Matthew Stewart: The Courtier and the Heretic. Leibniz, Spinoza, and the Fate of God in the Modern World

Das siebzehnte Jahrhundert steht bei an Geistesgeschichte interessierten Leser*innen selten im Fokus. Da ist die Philosophie der Antike oder der Aufklärung viel populärer. Platon und Kant wird öfters gelesen als Leibniz. Deshalb ist das bereits 2006 erschienene Buch The Courtier and the Heretic von Matthew Stewart sehr begrüßenswert, stellt es doch unterhaltsam zwei der wichtigsten philosophischen Protagonisten in den Mittelpunkt: Spinoza und Leibniz.

Zwar wirft die Philosophiegeschichte beide mit guten Gründen in den Topf des Rationalismus. Trotzdem könnte ihr Leben und ihr Denken kaum unterschiedlicher sein. Ihre Persönlichkeiten differieren ebenfalls, was für einen Sachbuchautor natürlich ausgesprochen dankbar ist. Stewart behandelt die beiden in abwechselnden Kapiteln. Ihre persönlichen Kontakte im Laufe ihres Lebens entwickelt sich damit fast zwangsläufig dramaturgischen Höhepunkten.

Aus heutiger Sicht interessanter ist natürlich Spinoza, einer der großen unabhängigen Denker der europäischen Geistesgeschichte. Von fanatischen Christen aus Portugal vertrieben, landet seine jüdische Familie in Amsterdam. Ein Glücksfall insofern, weil damals wohl die intellektuell freigeistigste Stadt der Welt. Spinozas kritische Souveränität zeigt sich früh daran, dass er nicht nur bei Christen aneckt, sondern mit seinen aufklärerischen Gedanken auch seine jüdische Gemeinde verschreckt. Nachdem es ihnen nicht gelingt, Spinoza durch „Bestechungen“ zum Schweigen zu bringen, wird er schließlich aus der Gemeinde geworfen. Seine „Ketzereien“ sind vielfältig. So ist er einer der ersten Denker, welche den Text der Bibel historisieren. Man müsse den Pentateuch im Kontext der Entstehung sehen. Dass er später auch den personalisierten Gott mit seiner geometrischen Methode beseitigt, ist hinreichend bekannt, und trägt ihm lange das Label „Atheist“ ein.

Entsprechende Zitate lesen sich auch heute noch frisch:

„The supreme mystery of despotism, its prop and stay, is to keep men in a state of deception, and with the specious title of religion to cloak the fear by which they must be held in check, so that they will fight for their servitude as if for salvation.“
– Spinoza

Spinoza lebte bescheiden und verdiente seinen Lebensunterhalt durch optische Arbeiten.

Leibniz ist im Vergleich dazu ein pompöser Hofschranz. Eitel und karrieregeil.

In den Worten des Autors:

If we define a Philosopher’s Unit as the amount a given philosopher feels is required to sustain himself in good philosophical spirits, then we may deduce:
1 Leibniz Unit = 11 Spinoza Units.

Intellektuell war seine Eitelkeit immerhin gerechtfertigt, erfindet er doch etwa nebenbei die Integralrechnung, wie unabhängig von ihm auch Newton. Seine Monadenmetaphysik ist dagegen ein ebenso gewagtes Modell, wie seine Theologie. Steward nennt ihn hübsch „an ontological poet“. Über seine „beste aller Welten“ machte sich im nächsten Jahrhundert noch Voltaire ausführlich lustig. Von Spinoza ist er deshalb gleichzeitig fasziniert wie abgestoßen und versucht immer wieder hinter den Kulissen Informationen über ihn zu bekommen. Seine zum Teil schrägen Projekte nimmt sich Matthew Stewart ebenso ausführlich vor wie diverse berufliche Intrigen. Leibniz hasste sein Leben in Hannover und will sich immer wieder vergeblich nach Paris absetzen. Ein Beispiel für eines seiner absonderlichen Projekte? Der junge Leibniz will Ludwig XIV. zu einem heiligen Krieg gegen Ägypten überreden und schreibt diesen Plan auf 200 Seiten nieder.

Leibniz schreibt über alles und jedes: 150.000 Seiten sind von ihm überliefert.

The Courtier and the Heretic ist kein Fachbuch, auch wenn Stewart sich Mühe gibt, die Debatten der Zeit korrekt und allgemein verständlich darzustellen. Es ist aber sicher eines der gelungensten Sachbücher über Philosophiegeschichte der letzten 20 Jahre.

Matthew Stewart: The Courtier and the Heretic. Leibniz, Spinoza, and the Fate of God in the Modern World (W.W. Norton)

 

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