, nicht nur, aber vor allem von semiotischer und strukturalistischer Seite. Wie wichtig die Bodenhaftung von Literatur in der Wirklichkeit ist, hängt natürlich in erster Linie vom Genre ab. Viel Freiheit genießen hier Gattungen wie das Märchen oder Genres wie Fantasy. Ähnliches gilt für experimentelle Literaturformen aller Art. Hier können selbst logische “Grundgesetze” außer Kraft gesetzt werden, wie Harald Fricke in seinem vorzüglichen literaturtheoretischen Standardwerk Norm und Abweichung ausführlich demonstrierte.

Anders bei der Literatur, die man (etwas naiv) gerne als “realistisch” bezeichnet. Romane, welche man diesem Genre gerne zuschlägt, sind beispielsweise Gesellschafts- oder Zeitromane. Fontanes Effi Briest wäre ein prominentes Beispiel, Dickens Oliver Twist ein weiteres. Überhaupt kann man die meisten berühmten Romane des 19. Jahrhunderts in diese große Schublade packen. Die Erwartungshaltung der Leser ist bei diesen Büchern, dass sich der Autor an gewisse implizite Gesetzmäßigkeiten hält. Hätte Thomas Mann in einer seiner Erzählungen den Eiffelturm in München aufgestellt, hätten das seine Leser vermutlich nicht goutiert.

Wie funktioniert Literatur? Der Autor gibt seinem Leser semantische Markierungen mit auf den Weg, mit deren Hilfe sich der Leser seine fiktionale Welt zusammenbastelt. Das Ergebnis sieht je nach den kognitiven Voraussetzungen des Lesers unterschiedlich aus. Ein zeitgenössischer Thomas-Mann-Leser, der noch nie etwas von Paris gehört hätte, und auch München nicht gut kennt, würde sich durch einen Eiffelturm im Zentrum nicht gestört fühlen. Deshalb konstruiert man für solche Analysen besser eine Art “idealen Leser”, den man mit genügend Wissen ausstattet, damit eine hinreichend “mächtige” fiktionale Welt entstehen kann.

Auslöser unserer kleinen Debatte war der in Kehlmanns Ruhm in Zentralasien ständig servierte Schweinsbraten (siehe meine Rezension). Die meisten Leser Kehlmanns werden Zentralasien nicht kennen und dürften sich deshalb von dieser “falschen Wirklichkeit” nicht weiter gestört führen. Wer aber je diese Gegend bereiste, für den zerbröselt diese Fiktion, und er wird aus seinem realistischen Lesemodus heraus gerissen. In der Moderne übrigens ein durchaus gängiges narratives Verfahren.

Nun stellt sich spätestens hier die Frage: Ist Kehlmanns Ruhm “realistische” Literatur? Die Metafiktionalität spräche doch eigentlich gegen ein so “naives” Verständnis des Textes? Dieser Einwand greift aber zu kurz. Alle Geschichten des Romans setzen sich augenscheinlich intensiv mit der Gegenwart auseinander. Was hat der Autor nicht alles hinein gepackt: Aktive Sterbehilfe in der Schweiz, die Unerträglichkeit des Kulturinstitutstourismus, unsichere Fluglinien, Zwang zu unlogischen Flugbuchungen, inkompetente Call-Center-Angestellte, entführte Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Kulturkritik an schlechten Filmen durch Massenproduktion, korrupte afrikanische Minister, frustrierte Ex-Pats in Lateinamerika, indolente Beamte eines zentralasiatischen Staates, die Verseuchung des Buchmarkts mit esoterischen Publikationen…

Kurz: Der Roman ist vollgepackt mit praller “Wirklichkeit” und bezieht sein “oberflächliches” Funktionieren in erster Linie aus dieser Ebene. Der “ideale Leser” erwartet bei den meisten dieser Geschichten, dass die Fakten stimmen. Gegen Ende wird das zwar mit dem Unprofor-Fehler metafiktional aufgelöst, bei den anderen Geschichte ist diese Distanz aber semantisch “unterdeterminiert”. Es gibt zu wenige Signale selbst für den “idealen Leser”, dass ihm eine relativierende, antirealistische Lesart aufgedrängt würde.

Womit wir wieder beim fiktionalen Schweinsbraten angelangt wären. Die Wirkung der Geschichte beruht darauf, dass Maria in einem exotischen Land verloren geht. Ein emotionaler Effekt stellt sich für den Leser nur dann ein, wenn er in einem realistischen Erzählmodus liest. Läse er die Geschichte im metafiktionalen Modus, gäbe es keine Empathie für Maria. Die Geschichte würde nicht “funktionieren”. Der falsche Schweinsbraten zwingt einen wohl informierten Leser aus dem realistischen Lesemodus heraus und zerstört die literarische Wirkung ohne dass er einen ästhetischen Mehrwert dadurch hätte.

Flattr this!

Theater-Twitter-Projekt bei den Festspielen Reichenau

Die Festspiele in Reichenau wollen neues Terrain betreten und haben zehn Blogger / Twitter-Aktive dorthin eingeladen, um einen Theaterabend zu begleiten. Auch ich zähle zu den Auserwählten. Mehr dazu kann man hier im Kurier nachlesen.

[Nachtrag 17.7.]: Projekt-Beteiligte Jana Herwig hat die gestrige Aktion bereits einer ausführlichen Analyse unterzogen.

[Nachtrag 18.7.] Das Fazit von Werner Reiter, eines weiteren Teilnehmers der Aktion, ist nun ebenfalls online.

Flattr this!

1234..>|
  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook
Wer mag, kann die Notizen durch "flattern" unterstützen:

Aktuell in Arbeit