Bibliomane Betrachtungen (1)

[Aus dem Archiv]

Die guten Leutchen, fuhr er fort, wissen nicht, was es Einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht, und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre.
(Goethe, aus den Gesprächen mit Eckermann)

Man liest von Lesern immer wieder, dass sich im Laufe des Lebens die Lesegewohnheiten verändern. In den letzten Jahren bestätigte sich das auch in meinem Fall. Vor dem Abitur und während des Studiums wollte ich mir möglichst schnell einen literarischen Überblick verschaffen. Ich bewegte mich kreuz und quer durch die Literaturgeschichte. Studienbedingt mit Fokus auf deutschsprachige Literatur, aber auch die Weltliteratur kam nicht zu kurz. Die deutsche Literaturgeschichte erlas ich mir ziemlich systematisch von den mittelhochdeutschen Klassikern bis zur Gegenwartsliteratur (Schwerpunkte 18. und 20. Jahrhundert). In den Gefilden der Weltliteratur durchstöberte ich gerne die berühmtesten Ecken. Die unverzichtbaren Russen (den kompletten Dostojewskij, die fabelhaften Romane Tolstois, die hinterhältigen Stücke Tschechows), den einschlägigen Franzosen (vom strengen Corneille über den oft formlos brillanten Balzac bis hin zum Stilneurotiker Flaubert), den schreibwütigen Engländern (wer den „Tristram Shandy“ nicht kennt, dem bleiben viele Möglichkeiten der Literatur verborgen), um nur einige zu nennen. „Don Quijote“ muss als singuläres Phänomen ebenso herausgehoben werden, wie das sprachliche Hochplateau Shakespeare.
In dieser Zeit las ich bis zu zweihundert Bücher jährlich und verschaffte mir sukzessiven Einblick in die Höhen und Tiefen der Sprachkunst. Der ständig wachsende literaturwissenschaftliche Werkzeugkasten war dabei ein nützlicher Begleiter. Die Gegenwartsliteratur kam durch diverse literaturkritische Aktivitäten auch nicht zu kurz.
Philosophisches wurde aus akademischen Gründen auch nicht vernachlässigt, allerdings liegt es in der Natur (besser: dem Geist) der Sache, dass philosophische Klassiker in kurzer Zeit nicht in großer Zahl zu lesen sind. Der Lektüreschwerpunkt bewegte sich an den beiden Enden der Philosophiegeschichte: Die alten Griechen (Platon!) auf der einen, die analytischen Philosophen aus dem 20. Jahrhundert auf der anderen Seite.
Diese exzessiven Lektüregewohnheiten hielten sich etwa bis Anfang Dreißig. Danach trat eine erst schleichende, bald nicht mehr zu übersehende Änderung ein. Ich las immer weniger in die Breite, um damit mein „empirisches“ Wissen um die Literatur zu vergrößern, sondern immer mehr in die Tiefe. Weniger schwammig ausgedrückt: Ich las eine Reihe von Büchern zum wiederholten Male. Das kam natürlich früher auch vor, speziell für die wissenschaftlichen Arbeiten, nahm aber einen weit geringen Stellenwert ein.
Aufmerksame Vielleser wissen, dass selbst die besten Lektüreerlebnisse vergleichsweise schnell verblassen. Als Literaturfreund sollte man aber eine Reihe der besten Bücher immer präsent haben. Ein Kunstfreund stellt seine Lieblingsgemälde ja auch nicht in den Keller, sondern sieht sie sich regelmäßig an.

Teil 2

Ein Gedanke zu „Bibliomane Betrachtungen (1)

  1. Es ist ja echt faszinierend. Mein Lebensbuch, Norman Mailers „The Naked and the Dead“, lese ich seit meiner Schulzeit regelmäßig alle zehn Jahre von Neuem. Und jedes Mal eröffnen sich neue Fazetten. Anders betrachtet: auch wenn ich nach Jahren dasselbe Buch lese – ich bin doch ein anderer geworden. Und so könnte ich auch mein Leben lang immer wieder dieselben Bücher lesen und doch jedes Mal Neues erleben.

    Nachsatz: Das mit dem Wiederlesen hält sich aber in Grenzen. Es gibt immer zu viel gute Literatur zu entdecken.

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