Gegenwartsliteratur

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Genazino: Außer uns spricht niemand über uns

Aus alter Gewohnheit lese ich jeden neuen Roman Genazinos. Das Muster ist immer dasselbe: Ein brillant beobachtender Außenseiter mittleren Alters lässt uns an seinen Lebenskrisen aus der Ich-Perspektive teilnehmen. Die Bücher sind kurz & prägnant. Der Protagonist ist ein gescheiterter Schauspieler, der seinen Lebensunterhalt als Sprecher für das Radio oder für Provinzmodeschauen verdient. Ökonomisch wird das Leben härter. Das Prekariat klopft an die Tür. Seine Beziehung mit Carola endet in einer Katastrophe.

Außer uns spricht niemand über uns setzt das hohe literarische Niveau der letzten Romane fort. Es ist aber deutlich düsterer und pessimistischer. Was mir negativ auffällt: Abgesehen von Andeutungen lebt der Held in einer völlig antiquierten Welt. So als gäbe es kein Internet und die Realität funktionierte immer noch genauso wie in den achtziger Jahren. Positiv könnte man hier von Zeitlosigkeit sprechen, negativ von einem Ausblenden wichtiger Wahrnehmungen der Gegenwart.

Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns. Roman (Hanser)

Don Winslow: Tage der Toten

Obwohl hier Unterhaltungsliteratur bekanntlich nichts verloren hat, der kurze Hinweis auf diesen Politthriller des Don Winslow. Ich las ihn vor einigen Monaten vor und während meiner Mexiko-Studienreise als Vorbereitung. Winslow recherchierte ausführlich, um ein möglichst authentisches Bild über die mexikanische Drogenkriminalität zeichnen zu können. Das gelingt ihm auch exzellent und ist nichts für schwache Nerven, weil der Autor auch die gängigen Folter- und Hinrichtungsmethoden der Szene mit liebevoller Akribie schildert. Viele Anregungen bekam Winslow von realen Ereignissen, die man auszugsweise ebenfalls in diesem The-Atlantic-Artikel nachlesen kann, falls man es weniger blutrünstig mag.

Wer sich also für das organisierte Verbrechen in Mexiko interessiert, macht mit Tage der Toten nichts falsch. Die deutsche Übersetzung ist allerdings absolut nicht empfehlenswert. Wer des Englischen mächtig ist, sollte den Thriller deshalb unbedingt im Original lesen. Literarischen Wert konnte ich während der Lektüre keinen ausmachen, und bin deshalb schon sehr erstaunt, dass Suhrkamp inzwischen solche Bücher publiziert.

Don Winslow: Tage der Toten (Suhrkamp)

Tariq Ali: Shadows of the Pomegranate Tree

Der Pakistaner Tariq Ali schreibt historische Romane über entscheidende Momente der islamischen Geschichte. Shadows of the Pomegranate Tree beschäftigt sich mit der Rückeroberung Andalusiens durch Isabella und Ferdinand. Ich lese ihn deshalb als Einstimmung für meine Andalusien-Studienreise im letzten Monat. Der Roman beginnt brutal mit einer riesigen Bücherverbrennung durch die Inquisition. Deren Ziel: Die Auslöschung des grandiosen kulturellen Erbes durch die Vernichtung fast aller gelehrten Schriften.

Im Mittelpunkt der Handlung steht das Dorf Banu Hudayl, genauer dessen islamische Herrschaft. Der Alltag dieser bunten moslemischen Aristokratenfamilie endet mit einem brutalen Massaker durch ein christliches Ritterheer. Ali verschweigt auch die Schattenseiten der islamischen Herrschaft nicht, sondern versucht ein ausgewogenes Bild der historischen Situation zu zeichnen. Ästhetisch ist der Text nicht aufregend: Er setzt ausschließlich auf eine realistische Erzählweise. Der literarische Anspruch ist aber deutlich höher als genreüblich.

Der Roman ist ein packendes Plädoyer gegen religiösen Fanatismus und für Toleranz. Damit ist er heute aktueller als am Anfang der neunziger Jahre als er erstmals erschienen ist.

Tariq Ali: Shadows of the Pomegranate Tree: A Novel (Open Road)

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Das Literaturrezept des Michelle Houellebecq war schon immer banal: Man nehme ein provokantes Thema, verpacke es in schlichte Form und Sprache, und profitiere anschließend von dem dadurch entstandenen Empörungsbestseller. Vorsichtshalber packe man noch deftige Sexszenen in den Text. Dieses Mal funktionierte dieses Verfahren noch besser als sonst, überschnitt sich die Veröffentlichung doch wunderbar mit dem islamistischen Attentat auf die Redaktion des Charlie Hebdo.

Die Idee von Unterwerfung ist diesem Fall sogar eine originelle: Eine islamische Partei gewinnt 2022 demokratisch eine Wahl in Frankreich und baut das Land danach in eine moslemkompatible Gesellschaft um. Nahe gebracht werden uns diese Ereignisse von Francois, einem Literaturprofessor, der durch seine Dissertation über Huysman akademischen Ruhm erntete. Huysman und sein Werk ist denn auch eine strukturelle Metaebene, die regelmäßig thematisiert wird, und deren intellektuelle Klimmzüge der Roman auch dringend nötig hat, um nicht vollends in die Trivialität abzurutschen.

Houellebecq wählt für seinen Helden praktischerweise die Ich-Perspektive, um den reaktionären Nebel, den das Buch verbreitet, auf seine Figur abschieben zu können. Wer jedoch die zahlreichen Interviews zum Erscheinen des Romans in Deutschland liest, weiß, dass der Autor viele Ansichten seiner Romanfiguren teilt.

Formal ist Unterwerfung schlicht: Paris bleibt – wie die meisten anderen Handlungsorte – eine Pappkulisse für die formulierten Thesen. Kennt man die grandiosen Parisromane der französischen Literatur, dann wird dieser Mangel besonders offensichtlich. Gleichzeitig ist Houellebecq bequem: Das Buch strotzt vor unwahrscheinlichen Zufällen. So fährt Francois fluchtartig in ein französischen Dorf wo er – Zufall! – einen für die Handlung wichtigen Bekannten wieder trifft. Derartige plumpe narrative Tricks findet man in Unterwerfung zuhauf.
Selbst wenn man sich auf die fiktionalen Prämissen des Autors einlässt, stellt man zahlreiche Ungereimtheiten in seiner Erzählwelt fest. Als Beispiel sei die Reaktion der Franzosen auf die Bildung einer islamischen Regierung genannt: Quasi über Nacht ändern sich alle Kleidungsgewohnheiten und selbst muslimischen Studentinnen sieht man den Triumph sogar schon vor der Regierungsbildung an:

Vielleicht war es auch die Haltung der Studentinnen in Burka, die sich selbstsicherer und gemächlicher als sonst [!] in Dreierreihen über die Gänge bewegten, ohne die Wände zu berühren, als herrschten sie bereits über das Territorium.

Danch geht es blitzschnell:

Alle [!] Frauen trugen Hosen.

Während sich also der Alltag islamisiert und die Universitäten vorübergehend geschlossen werden, bleibt eines beim Alten: Francois kann sich über das Internet nach wie vor Damen eines Escort-Service bestellen. Das widerspricht zwar allem, was im Roman beschrieben wird, aber Herr Houellebecq braucht in seinen Büchern – siehe oben – natürlich immer einen Vorwand für saftige Sexszenen. Da darf die fiktionale Wahrscheinlichkeit gerne einmal auf der Strecke bleiben.

Abschließend noch einige Worte zur Qualität der Religionskritik in Unterwerfung. Ich nehme selbst bei diesem Thema bekanntlich kein Blatt vor den Mund, aber die Niveaulosigkeit der Islamkritik in dem Text ist abstoßend, obwohl die Vorzüge der Religion von missionarischen Figuren am Ende wortreich gepriesen werden. Das lässt sich am besten am Punkt der Polygamie festmachen. Was macht der Pariser Mann von Macht sofort nach der Konvertierung zum Islam, wenn er die Gelegenheit hat? Er nimmt Kinder als Zweitfrauen:

Das ist Aicha, meine neue Ehefrau. Sie wird sich sehr schämen, weil Sie sie nicht unverschleiert hätten sehen sollen […] Sie ist gerade fünfzehn geworden.

[…]

Und ich musste zwangsläufig an seinen Lebensstil denken: eine vierzigjährige Ehefrau für die Küche und eine fünfzehnjährige für andere Dinge…

Houellebecq verwendet Sex in Bezug auf die Moslems analog wie Antisemiten das Geld in Bezug auf Juden: Polemisch, diffamierend und die Wahrheit entstellend. Als Kontrast gibt es im Buch dafür christlich-mystischen Erlösungskitsch.

Die deutschsprachige Literaturkritik wird sich einmal dafür in Grund und Boden schämen, dass sie dieses Machwerk überwiegend positiv besprochen hat.

Michel Houellebecq: Unterwerfung (Dumont)

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal

Vor gut zwei Monaten las ich den neuen Roman Wilhelm Genazinos und stelle fest: Es sind mir kaum Details im Gedächtnis geblieben. Vermutlich liegt das daran, weil der Autor immer wieder dasselbe Buch schreibt: Ein Intellektueller Ich-Erzähler fortgeschrittenen Alters ist in einer Lebens- und Beziehungskrise. Mal ist der Beruf des Betroffenen origineller, mal weniger. Jetzt ist es ein studierter Philosoph, der sich mit diversen Jobs über Wasser halten muss und schließlich bei einer schäbigen Provinzzeitung landet. Er ist selbstverständlich auch nicht der erste Lokaljournalist in Genazinos Werk.
Höhepunkt ist einmal mehr in diesem Text die urbane Beobachtungskunst. Nach der Lektüre promeniert man einige Tage mit offeneren Augen durch die Stadt. Bei Regen im Saal birgt also keine Überraschungen. Ich habe es gerne gelesen.

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal Roman (Hanser)

Marjane Satrapi: Persepolis

Es war meine erste graphic novel. Vermutlich wird es auf absehbare Zeit auch meine letzte bleiben, weil mich das Genre überhaupt nicht anspricht. Weil Buch und Film in den letzten Jahren aber ein breites Publikum fanden, wollte ich sie als Vorbereitung für meine Iranreise nicht übergehen. Persepolis erzählt aus der Ich-Perspektive die Geschichte eines kleinen Mädchens, das während der islamischen Revolution in Teheran aufwächst. Die Erwachsenenwelt gespiegelt durch Kinderaugen ist freilich kein sehr origineller Kunstgriff mehr. Ihre säkularen Eltern schicken sie schließlich ins Exil nach Wien. Die Wiener Zeit war denn für mich auch der Höhepunkt des Buches, weil der Zusammenprall der beiden Kulturen amüsant und plausibel geschildert wird. Als Projekt interkultureller Verständigung, ist Persepolis sicher gelungen: Wer wenig über die Zeitgeschichte des Irans weiß, wird viele Wissenslücken schließen können.

Der Film spricht mich formal deutlich mehr an als das Buch. Visuell wirkt die grafische Ästhetik überzeugender auf der Leinwand als gedruckt. Ob einen die Zeichnungen ansprechen, ist freilich in erster Linie eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Marjane Satrapi: Persepolis.

Persepolis (Blu-ray)

Alice Munro: Selected Stories

Ich gebe es zu: Es ist eine Nobelpreisanlasslektüre. Allerdings stand Alice Munro schon lange auf meiner Leseliste. Ich besorgte mir einen umfangreichen Auswahlband aus, um mich erstmals ihren Erzählungen zu widmen. Ab und zu las ich dann eine Erzählung, so dass ich mehrere Monate benötigte, dieses Buch abzuschließen. Was den Inhalt der Geschichten angeht, interessieren mich die meisten gar nicht. Sie spielen überwiegend im ländlichen Kanada der Nachkriegszeit, inklusive Kühen, Truthähnen und Bauernhäusern. Hauptfigur ist meistens ein Mädchen oder eine Frau und deren Lebensprobleme. Vieles davon ist offenbar autobiographisch angeregt. Packender werden die Erzählungen, wenn sie eine zusätzliche Dimension bekommen, etwa durch intellektuelle Protagonisten. Zweifellos erschafft Alice Munro viele sehr lebensnahe Frauenfiguren, mit deren Innenleben sich Leserinnen identifizieren können. Erstaunlich ist auch, wie wenig Text die Autorin benötigt, um ihre Protagonisten zum Leben zu erwecken. Manche Erzählungen wirken wie verdichtete Romane. Der Umgang mit der erzählten Zeit ist souverän.
Setzt man Munros Schreibweise aber in Bezug zur literarischen Ästhetik des 20. Jahrhunderts, stellen sich doch viele kritische Fragen. Mögen die Texte innerhalb des Genres „realistische Erzählung“ sehr gelungen sein, heißt das ja noch lange nicht, dass es sich dabei noch um ein zeitgemäßes Schreiben handelt. Munros im Grunde langweiliger Realismus passt so gar nicht mehr in unsere Zeit. Eine kurzer Text von Kafka trifft die Realität besser als eine lange Erzählung von Munro. Ein wohl geschriebener Satz reiht sich an den nächsten wohl geschrieben Satz. Das ist in einer Welt voll schlecht geschriebener Sätze nicht wenig, langweilt mich ästhetisch und formal aber außerordentlich. Diese Selected Stories waren deshalb genügend Alice Munro für mein Leseleben.

Alice Munro: Selected Stories (Vintage Classics)

Ryszard Kapuscinski: König der Könige

Äthiopien steht als herbstliches Reiseziel derzeit ganz oben bei meinen Lesethemen und eines der berühmtesten Äthiopien-Bücher ist König der Könige. Ryszard Kapuscinski porträtiert darin die Amtszeit und den Militärputsch des äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Was nach einem Spezialtitel klingt, ist aber wesentlich mehr, nämlich die literarische Darstellung einer weltgeschichtlich kaum zu überschätzenden Staatsform: der Monarchie.

Der gebildete Durchschnittseuropäer denkt bei Monarchie an die glanzvollen Höfe des Absolutismus, mit Ludwig XIV. als Prototyp, an deren Prachtbauten, deren Machtgier und deren Kriege. In Wahrheit waren Monarchien zu einem überwiegenden Teil kleinteilige Reiche. König war schnell jemand mit ein paar Untertanen. Viele Königreiche der Antike gingen heute kaum als Bezirk durch, wobei selbstverständlich die kleinen Könige oft Untertanen mächtigere Könige waren.

Nun war das Äthiopien des Haile Selassie zwar geographisch kein kleines Königreich, was allerdings Armut und mangelnde Aufklärung angeht, kann man es aber versuchsweise einmal als Muster gelten lassen. Kapuscinski schafft es nun, die Abstrusität dieser Staatsform durch eine völlig neue Form darzustellen. Er besuchte nach dem Putsch 1974 Palastangehörige und bat sie von ihren alltäglichen Erfahrungen zu berichten. Er gibt deren Zeugnisse allerdings nicht dokumentarisch wieder, sondern gestaltete sie literarisch. Man lauscht den absurden und kafkaesken Vorgängen im Palast. Es entfaltet sich ein Bild der Korruption, Eitelkeit und Machtgier in Kombination mit geistiger und menschlicher Kleinlichkeit, das seinesgleichen in Buchform sucht. Ich bin nach der Lektüre ja immer noch skeptisch, ob die auftretenden Menschen wirklich immer so dachten und handelten, so unglaublich liest sich manches.

Entstanden ist ein universelles Kompendium menschlicher Niedrigkeit, veranschaulicht am Beispiel des Palastlebens in Addis Abeba. Die ethische Entmenschlichung, wenn man in absoluter Abhängigkeit dienen muss, liest sich stellenweise wie ein Anthropologie-Porno. In abgeschwächter Form findet man diese Verhaltensweisen und Eitelkeiten bis heute in vielen anderen sozialen Verhältnissen wieder, vom autoritären Familienverband bis hin zu Firmen. Ein Buch, an dem Misanthropen viel Freude haben werden.

Ryszard Kapuscinski: König der Könige. Eine Parabel der Macht (Serie Piper)

Alain de Botton: The Art of Travel

Zwei Gründe waren ausschlaggebend zu diesem Buch zu greifen: Einerseits bereite mich gerade auf meine Äthiopienreise vor, andererseits bekam ich den Autor von unterschiedlichen Leuten empfohlen. In diesem Buch geht de Botton unterschiedlichen Aspekten des Reisens nach. Wer praktische Reiseempfehlungen erwartet, wäre enttäuscht: Im Mittelpunkt stehen philosophische Reflexionen zum Thema. Seine Vorgehensweise ist in allen Kapiteln ähnlich: Er beleuchtet einen Gegenstand mit Hilfe eigener Erfahrung, kombiniert das aber mit denen einer kulturhistorischen Persönlichkeit. Flauberts Orientreise etwa, wenn es um Exotisches geht oder mit Wordsworths Lyrik, wenn Natur versus Stadt reflektiert wird.

De Botton ist ein intelligenter (Selbst-)Beobachter. Deshalb lesen sich seine Gedanken durchaus geistreich und als Kulturreisender erkennt man viele Fragestellungen wieder. Kurz: Es gibt dümmere Bücher. Andererseits ist seine Auswahl an Kronzeugen für Geistesmenschen (Flaubert, Hopper, van Gogh…) wenig originell, weil man sie bereits gut kennt. Es mag aber für viele Leser eine gute Appetitanregung sein, sich mit diesen Persönlichkeiten und ihren Werken weiter zu beschäftigen.

Alain de Botton: The Art of Travel (Penguin)

László Krasznahorkai: Satanstango

Üblicherweise verweigere ich aufgrund schlechter Erfahrung Literaturverfilmungen. In diesem Fall ist es nun umgekehrt: Bela Tarrs Film hat mich so begeistert, dass ich unbedingt den Roman lesen wollte, der dem Streifen zugrunde liegt.

Die erste Überraschung bei der Lektüre: Das Buch ist narrativ deutlich klarer als der Film. Während auf dem Bildschirm einige Fragezeichen zur Handlung stehen bleiben, ist der Text auf dieser grundsätzlichen Ebene nicht ambivalent. Man weiß genau, was die Figuren machen und was ihre oberflächliche Motivation ist. Der grandios-versoffene Doktor etwa ist kein Polizeispitzel, was ich beim Sehen des Films annahm, sondern er schreibt „nur“ Tagebücher über seine Umgebung.

Krasznahorkai beschreibt die wenigen Bewohner einer sich auflösenden, völlig heruntergekommenen Kolchosesiedlung. Sucht man filmische Analogien, so sind diese Figuren eine gelungene Kombination aus Ulrich-Seidl- und Aki-Kaurismäki-Figuren. Kurz: Menschliche Abgründe tun sich auf. Der Höhepunkt (besser: Tiefpunkt) des Romans ist, wie im Film, das Kapitel, wo ein zurückgebliebenes Kind erst seine Katze zu Tode foltert, um sich danach selbst mit Rattengift zu töten. Krasznahorkai kennt offenbar Kafkas Strafkolonie.

Weitere Abgründe tun sich auf, wenn man das Buch analog abstrakt zu Kafkas Werken versteht, denn offensichtlich stehen diese traurigen Gestalten nicht nur für sich selbst, sondern für den Zustand der Welt, in der wir leben. Egal, ob man das Buch wörtlich oder im übertragenen Sinne liest: Es ist ein misanthropes, illusionsloses und düsteres Buch. Damit ein willkommener Kontrapunkt zur alltäglichen Heuchelei in fast allen Medien.

László Krasznahorkai: Satanstango (Ammann)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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