Tolstoi: Krieg und Frieden

Kasino des Burgtheaters 10.1./8.12.

Regie: Matthias Hartmann

mit
Elisabeth Augustin
Stefanie Dvorak
Sabine Haupt
Yohanna Schwertfeger
Mareike Sedl

und
Franz Csencsits
Sven Dolinski
Ignaz Kirchner
Peter Knaack
Fabian Krüger
Oliver Masucci
Rudolf Melichar
Udo Samel
Moritz Vierboom

[8.12.] Nach der im letzten Januar gesehen „Generalprobe“ nun also die „Premiere“. Die Unterschiede halten sich in Grenzen. Einiges wird etwas mehr herausgearbeitet, anderes zurückgenommen. Die multimediale Inszenierung wirkt noch professioneller. Auch beim zweiten Mal bestätigte sich mein Eindruck: Es war einer meiner besten Theaterabende überhaupt.

[10.1.] Während an manchen Bühnen schnell zusammeninszenierte Stücke pompös Premiere feiern, reagiert bei diesem gelungenen Theaterprojekt das Understatement: Es wird als öffentliche Probe verkauft. Dabei sind die fünf Stunden des Abends so penibel vorbereitet wie ein Diner für die beste Gesellschaft St. Petersburgs.

Wie kann man eine so „verrückte Idee“ haben, einen etwa 1600seitigen Roman auf die Bühne zu bringen? mag sich mancher fragen. Gibt es nicht schon genügend schlechte Verfilmungen? Matthias Hartmann versucht das anscheinend Unmögliche, und das Publikum ließ sich fünf Stunden lang in den Bann ziehen. Selbstverständlich kann man in dieser Zeit nur einen kleinen Teil des Romans veranschaulichen, aber die Auswahl der Kapitel ist so geschickt und die Darstellung der Romanfiguren so überzeugend, dass man tatsächlich einen hervorragenden Eindruck von Tolstois Monumentalwerk erhält.

Die Inszenierung ist irgendwo zwischen einer szenischen Lesung und einer Dramatisierung des Textes angesiedelt. Alle wichtigen Figuren werden durch Schauspieler verkörpert, wobei einige mehrere Figuren spielen. Die schauspielerische Leistung war exzellent. Teilweise werden Szenen gespielt, aber oft sprechen die Figuren schlicht Tolstois Beschreibungen. D.h. sie berichten in der dritten Person von sich. Was künstlich klingt, funktioniert auf der Bühne hervorragend. Das Bühnenbild besteht aus einem langen Tisch (zusammengestellt aus vielen kleinen Tischen) und jeder Menge Stühle, die auf verblüffende Art und Weise als Requisiten eingesetzt werden. Multimediale Technik und Livemusik kommen ebenfalls zum Einsatz. Zur Orientierung wird die Seitenzahl auf die Wand geworfen, so dass man immer weiß, wo die eben gezeigten Szenen im Roman angesiedelt sind.

Tolstois fesselnde Erzählkunst wird damit so kreativ in einen Theaterraum transferiert, dass ich gerne noch viel Weltliteratur in dieser Form sehen würde. Ein aufwändiges, originelles, berührendes, witziges, kurzweiliges Theaterprojekt. Unbedingt ansehen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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