Montaigne

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Neue Biographie über Montaigne

Eine neue Biographie über Montaigne kann an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben. Sie ist von mir auch bereits vorbestellt: Philippe Desan: Montaigne. A Life. Diese Neuerscheinung nimmt Adam Gopnik wiederum zum Anlass für einen ausführlichen Essay über Montaigne im New Yorker, betitelt Montaigne on Trial. What do we really know about the philosopher who invented liberalism?. Desan scheint sich also als kritischer Biograph profilieren zu wollen. Der Text Gopniks ist jedenfalls sehr lesenswert.

Montaigne analysiert die Griechenlandkrise

Die Untertanen eines im Geben maßlosen Fürsten werden maßlos im Fordern. Nicht die Billigkeit machen sie zu ihrer Richtschnur, sondern das Beispiel. Wir hätten oft wahrhaftig allen Grund, über unsre Unverschämtheit zu erröten […]

Schon im Wort „Freigebigkeit“ schwingt ja „Freiheit“ mit. Ginge es nach uns, hätten wir nie genug: Das Empfangene zählt nicht mehr – man liebt Freigebigkeit nur im Futur. Je mehr sich deshalb ein Fürst im Schenken verausgabt, desto ärmer wird er an Freunden.

Wie könnte er auch Wünsche jemals befriedigen, die mit ihrer Erfüllung wachsen? Wer seine Gedanken nur auf das Nehmen richtet, hat keinen mehr übrig für das, was er genommen hat. Nichts kennzeichnet die Begehrlichkeit so sehr wie Undank.“
[Drittes Buch, Über Wagen]

Montaigne: Essais

Diese Notizen schrieb ich im Frühjahr 2006 in fünf Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Ein gutes Beispiel für meine in den Bibliomanen Betrachtungen beschriebenes Leseverhalten sind derzeit die berühmten “Essais” des Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592). Ich lese seit gut einem Monat an der von Hans Stilett übersetzten Gesamtausgabe und nähere mich langsam erst der Hälfte. Dabei handelt es sich um keine neue Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Autor. Die erste Bekanntschaft verdanke ich einer Auswahlausgabe als insel taschenbuch. Nun also der Vorsatz einer vollständigen Lektüre.

Montaignes “Versuche” zogen Generationen von Lesern in den Bann. Diese Faszination ist leicht nachzuvollziehen, schwieriger ist es dagegen, den Ursachen für dieses Interesse auf die Spur zu kommen. Im einleitenden Absatz der Britannica heißt es treffend:

Michael Eyquem de Montaigne wrote, in his Essais, one of the most captivating and intimate self-portraits ever written, on a par with Augustine’s and Rousseau’s. Living, as he did, in the second half of the 16th century, he bore witness to the decline of the intellectual optimism that had marked the Renaissance. The sense of immense human possibilities, stemming from the discoveries of the New World travellers, from the rediscovery of classical antiquity, and from the opening of scholary horizons through the works of the humanists, was shattered in France when the advent of the Calvenistic Reformation was followed closely by religious persecution and by the Wars of Religion (1562-98). These conflicts, which tore the country asunder, were in fact political and civil as well as religious wars, marked by great excesses of fanaticism and cruelty. At once deeply critical of his time and deeply involved in its preoccupations and its struggles, Montaigne chose to write about himself […] in order to arrive at certain possible truths concerning man and the human condition, in a period of ideological strife and division when all possibility of truth seemed illusory and treacherous.

Montaigne setzt in “An den Leser” zu einer Erläuterung seines Projekts an:

Wäre es mein Anliegen gewesen, um die Gunst der Welt zu buhlen, hätte ich mich besser herausgeputzt und käme mit einstudierten Schritten daherstolziert. Ich will jedoch, daß man mich hier in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Daseinsweise sehe, ohne Beschönigung und Künstelei, denn ich stelle mich als den dar, der ich bin. Meine Fehler habe ich frank und frei aufgezeichnet, wie auch meine ungezwungene Lebensführung, soweit die Rücksicht auf die öffentliche Moral mir dies erlaubte […] Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buchs: Es gibt keinen vernünftigen Grund, daß du deine Muße auf einen so unbedeutenden, so nichtigten Gegenstand verwendest.”
[S.5]

Obwohl Montaigne seine Leser gerne mit einem Augenzwinkern auf falsche Fährten führt, kann man diesen Auftakt durchaus ernst nehmen. Die “Essais” sind eines der erstaunlichsten Selbstportraits der Weltliteratur. Die meisten Versuche beginnen mit dem Wörtchen “Über”, über die Traurigkeit, über den Müßiggang, über die Lügner, über die Schulmeisterei …

Oft spielen diese Themen dann nur eine untergeordnete oder indirekte Rolle. Montaigne schreibt über seine Erfahrungen, seine Gedanken und sein Leben. Ein weiterer roter Faden sind zahlreiche aus seinen Bücher bezogene Beispiele, Geschichte und Geschichten, welche den einen Punkt belegen, dem anderen Aspekt widersprechen, kurz zu verschiedensten rhetorischen Zwecken eingesetzt werden. Wobei es Montaigne mit dem Zitieren nicht übermäßig genau nimmt. Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und ab und zu sogar gegen ihre ursprüngliche Intention verwendet, wenn man sich den Kontext des eingefügten Textschnippsels ansieht.

Das Ergebnis dieses von Montaigne entwickelten Kompositionsverfahrens ist ein vielschichtiges, originelles und bedenkenswertes Werk. Vorweg geschickt sei noch, dass die Neuübersetzung von Hans Stilett (1998) vorzüglich gelungen ist. Ein großartiges Übersetzungsprojekt. Allerdings passt diese großformatig-protzige Prachtausgabe so gar nicht zum Text. Inzwischen gibt es noch eine Auswahlausgabe dieser Übersetzung sowie eine Gesamtausgabe als Taschenbuch.

Sich systematisch Montaigne zu nähern, ist schwierig. Diese Autobiographie in Versuchen schließt das Scheitern im Denken ein. Nicht selten wird ausprobiert, weshalb man zu vielen Fragen keine konsistenten Antworten erwarten darf. Montaigne führt eher eine Art des Denkens vor, die sich nicht nur durch Skeptizismus auszeichnet, sondern auch durch große Freiheit. Leider gibt es, wie bei anderen Denkern, auch bei ihm eine große Ausnahme: der katholische Glaube. Davon wird später noch die Rede sein.

Den Auftakt zum ersten Buch bilden eine Reihe von besonders kurzen Essais. Die für seine Zeit beachtliche Vorurteilslosigkeit zeigt sich im elften Stück “Über die Zukunftsdeutungen”. Während bei vielen Intellektuellen der Renaissance die Astrologie ein hohes Ansehen genießt, unterzieht Montaigne diesen Humbug, “ein vielsagendes Beispiel für die wahnsinnige Neugierde Menschennatur” [S. 26], einer nüchternen Betrachtung:

Tatsächlich mit eigenen Augen gesehen aber habe ich, daß bei öffentlichen Wirren die durch solche Heimsuchung verstörten Menschen sich wie auf jeden anderen Aberglauben auch auf den stürzen, im Himmel die Ursachen und Androhungen ihres Unglücks ausfindig zu machen zu können […] Ein leichtes Spiel bietet ihnen aber besonders der dunke, vieldeutige und verstiegne prophetische Jargon, dem seine Urheber nie einen klaren Sinn geben, damit die Nachwelt den ihr jeweils passenden hineinlegen könne.
[S. 27]

Bis auf den heutigen Tag verstehen das viele Menschen nicht, was der Erfolg diverser hanebücherner Entschlüsselungsbücher (Bibelcode und Co.) hinreichend belegt. Hübsch auch, dass Montaigne bereits mit Statistik argumentiert, die heute noch bei der Entlarvung esoterischen Unsinns große Dienste leistet. Er bringt ein Beispiel aus der Antike:

Als Diagoras, den sie den Atheisten nannten, auf der Insel Samothrake weilte, zeigte ihm im Tempel einer die zahlreichen Bilder und Votivtafeln, und fragte ihn: “Du meinst also, daß die Götter sich nicht um menschliche Angelegenheit kümmern? Was aber sagst du nun dazu, daß so viele Menschen durch ihre Gnade gerettet wurden?” “Der Eindruck täuscht”, antwortet er, “denn die Ertrunknen, deren weit mehr waren, sind ja nicht mitgemalt!”
[S. 27]

Ein zentraler Essay ist Nr. 20 “Philosophieren heißt sterben lernen”. Das Thema des Todes und des Sterbens zieht sich fast leitmotivisch durch das Buch:

Berauben wir [den Tod] seiner Unheimlichkeit, pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn! Stellen wir ihn jeden Augenblick und in jeder Gestalt vor unser inneres Auge. Fragen wir uns beim Stolpern eines Pferdes, bei einem herabstürzenden Ziegel, beim geringsten Nadelstich immer wieder sogleich: “Wie, könnte das nicht der Tod persönlich sein?”. Reißen wir uns dann zusammen, spannen wir die Muskeln!
[S. 48]

Angesichts der Neuartigkeit der “Essais” überrascht es nicht, dass Montaigne in regelmäßigen Abständen seine Vorgehensweise erläutert. Er “erzieht” seine Leser:

Bei meinen Untersuchungen unserer Beweggründe und Verhaltensweisen sind mir jedenfalls die erdichteten Zeugnisse, soweit sie möglich scheinen, ebenso dienlich wie die wahren. Geschehen oder nicht, in Paris oder Rom, dem Hinz oder Kunz – stets zeigen sie mir, wozu Menschen fähig sind, und das zu wissen, ist mir nützlich: Ich sehe mir jedes Beispiel an und ziehe hieraus, ob Wirklichkeit oder deren Schatten, meinen Gewinn; und von den verschiedenen Lesarten, die solche Geschichten oft bieten, bediene ich mich der jeweils ungewöhnlichsten und denkwürdigsten.
[S. 59]

Gute drei Monate beschäftigten mich nun die “Essais” des Montaigne. Jedes Buch verlangt nach einer eigenen Lesegeschwindigkeit und diese Texte entfalten sich am besten bei einer geduldigen Herangehensweise. Die vielfältigen Bezüge, die zahlreichen Anspielungen und die raffinierte Komposition bedürfen einer ruhigen Betrachtungsweise.

Mit guten Gründen zählt man die “Essais” zu den zentralen Werken der Weltliteratur. Die intellektuelle Komplexität ist faszinierend und kann durch eine erste Lektüre nicht annährend ausgeschöpft werden. Aus analytischen Gründen kann man zwei zentrale Themenbereiche unterscheiden: Die “Essais” als geistige Biographie eines faszinierenden Menschen der frühen Neuzeit und das Mosaik höchst unterschiedlicher Inhalte. Inwieweit “Mosaik” eine passende Metapher darstellt, darüber scheiden sich die Geister. Während Vertreter der Postmoderne ihre seltsame Denkschablone dahin gehend über den armen Montaigne stülpen, dass er angeblich ein inkomprehensibles Textsammelsurium hinterlassen hat, weisen Vertreter der traditionelleren Gelehrsamkeit auf die rekonstruierbare subtile Komposition der “Essais” hin.

Ich tendiere zur letzten Position, allerdings müßte man dieser These ausführlich literaturwissenschaftlich zu Leibe rücken. Die thematischen Stränge der Essais zu verfolgen und in eine Zusammenschau zu bringen, bedürfte mindestens einer soliden Magisterarbeit.

Angesichts der verschmitzten Klugheit des Autors sollte man seine zahlreichen Aussagen, er schreibe gedächtnis- und planlos ins Blaue hinein, keinesfalls ernst nehmen. Zumindest verfolgt er ein “pädadagogisches” Anliegen und will seine Leser zum kritischen Denken erziehen. Es ist kein Zufall, dass Sokrates einer von Montaignes Geisteshelden ist, auf den er immer wieder referenziert.

Die “Essais” sind nach dieser “autobiographischen” Sichtweise also das Zeugnis einer bemerkenswerten Persönlichkeit. Das gilt nicht zuletzt für deren Widersprüchlichkeit. So könnte man seitenweise Zitate von einer erstaunlichen Modernität über Erziehung, Strafrecht, Folter, amerikanische Ureinwohner, Prügelstrafe, Hexen, Aberglauben etc. zusammen stellen, die Montaigne weit über den intellektuellen “common sense” seiner Zeit hinaushebt. Das gilt auch für seinen erkenntnistheoretischen Skeptizismus und Empirismus.

Auf der anderen Seite ist er nicht nur ein offensiver Verfechter des Katholizismus und Konservativer. Er begründet diese Haltung vor allem mit seiner erkenntnistheoretischen Position: Da keine menschliche Erkenntnis möglich sei, brauche man Gott schon aus epistemologischen Gründen.

Neben dieser “biographischen” Leseweise, ist das Buch zusätzlich angefüllt mit einer unglaublichen Themenfülle. Philosophische Fragen aller Art stehen neben Politik, Erziehung, Geschichte, Reisen, Alltag etc. Sie alle stehen in Bezug zu zeitgenössischen und antiken Autoren, die Montaigne las. Jahrelang benötigte man, um dieses Knäuel an Fäden aufzudröseln. Die Montaigneforschung scheint mir ein höchst spannendes und diversifiziertes Feld zu sein.

Sich diesem Buch zu nähern ist eine intellektueller Herausforderung im besten Sinn. Man braucht neben viel Zeit ein offenes Auge für die zahlreichen Feinheiten. Man wird es – wie alle großen Bücher – oft zur Hand nehmen müssen und sich ein solides Verständnis erarbeiten. Dazu ist die erste Lektüre nur ein kleiner Schritt.

War Montaigne ein Philosoph? Um diese scheinbar einfache Frage zu beantworten, empfiehlt sich eine Unterscheidung. “Philosoph” ist ein ausgesprochen vager Begriff. Ich unterscheide (grob vereinfachend) zwei Kategorien von Intellektuellen, die Anspruch auf diese Bezeichnung erheben: Die literarischen und die “echten” Philosophen. Zu den letzteren zähle ich diejenigen, welche das Ziel der Wahrheit als Regulativ nie aus dem Auge verlieren und methodisch-systematisch denken, kurz sich an die Logik halten und methodologisch reflektieren. Als empirisches Fundament greifen sie auf die Naturwissenschaften zurück, die aus erkenntnistheoretischen Gründen die bestmöglichen “Fakten” liefern. Im 20. Jahrhundert fand man diesen Philosophentypus vor allem (aber nicht nur) in der analytischen Philosophie. Er findet sich aber auch schon in der Antike, etwa bei den alexandrinischen Naturphilosophen.
Davon kann man den literarischen Philosophen unterscheiden, der sich oft mit ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt, diese aber unsystematisch behandelt. Im Zweifelsfall wird einer brillanten Formulierung der Vorzug gegenüber einem klaren Gedanken gegeben. Den Naturwissenschaften stehen sie oft mit Unverständnis und Ablehnung gegenüber. “Literarisch” nenne ich sie deswegen, weil sich ihre Bücher meist mehr durch ästhetische als philosophische Verdienste auszeichnen. Prototyp des Literatenphilosophen ist Nietzsche. Ein vorzüglicher und vergnüglich zu lesender Stilist. Leider schreibt er ebenso geistreich wie er unsystematisch denkt. Es spräche einiges dafür, den Deutschen Idealismus in diese Schublade zu stecken. Viele dunkel raunende Bücherschreiber passten ebenfalls gut dazu.

Mir ist die brüske Binarität dieser Einteilung bewusst, und es gibt sicher viele Zwischenstufen, aber als heuristische Orientierung ist sie durchaus nützlich. Besser wäre es wohl für die zweite Gruppe nicht “Philosoph” als Bezeichnung zu verwenden.
Montaigne erfüllt nun viele Kriterien, um ihn zu den Literaten zu zählen. Nicht nur entwickelt er keine systematischen Theorien, er widerspricht sich auch in vielen Fragen und ist sich dieser Widersprüche auch bewusst. Zu Beginn preist er etwa die systematische Beschäftigung mit dem Tod als wichtigste philosophische Tätigkeit an, während er am Ende seines Buches in Frage stellt, ob man sich überhaupt damit auseinandersetzen sollte.

Auf abstraktere Ebene widerspricht sein theoretischer Skeptizismus, wie er ihn in der “Apologie” wortgewaltig verkündet, seiner schriftstellerischen Praxis. Das klassische Dilemma jedes radikalen Relativisten: Wie kann man sinnvollerweise seine Theorie vertreten, wenn man die Fundamente des rationalen Diskurses prinzipiell in Frage stellt? Nimmt man sein Plädoyer für eine gepflegte systematische Diskussionskultur hinzu oder seine Ablehnung der Lüge, wird der radikale Skeptizismus noch absurder.
Auch nach dem Maßstäben des späten 16. Jahrhunderts wäre Montaigne also ein handwerklich “schlechter” Philosoph (was er sicher als Kompliment verstanden hätte).
Deshalb liest man ihn besser als geistreichen Literaten denn als Philosophen.

Montaigne hat viel Kluges über Menschen, Kultur & Geschichte, Leben & Sterben zu sagen. Er widerspricht sich ab und an und gibt uns damit einen Einblick in die Entwicklung seines Denkens. Er läßt uns Zeuge seines Denkens werden anstatt uns die Resultate mundfertig zu präsentieren.

Montaigne: Essais (Eichborn)

Mark Lilla über Montaigne

Für die New York Review of Books No. 5 verfasste Mark Lilla einen exzellenten Essay über Montaigne. Anlass ist die auch hier kürzlich besprochene Einführung der Sarah Bakewell. Einleitend beklagt Lilla wie schlecht heutzutage über Klassiker geschrieben wird, was man Wort für Wort unterstreichen kann:

The art of the introduction is dying. It used to be that when you opened, say, a Penguin or Oxford classic you’d find a short, engaging tour d’horizon, quirky in the English style and focused on essentials. It predisposed you to give the author an even break. Today you bang your knee instead against belabored essays by scholars who think “foreground” and “background” are verbs. They lecture you on the narrow historical context they’ve banished the book to and its ordained place in the author’s development; then it’s on to mind-numbing debates about which manuscript or folio or annotated edition or critical commentary (their own) is to be preferred.

What they never tell you is why you should read the book. Doesn’t it occur to publishers that while this scholarly detritus may have a place in footnotes and appendices, it does not constitute an introduction, whose function is, well, to introduce? When any of us presents someone or something to another person, the first thing we try to convey is why he, she, or it might matter. You must try this, you must meet her. But apparently publishers have concluded that appeals to taste or pleasure or (why not) truth are bad for the college market, so we are left with these grim checkpoints guarding the border between the us and the author, protecting him from any embrace. I forbid my students to read them.

In der Mitte des Textes kommt Lilla dann sehr instruktiv auf einen Punkt zu sprechen, den Bakewell in ihrem Buch vernachlässigt, nämlich die nahe liegende religionskritische Lesart der Essays:

For instance, Bakewell seriously misleads her readers when she says that “the Essays has nothing to say about most Christian ideas,” as if silence about certain things isn’t sometimes the loudest way to speak. And what are we to make of the remark that Montaigne shows no interest in Jesus Christ, that “he writes about the noble deaths of Socrates and Cato, but does not think to mention the crucifixion alongside them”?

Let me submit that the Essays, which Montaigne began the year of the St. Bartholomew’s Day Massacre and finished while his Catholic and Protestant neighbors in Bordeaux were still slitting each other’s throats, are about little else but Christian ideas, and that it’s unlikely that the passion, death, and resurrection of Our Lord and Savior slipped his mind. Countless tales he tells mock Christian ideals, though they are prudently set in ancient or foreign settings.

Instead of expressing his disgust with Christian martyrdom—and, implicitly, the crucifixion—he tells us about the Sicilian father who killed his daughters to keep them from marauding Turks, the Portuguese Jews who threw their children into a well rather than let them be converted, the Roman wives who killed themselves when their husbands fell out of favor, and the men of Astapa, Spain, who burned to death everyone in their besieged city, then threw themselves onto the pyre. And instead of attacking directly the cruelty of monastic self-discipline, he dismisses as futile similar efforts by unnamed “Stoics,” of whom there were only an educated handful at his time. Montaigne’s contemporary readers would have had no trouble discerning the real target of these stories, and certainly the Catholic Church didn’t. It placed the Essays on the Index of Prohibited Books in 1676 and didn’t remove them until 1854.

Sarah Bakewell: Montaigne

Es gibt eine Reihe von Autoren, die für mich unverzichtbar sind. Montaigne ist – neben Shakespeare, Goethe, Doderer, Musil, um ein paar zu nennen – einer davon. Es gibt nur wenig nicht-fachwissenschaftliche Publikationen über Montaigne, weshalb ich mit großem Interesse zu Bakewell’s neuer Biographie griff. Es gilt hier gleich eine erste Einschränkung zu machen: Es ist keine Biographie im klassischen Sinn des Genres, sondern mehr eine Einführung in Leben und Werk des Autors. Selbstverständlich behandelt Bakewell alle Lebensstationen Montaignes, sein soziales Umfeld und den historisch-kulturellen Kontext. Zusätzlich gibt sie aber auch eine kleine Rezeptionsgeschichte der Essais.

Der Titel How to Live verrät die Gliederung des Buchs. Bakewell versucht die wichtigsten „lebensphilosophischen“ Positionen Montaignes als roten Faden zu nehmen. Das führt dann zu Kapitelüberschriften wie Question everything, See the World oder Keep a privat room behind the shop. Meine Befürchtung war, dass dieses Konzept Montaigne im Sinne der in den USA so beliebten Self-Help-Bücher verunstaltet. Das ist aber nicht der Fall. Man könnte Bakewell allerdings vorwerfen, dass sie ihrer Einführung damit ein eigentlich überflüssiges Konzept überstülpt.

Für alle, die Montaigne noch nicht lasen, hier der Link zu meinen gesammelten Essais-Notizen. Diese Essais sind eines der lesenswertesten Werke der Weltliteratur.

Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Bakewell hat ein vorzügliches und dringend notwendiges Buch über Montaigne geschrieben. Endlich gibt es eine aktuelle, exzellent & engagiert geschriebene, völlig jargonfreie einführende Monographie zu einem der wichtigsten Klassiker der Weltliteratur. Aufgrund der überschaubaren 400 Seiten kann Bakewell natürlich nur bedingt ins Detail gehen. Aber sie schafft es trotzdem, alle wichtigen Fragen anzusprechen, bis hin zum Dauerstreit über die korrekte Edition seines Hauptwerks. Eine eindeutige Empfehlung für alle Freunde Montaignes und diejenigen, welche es noch werden wollen.

Sarah Bakewell: How to Live. A Life of Montaigne (Chatto & Windus) [Paperback-Ausgabe]

[17.6. 2012] Der C.H. Beck Verlag bringt im August erfreulicherweise eine Übersetzung des Buches unter dem Titel Wie soll ich leben?: oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten.

Montaigne

Von der Kunst, das Leben zu lieben (Büchergilde Gutenberg)

Über meinen Favoriten Montaigne schrieb ich an dieser Stelle schon einiges. Er zählt zu den Klassikern, die ich immer wieder lese. Erst wollte ich erneut zu einigen seiner Essais greifen, entschied mich dann aber für diese Auswahlausgabe von Hans Stilett.

Das Buch enthält nach Themen geordnete Auszüge aus den Essais und aus den Reiseberichten. Der Vorteil dieses Konzeptes ist, dass dem Leser in konzentrierter Dosis Montaignes Brillanz vermittelt wird. Der Nachteil ist aber schwerwiegend: Kennt man die Essais nicht, bekommt man keinen Eindruck von der formalen und intellektuellen Struktur des Werks. Montaignes Kunst der philososphischen Selbst- und Fremderforschung benötigt zum Funktionieren den langen Atem seines Hauptwerks. In dem Auswahlkondensat bleibt von diesem Prozess nichts übrig. Wer es als Einstiegslektüre nutzen will, der sollte sich unbedingt danach mit dem Gesamtwerk beschäftigen.

Montaigne über Bücher

[Der Umgang mit Büchern] weicht mir auf meiner ganzen Lebensbahn nicht von der Seite und steht mir allenthalben zu Diensten. Er tröstet mich im Alter und in der Einsamkeit. Er entlastet mich von der Bürde des öden Müßiggangs und hält mir zu jeder Stunde unerwünschte Gesellschaft vom Leib. Er stumpft die stechenden Schmerzen, falls sie nicht übermächtig sind. Um einen lästigen Gedanken loszuwerden, brauche ich bloß zu den Büchern zu greifen – sie befreien mich davon, indem sie mich sogleich voll in Anspruch nehmen. […]

(Aus: Von der Kunst, das Leben zu lieben)

Donald M. Frame: Montaigne

Donald M. Frame: Montaigne. A Biography
(Hamish Hamilton)

Seit März beschäftigt mich nun Montaigne. Den vorläufigen Abschluss dieses Lektüreschwerpunkts markiert die vorzügliche Biographie des Donald M. Frame. Erschienen in den sechziger Jahren und als Standardwerk von der Encyclopeadia Britannica empfohlen.

Das Buch ist im besten Sinne „gelehrt“. Ausgehend von der Quellenlage rekonstruiert Frame das Leben des Montaigne. Die teils spärlichen Quellen werden solide abgeklopft und so manche biographische Spekulation als Wunschdenken aufgedeckt. Die Biographie beginnt mit der Rekonstruktion des Stammbaums. Die Familie mütterlicherseits war eine angesehene konvertierte jüdische Familie, die ursprünglich aus Spanien stammte. Kennt man das brutale Schicksal der spanischen Juden, so erhalten Montaignes Plädoyers gegen Folter und für Toleranz eine zusätzliche historische Basis.

Montaignes Vater war ein ungewöhnlich feinfühliger und verständnisvoller Mensch, was Frame folgendermaßen kommentiert:

Among the fathers of great man there are so many caricatures, the self-rightous tyrant, the hypersensitive intellectual, the disorderly drunkard, that it is a rare pleasure tom come accross one sound and able, kind and firm, one who truly deserved his son. Such a one was Pierre de Montaigne. [S. 15]

Die ersten Kapitel beschäftigen sich chronologisch mit Familie, Kindheit und den ersten politischen Erfahrungen des jungen Montaigne im Parlamentsrat von Bordeaux. Ausführlich wird seine prägende Freundschaft mit La Boetie beschrieben. Das erste große intellektuelle Unterfangen war die Übersetzung der „Theologia Naturalis“ des Raymond Sebond. Bei der Lektüre der „Essais“ hatte ich ein kleineres theologisches Traktat vor Augen. In Wahrheit handelt es sich dabei um eine knapp tausendseitige Abhandung und damit eine herausragende Übersetzungsleistung.

Frame handelt die „Essais“ in mehreren eingeschobenen Kapitel ab und zwar mit einer bemerkenswerten Brillanz. Besonders anregend ist seine Rekonstruktion der intellektuellen Entwicklung Montaignes von den ersten frühen und kurzen Kapiteln bis hin zu den langen Texten der Selbstvergewisserung am Ende seines zurecht berühmten Buches. Dabei bleibt der Biograph nahe beim Text und verliert sich an keiner Stelle in hermeneutischen Spekulationen.

Philologisch interessant sind seine Ausführungen zur Überarbeitung aller Essais kurz vor Montaignes Tod. Einiges wird verschärft und zugespitzt, anderes wird bewusst nicht angetastet, obwohl von Montaigne als veraltet empfunden. Bei einer Lektüre der „Essais“ sollte man sich jedenfalls immer vor Augen halten, dass der späte Montaigne den frühen gelegentlich redigierte.

Frame schildert die Reisen und die Montaignes Zeit als Bürgermeister. Obwohl unmittelbare Zeitgeschichte nicht zu kurz kommt, wünscht man sich bei der Lektüre ab und zu einen größeren Blick auf das Geschehen. Die französische Geschichte des 16. Jahrhunderts sollte man deshalb einigermaßen präsent haben.

Ulrich Langer (Editor): The Cambridge Companion to Montaigne

Cambridge University Press (Amazon Partnerlink)

Bisher enttäuschte mich kein Band dieser Reihe und der über Montaigne ist keine Ausnahme. Enthalten sind zehn Aufsätze von Montaigne-Forschern, die sich mit zentralen Aspekten vor allem der „Essais“ auseinandersetzen. Genannt seien das Verhältnis zur Antike, zur Entdeckung der neuen Welt, zum Skeptiszismus und zur Natur. Einige der Texte gehen für eine Einführung etwas zu sehr ins Detail.

Man bekommt in Summe aber einen guten ersten Einblick in das akademische Geschehen rund um Montaigne. Als Begleitlektüre zu den „Essais“ empfehlenswert.

Montaigne: Essais (5)

Essais (Eichborn, Amazon Partnerlink)

War Montaigne ein Philosoph? Um diese scheinbar einfache Frage zu beantworten, empfiehlt sich eine Unterscheidung. „Philosoph“ ist ein ausgesprochen vager Begriff. Ich unterscheide (grob vereinfachend) zwei Kategorien von Intellektuellen, die Anspruch auf diese Bezeichnung erheben: Die literarischen und die „echten“ Philosophen. Zu den letzteren zähle ich diejenigen, welche das Ziel der Wahrheit als Regulativ nie aus dem Auge verlieren und methodisch-systematisch denken, kurz sich an die Logik halten und methodologisch reflektieren. Als empirisches Fundament greifen sie auf die Naturwissenschaften zurück, die aus erkenntnistheoretischen Gründen die bestmöglichen „Fakten“ liefern. Im 20. Jahrhundert fand man diesen Philosophentypus vor allem (aber nicht nur) in der analytischen Philosophie. Er findet sich aber auch schon in der Antike, etwa bei den alexandrinischen Naturphilosophen.
Davon kann man den literarischen Philosophen unterscheiden, der sich oft mit ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt, diese aber unsystematisch behandelt. Im Zweifelsfall wird einer brillanten Formulierung der Vorzug gegenüber einem klaren Gedanken gegeben. Den Naturwissenschaften stehen sie oft mit Unverständnis und Ablehnung gegenüber. „Literarisch“ nenne ich sie deswegen, weil sich ihre Bücher meist mehr durch ästhetische als philosophische Verdienste auszeichnen. Prototyp des Literatenphilosophen ist Nietzsche. Ein vorzüglicher und vergnüglich zu lesender Stilist. Leider schreibt er ebenso geistreich wie er unsystematisch denkt. Es spräche einiges dafür, den Deutschen Idealismus in diese Schublade zu stecken. Viele dunkel raunende Bücherschreiber passten ebenfalls gut dazu.

Mir ist die brüske Binarität dieser Einteilung bewusst, und es gibt sicher viele Zwischenstufen, aber als heuristische Orientierung ist sie durchaus nützlich. Besser wäre es wohl für die zweite Gruppe nicht „Philosoph“ als Bezeichnung zu verwenden.
Montaigne erfüllt nun viele Kriterien, um ihn zu den Literaten zu zählen. Nicht nur entwickelt er keine systematischen Theorien, er widerspricht sich auch in vielen Fragen und ist sich dieser Widersprüche auch bewusst. Zu Beginn preist er etwa die systematische Beschäftigung mit dem Tod als wichtigste philosophische Tätigkeit an, während er am Ende seines Buches in Frage stellt, ob man sich überhaupt damit auseinandersetzen sollte.

Auf abstraktere Ebene widerspricht sein theoretischer Skeptizismus, wie er ihn in der „Apologie“ wortgewaltig verkündet, seiner schriftstellerischen Praxis. Das klassische Dilemma jedes radikalen Relativisten: Wie kann man sinnvollerweise seine Theorie vertreten, wenn man die Fundamente des rationalen Diskurses prinzipiell in Frage stellt? Nimmt man sein Plädoyer für eine gepflegte systematische Diskussionskultur hinzu oder seine Ablehnung der Lüge, wird der radikale Skeptizismus noch absurder.
Auch nach dem Maßstäben des späten 16. Jahrhunderts wäre Montaigne also ein handwerklich „schlechter“ Philosoph (was er sicher als Kompliment verstanden hätte).
Deshalb liest man ihn besser als geistreichen Literaten denn als Philosophen.

Montaigne hat viel Kluges über Menschen, Kultur & Geschichte, Leben & Sterben zu sagen. Er widerspricht sich ab und an und gibt uns damit einen Einblick in die Entwicklung seines Denkens. Er läßt uns Zeuge seines Denkens werden anstatt uns die Resultate mundfertig zu präsentieren.

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(5. Januar 2013)

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