Filmklassiker

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Sergei Eisenstein: Panzerkreuzer Potemkin (1925)

Regie: Sergei Eisenstein

Im Idealfall ist Kunst gleichzeitig inhaltlich und formal innovativ. Das gelingt auf hohem Niveau nicht sehr oft, weshalb diese Erfolge schnell kanonisiert werden. Ein klassisches Beispiel dafür ist Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin. Inhaltlich revolutionär, weil er die russische Revolution thematisierte, faszinierte er die Filmwelt zusätzlich mit seinen formalen Errungenschaften. Einige der Szenen sind ikonisch geworden, etwa der die Treppe hinunter holpernde Kinderwagen. Das genial in Szene gesetzte Massaker an Zivilisten rüttelt bis heute auf. Mit anderen Worten: Panzerkreuzer Potemkin ist auch das Referenzbeispiel für einen Propagandafilm. Eisenstein hatte also nicht nur einen enormen Einfluss auf den Film als Kunstform, sondern auch auf die visuelle Propaganda der Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

Panzerkreuzer Potemkin (DVD)

Jean Vigo: L’Atalante (1934)

Sieht man L’Atalante zum ersten Mal, ist man durch den ästhetischen Stilmix verblüfft. Ein junges Ehepaar tritt auf einem Schiff mit einer schrägen Crew seine Hochzeitsreise nach Paris an. Sie streiten, trennen und versöhnen sich. Vigo setzt formal gleichzeitig auf einen soliden Naturalismus, der sich an vielen Stellen des Films bemerkbar macht. So dreht er viele Szenen draußen auf dem Schiff, nachdem der Film benannt ist, und in Paris statt im Studio. Seine Figuren sind so realistisch, dass manche davon unappetitlich wirken. Gleichzeitig gibt es aber immer wieder surreal wirkende Effekte. Wie Vigo an die Filmkunst herangeht, prägte zweifelsfrei den französischen Nachkriegsfilm sehr. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum L’Atalante inzwischen zu den wichtigsten Klassikern der Filmgeschichte gezählt wird. Die schonungslose Darstellung des jungen Ehepaars samt ihres Sexuallebens zählt sicher ebenso dazu.

L’Atalante (DVD)

Svend Gade, Heinz Schall: Hamlet (1921)

Filmcasino 9.3. 2014

Heidelinde Gratzl: Akkordeon
Jovan Torbica: Kontrabass

Dieser Hamlet war für mich eine völlige Überraschung: Hamlet wurde nicht nur von Asta Nielsen gespielt, sondern war auch in der Geschichte in Wahrheit eine Frau. Gertrude brachte nämlich ein Mädchen zur Welt, gab es aber als Jungen aus, um die Thronfolge zu sichern. Das löst dann tatsächlich auch ein Geschlechterchaos aus, weil Ophelia nun als Geliebte nicht mehr in Frage kommt, dafür die Männer für Hamlet plötzlich attraktiv werden. Diese Interpretation basiert auf dem Buch The Mystery of Hamlet (1881) des amerikanischen Shakespeare-Forschers Edward P. Vining.

Das wirkt noch heute verstörend irritierend, weil – abgesehen von einigen bei Shakespeare nicht enthaltenden Szenen – der Kern des Dramas beibehalten wird. Inklusive der Entlarvung durch eine Theateraufführung. Der freie Umgang mit den Geschlechterrollen überrascht mich sehr, obwohl ich natürlich weiß, dass die zwanziger Jahre gerade in Berlin sehr freizügig waren. Ein spannendes Filmerlebnis, zumal die gelungene Livemusikbegleitung zusätzlich für Atmosphäre sorgte.

Godard: À bout de souffle (1960)

Der erste „richtige“ Spielfilm des Jean-Luc Godard verblüffte die Filmwelt durch seine ungewöhnliche Ästhetik. Der junge Jean-Paul Belmondo spielt einen Kleinkriminellen, dessen aufgesetzte Coolness man ihm nur selten abnimmt. Formal ist der Film durch seine Schnitte und die mangelnde Rücksicht auf Genreregeln sicher spannend. Erstaunlich ist auch, dass er mehr als fünfzig Jahre nach seiner Entstehung immer noch avantgardistisch und modern wirkt. Ich sehe zwar den ästhetischen Einfluss auf das spätere Filmschaffen: Persönlich spricht mich À bout de souffle aber nur wenig an.

Außer Atem (DVD)

Francis Ford Coppola: Apocalypse Now (1979)

Dieser Film belegt wieder einmal, dass oft jene Literaturverfilmungen die Besten sind, welche am wenigsten am Text kleben. Ich meine damit natürlich Joseph Conrads Heart of Darkness, das die Suche des Captain Benjamin L. Willard nach Colonel Walter E. Kurtz offensichtlich inspirierte. Die Irritationskraft des Films ist ebenso gewaltig wie dessen Bildmächtigkeit. Ich frage mich beim Ansehen sogar, ob diese starken visuellen Effekte manchmal die Antikriegsintention des Werks ungünstig überlagern. Coppola will anscheinend weniger zum Nachdenken anregen als durch Effekte schockieren und beeindrucken. Angesichts der Rezeptionsgeschichte und des hohen Stellenwerts des Streifens in der Populärkultur, ist ihm das exzellent gelungen.

Apocalypse Now (Blu-ray)

Murnau: Faust. Eine deutsche Volkssage (1926)

Filmcasino / Akkordeon Festival 23.2. 2014

Tino Klissenbauer: Akkordeon
Florian Wagner: Gitarre

Das Akkordeon Festival ist inzwischen auch eine wichtige Bereicherung der Wiener Filmszene, werden doch Jahr für Jahr wieder Stummfilme mit Livemusikbegleitung gebracht. Den Auftakt heuer machte Murnaus Faustverfilmung. Wie Murnau diesen Klassiker mit den filmischen Mitteln der zwanziger Jahre in Szene setzt, ist visuell beeindruckend. Ebenfalls sein freier Umgang mit dem Stoff. Von Goethes Faust nimmt der Regisseur vor allem die Gretchengeschichte, die er teils unglaublich werkgetreu (Spinnrad) teils völlig frei interpretiert. Fausts Beschwörung des Mephisto wird hier nicht durch individuelle Verzweiflung und Weltekel motiviert, sondern durch die Pest, welche die Bewohner seiner Stadt dahin rafft. Faust will ihnen helfen und beschwört deshalb aktiv das Böse, während Mephisto bei Goethe Faust bekanntlich buchstäblich zuläuft. Das Intellektuelle tritt bei Murnaus Faust deutlich zurück. Das Studierzimmer des Gelehrten, in dem die sich Bücher wie Müll stapeln, setzt das drastisch ins Bild.
Musikalisch setzten die beiden Musiker viel auf Elektronik. Während die Pestszenen von einer starken Rhythmik beherrscht waren, trat diese am Ende sehr zurück. Insgesamt schaffen es die beiden aber, den Film ästhetisch sehr zu unterstützen, speziell was dessen Emotionalität betrifft. Ein sehr erfreuliches Erlebnis.

Ozu Yasujiro: Late Spring (1949)

Dieser späte japanische Frühling kurz nach dem zweiten Weltkrieg konzentriert sich scheinbar auf das Private. Ozu Yasujiro analysiert, wie soziale Konventionen das Glück der Menschen beeinflussen. Wie negativ dieser Einfluss sein kann, zeigt das zentrale Ereignis des Films: Eine ausgesprochen traurige Hochzeit. Die Braut ist Noriko, die von ihrem Vater Shukichi Somiya in die Ehe gedrängt wird. Der ist allerdings kein Spießer, sondern ein intellektueller Professor und will für seine Tochter wirklich nur das Beste. Noriko würde am liebsten bei ihrem verwitweten Vater bleiben, was dieser aber in ihrem Interesse strikt ablehnt. Ansonsten gibt es noch die Tante Masa, deren aufdringliche Kuppeleiversuche die Angelegenheit erst in Gang bringen.
Ästhetisch ist der Film makellos. Yasujiro arbeitet oft mit Aussparungen. Selbst wichtige Szenen zeigt er nicht. In diesem Fall ist die Hochzeit genialerweise ausgespart, obwohl sie eines der wichtigsten Handlungselemente ist. Wir werden als Zuseher nur mit den Konsequenzen konfrontiert. Die narrative Strategie des Regisseurs erinnert an einen formal sorgfältig gebauten Roman.

Late Spring (DVD)

Robert Bresson: Au hasard Balthazar (1966)

Bressons Film ist wohl der beste Tierfilm der Filmgeschichte. So verzichtet er auf die üblichen sentimentalen Konventionen des Genres. Stattdessen nutzt er die Hauptfigur des Streifens, um einen kalten Blick auf die Menschheit zu werfen. Diese Hauptfigur ist der Esel Balthazar, dem im Laufe seines Lebens mit zahlreichen Besitzerwechseln übel mitgespielt wird.
Die Menschen, deren narratives Bindeglied das Tier ist, machen sich meist selbst das Leben zur Hölle. Der französische Existenzialismus lässt grüßen. Großartig ist der Minimalismus des Films. Kein Wort, keine Szene ist zuviel. Trotz (wegen?) dieser ästhetischen Sparsamkeit gelingt Bresson mit Au hasard Balthazar eine Parabel auf das Leben der Menschen überhaupt. Ein Film voller Wahrheit und deshalb naturgemäß düster.

Au hasard Balthazar (DVD)

Akira Kurosawa: Seven Samurai (1954)

Diese historische Saga über das von Räubern bedrohte arme Bauerndorf (1587), das sieben Samurai als Schutz anheuert, schrieb Filmgeschichte. Zahlreiche Western übernahmen die narrative Grundstruktur. Beeindruckend ist vieles an dem Werk. Um mit dem Ende anzufangen: Die Darstellung der Gewalt ist der Gegensatz dessen, was man vom amerikanischen Actionkino kennt. Die Kampfszenen sind realistisch unbeholfen. Statt Heroismus sehen wir Schlamm, Dreck und Angst.

Im Film passt jedes Detail. Die Darstellung der Beziehung zwischen den Dorfbewohnern und den Samurai etwa, die erst von Angst geprägt ist und danach von einer „militärischen“ Beziehung abgelöst wird. Die Darstellung des tristen Dorflebens. Das Herausarbeiten der unterschiedlichen Charaktere. Die furiose Figur des „falschen“ Samurai Kyuzo, der gleichzeitig ein Draufgänger und ein Held ist. Das fehlende Happy End.

Die sieben Samurai (DVD)

Ingmar Bergman: Persona (1966)

Persona ist einer der furiosesten Filme des Depressionsspezialisten Ingmar Bergman. Bereits in den ersten Sekunden sieht man, wie ein Schaf geschlachtet und ein Nagel durch eine Hand geschlagen wird, um nur zwei Szenen der schnell geschnittenen Eröffnungssequenz zu erwähnen.
Der Film ist fast durchwegs in einem ontologischen Schwebezustand gehalten. Was real, was geträumt, was ein Film im Film ist, kann man nie mit Sicherheit feststellen. Klare formale Marker gibt es dafür nicht. Trotzdem entwickelt sich die Geschichte der neurotisch stummen Schauspielerin Elisabet Vogler und ihrer Krankenschwester Alma einigermaßen chronologisch. Im Laufe der Zeit wird die psychisch Kranke Elisabet immer gesünder und ihre Pflegerin Alma psychisch immer labiler.
Die Ambivalenz auf der formalen wie auf der inhaltlichen Ebene generieren die Rätselhaftigkeit des Films. Diese ästhetische Kompromisslosigkeit ist ebenso beeindruckend wie die düstere Atmosphäre des Werks.

Persona (DVD)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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