Verlage

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Neues Reclam-Design

Es ist wieder so weit: Reclam hält ein neues Design der Universalbibliothek für notwendig. Auf einer Verlagsseite wird es vorgestellt. Zusätzlich gibt es ein von Karl-Heinz Fallbacher herausgegebenes Heft mit Erläuterungen der Hintergründe, das auch als PDF-Datei zur Verfügung steht. Mein erster Eindruck ist negativ, aber erst einmal anhand eines gedruckten Beispiels ansehen…

Ein Spaziergang durch die Buch Wien 11

Der deplorable Zustand der österreichischen Verlagslandschaft ist gut bekannt und oft beklagt. Wer sich davon ein persönliches Bild machen will, der kann dies auf der Buch Wien tun. Winzig wirkt die Ausstellungshalle, wenn man die Größe anderer Buchmessen kennt. Die einheimischen Verlage präsentieren ihr Druckwerk. Das Publikum heute waren überwiegend Schulklassen. Der beachtlichste Menschenauflauf galt dem kochenden Koch am Kochbuchstand. Großspurig nennt man sich Internationale Buchmesse, es ist aber kein einziger renommierter ausländischer Verlag präsent. Den größten Stand hat Saudi-Arabien inne, wo das Ministry for Islamic Affairs seine rückschrittliche fundamentalistische Propaganda betreibt. Ein paar Schritte weiter werden offizielle russische Schriften präsentiert. Hübsch dazwischen passend der Stand von Radio Stephansdom.

Nun bin ich gegen Zensur jeder Art und auch die saudi-arabischen Spezialisten für Menschenrechtsverletzungen sollen ihre Bücher präsentieren dürfen. Es muss aber die Frage erlaubt sein, ob das im Zentrum der Halle und in dieser Größe sein muss. Das „Internationale“ dieser Messe beschränkt sich, so weit ich es auf meinem Rundgang heute sah, auf staatliche Stände, im besten Fall noch von Kulturinstituten.

Am sympathischsten sind die Kojen der ambitionierten kleineren Verlage. Auf diesem Sektor wird tolle Verlagsarbeit gemacht. Mittlere Häuser, also klassische Publikumsverlage, gibt es in Österreich kaum. Daran tragen auch die österreichischen Autoren eine Mitschuld: Viele werden von kleinen Verlagen hier entdeckt und wandern dann sofort in Richtung Hanser, Suhrkamp und Co. ab, sobald sie bekannt sind. Klassisches Investieren in neue Autoren zahlt sich für die einheimischen Verleger damit kaum aus. Ohne staatliche Verlagsförderung könnte man in ein paar Jahren die Buch Wien vermutlich in einer größeren Altbauwohnung abhalten. Ebooks spielten erwartungsgemäß keine Rolle. Man ist ja in der Provinz und unter sich. (Bis 13.11.)

“Publishing: The Revolutionary Future”

Jason Epstein analysiert in seinem Artikel für die aktuelle New York of Review of Books (Nr. 4), welche Auswirkungen der digitale Wandel auf die Buchbranche haben wird:

The transition within the book publishing industry from physical inventory stored in a warehouse and trucked to retailers to digital files stored in cyberspace and delivered almost anywhere on earth as quickly and cheaply as e-mail is now underway and irreversible. This historic shift will radically transform worldwide book publishing, the cultures it affects and on which it depends. Meanwhile, for quite different reasons, the genteel book business that I joined more than a half-century ago is already on edge, suffering from a gambler’s unbreakable addiction to risky, seasonal best sellers, many of which don’t recoup their costs, and the simultaneous deterioration of backlist, the vital annuity on which book publishers had in better days relied for year-to-year stability through bad times and good. The crisis of confidence reflects these intersecting shocks, an overspecialized marketplace dominated by high-risk ephemera and a technological shift orders of magnitude greater than the momentous evolution from monkish scriptoria to movable type launched in Gutenberg’s German city of Mainz six centuries ago. […]

The resistance today by publishers to the onrushing digital future does not arise from fear of disruptive literacy, but from the understandable fear of their own obsolescence and the complexity of the digital transformation that awaits them, one in which much of their traditional infrastructure and perhaps they too will be redundant. Karl Marx wrote of the revolutions of 1848 in his Communist Manifesto that all that is solid melts into air. His vision of a workers‘ paradise was of course wrong by 180 degrees, the triumph of wish over experience. What melted soon solidified as industrial capitalism, a paradise for some at the expense of the many. But Marx’s potent image fits the publishing industry today as its capital-intensive infrastructure—presses, warehouses stacked with fully returnable physical inventory, its retail market constrained by costly real estate—faces dissolution within a vast cloud in which all the world’s books will eventually reside as digital files to be downloaded instantly title by title wherever on earth connectivity exists, and printed and bound on demand at point of sale one copy at a time by the Espresso Book Machine[1] as library-quality paperbacks, or transmitted to electronic reading devices including Kindles, Sony Readers, and their multiuse successors, among them most recently Apple’s iPad. The unprecedented ability of this technology to offer a vast new multilingual marketplace a practically limitless choice of titles will displace the Gutenberg system with or without the cooperation of its current executives. […]

Seiner plausiblen Prognose nach wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Epstein betont die Chancen dieser Entwicklung, anstatt in eine kulturpessimistische Tirade zu verfallen.

Ich sehe die Ebook-Technologie als willkommene Ergänzung zum „klassischen“ Buch. Für viele Anwendungsfälle werden Ebooks ihre Vorläufer auf Papier ablösen: Nachschlagewerke, Fachbücher, Gebrauchsliteratur. Die iTunes-Generation wird ihre Harry Potters und Grishams ohne Berührungsängste am Display lesen.

Das gedruckte Buch wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Wie auch in der Vergangenheit werden die Kulturpessimisten nicht Recht behalten, die mit erhobenem Zeigefinger altklug und neudumm gegen neue Technologien predigen.

Praktizierte Aufklärung (8): Prometheus Books

In Zeiten, in denen Bigotterie im Weißen Haus fröhliche Urstände feiert und die religiöse Reaktion direkt die amerikanische Politik mitbestimmt, sind kritische Stimmen wichtiger denn je. Der Verlag Prometheus Books hat sich als Programmschwerpunkt der Religionskritik verschrieben:

The leading publisher in philosophy, popular science, and critical thinking, Prometheus Books has more than 1,500 books in print, and produces an average of 100 new titles a year.

Founded in 1969, Prometheus Books took its name from the courageous Greek god who gave fire to humans, lighting the way to reason, intelligence, and independence. Prometheus Books established itself immediately as a leading independent publisher, earning the prestigious endorsements of Isaac Asimov and Carl Sagan.

Today, Prometheus presents thoughtful and authoritative works by distinguished authors including forensic criminologists Henry C. Lee and Cyril Wecht, Nobel Laureate Leon Lederman, Hayden Planetarium director Neil de Grasse Tyson, popular science writer Martin Gardner, psychologist Albert Ellis, health-care advocate Dr. Neil Shulman („Doc Hollywood“), entertainers Steve Allen and Peter Ustinov, and distinguished philosophers Paul Edwards, Antony Flew, Richard Gale, Paul Kurtz, Kai Nielsen, L. Nathan Oaklander, Nathan Salmon, Alan Soble, Robert Solomon, and Richard Taylor, among many author eminent authors.

Mögen die Bücher des Hauses viele Leser finden.

DKV Taschenbuch

An dieses Kürzel werden sich Klassikerfreunde wohl schnell gewöhnen, wenn im Herbst der Insel Verlag mit seiner neuen Reihe „Deutscher Klassikerverlag im Taschenbuch“ beginnt. Die ersten sechs Bände stehen fest:

  • Goethe: Faust (Albrecht Schöne) für 25.-
  • Schiller: Wallenstein für 18.-
  • Hölderlin: Sämtliche Gedichte für 18.-
  • Kleist: Sämtliche Erzählungen für 18.-
  • Grimmelshausen: Simplicissimus für 18.-
  • Deutsche Lyrik des Frühen und Hohen Mittelalters (Hrsg.: Ingrid Kasten) für 18.-
  • Neuigkeiten vom Deutschen Klassiker Verlag

    Im buchreport.express vom 14. April ist zu lesen, dass 100 der 175 erschienen Klassikerbände ab Herbst nach und nach als Taschenbuch-Ausgaben erscheinen sollen.

    Lexikalisches

    Der Metzler Verlag bringt eine neue kleine Lexikonreihe auf den Markt [„Buchmarkt“-Meldung via Internetarchiv] Was sich bei den Lexika Verlagen derzeit tut, berichtet Frank Müller in erfrischender Ausführlichkeit bei literaturkritik.de.

    The I Tatti Renaissance Library

    Eines der beneidenswerten Buchprojekte im angelsächsischen Raum, kann inzwischen eine Reihe von Editionen vermelden. Darunter Marsilio Ficinos „Platonic Theology“ (3 Bände) und Leon Battista Albertis „Momus“.

    [Siehe auch den „Notizen-Eintrag vom 16. Oktober 2006: Die Renaissance in einer neuen Edition]

    Klassiker-Preise

    Die Preisspannen für Bücher sind oft extrem. Aktuelles Beispiel: Die neue Übersetzung der „Brüder Karamasow“ von Swetlana Geier kostet 78 Euro, ein selbst für große Klassikerfreunde prohibitiver Preis. Ihre Übertragung von „Böse Geister“ dagegen ist für wohlfeile 6 Euro als Fischer TB zu haben.

    Addendum Nov. 2009: Swetlana Geiers Übersetzung der „Brüder Karamasov“ gibt es mittlerweile natürlich ebenfalls als Taschenbuch. Die TB-Ausgabe von „Böse Geister“ kostet allerdings 15 Euro. Mit diesen genauen Angaben werde ich dem Titel dieses Eintrags hoffentlich gerecht :-)

    Seltsamkeiten aus dem Hause Suhrkamp (2)

    Ein weiterer „Denker“, dessen Prominenz indirekt proportional zu seinem analytischen Vermögen steht, ist Jochen Hörisch. Wie Sloterdijk profitiert er vom Ehrfurchtseffekt des Kulturbetriebs. Dieser Effekt funktioniert folgendermaßen: Man schreibt eine Reihe von dunklen Artikel und Büchern, was viele Meinungsmacher veranlasst, ehrfürchtige Elogen zu schreiben, wollen sie doch nicht zugeben, dass sie das betreffende Buch nicht verstehen, von dem alle anderen so selbstbewusst reden.

    Dabei übersehen sie (in der Regel mangels philosophischer Schulung), dass man solche Texte aus prinzipiellen Gründen gar nicht verstehen kann, weil deren Autoren gegen grundsätzliche wissenschaftssprachliche Prinzipien verstoßen, die erkenntnistheoretisch hervorragend fundiert sind.

    Das Ergebnis sind Bücher wie das für Oktober angekündigte von Jochen Hörisch: „Es gibt (k)ein richtiges Leben im falschen“. Spaßeshalber wieder einige Passagen aus der Vorschau:

    Aus der Perspektive der Flugzeugattentäter vom 11. September 2001 ist das falsche Leben genau das richtige Leben der westlichen Welt. Was stellt man mit dieser Erkenntnis an? „Dem Großprojekt eines Auszugs aus der falschen Welt und dem grundfalschen Leben war bislang kein durchhaltender Erfolg beschieden.“ Diesen Fehler im Webmuster des Lebens, des Denkens aufzuspüren macht sich Jochen Hörisch auf.

    „Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst es bereuen; entweder heiratest oder du heiratest nicht nicht, du bereust beides.“ [usw.]

    Klingt wie eine schlechte Bernhard-Parodie, ist aber völlig ernst gemeint…

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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