Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (4)

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Während die Rede Kleons belegt, dass sich (immer auf einer vergleichsweise abstrakten Ebene gesprochen) grundlegende rhetorische Strategien reaktionärer Populisten in den letzten 2400 Jahren wenig verändert haben, gilt das auch für die Gegenseite. Diodotos wirkt wie ein moderner, aufgeklärter Humanist, wenn er sich gegen die Ausrottung der mytilenischen Bevölkerung ausspricht. Er beginnt mit einer Verteidigung der rationalen Vorgehensweise in dieser Angelegenheit:

[…] mir scheint, die beiden größten Feinde guten Rates sind Raschheit und Zorn, von denen das eine gern bei der Torheit weilt, das andere bei Unbildung und kurzen Gedanken. Und wer das Reden bekämpft, als sei es nicht die Schule für das Tun, ist unverständig oder hat ein eigenes Interesse: unverständig, wenn er meint, es gebe irgendeinen andern Weg, sich über Künftiges und nicht Augenfälliges zu verständigen […]

Diodotos‘ Argumente gegen die Todesstrafe haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren:

Es ist in der Natur, daß alle, seien es Einzelne oder Staaten sich schuldig machen, es gibt kein Gesetz das zu hindern; denn alle Strafen haben die Menschen schon durchversucht, immer steigernd, um so vielleicht Ruhe zu bekommen vor den Frevlern

[…]

Entweder gilt es also noch einen gewaltigeren Schrecken zu erfinden, als diesen – oder es gibt kein Hindernis. Sondern die Armut, die verwegen ist aus Not, und die Macht, habgierig aus Frevelmut und Stolz, und alle anderen Lebensumstände, wie sie die Menschen mit irgendeiner Leidenschaft fassen, sie alle reißen mit ihren wechselnden Übergewalten unwiderstehlich zum Wagnis.

Milieutheorie, psychologische Faktoren, Kriminalität aus Machtgier: Alles was man im Zuge der europäischen Strafrechtsreformen in den letzen 250 Jahren mühsam erarbeitete, bei Thukydides hätte man sich die richtigen Anregungen holen können …
Der Redner argumentiert nüchtern und emotionslos, auch wenn er die Frage der Gerechtigkeit ins Spiel bringt:

Vernichtet ihr aber das Volk von Mytilene, das gar keinen Teil hatte am Abfall und, sobald es in Waffen in die Hand bekam, euch willig die Stadt übergab, so wäre dieser Mord an euren Freunden ein Frevel, zweitens würdet ihr mit diesem Beispiel den Vermögenden in aller Welt den größten Gefallen tun. Denn sooft sie eine Stadt euch abwendig machen, werden sie alsbald das Volk auf ihrer Seite haben: ihr habt ja gezeigt, daß bei euch die gleiche Strafe die Fehlbaren bedroht wie die Unschuldigen. Richtig aber wäre, selbst wenn sie gefehlt haben, still darüber wegzugehen, damit das einzige, was noch zu uns hält, uns nicht auch noch feind wird.

Die Athener entscheiden sich für diese Argumente und die Mytilener werden im letzten Moment gerettet (eine Episode übrigens, in der Thukydides einmal mehr sein Erzähltalent zur Entfaltung bringen kann).

Nimmt man ein paar beliebige Reden europäischer Populisten aus dem letzten Jahr und vergleicht sie mit den Erwiderungen ihrer Gegner, stellt man schnell fest, dass die Auseinandersetzung zwischen Kleon und Diodotos eine mustergültige antike Vorlage dafür abgibt. Hier Ressentiments, dunkle Emotionen, Vorurteile, Geistfeindlichkeit, Grausamkeit gegen Schwächere; dort rationales Abwägen, Humanität, empathisches Verständnis für die unschönen Seiten der menschlichen Natur. Den Kern der Aufklärungsidee (die von ihren Gegnern immer fälschlich auf Zweckrationalität reduziert wird), man findet ihn bei den alten Griechen. Begeisterung ist freilich unangebracht, wenn man die Idee 2400 Jahre später mit der Wirklichkeit vergleicht.

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(5. Januar 2013)

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