Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder (1542)

Nach meiner Südamerika-Reise lässt mich das Thema nicht los. Eigentlich wollte ich den berühmten Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder noch als Vorbereitung lesen, es wurde nun eine Nachbereitungs-Lektüre.

Das Buch ist auf mehreren Ebenen faszinierend. Erstens gilt es als die wichtigste Quelle über die Behandlung der Eingeborenen durch die spanischen Eroberer. Zweitens ist es eine furiose Polemik gegen die Brutalität der Spanier aus der Feder eines berühmten Bischofs. Drittens entflammte nach dem Verfassen der Schrift im Jahr 1542 eine heftige Debatte über die Objektivität des Berichts. Das Buch zählt wohl zu den umstrittensten und heftigst bekämpften Publikationen der Geschichte. National gesinnte spanische Historiker sehen in Bartolomé de Las Casas (1485-1566) bis heute einen Verräter an der großen Zivilisationsgeschichte des spanischen Imperiums. Viertens schließlich ist das Werk für einen Reisebericht des 16. Jahrhunderts formal und inhaltlich sehr ungewöhnlich.

Um mit dem letzten Punkt anzufangen: Reiseberichte aus der frühen Neuzeit sind meist mit fantastischen Elementen angereichert. Fabelwesen sind keine Seltenheit. Las Casas Bericht ist dagegen inhaltlich realistisch in dem Sinne, dass er keinerlei fabelhafte Elemente enthält. Alles könnte sich so zugetragen haben, wie er es beschreibt. Er war bei vielen Dingen ja auch Augenzeuge, was er regelmäßig betont. Rhetorisch verwendet der Text fast durchgehend Elemente, die an Predigten erinnern. Das verleiht den anklagenden Elementen eine gehörige Wucht und trägt viel zur Wirkung des Textes bei. Die strukturellen Wiederholungen dagegen wirken auf heutige Leser monoton. Angesichts der geschilderten Bestialitäten wäre diese rhetorische Überhöhung eigentlich gar nicht notwendig gewesen:

Große und Edle brachten sie gewöhnlich folgendergestalt um: sie machten Roste von Stäben, die sie auf Gabeln legten, darauf banden sie die Unglücklichen fest, und machten ein gelindes Feuer darunter, bis sie nach und nach ein jämmerliches Geschrei erhoben, und unter unsäglichen Schmerzen ihren Geist aufgaben.
Ich kam einmal dazu, als sie vier bis fünd der vornehmsten Indianer auf solchen Rosten verbrannten. Wo ich nicht irre, so nahm ich noch zwei oder drei dergleichen Roste wahr, worauf Leute geringern Standes lagen. Sie alle machten ein gräßliches Geschrei, das dem Befehlshaber lästig fiel, oder ihn vielleicht im Schlafe störte. Er gab Befehl, man sollte sie erdrosseln; der Alguacil […] war weit grausamer als der Henker, welcher sie verbrannte; er ließ sie nicht erdrosseln, sondern steckte ihnen mit eigener Hand Knebel in den Mund, damit sie nicht schreien konnten, und schürte das Feuer zusammen, damit er sie so gemach braten konnte, wie er es wünschte.
[S. 13]

Es bleibt die Frage, ob sich diese Dinge wirklich so zutrugen, oder ob es sich um kranke Erfindungen handelt, wie die Gegner Las Casas von Anfang an behaupteten. Hans Magnus Enzensberger schlägt sich in seinem kenntnisreichen Nachwort auf die Seite Las Casas. Eines der stärksten Argumente für die Authentizität sind die vielen Details, die Las Cases korrekt beschreibt, und die er eigentlich nur wissen konnte, wenn er wirklich Augenzeuge war. Ich würde ergänzen, dass die beschriebenen Grausamkeiten ja in Teilen der Welt bis heute Alltag sind, man denke etwa an den Bürgerkrieg im Kongo.

So richtig die Details zu sein scheinen, desto fragwürdiger sind einige seiner Generalisierungen. So schreibt er fast nach jeder Schilderung der spanischen Ausrottungsbemühungen, dass die Gegend danach fast frei von Eingeborenen gewesen sei. Das behauptet er auch von Peru, wo sicher nach den „Aktivitäten“ der Spanier das Land nicht entvölkert gewesen ist. Andererseits geht die aktuelle Forschungslage davon aus, dass mindestens 80% der Einheimischen durch europäische Krankheiten in einem relativ kurzen Zeitraum starben.

Prinzipiell schließe ich mich der Auffassung Enzensberger an, dass zumindest die Essenz der beschriebenen Ereignisse wahr sein muss. Unabhängig von der Diskussion ist Las Casas Bericht eine frühe Philippika gegen barbarischen Umgang mit Fremden und alleine das sichert ihm dauerhaft seinen Platz als Klassiker.

Bartolomé de Las Casas: Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder.

8 Antworten auf Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder (1542)

  • @chaperon3 sagt:

    Interessant hierzu finde ich Todorov, der aufzeigt, wie schwer sich – bei allem Edelmut – doch auch Las Casas mit dem „Anderen“ tut, indem er die Polarität lediglich verkehrt: Die „sanftmütigen und friedfertigen“ Indianer sind letztlich die wahren Christen, „mehr noch als alle anderen Völker der Welt geneigt und bereit, das Wort Gottes und die Verkündigung der Wahrheit zum empfangen“ (Las Casas: Apologia, 1).
    Las Casas‘ Realismus scheint jenseits der geschilderten Brutalitäten der Eroberer hingegen an seine Grenzen zu stoßen. Hierzu Todorov: „Man muss erkennen, dass das Portrait der Indianer, das man aus den Werken Las Casas‘ entnehmen kann, eindeutig dürftiger ist als das von Sepúlveda (!) hinterlassene: Über die Indianer erfährt man bei ihm faktisch nichts. Zwar ist unbestreitbar, dass das Vorurteil der Superiorität ein Hindernis auf dem Wege der Erkenntnis ist, doch man muss dann auch zugeben, dass das Vorurteil der Gleichheit ein noch größeres ist, denn es besteht darin, den anderen schlicht und einfach mit dem eigenen „ich-Ideal“ (oder mit dem eigenen Ich) zu identifizieren.“ (Die Eroberung Amerikas)
    Bei Las Casas sind es dagegen die “Türken und Mauren, die für das wahre Chaos der Barbarei stehen“ (Apologia, 4) und für die er nur wenig Mitgefühl zeigt; wohl deshalb, weil sie sich als nicht christlich assimilierbar erweisen.
    http://goo.gl/QVupB

  • Walter Brusius sagt:

    Das ist ja eine seltsame Überraschung, hier auf diesen Titel zu treffen. Ich las das Buch als Sechszehnjähriger, auf dem Dorf, ich entdeckte es in der Buchhandlung in der Stadt und griff es wegen dem Titelbild, darauf waren Indianer zu sehen, ich las bis dato nur Karl May und dachte etwas in der Art über die Indianer zu finden. Also freudig … und um so größer waren dann die Verwüstungen, die die Lektüre dieses Buches in mir anrichteten …
    Zu Kongo fällt mir nicht nur der Bürgerkrieg ein, Schwarz gegen Schwarz, sondern auch die Greuel der Belgier, die davor ebenso maßlos und bestialisch unter den Farbigen wüteten …
    Aber was sind die Belgier, dieses Elend ließe sich wohl beliebig fortsetzen …
    Es macht einen sprachlos.

  • @chaperon3: Toller Hinweis, danke! Habe eben das Buch Todorovs bestellt.

  • Als Techniker und nur Hobby-Geschichtsinteressierter stellt sich mir „die Frage“ (ihr erster Absatz nach dem Zitat) unter Berücksichtigung des im nächsten Absatz erwähnten Umstandes, dass „mindestens 80% der Einheimischen … in einem relativ kurzen Zeitraum starben“, nicht (mehr).

    Sie denken doch nicht wirklich, dass ein 56-jähriger, vormaliger Bischof & Prokurator noch eine nennenswerte Anzahl dieser bemitleidenswerten Kreaturen in seinem Umfeld vorfand.
    Die noch lebenden mieden wohlweislich längst den Kontakt mit den Apostel-Nachfahren.
    Im übrigen denke ich nicht, dass das Aussterben div. indigener Völker nachträglich heute noch erkenntnisreich zwischen Seuchen und Massenmord ausdifferenziert werden kann noch muss. (Mir reichen meine Erkenntnisse über Pizarro und Cortés, die ich als Junge bewundert habe. Namentlich der Legitimierung der Conquista durch die herrschende Klasse in Europa. Für mich ist das alles denkbar und folgerichtig. – Wenn Las Casas auch sicherlich ’seine‘ verzerrte Sicht auf Indigos und Schwarze hatte!)

    Vielen Dank – ich werde wohl wiedermal reinschneien…
    MfG, HF

  • … öh … immer noch hier – das Wetter ist schlecht.

    Schönen Abend & Gruß nach Ibk. aus Sbg.

  • Dr. Michael Sievernich sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Köllerer,
    besten Dank für Ihren Kommentar zur „Brevísima Relación“ des Las Casas, die in der Tat ein Klassiker ist. Beim Text gehen Sie offensichtlich von der älteren Ausgabe von Enzensberger aus, die durch eine neuere, von mir herausgegebene Ausgabe überholt ist. Die neue Ausgabe enthält eine neue Übersetzung in heutigem Deutsch, den vollständigen Text und vor allem einen Beitrag zur literarischen Gestaltung des Textes als „Fürstenspiegel“ und zur Geschichte der politischen Nutzung. Das wird auch einige Fragen, klären, die Sie zu Recht aufwerfen. Gute neue Lektüre!
    Dr. Michael Sievernich

  • Vielen Dank für diesen Hinweis!

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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