Alessandro Manzoni: Die Brautleute. Mailändische Geschichte aus dem 17. Jahrhundert

In der Welt der Kultur gibt es wenige Sparten, welche mit der überraschenden Vielfalt des klassischen europäischen Romans mithalten können. Selbst wenn man sich Jahrzehnte mit dieser Welt beschäftigt, lässt aufgrund des unglaublichen Abwechslungsreichtums die Faszination nicht nach.

Nun sind „Die Brautleute“, natürlich keine entlegene Entdeckung. Nicht nur literaturinteressierte Italiener wie Umberto Eco geraten über diesen Text ins Schwärmen, auch sonst wird er gerne, selbstverständlich nach Dante, zu den wichtigsten italienischen Klassikern gezählt. Eine anstehende Italienreise war nun der Anlass, diese Leselücke endlich zu schließen.
Die erzählerische Konstruktion des Romans ist selbst klassisch: Der Erzähler gibt vor, eine alte Handschrift mit dieser Geschichte gefunden zu haben und gibt in der aparten Vorrede einen Ausschnitt daraus wieder, im besten blumigen Barockstil. Natürlich könne man das dem modernen, ungeduldigen Leser nicht mehr zumuten, weshalb sich der Erzähler entschliesst, die Handlung „unbarock“ nachzuerzählen.

Damit nimmt Manzoni seine Leser auf knapp 900 Seiten zu einem Parforceritt durch die norditalienische Gesellschaft und Geschichte mit, der in Sachen Präzision, Perfektion, Welthaltigkeit und Humanität den Vergleich mit den besten europäischen Klassikern nicht zu scheuen braucht. Will man sich partout auf ein Genre festlegen, wäre der Roman im Dreieck historischer Roman, Gesellschaftsroman und sozialer Roman gut aufgehoben.
Die Handlung setzt mit der Drohung eines adligen Schurken gegenüber eines Pfarrers ein, zwei junge Brautleute auf keinen Fall zu trauen, da er selbst ein Auge auf das Dorfmädchen geworfen hat. Diese Erpressung setzt nun eine sich beschleunigende Handlungsspirale in Gang, die hier im Detail nicht nacherzählt werden muss, aber einen umfangreichen Einblick in die marode (Rechts)staatlichkeit liefert, wo die Leute der unteren Stände der Willkür ihrer Feudalherren ausgeliefert waren. Man begegnet berühmten Schurken, feigen Gelehrten, heroischen Mönchen, opportunistischen Pfarrern, dümmlich-machtgierigen Familienpatriarchen, ins Kloster gezwungenen adligen Mädchen, korrupten Gestalten aller Schichten, unfähigen Politikern, Revolutionären & Aufständische, marodierenden Soldaten …

Die geschichtlichen Ereignisse der Zeit schwappen regelmäßig in den Roman hinein und die von Manzoni geschilderten Massenszenen gehören zu den besten, die ich bisher las. An erster Stelle ist hier die Hungerrevolte in Mailand und die darauf folgende Pestkatastrophe zu nennen, die mit einer ungeheuerlichen Eindrücklichkeit beschrieben wird. Es ist nicht zuletzt das tiefgründige Verständnis der menschlichen Natur, was „Die Brautleute“ in den Pantheon der europäischen Literatur erhebt. Eine ebenso unterhaltsame wie geistreiche Lektüre also.
Für meinen Geschmack gibt es etwas zu viele christliche Helden (denen freilich auch ein Potpourri an korrupten Klerikern gegenübersteht), aber das nimmt man bei diesem Buch gerne in Kauf.

Abschließend sei als Anekdote noch erwähnt, dass wir durch einen Zufall sehr genau wissen, wer der erste deutsche Leser war: Manzoni schickte seine Romanbände druckfrisch an Goethe, der sie innerhalb einer Woche sehr angeregt las. Seine Meinung darüber hat Eckermann festgehalten.

Allesandro Manzoni: Die Brautleute (dtv)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets