Lesen

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Bibliomanes

Im Der Standard schreibt Karl-Markus Gauss über die Befreiung durch Lesen:

Wo die Dummheit zum Bildungsideal geworden ist, da hat es die Literatur schwer. Als Gegengift gegen das zwanghafte Nützlichkeitsdenken unserer Zeit ist und bleibt sie aber unabdingbar.
(…)
Wie ist es um diese Literatur bestellt, deren Notwendigkeit gerade in ihrer praktischen Überflüssigkeit besteht? Die wir brauchen, eben weil sie unmittelbar zu gar nichts nütze ist und uns dadurch von dem Zwangsdenken befreit, dass alle Dinge, Begabungen, Tätigkeiten, Beziehungen immer etwas nützen, einen Vorteil eintragen müssen? Die uns aus der Bahn wirft, wo wir auf den Schienen der Gewohnheit dahinrollen, und uns auf neue Spuren setzt, wenn wir in der Unübersichtlichkeit unserer eigenen Existenz nicht mehr recht wissen, wohin es mit uns geht, ja, wohin wir selber eigentlich wollen?

Schließlich hat jemand dankenswerterweise noch 10 Literary Restaurants for Hungry Book Nerds Around the World zusammengetragen.

Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben

Karlheinz Rossbacher prägte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Generationen von Salzburger Germanistikstudenten. Ich zähle selbst dazu: Nicht nur besuchte ich in den neunziger Jahren eine Reihe von Rossbachers Seminaren, er betreute auch meine Diplomarbeit und meine Dissertation. So sind einige literarische Themen seines neuen Buches für mich alte Bekannte. Erwähnt sei seine Vorliebe für Goethe, aber auch jene für die Kriminalliteratur. Überrascht dagegen war ich von vielen biographischen Einsichten, die jetzt im Nachhinein einige Ecken erhellen, die während meines Studiums dunkel geblieben sind.

Rossbacher hat keine klassische Gelehrten-Autobiographie geschrieben. Lesen und Leben ist eine Essaysammlung. Angeordnet sind die Texte alphabetisch, wobei jeder Buchstabe durchaus mehrmals vorkommen darf. Ohne dies überprüft zu haben, bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass die Literatur über das Leben dominiert. Die Frage, ob ein Professorenleben eine autobiographische Aufarbeitung verdient, spricht Rossbacher zu Beginn selbst an. Eine typisches zentraleuropäisches Problem, wenn man sich das umfangreiche akademische Memoirenwesen aus dem angelsächsischen Raum vor Augen hält. Das autobiographisch-literarische Doppelkonzept zeugt von Bescheidenheit, an vielen Stellen hätte man gerne noch mehr gewusst.

Dabei ist Rossbacher die angelsächsische Welt nicht fremd. Heute sind Fernreisen für junge Menschen eine Selbstverständlichkeit. Als Rossbacher 1963 als dreiundzwanzigjähriger Fulbright-Stipendiat den Atlantik überquerte, war es noch eine Besonderheit. Dieses erste Zusammentreffen mit einer anderen Kultur gibt viele Denkanstöße. Wie sehr dieser amerikanische „Kulturschock“ auch zwanzig Jahre später einen aus der Provinz stammenden jungen Menschen noch beeinflussen kann, zeigt als weiteres Beispiel Alle Toten fliegen hoch: Amerika des Schauspielers Joachim Meyerhoff.

Amerikanische Literatur spielt in Lesen und Leben eine prominente Rolle. Schon zu Beginn beim Buchstaben B stoßen wir auf Bulkington, ein Essay, der sich gut eignet, Rossbachers Vorgehensweise zu illustrieren. Ausgehend von der Jugendlektüre einer stark gekürzten Ausgabe des Moby Dick und nach dem Einstreuen vieler interessanter Lesefrüchte von Brecht bis Canetti, macht uns Rossbacher schließlich mit der Figur des Seemanns Bulkington bekannt, die mir vor vielen Jahren bei meiner Lektüre des Romans gar nicht aufgefallen war. Ich besuchte freilich auch kein Seminar über die amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts wie Rossbacher damals an der University of Kansas, über das ebenfalls ein kurzer Exkurs zu lesen ist. Nach diesen wohldosierten Abschweifungen landen wir wieder beim Seemann Bulkington, den der Ich-Erzähler des Romans, Ishmael, vor seiner Ausfahrt mit Kapitän Ahab in einem Gasthaus trifft. Das kurze Kapitel 23 des Moby Dick ist ihm gewidmet und Rossbacher arbeitet sowohl die Bedeutung Bulkingtons als Menschentyp als auch seine strukturelle Funktion in dem Riesenroman heraus. Dabei hat die Passage nur etwa 40 Zeilen – ein Beispiel, wie es Rossbacher immer wieder gelingt, aus hervorragend beobachteten und oft übersehenen Details größere Zusammenhänge herzustellen.

Sozialgeschichte und Soziologie sind zwei akademische Schwerpunkte Rossbachers. Die Wechselwirkung zwischen Sozialgeschichte und Literatur, untersuchte er etwa am Beispiel der kritischen Heimatliteratur in Österreich. Innerhofers Roman Schöne Tage ist ein prominenter Vertreter dieses Genres. Aus der Soziologie holt sich Rossbacher immer wieder methodische und analytische Werkzeuge für die Literaturwissenschaft. Norbert Elias große Studien dienen als Ideengeber.
Ich werde bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass in Lesen und Leben diese beiden Fächer ebenfalls eine Rolle spielen und zwar bei der Auswahl der autobiographischen Erlebnisse. So sind die am ausführlichsten geschilderten Lebensstationen meist auch sozialgeschichtlich von hoher Bedeutung. Rossbachers Kindheit in Kärnten hatte nämlich eine große Besonderheit: Er war Protestant.

Das Aufwachsen als religiöser Außenseiter in der Kärntner Provinz schildert Rossbacher so ausführlich und schonungslos wie man das von der österreichischen Antiheimatliteratur her kennt:

Den katholischen Religionsunterricht in der Hauptschule besorgte ein Kaplan, dessen lose Hand ihm den Namen „Watschenkaplan“ eingetragen hatte. Von diesem Mann erhielt ich eines Tages, auf dem Gehsteig vor der Schule, ganz plötzlich, aus dem sprichwörtlich heiteren Himmel, einen Schlag ins Gesicht, ein Mittelding zwischen Ohrfeige und Faustschlag, ohne das dem irgendetwas vorangegangen war. Er schlug zu, ich schrie auf. So einfach war das bei diesem Vorgänger jener Prügelkleriker, die gegenwärtig serienweise auffliegen.

Von frühester Kindheit an als Teil einer Minderheit aufzuwachsen, schärft den Blick für Differenzen und regt von Anfang an zum Nachdenken an. Die Literaturgeschichte ist voll mit Beispielen, wie Außenseiter aller Art bei Büchern landen. Sei es als Autoren, sei es als (professionelle) Leser. So gesehen mag diese Erfahrung der Diaspora (wie dieser Abschnitt betitelt ist) einen Grundstein für Rossbachers spätere Karriere gelegt haben.

Einer Minderheit anzugehören, hieß aber nicht automatisch, im Alltag nicht akzeptiert zu werden. Der junge Protestant wurde beispielsweise zum Klassensprecher gewählt. Allerdings hießen Klassensprecher damals in Kärnten noch „Klassenführer“. Es sind diese aufschlussreichen Details, welche Lesen und Leben so interessant machen.

Das Buch gibt selbstverständlich auch Einblicke in das akademische Leben Österreichs. Obwohl es sicher eine Menge an Material gegeben hätte, bringt Rossbacher nur wenige Beispiele. Etwa über seine Schwierigkeiten als Vorstand des Salzburger Germanistikinstituts, eine Gefälligkeitsberufung zu verhindern. Der Fall zog sich über viele Jahre hin und landete schließlich beim Verwaltungsgerichtshof. Der besser qualifizierte Bewerber durfte die Stelle behalten, die Gefälligkeitskandidatin zog den Kürzeren.

Zurück zur Literatur! Quer durch das Persönliche Alphabet bekommt selbst der erfahrene Büchermensch jede Menge spannende Leseanregungen. Die Klassiker kommen zwar nicht zu kurz, aber man staunt über die Vielfalt der angesammelten Lesefrüchte. Ludwig Anzengruber, der französische Schriftsteller Alain oder die kroatische Essayistin Dubravka Ugrešic seien exemplarisch herausgegriffen. Als ich Lesen und Leben zuklappe, habe ich eine lange Liste mit Büchern neben mir liegen, die ich alle am liebsten sofort läse. Die vornehmste Aufgabe des Literaturwissenschaftlers ist es ja, die Menschen zum verständnisvollen Lesen zu motivieren.

Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben. Ein persönliches Alphabet (Otto Müller Verlag)

Erschienen in Literatur und Kritik Nr. 473/474 (Mai 2013).

Hier erstveröffentlicht am 7. April 2013.

Retro Library Posters

Eine sehr hübsche Sammlung von amerikanischen Bibliotheksplakaten aus den sechziger Jahren ist auf Flickr zu finden.

Julian Barnes als Bibliophiler

In einem ausführlichen Artikel für den Guardian, My Life as a Bibliophile erläutert Julian Barnes ausführlich seine Beziehung zu Büchern:

I became a bit less of a book-collector (or, perhaps, book-fetishist) after I published my first novel. Perhaps, at some subconscious level, I decided that since I was now producing my own first editions, I needed other people’s less. I even started to sell books, which once would have seemed inconceivable. Not that this slowed my rate of acquisition: I still buy books faster than I can read them. But again, this feels completely normal: how weird it would be to have around you only as many books as you have time to read in the rest of your life. And I remain deeply attached to the physical book and the physical bookshop.

The current pressures on both are enormous. My last novel would have cost you £12.99 in a bookshop, about half that (plus postage) online, and a mere £4.79 as a Kindle download. The economics seem unanswerable. Yet, fortunately, economics have never entirely controlled either reading or book-buying. John Updike, towards the end of his life, became pessimistic about the future of the printed book:

For who, in that unthinkable future
When I am dead, will read? The printed page
Was just a half-millennium’s brief wonder …

I am more optimistic, both about reading and about books. There will always be non-readers, bad readers, lazy readers – there always were. Reading is a majority skill but a minority art. Yet nothing can replace the exact, complicated, subtle communion between absent author and entranced, present reader. Nor do I think the e-reader will ever completely supplant the physical book – even if it does so numerically. Every book feels and looks different in your hands; every Kindle download feels and looks exactly the same (though perhaps the e-reader will one day contain a „smell“ function, which you will click to make your electronic Dickens novel suddenly reek of damp paper, fox marks and nicotine).

Wer kauft Ebooks?

In der FAZ war ein aufschlussreicher Artikel Artikel zum Thema Buchhandel & Ebooks. Dem nach wäre ich der klassische Ebook-Leser:

Seit dem letzten Weihnachtsgeschäft, als Lesegeräte für elektronische Bücher (E-Reader) zu den beliebtesten Geschenken gehörten, spürt der Buchhandel einen starken Trend zum elektronischen Buch.

Dabei droht der Buchhandel durch diese Entwicklung gerade seine treuesten Kunden zu verlieren. In der gleichen Studie befragte die GfK 25.000 Verbraucher nach ihrem Nutzungsverhalten. Dabei zeigte sich, dass das elektronische Buch kaum neue Leser generiert, sondern dass ausgerechnet Vielleser vom Buch zum Lesegerät wechseln. Der durchschnittliche Käufer elektronischer Bücher ist entgegen landläufiger Erwartung auch nicht der junge Technikfreak, sondern der männliche Leser jenseits der 40 Jahre. Als Hauptgrund (96 Prozent) für ihren Wechsel zum elektronischen Buch gaben dessen Leser an, keinen Platz mehr für physische Bücher zu haben. Ein zweiter Grund war der niedrigere Preis für elektronische Bücher und der dritte Grund ist die Umweltfreundlichkeit (kein Papier) des elektronischen Buches.

Was soll man lesen?

Letzte Aktualisierung: 23. Juni 2013

Ab und an werde ich gefragt, welche aktuellen Printmedien ich lese bzw. wo ich mich online über aktuelle Geschehnisse auf dem Laufenden halte. Das grundlegende Dilemma dabei beginnt aber schon eine Stufe früher: Wie viel Lesezeit soll man überhaupt für Tagesaktualitäten investieren? Wäre die Lesezeit nicht optimaler verwendet, wenn man Bücher bzw. Klassiker läse? Dem entgegen entsteht der intellektuelle Anspruch, über das Weltgeschehen passabel informiert zu sein, weil mir ein Leben im Blindflug wenig erstrebenswert erscheint.

Während des Studiums war das kein Problem: Ich hatte genügend Zeit für Aktuelles und für Klassisches. Viele Jahre las ich jeden Tag ausführlich die Neue Zürcher Zeitung, phasenweise auch die FAZ, dessen Feuilleton- und Buchberichterstattung im deutschsprachigen Raum nach wie vor unerreicht ist. Auch Die Zeit vernachlässigte ich nicht, wobei ich sie bereits in den neunziger Jahren immer weniger las. Die New York Review of Books war bereits damals für mich am Wichtigsten. Auch das Times Literary Supplement (TLS) lag regelmäßig auf meinem Lesetisch.

Nach dem Studium las ich noch einige Jahre die NZZ weiter. Durch die zusätzlichen Angebote im Web war aber bald der Punkt erreicht, an dem ich für die klassische Zeitungslektüre keine Zeit mehr hatte bzw. für Buchlektüre kaum mehr etwas übrig geblieben wäre. Für das wöchentlich erschienene TLS war längst keine Zeit mehr.

Meine Printmediennutzung sieht nun so aus:

Als völlig unverzichtbar für die intellektuelle Grundversorgung erachte ich die seit 1996 abonnierte New York Review of Books. Was aktuelles Weltgeschehen angeht, fand ich bisher keine bessere Zeitschrift als den The Economist. Österreichische und Wiener Themen deckt der Falter hinreichend ab, ergänzt von der einen oder anderen Webseite.

Im Web nutze ich oft die Seiten meiner Lieblingsmedien, also die NYRB (und dessen Blog) sowie The Economist. Zusätzlich bin ich ein starker RSS-Nutzer. Diverse Newsquellen und Blogs lese ich vor allem auf diesem Weg. Was Technik-Neuigkeiten angeht, ist Tagesaktualität nur selten notwendig. Mein Abonnement der c’t versorgt mich zuverlässig mit allen Neuigkeiten.

Ossip Mandelstam über das Lesen

Sprechen wir über die Physiologie des Lesens. Ein reiches, unausgeschöpftes und anscheinend verbotenes Thema. Von allem Stofflichen, von allen physischen Körpern, flößt das Buch dem Menschen das größte Vertrauen ein. Das auf dem Lesepult festgemachte Buch wird der Leinwand gleich, die auf den Spannrahmen gezogen ist.
Wenn wir völlig von der Tätigkeit des Lesens umschlossen sind, genießen wir hauptsächlich unsere Gattungseigenschaften, erfahren gleichsam die Ekstase einer Klassifikation unserer Wachstumsstufen.
[Armenien, Armenien S. 83]

Wie liest man viele Bücher?

Ich werde oft gefragt, wie ich es in meiner Freizeit schaffe, zusätzlich zu allen anderen Kultur- und Reiseaktivitäten, auch noch so viele Bücher zu lesen. Worauf ich immer antworte, dass es so viele ja gar nicht mehr seien – hier geht es zu meiner Leseliste. Ich verweise auch gerne auf Buchverschlinger wie den Bibliomanen Markus Kolbeck.

So interessiert mich naturgemäß, wie andere Vielleser diese Frage beantworten, etwa Scott H. Young in How to Read 70+ Books in a Year. Seine Vorschläge werde ich im folgenden mit meinen eigenen Lesegewohnheiten vergleichen:

Step One: Learn to Speed Read

Für Fach- und Sachbücher kann man sich tatsächlich Schnelllesetechniken aneignen. Damit meine ich weniger, dass man die Lesegeschwindigkeit künstlich erhöht – Vielleser lesen ohnehin schnell -, sondern dass man den Mut zum Querlesen, Überblättern und zur Lücke hat. Die wenigsten Sachbücher erhalten auf jeder Seite Relevantes. So kann man durchaus zur Essenz eines Buches vordringen, ohne jeden Buchstaben gelesen zu haben.

Bei Literatur, und speziell bei Klassikern, ist das aber unmöglich, wenn man sie ästhetisch liest. Hier verlangt jedes Werk ein eigenes Lesetempo. Die Gedichte Paul Celans erlauben genauso wenig ein „speed reading“ wie Goethes Faust. Man kann sich natürlich als Literaturfachmann ein Bild über ein Buch machen, in dem man es quer liest. Das ist dann aber ein fachliches Leseerlebnis, kein ästhetisches.

Step Two: Always Have a Book

Hier gehe ich einen Schritt weiter: Man sollte immer mehrere Bücher gleichzeitig lesen, damit je nach Stimmung und Konzentrationsgrad eine Lesemöglichkeit besteht. Allerdings sollte man unterschiedliche Bücher gleichzeitig lesen. Also nicht drei Shakespeare-Stücke gleichzeitig, sondern z.B. ein Stück von ihm, einen aktuellen Roman und ein oder zwei Sachbücher.

Step Three: One Book at a Time

Nach dem oben Gesagten, widerspricht das meinen Erfahrungen.

Step Four: Fill Gap Time With Reading

Entspricht meiner Lesepraxis. Wobei ich in solchen Pausen oft auch Hörbücher mit meinem MP3-Player höre. Seit Dezember gehe ich nur selten ohne meinen Kindle aus dem Haus.

Step Five: Cut the Television and Web-Surfing

Ein sehr valider Tipp. Würde aus eigener leidvoller Erfahrung noch „cut social media“ ergänzen wollen.

Step Six: Keep a To-Read List

Noch besser als eine Leseliste, ist ein sogenannter SUB (Stapel ungelesener Bücher). Man sollte immer ungelesene Bücher daheim haben, damit man eine Auswahl hat.

Andere Erfahrungen?

Karlheinz Deschner über das Lesen

Lesen hat nie meinen Schmerz erleichtert. Las ich, litt ich nie sehr, und litt ich, konnte ich nie lesen. Literatur gab mir Trost nur, solang ich keinen brauchte.

Mein erster Kindle

Dieser Artikel wurde für „The Gap“ geschrieben.

Seit einigen Wochen bin ich im Besitz meines ersten Ebook-Readers. Nach einigen Recherchen kaufte ich mir einen Kindle. Das Gerät ist in meinem Bekanntenkreis am häufigsten vertreten und die Zufriedenheit ist hoch. Ich packe ihn in meiner Bibliothek aus, in der gut 5500 analoge Bücher stehen. Zerfledderte Taschenbücher, beanspruchte Leseausgaben und arrogante Werkausgaben beobachten interessiert den Neuling. Wie wird ihre Zukunft aussehen? Werde ich in einigen Jahren statt der 24 überfüllten Billyregale nur noch ein leichtes Lesegerät besitzen, auf dem viele tausend Bücher gespeichert sind?
Mein unromantisches Verhältnis zu Büchern beschrieb ich bereits anderen Orts Während manche Zeitgenossen beinahe in Ohnmacht fallen, wenn man ihre Schätze berührt, sind für mich Bücher in erster Linie Geisteswerkzeuge. Ich schreibe bei Bedarf hinein, behandele sie nicht wie rohe Eier und ersetze eines, wenn es zu stark lädiert ist. Warum also nicht pragmatisch auf Ebooks umsteigen? Amazon verkauft in den USA bekanntlich bereits mehr elektronische Publikationen als Bücher aus Papier.

Die mobile Bibliothek

Der Hauptvorteil des Kindle leuchtet mir sofort ein: Er ist mit 170g ein Fliegengewicht und so handlich, dass er in jede Jackentasche passt. Etwa 1500 Bücher kann man darauf speichern. Ab sofort trage ich also immer eine kleine Bibliothek ohne Aufwand mit mir herum. Das ist speziell auf Reisen praktisch, aber auch in Wien. Die Bedienung ist noch etwas umständlich, aber hier sind Verbesserungen nur eine Frage der Zeit. Der Kontrast könnte ebenfalls besser sein: Die Qualität eines gut gedruckten Buches wird nicht erreicht, da der Hintergrund nicht weiß, sondern hellgrau ist. Aber auch hier gilt: Die Qualität ist selbst für längere Lektüren ausreichend und bereits besser als bei schlecht gedruckten Taschenbüchern. Im Gegensatz zu den Geräten der ersten Generation wird beim Umblättern der Bildschirm nur noch für den Bruchteil einer Sekunde schwarz, so dass man es kaum bemerkt.

Die Technik

Für alle, die sich bisher nicht mit dieser Technologie auseinandergesetzt haben: Im Gegensatz zu Tablets und Notebooks verwenden E-Book-Reader eine „passive“ Technologie: E Ink. Es gibt keine Hintergrundbeleuchtung, sondern es wird eine Papierseite simuliert. D.h. man braucht auch Licht zum Lesen, wie bei einem normalen Buch. Die beiden Hauptvorteile: Die Augen ermüden nicht, da Lesen auf Papier nachgeahmt wird, und die Akkuleistung ist ausgezeichnet, da nur das Umblättern Energie benötigt.
Das Problem der Ausgaben
Die erste Überraschung: Bei Amazon bekommt man mehr als 15000 Bücher gratis. Dabei handelt es sich überwiegend um Klassiker, deren Urheberrecht abgelaufen ist. 5000 davon sind auf Deutsch, der Rest auf Englisch. Darunter die besten Bücher der Weltliteratur: Dante, Shakespeare, Cervantes, Goethe und Kafka – alle da!
Der zweite Blick ist freilich ernüchternder: Die Qualität der Ausgaben ist höchst unterschiedlich. So bekommt man nur alte Übersetzungen. Wer also Homer gerne in der Prosaübersetzung Wolfgang Schadewaldts liest oder Dostojewskij in der Swetlana Geiers, muss seine Ansprüche gleich einmal zurückschrauben.
Schlimmer noch: Manche Ausgaben sind so billig produziert, dass sie nicht einmal ein Inhaltsverzeichnis haben. Der Nutzen von Faust I am Kindle reduziert sich merklich, wenn ich nicht mal schnell eine Szene direkt anspringen kann. Bei längeren Texten ist das noch fataler. Laut Leserrezensionen gibt es auch Ebooks bei denen komplette Absätze fehlen. Selbst wenn man Bücher kauft, in meinem Fall die elektronische Penguin-Ausgabe von Thornton Wilders The Bridge of San Luis Rey, ist man vor Fehlern nicht geschützt: Man findet darin mehr orthographische Schlampereien als im Online-Standard. Das sind allerdings keine prinzipiellen Einwände gegen Ebooks. Verbuchen wir sie einmal großzügig als Anlaufschwierigkeiten. Andere, für mich unverzichtbare Bücher gibt es noch gar nicht, etwa die Werke Heimito von Doderers oder Robert Musils.

Die Navigation

Die Handhabung ist viel umständlicher als bei Büchern. Damit meine ich nicht die teils noch problematische Bedienung des Geräts, sondern die Navigation innerhalb eines Ebooks. Schnelles Vor- und Zurückblättern, ein paar Kapitel überspringen, einen Blick zwischendurch in den Klappentext usw.: Hier ist jedes Ebook der gedruckten Ausgabe weit unterlegen. „Gehe zu“ ist kein Ersatz für schnelles Blättern und Springen. Hier geht es nicht nur um Bequemlichkeit, sondern auch darum, sich schnell mit dem intellektuellen Gehalt eines Werks vertraut machen zu können. Konkrete Passagen wären dank der Suchfunktion freilich schneller aufzufinden. Allerdings ist die Eingabe ohne Tastatur ebenfalls keine ernst zu nehmende Option.
Überrascht war ich darüber, dass es keine Seitenzahlen mehr gibt: Der Lesefortschritt wird in Prozent angezeigt. Zusätzlich ist es ungewohnt, dass man dasselbe „Bücher-Erlebnis“ hat, egal ob man einen Essay liest oder einen zweitausendseitigen Roman.
Das Vor-dem-Regal-Stehen, um schnell mal ein Buch aufzuschlagen und hineinzulesen, lässt sich ebenfalls nur schlecht simulieren. Man muss auch nicht bibliophil veranlagt sein, um lieber ein schönes, in Leinen gebundenes Buch in Händen zu halten, als ein kleines Aluminiumgehäuse.
Der Bücherkauf
Bei aktuellen deutschsprachigen Büchern, sieht es derzeit noch düster aus: Das Angebot ist begrenzt und die Preise scheinen angesichts der geringen Produktionskosten überhöht. Der Programmleiter eines Verlags verriet mir den Grund: Die Taschenbuchverlage sichern sich rechtlich gegen niedrige Ebook-Preise ab. Mit anderen Worten: Ein Verlag kann sein Buch nur dann an einen Taschenbuchverlag verkaufen, wenn er zustimmt, dass er das Taschenbuch preislich nicht durch ein Ebook unterbietet.
Vor ein paar Tagen stand ich vor der Entscheidung, ob ich mir die gepriesene Dickens Biographie Claire Tomalins als gebundene Ausgabe für 19,95 Euro oder als Kindle-Ausgabe für 17,96 Euro bestelle. Angesichts des lächerlichen Preisunterschieds entschied ich mich schnell für das analoge Buch.

Der Alltag

Gebrauchsliteratur werde ich mir zukünftig wohl nur noch elektronisch kaufen. Damit meine ich beispielsweise schnelllebige Fachbücher. Ebenso Bücher, von denen absehbar ist, dass ich sie auf meinen Studienreisen benötigen werde. Was Belletristik und Klassiker angeht, hätte ich gerne beide Ausgaben. Eine schön gebundene Ausgabe für daheim und eine gute (!) elektronische Variante für den Kindle. Erste deutschsprachige Verlage kündigten bereits an, dass sie planen Ebooks als Gratiszugabe zu ihren Büchern anzubieten. Auf die Bequemlichkeit, die meisten meiner Lieblingsbücher unterwegs immer in der Tasche zu haben, werden ich jedenfalls nicht mehr verzichten.
Ebooks werden mittelfristig viele Taschenbücher, vor allem Unterhaltungsliteratur, und Fachbücher überflüssig machen. Schöne gedruckte Bücher wird es weiterhin geben.

Die Fortsetzung: Mein zweiter Kindle

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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