Britannica

Das Ende der Encyclopaedia Britannica

Wenige Buchprojekte beeindruckten mich mehr als die Encyclopaedia Britannica. Die Vorzüge dieser Enzyklopädie habe ich hier mehrmals angepriesen, beispielweise in dieser Empfehlung. So wohlwollend ich elektronischen Büchern gegenüber stehe, in diesem Fall wird die virtuelle Ausgabe so schnell kein Ersatz für die Printausgabe sein können. Zumindest am Monitor wird man niemals Artikel in Buchlänge lesen wollen. Eine Ebook-Ausgabe für Kindle und Co. könnte eine bessere Alternative sein.

Das Ende der gedruckten Britannica ist das Ende einer Ära. Meine Ausgabe wird dauerhaft ihren Ehrenplatz in meiner Bibliothek behalten.

Encyclopaedia Britannica kapituliert vor Internet (Die Welt)

Angekommen im Digitalzeitalter
(Süddeutsche)

The sad death of the Encyclopaedia Britannica
(The Telegraph)

Britannica 2.0

Entdeckte eben überrascht, dass die Britannica nicht nur ein Blog hat, sondern auch auf You Tube und Twitter vertreten ist.

Kaufempfehlung: Encyclopeadia Britannica

An anderer Stelle habe ich mich bereits ausführlich über meine Lieblingsenzyklopädie verbreitet. Wer noch keine in seiner Bibliothek stehen hat, sollte jetzt zugreifen: Bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gibt es die schöne, bibliophile Renaissance Edition aus dem Jahr 2005 nun für 999 Euro. Bestellnummer 21314-6

Empfehlungen: Encyclopaedia Britannica

Wer am Aufbau einer umfassenden Privatbibliothek interessiert ist, legt mit der Britannica einen soliden Grundstein. Ich verwende die „EB“ seit fast 10 Jahren regelmäßig. Sie hat sich zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel entwickelt. Während deutschsprachige Lexika wie der Brockhaus sich „nur“ zum schnellen Nachschlagen eignen, handelt es sich bei der Britannica um eine echte Enzyklopädie. Dem Brockhaus entspricht die Micropeadia: Zwölf Bände mit vielen Stichworten. Intellektuell spannender jedoch ist die Macropaedia, welche in teilweise sehr umfangreichen Artikeln (Buchlänge!) das wichtigste Wissen der Welt präsentiert. Dieser Teil ersetzt eine Fülle von Standardwerken aller Fächer und damit eine kleine Bibliothek. Das Wissen wird meist nicht nur präsentiert, sondern auch auf einer Metaebene diskutiert. Wenn es divergierende Theorien gibt, wird das klar gesagt. Der Leser wird als erkenntnistheoretisch mündiges Subjekt verstanden.

Der Schwerpunkt des Gebotenen liegt auf gut etabliertem Grundlagenwissen. Das hat den Vorteil, dass eine Britannica nicht so schnell veraltet. Für brandaktuelle Informationen gibt es ohnehin eine Fülle anderer Quellen.
Dreh- und Angelpunkt dieses Unternehmens ist ein Band mit dem Titel Propaedia, welcher systematisch das Wissen einteilt und die Britannica inhaltlich erschließt. Die Nützlichkeit dieses Bandes läßt sich am besten durch ein Beispiel zeigen. Angenommen, man interessiert sich für japanische Autoren. Wie soll man im Brockhaus nun die Artikel zu allen japanischen Autoren finden, wenn man deren Namen nicht kennt? In der Propaedia findet man am entsprechenden Ort eine Liste mit allen enthalten Artikeln über ein Thema und kann sich systematisch durch die Enzyklopädie lesen.
Schließlich gibt es noch zwei Indexbände zum Auffinden von sehr granularem Wissen. Damit ist die Britannica ohne Zweifel das durchdachteste und best zu benutzende Lexikon auf dem Markt.
Wohlgemerkt rede ich von der Printversion. Die DVD ist hier kein Ersatz, denn erstens geht der Überblick über große Wissensmassen schnell verloren, den die Bände so überzeugend gewährleisten. Zweitens sind die enzyklopädischen Artikel so lang wie kurze Bücher, die man erfahrungsgemäß nicht am Monitor liest.

Der Stil der Teste ist vorzüglich. Als Leser wird man nicht durch drögen Brockhauston gequält. Die Artikel der Macropaedia sind engagiert auf sprachlich hohem Niveau verfasst (was nicht heißt: ungebührlich „schwieriges“ Englisch).
Abschließend noch ein Wort zu dem vielzitierten Wikipaedia-Britannica Vergleich, der angeblich einen „Gleichstand“ gezeigt hat. Angesichts der oben beschriebenen Anlage der Britannica sollte es klar sein, dass der Vergleich einer Handvoll Stichwörter methodisch völlig inadäquat ist. Mehr.

Neues von der Britannica

Ein Artikel des „Boston Globe“ berichtet über Neuigkeiten rund um die unverzichtbare Encyclopaedia Britannica.

Encyclopaedia Britannica: Historische Artikel

In der letzten Zeit lese ich wieder verstärkt in der Britannica, die sich als Enzyklopädie vom großen Brockhaus unter anderem dadurch unterscheidet, dass man in der Macropaedia viele Artikel in Buchlänge zu buchstäblich allen Wissensgebieten findet.
Die Britannica ersetzt also eine kleine Bibliothek. Der kürzlich von mir gelesene Artikel über die „Roman Civilization“, entspricht etwa 250 Buchseiten und ist von einer Qualität, die man zwischen zwei Buchdeckeln erst nach längerem Suchen finden würde. Geschrieben von mehreren Spezialisten wirkt er stilistisch trotzdem einheitlich und erweist sich (im Gegensatz zum „normalen“ Lexikonartikel) als hervorragend lesbar.

Es ist nicht in erster Linie die Sachkompetenz der Verfasser, auf welche die außergewöhnliche Qualität dieser Artikel beruhen, sondern der regelmäßige Wechsel der Perspektiven. Kondensierte erzählte Geschichte, oft wohltuend pointiert wiedergegeben, wechselt mit abstrakter Einordnung des Geschehens in weltgeschichtliche Zusammenhänge, wobei kulturelle und ökonomische Faktoren nicht zu kurz kommen.

Als dritte Ebene kommt noch die Forschungsperspektive hinzu. Anstatt eine Theorie zu vertreten, werden divergierende Forschungsauffassungen präsentiert, womit der Leser en passent einen Einblick in die Kontroversen des Fachgebiets erhält.
Es dürfte also kaum bessere Möglichkeiten geben, sich mit den historischen Grundlagen einer Epoche oder eines Landes vertraut zu machen, als die Macropaedia. Das gilt selbstverständlich auch für viele andere Wissensgebiete, weshalb die Britannica in keiner Bibliothek fehlen sollte!

Erwähnt sei noch, dass der Artikel über „Greek Civilization“ etwa 90 Buchseiten länger ist als der über die römische, eine plausible Schwerpunktsetzung, wie ich meine.

Britannica günstig zu haben

Die lobenswerte Wissenschaftliche Buchgesellschaft bietet exakt 50 Exemplare der Encyclopeadia Britannica an, und zwar zum Preis von 999 Euro. Der Brockhaus kostet knapp 2500 Euro und bietet viel weniger fürs Geld. Für mich ist die Britannica seit Jahren unverzichtbar, sie stellt eine in sich geschlossene kleine Bibliothek dar. Es handelt sich um die Ausgabe von 1998.

Zugreifen, wer es sich leisten kann, es wird niemand bereuen. Es ist ja derzeit nicht absehbar, wie lange es überhaupt noch eine Printausgabe geben wird, obwohl mich die gerade erschienene „Edition 2002“ (bzw. die Britannica 2010) optimistisch stimmt.

Joseph Epstein: The Great Bookie Mortimer Adler

Knapp hundertjährig starb Ende Juni Mortimer J. Adler Mortimer J. Adler, der maßgeblich an der letzten Revision der Encyclopeadia Britannica beteiligt war, eine der größten lexikographischen Leistungen des 20. Jahrhunderts. Auf Adlers Anregung basiert vor allem die strukturelle Aufteilung der Wissensgebiete, wie man sie in der Propeadia nachlesen kann, einer einzigartigen Kombination aus Gliederung & Inhaltsangabe für eine Enzyklopädie. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, sich einen umfassenden Überblick über ein neues Sachgebiet zu erarbeiten.

Auch „The Great Books of the Western World“, eine monumentale Anthologie wichtiger Werke der Geistesgeschichte in 54 Bänden wurde von Adler publiziert. Durch sein Engagement für die Lektüre von „Great Books“ wurde er zu einem der bekanntesten Verfechter des klassischen Kanons.

Epstein zeichnet in seinem ausführlichen Nachruf allerdings ein wenig vorteilhaftes Bild des Philosophen. Vor allem Charakterschwächen Adlers haben es ihm angetan, seine Leistung rund um die neue Britannica würdigt er kaum. Es ist sicher richtig, dass Adler kein bedeutender Philosoph im traditionellen Sinn des Wortes war: Er leistete kaum Beiträge zu neuen Erkenntnissen. Trotzdem war sein Streben, umfassende Wissensvermittlung auf hohem intellektuellen Niveau für ein möglichst breites Publikum zu erreichen, klassisch aufklärerisch.

Ein Trost zu wissen, dass Adler fast 100 Jahre alt wurde, so war ihm deutlich mehr Zeit zur Lektüre seiner „Great Books“ vergönnt, als dem durchschnittlichen Sterblichen zur Verfügung steht.

Buch-Hinweise:

  • Mortimer J. Adler; Charles van Doren: How to Read a Book. The Classical Guide to Intelligent Reading (New York 1972)
  • Mortimer J. Adler: Six Great Ideas (New York 1981)
  • Mortimer J. Adler: Philosopher at Large. An intellectual Autobiography 1902 – 1976 (New York 1977)
  • Sokrates enzyklopädisch

    Es ist ein leider weit verbreitetes Vorurteil, dass sich die besten enzyklopädischen Artikel immer in der aktuellsten Auflage eines Lexikons befinden. Das mag für naturwissenschaftliche und aktuelle technische Themen zutreffend sein, nicht zwangsläufig aber für (geistes)geschichtliche, wie ein Vergleich mehrerer Einträge zum Stichwort Sokrates einmal mehr belegt.

    1. Meyer’s neues Konversations-Lexikon. Zweite Auflage 1861

    Der anonyme Autor gibt einen durchaus brauchbaren Überblick. Die Parteinahme für Sokrates ist nicht zu übersehen, alles in allem wird das klassische Sokrates-Bild vermittelt. Kritiker werden mit erfrischender Polemik bedacht. So gab es schon im 19. Jahrhundert die Meinung, der Philosoph sei zurecht verurteilt worden, worüber sich der Verfasser erbost:

    Diese ungenirte Rechtfertigung eines Aktes, der ganz einfach das Ergebniß sophistischer und demagogischer Ränke war und die sittliche Korruption bekundete, ist selbst als ein Zeugnis moderner sophistischer Zersetzung zu betrachten. Die große Bedeutung des S. ist in der Anregung zu suchen, die er durch sein Leben und noch mehr durch seinen Tod gab. Die ganze platonische und aristotelische Philosophie würden nicht das geworden sein, was sie sind, wenn der Gedanke an die Persönlichkeit des S. nicht der sophistischen Zersetzung des damaligen Denkens in einigen edleren Geistern die Wage gehalten und gleichsam als moralischer Rückhalt und Trost gedient hätte. [Band 14, S. 705]

    2. Meyers Großes Konversationslexikon. Sechste Auflage 1907ff.

    Knapp 50 Jahre später, wird der ältere Artikel als Basis herangezogen, eine Reihe von Passagen werden trotz einer allgemeinen Überarbeitung wörtlich übernommen. Auch der Tenor ist derselbe, allerdings ist der Text „technischer“, d.h. es wird deutliche mehr philosophische Fachterminologie ins Spiel gebracht (Induktion, Definition):

    Das eigentlich Neue in der Kunst des S. bestand (nach Aristoteles) darin, einerseits von der Betrachtung des Besonderen zum Allgemeinen aufzusteigen (Induktion), andererseits durch Ausscheidung des Unwesentlichen und Ungehörigen wie durch Zusammenfassung des Wesentlichen und Unentbehrlichen zum Begriff zu gelangen (Definition), welch letzterer, weil er der Sache selbst entspricht, immer derselbe bleibt, während das Allgemeine, weil es aus dem Besonderen gewonnen worden ist, dieses letztere sämtlich in sich begreift. [Band 18, S. 573]

    Den kompletten Eintrag gibt es bei zeno.org zu lesen.

    3. The Encyclopaedia Britannica. Eleventh Edition 1911

    Dieser ausführliche Artikel – schätzungsweise knapp 30 normale Buchseiten – gehört zum Besten, was ich bisher über Sokrates las. Der fast zeitgleich verfasste Meyer-Beitrag bleibt im Vergleich damit qualititativ und quantitativ zurück.
    Geschrieben von dem mir bis dato unbekannten Prof. Henry Jackson geht er ausführlich auf die diversen Probleme der Sokrates-Forschung ein, präsentiert bei Bedarf aber auch eigenständige Lösungsvorschläge. So etwa auf die Frage, warum Sokrates zum Tode verurteilt wurde. Adams argumentiert hier plausibel unter Bezugnahme auf eine gemäßigt-oligarchische Partei, von der in der bisher von mir ausgewerteten Literatur nirgends die Rede war. Ein weiteres Beispiel ist die Behandlung des sokratischen „Daimons“. Der Verfasser zählt analytisch sechs mögliche Interpretationen auf, bewertet sie und übernimmt, etwas modifiziert, die beste.

    Der Artikel ist stilistisch hervorragend geschrieben, etwas wenn in einem treffenden Nebensatz die Glaubwürdigkeit Xenophons als Zeugen folgendermaßen begründet wird:

    Xenophon, having no philosophical views of his own to develop, and no imagination to lead him astray – being, in fact, to Socrates what Boswell was to Johnson – is an excellent witness. [Band 25, S. 332]

    Da mir bewusst ist, dass die elfte Britannica-Auflage im deutschsprachigen Raum ziemlich selten ist, der Text aber weite Verbreitung verdient, habe ich diesen Artikel digitalisiert und biete ihn hier als Download an. Es handelt sich um acht JPG-Grafiken als ZIP-File (ca. 2,6 MB).

    Update Jan. 2010: Mittlerweile gibt es die 11. Auflage schon seit einigen Jahren (komplett) online. Der Artikel zu Sokrates bei „Classic Encyclopedia“.

    4. Encyclopaedia Britannica. Fifteenth Edition 1997

    5. Der Brockhaus – Die Enzyklopädie (1996?)

    Der Artikel wurde von mir digital über Xipolis.net* besorgt, weshalb ich mangels Quellenangaben nicht sicher bin, aus welcher Auflage des Lexikons er stammt, vermutlich aus der aktuellen 20.

    Wie dem auch sei: Der Artikel behandelt Sokrates auf denkbar knappem Raum, und schafft es hervorragend, oberflächlich die wichtigsten Informationen zu geben, ohne auch nur ansatzweise auf interessante Probleme einzugehen. Hier ist man schon mit dem Meyer Artikel aus dem Jahr 1861 wesentlich besser bedient. Apropos: Eine kritische Rezension des aktuellen großen Brockhaus sei auch noch erwähnt.

    Mehr Notizen zu Sokrates: Martens und Stone .

    * Xipolis.net wurde Mitte 2009 eingestellt.

    Britannica: Socrates

    Macropaedia Nr. 27, S. 436 (1997)

    Der Artikel ist ein schönes Beispiel dafür, dass Qualität sogar auf enzyklopädischem Gebiet eine gewisse Dauerhaftigkeit garantiert, starb doch dessen Verfasser Alfred Edward Taylor bereits 1945. Trotzdem findet man seinen Beitrag auch noch in der Britannica-Ausgabe des Jahres 1997.

    Wie nicht anders zu erwarten, bieten (umgerechnet) ca. 16 Buchseiten einen fundierten Einblick in die sokratische Problematik. Taylor hat eine wesentlich ausgewogenere Sicht auf die Ursachen von Sokrates‘ Verurteilung als die Polemik von I.F. Stone. Trotzdem weist er – Jahrzehnte vor Stone – bereits auf den entsprechenden politischen Kontext hin:

    But it is natural that he should have had to suffer for the crimes of both men [Alkibiades und Kritias], the more so because he had been an unsparing critic of democracy and of the famous democratic leaders and, furthermore, had not, like the advanced democrats, withdrawn from Athens during the „terror“.

    Warum Taylor terror hier in Anführungszeichen setzt, mag sein Geheimnis bleiben. Wichtiger ist, dass er einerseits auf die Absurdität hinweist, den Lehrer für spätere Aktionen seiner Schüler direkt verantwortlich zu machen. Andererseits ist es lexikalisch erfrischend, dass Taylor die umstrittene Frage aufwirft, ob die Ideenlehre nicht doch direkt auf Sokrates zurückgeht, anstatt auf Platon, was der herrschenden Lehrmeinung widerspricht. Es wäre interessant, diesen Argumenten einmal in den Publikationen Taylors nachzugehen, die allerdings, wenig überraschend, vergriffen sind. Sollte ich in der Wiener Nationalbibliothek fündig werden, gelegentlich mehr dazu.

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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